Eine moderne Form der Tugendethik

Die Philosophin Corine Pelluchon entwickelt in ihrem Buch  die Tugendethik weiter und betont Fürsorge nicht nur für das eigene Leben und das von vertrauten Menschen, sondern auch für die „Fremden“, die „Anderen“, die Tiere, die Natur. Im Mittelpunkt steht der Mensch als verletzliches Wesen.

Was kann uns heute Orientierung geben? Weder die religiösen Traditionen noch die alten Sitten und Gebräuche, aber auch nicht mehr die bloße Vernunft der Aufklärung können heute für unser individuelles wie kollektives Leben sinnstiftend und handlungsweisend sein noch Glück, Sinn, Wohlstand und Frieden bringen. Was aber kann an diese Leerstelle treten? Die französische Philosophin Corine Pelluchon stellt mit der Ethik der Wertschätzung eine Antwort zur Diskussion.

„Die europäische Philosophie, in deren Zentrum die menschliche Autonomie durch Vernunft steht, macht gegenwärtig einem Denken der Verwundbarkeit Platz“, konstatiert Corine Pelluchon in einem Beitrag in der ZEIT (33/2019).

„Statt des stolzen Subjekts, das die Welt autonom gestalten konnte, rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und während in politischen Bewegungen auf der Rechten die Abweisung des Anderen, des störenden Fremden und die aggressive identitäre Besinnung aufs Eigene zunehmen, gewinnt im philosophischen Denken die Entdeckung des kreatürlichen Menschen mit seiner Bedürftigkeit an Raum.“

Ihr erstes in deutsche Sprache übersetztes Buch “Ethik der Wertschätzung, Tugenden für eine ungewisse Welt” ist als Teil dieser Perspektivverschiebung zu lesen. Es ist der ambitionierte Versuch, Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu geben durch eine Ethik der Tugenden. Diese verleugnet nicht ihre Wurzeln in den alten Tugendethiken und auch im Christentum, geht aber darüber hinaus.

Leben in Achtung und Fürsorge

Die Ethik der Wertschätzung umfasst jene Fähigkeiten, die uns Menschen in den Stand versetzen, ein gutes, verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Und das heißt ein Leben in Achtung, Wertschätzung und Fürsorge, nicht nur dem eigenen Leben oder dem anderer vertrauter Menschen gegenüber, sondern die „Fremden“, die „Anderen“, die Tiere, die Natur, die Umwelt ebenfalls einschließend.

Pelluchon geht es darum, das Missverhältnis zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir dann tatsächlich tun, auszuloten. Es ist ein Missverhältnis, dem wir in der politischen Sphäre, aber auch im eigenen Tun und Lassen tagtäglich begegnen, und das für unsere Zukunftsfähigkeit von immenser Bedeutung ist.

Und so spielen in ihrem Ansatz weniger abstrakt moralische Prinzipien eine Rolle als die jeweils konkreten individuellen Motivationen, Vorstellungen, Emotionen und moralischen Vorsätze, die unsere Weltsicht und unser Handeln bestimmen.

„Das Verhältnis zum Selbst ist der Schlüssel für das Verhältnis zu den anderen, Menschen und Nicht-Menschen, zur Politik, zur Ökonomie und zur Natur; es bestimmt alle intersubjektiven oder umweltbezogenen Tugenden, die eine Konstellation innerhalb der Wertschätzung bilden.“

Die Autorin bringt die Moralphilosophen der Antike, aber auch christliche Vertreter wie Augustinus und Bernhard von Clairvaux, mit Spinoza, Decartes und Philosophen der Moderne wie Emmanuel Levinas, Hannah Arendt, den Umweltphilosophen Arne Næss, Martha Nussbaum und andere zu einer Art Philosophenkonzil zusammen, wie sie es nennt. Sie diskutiert deren Ansätze und Brauchbarkeit für ihre Ethik der Wertschätzung, übernimmt einiges, verwirft anderes.

“Die Ruhe ist egoistisch”

So interessiert sich Pelluchon nicht für das Streben nach persönlicher Vollkommenheit, zu der manche Tugendethiker einladen, da dies letztlich egoistisch begrenzte Zielsetzungen sind. Das heißt jedoch nicht, dass sie die angestrebten Tugenden als solche über Bord wirft. Auch den Ansätzen der antiken Stoiker folgt sie in einigem, widerspricht ihnen aber dann in einem wesentlichen Punkt:

„Die stoische Ethik ist eine Therapie, die darauf abzielt, die Person zur Herrin ihrer selbst zu machen, indem sie ihr hilft, Distanz zur Welt zu gewinnen. Die Abwesenheit von Leiden, die Gelassenheit und selbst die Freude verlaufen über den Rückzug.“

Doch gerade darum ist es Pelluchon nicht getan. Angesichts des Zustands unserer Mitwelt spricht sie davon, dass heutzutage die „Unruhe eine Tugend und die Ruhe egoistisch“ sei. Wir müssten den Mut haben, Angst zu haben, denn auf diesem Boden unserer Verletzlichkeit, unseres Berührtwerdens erwachsen Anteilnahme und Engagement.

Ihre Kritik an der stoischen Lebenskunst lässt sich meines Erachtens auch auf Teile der Achtsamkeitsbewegung und ihre Ziele anwenden. Denn hier wird vielfach das individuelle Wohlergehen, ganz unabhängig von äußeren Bedingungen in den Mittelpunkt gestellt. Ihr Plädoyer für die Unruhe dagegen rief mir den Satz der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg in Erinnerung, als sie auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos Spitzenpolitikern und Top-Managern entgegenhielt: „Ich will eure Hoffnung nicht, ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag verspüre.“

In Pelluchons Ethik der Wertschätzung ist das Erleben unserer Verletzbarkeit gerade als körperliche Wesen zentral. „Indem das Subjekt die Kenntnis, die es von sich selbst als einem fleischlichen Wesen hat, vertieft, indem es die Erfahrung seiner Verwundbarkeit, seiner Endlichkeit und seiner Fehlbarkeit macht und indem es das Fühlen in seiner pathetischen Dimension ebenso erforscht wie die frühesten Schichten des Erlebten, beweist es seine Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt. Es fühlt dann die Tiefe des Bandes, das es mit den anderen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen und mit der Gesamtheit der Generationen vereint.“

Diese Selbstbetrachtung bezeichnet Pelluchon als „Transdeszendenz“. Durch sie wird ein theoretisches Wissen um die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt zum gelebten Wissen. Daraus kann konkretes Engagement erwachsen, getragen von Respekt, Wertschätzung und Liebe zur Welt und all ihrer Bewohner, verbunden mit dem Wunsch, für alles Lebendige und Verletzliche einzustehen.

Ursula Richard

Corine Pelluchon: Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt, wbg Academic, Darmstadt 2019, 50 €, als E-Book 39,99 €