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Den Verstand wiedergewinnen

Neues Buch von Gert Scobel

Was ist das für eine Zeit, in der „alternative Fakten“, also Lügen, für die Wirklichkeit erklärt werden? Wie weit dürfen wir mit unserem Relativismus und Pluralismus gehen? Diesen auch zutiefst ethischen Fragen geht Gert Scobel in seinem neuen Buch „Fliegender Teppich – eine Diagnose der Moderne“ nach.

 

Der Fliegende Teppich ist das Bild, mit dem der renommierte Wissenschafsjournalist Gert Scobel die Moderne charakterisiert: Wir versuchen, der Unberechenbarkeit des Lebens durch Technologie Herr zu werden und Sicherheit zu gewinnen. Doch das ist eine Fiktion, in Wahrheit gibt es nichts Verlässliches.

Man braucht ein Weilchen, um die Brisanz dieses Buches zu verstehen. Im ersten Drittel wird die Metapher des Fliegenden Teppichs erklärt. Scobel spannt einen großen Bogen von Platons Höhlengleichnis über Kant und Wittgenstein bis hin zum Film „Matrix“; man hat das Gefühl, mitten in einem Webvorgang gelandet zu sein.

Ab dem Kapitel „Fiktiver Realismus“ kommt man dahinter, worum es dem Autor geht: nämlich die Unterscheidung zwischen einer „zutreffenden und einer unzutreffenden Fiktion“. Dies ist in der Gesellschaft heute von größter Bedeutung, wenn wir Orientierung im Dickicht der Informationen suchen. Das Bild vom Fliegenden Teppich kann helfen, das zu verstehen.

Es besagt, dass wir in der komplexen Welt, in der wir leben, keinen festen Boden unter den Füßen haben. Die Wirklichkeit ist vielschichtig, dynamisch, verwoben, nicht eindeutig. Dürfen wir deshalb behaupten, was uns gefällt? Ist alles wahr?

Nein, sagt Scobel. Zwar sitzen wir alle auf einem fliegenden Teppich in dem Sinne, dass nichts absolut existiert. Aber alles, was für die Wirklichkeit erklärt wird, muss sich bewähren, wenn man keine Bruchlandung machen will. Alle Aussagen müssen im Alltag rückgekoppelt werden und sind nicht beliebig. Sie sollten mehrfacher Prüfung standhalten.

Scobel nennt dies „Fiktiven Realismus“. Man könnte auch sagen: eine vorläufige Wahrheit, die mit dem übereinstimmt, worauf sich gesunde, vernünftige Menschen geeinigt haben, zum Beispiel, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Ein Alltagsbeispiel: Wir brauchen Dinge, um unsere Grundbedürfnisse zu stillen, zum Beispiel eine Uhr, damit wir Termine pünktlich wahrnehmen können. Der Uhren-Industrie reicht das jedoch nicht. Sie will ihren Absatz steigern, daher sollen wir mehr und teurere Uhren kaufen. Werbe-Slogans vermitteln, dass wir glücklicher wären und mehr Ansehen gewännen, wenn wir weitere Modelle erwerben. Doch das ist eine Illusion, die keine Basis in der Realiät hat, ein bloßes Trugbild.

„Was stimmt, was ist der Fall?“

„Den Verstand wiederzugewinnen ist ein Hauptanliegen des fiktiven Realismus“, bringt Scobel sein Anliegen auf den Punkt. Die „richtigen“ Fiktionen, im Gegensatz zu Lügen und Trugbildern, beruhen auf Realitäten, den Pragmata, wie der Autor sie nennt. Wenn sie es nicht tun, sind es Lügen. Die Aufgabe besteht darin, Wirklichkeit und bloße Konstrukte zu unterscheiden lernen. „Was stimmt, was ist der Fall“, ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen sollten. Denn „eine postfaktische Gesellschaft ist nicht überlebensfähig“.

Wie bedeutsam diese Einsicht für uns heute ist, zeigt Scobel in den letzten Kapiteln seines Buches, wo es um konkrete Wirklichkeiten geht: den Konsum, die Politik, die Digitalisierung. Heute dominieren Geschichten von Täuschung, Ausbeutung, Betrug, Ausgrenzung – ohne dass sich ihre Erzähler bewusst wären, dass es nur Geschichten und noch dazu schlechte sind.

Wir sollten den Mut haben, gute Geschichten zu erzählen und zu leben – zum Beispiel der Solidarität, Integrität und Gerechtigkeit. In dem Wissen, dass auch das nur Fiktionen sind, aber solche, die Menschen ein gutes Leben ermöglichen.

Ein anspruchsvolles, aufklärerisches Buch mit einer klaren Botschaft: Lassen wir uns nicht irre machen von „alternativen Fakten“ und anderen Täuschungsmanövern – damit wir auf unserem Fliegden Teppich dort ankommen, wo wir hinwollen.

Birgit Stratmann

Gert Scobel. Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne. Fischer Verlag 2017

Hier geht es zur scobel-Sendung zum Thema Fakes und Fakten vom 31. August 2017

 

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