Das Buch von Gerad Hüther über Würde

Nicht die Bewahrung unserer Würde treibt uns im Alltag oft an, sondern das Kosten-Nutzen-Denken. Gerald Hüther legt auf knapp 200 Seiten dar, wie wir unsere Würde zurückgewinnen und auch anderen Menschen würdevoll begegnen. Ein Buch, das tiefe Spuren hinterlässt.

 

Es gibt sie noch, die Bücher, die etwas verändern können. „Würde“ von Gerald Hüther ist so ein Buch. Schlicht und zurückhaltend kommt es schon optisch daher. „Es verspricht keine sieben Geheimnisse, des…, keine acht Schritte zu…, keine Formel für…“, wie Hüther selbst eingangs warnt. Dafür stellt es eine elementare Frage: die Frage nach der Würde.

„Würde“ ist ein ebenso großes wie unbestimmtes Wort. Nicht Teil unseres Alltagsvokabulars. Ein Begriff, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint und doch wahrscheinlich nie aktueller war. Von der ersten Seite an bezieht Hüther klar Stellung und gibt doch keine Antworten vor. Vielmehr öffnet er mit Hilfe von Fragen Raum für die eigene Reflexion und nimmt die Leser mit auf eine Reise, auf der man sich dem, was tief in uns Menschen verankert ist, Schritt für Schritt nähert.

Eine Reise zu unserem eigentlichen Wesen

Weil manches erst in Abgrenzung zu seinem Gegenteil deutlich wird, führt diese Reise zunächst in die Untiefen und Abgründe der täglichen Würdelosigkeiten unserer Zeit. Der renommierte Neurowissenschaftler führt uns in zahlreichen Beispielen mit großer Klarheit vor Augen, wie mit uns umgegangen wird und wie wir miteinander umgehen – in der Arbeitswelt, im Gesundheitsweisen, in den sogenannten „sozialen Medien“, in der Schule.

Wie wir uns gegenseitig immer wieder auf unseren Nutzen reduzieren, statt das Wertvolle des Menschseins zu erkennen und zu schätzen. „Nicht die Bewahrung der eigenen Würde“, so Hüther, „sondern die Sicherung eigener Vorteile und Gewinne auf Kosten anderer bestimmt das Leben und das Zusammenleben sehr vieler Menschen.“

Dieser Teil der Reise mag den einen oder die andere ein wenig aus der Puste bringen, je nachdem welches Gepäck man dabei hat. Aber es lohnt sich, Hüther weiter zu folgen. Vorbei an Figuren und Ereignissen der Geschichte, die den Begriff der Würde über die Jahrhunderte in der Verbindung mit anderen Begrifflichkeiten immer wieder neu definiert haben, wie dem Begriff des aufrechten Gangs, der Menschlichkeit oder der Selbstachtung. Mit Mut, Respekt, Gerechtigkeit, Verbundenheit und, immer wieder, Liebe und Freiheit. All diese Begrifflichkeiten gesellen sich so als Brüder und Schwestern der Würde auf der Reise hinzu und vervollständigen das Bild.

Mit einer immer konkreteren Vorstellung von der Würde im Gepäck, erfährt man auf spannenden Ausflügen in die Hirnforschung, die Biologie, die Physik, die Philosophie und die Geschichte etwas darüber, wo die Würde ins uns eigentlich beheimatet ist. Dass ein Gespür dafür, was ein menschenwürdiges Leben bedeutet, in jedem von uns angelegt ist. Wir erfahren, wie diese Vorstellung von der Würde uns aberzogen und zerstört wird. Aber auch darüber, wie wir sie wieder aktivieren können und warum dies für uns und unseren Planeten so dringend geboten wäre. Wie wir uns gemeinsam dabei unterstützen können, ein Bewusstsein für unsere Würde wiederzuerlangen, und wie unser Leben dann aussehen könnte.

Wer sich seiner Würde bewusst ist, lebt anders

Diese Reise ist sprachlich und gedanklich so reich und bunt, dass es schier unmöglich ist, sich nach der letzten von 189 Seiten noch an Details zu erinnern. Was aber bleibt, ist ein Gefühl. Ein Gefühl für die eigene Würde und für das Würdelose. Es kann allerdings sein, dass dies nicht ohne Folgen und Nebenwirkungen bleibt. Denn wenn sich dieses Gefühl bei Ihnen einstellt, ist es nicht mehr so leicht abzuschütteln. Es will mit Leben gefüllt und geteilt werden.

Sollten Sie das Buch im Zug lesen, kann es passieren, dass sich mit Mitreisenden ein Gespräch über Würde und Würdelosigkeiten entspinnt. Oder aber, dass Ihre Sitznachbarn verstummen, sich verlegen räuspern und scheinbar unangenehm berührt in ihren Sitzen herumrutschen. Es kann sein, dass sich die Würde in Ihren nächsten Vortrag oder Ihre nächste Präsentation schleicht und das Publikum plötzlich ganz still wird.

Auch wenn Sie ohnehin nicht zur Rüpelhaftigkeit neigen, kann es doch passieren, dass Sie mitten im Satz innehalten, weil Ihnen schlagartig bewusst wird, dass Sie gerade dabei waren, einen anderen Menschen gedankenlos herabzuwürdigen. Möglich, dass Sie fortan jeden Versuch, Sie oder andere würdelos zu behandeln, zum Objekt zu machen oder in ein Kästchen zu stecken, mit klaren Worten unterbinden werden.

Vielleicht wird auch Ihre Stimme einen Tick sanfter und Ihr Geduldsfaden ein wenig länger. Auch ist es nicht auszuschließen, dass Wildfremde Sie auf der Straße anlächeln und unerhörterweise vielleicht sogar grüßen. Mit solchen Ungeheuerlichkeiten sollten Sie rechnen. Wenn es mir passiert ist, kann es Ihnen auch passieren. Und wer weiß, was sonst noch alles.

Denn, so Hüther: „Menschen, die sich ihrer eigenen Würde bewusst geworden sind, können nicht mehr so weiterleben wie bisher. Andere Personen spüren das, auf sie wirken solche Personen tiefgreifend verändert. Sie verhalten sich achtsamer, zugewandter, liebevoller, sie ruhen stärker in sich selbst und strahlen diese Ruhe auch auf andere aus.“

Man sollte sich also darauf einstellen, dass die Reise weitergeht, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat. Oder vielleicht geht sie dann auch erst richtig los. Und vielleicht gelingt uns dann auch gemeinsam das, was Hüther als die wichtigste Aufgabe im 21. Jahrhundert bezeichnet: „Das zutiefst Menschliche ins uns selbst zu entdecken.“

Sabine Breit

Gerald Hüther. Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Albrecht Knaus Verlag 2018, 192 Seiten