Portrait eines Handwerkers und Künstlers

Thomas Brokopp hat viele Jahre lang Tischler ausgebildet, doch irgendwann ging es nicht mehr. Er kämpfte sich durch die Krise hindurch. Dabei stieß er auf verschüttete Talente. Heute stellt er „Seelenwiegen“ aus Vollholz her, die Menschen Geborgenheit bringen sollen. In der Krise lernte er auch seine Frau Petra kennen. Sie glaubte an ihn.

Bevor ich zu Thomas Brokopp fuhr, wusste ich nicht mehr von ihm, als auf seiner Website zu erfahren ist. Allerdings hatte ich auf einer Messe für Garten und Wohnen schon zweimal auf einer seiner „Seelenwiegen“ gelegen, wie er sie nennt. Auf diesen Liegen liegt man nicht einfach nur, man schwebt. Was daran liegt, dass sie praktisch freischwebend aufgehängt sind.

Reine Technik kann aber nicht der einzige Grund sein, warum man innerhalb von Sekunden, nachdem man sich dort niedergelassen hat, in einen Zustand von Ruhe und Geborgenheit eintritt, der sich nur schwer beschreiben lässt. Da muss noch was anderes drin sein, in diesen Wiegen.

Irgendwo in Mecklenburg

Wie immer mit der Frage im Gepäck, wie Menschen beschaffen sind, die etwas schaffen, was anderen Menschen gut tut, machte ich mich deshalb auf den Weg an die Ostsee, genauer gesagt nach Hohen Schönberg, in der Nähe von Boltenhagen. Kaum mit der Mini-Fähre von Travemünde übergesetzt, ist man schon mittendrin im mecklenburgischen Idyll: Alleen, Kopfsteinpflaster, kurvige Straßen, schließlich Hohen Schönberg. Und fast am Ende von Hohen Schönberg das Grundstück der Familie Brokopp, an dessen Eingang man von Thomas Brokopps Skulpturen und Seelenwiegen empfangen wird.

Was für ein Ort. Wir sitzen auf der Terrasse, schauen herunter auf einen kleinen Teich, an dessen Rand ein alter Baum wacht, in dem, wie könnte es anders sein, eine Seelenwiege hängt. Zwei Hektar Land, von der Großmutter an seine Frau vererbt, allerdings „nur“ 9000 m² davon genutzt, „weil man muss ja auch ab und zu mal Rasen mähen“, so Brokopp. Mit dabei auf der Terrasse sitzt Petra Brokopp, Ehefrau und Co-Spiritius Rector dieses Orts.

„Da lag ein verkehrtes Stück Holz rum“

Um mich herum schauend, muss ich eigentlich nicht mehr fragen, wie man hier auf eine Idee wie die Seelenwiegen kommt. Ich frage es trotzdem. Eine bisschen ein Zufall sei es gewesen, so Brokopp. Zwei Jahre lang habe ein „verkehrtes Stück Holz“ in seiner Werkstatt rumgestanden. Irgendwie zu dünn. Dann reifte langsam die Idee für die Wiege, deren Gesamtentwicklung letztlich fünf Jahre dauerte. Ergonomisch sollte sie sein. Und zwar für kleine, zierliche Menschen ebenso wie für große, schwere.

 

Brokopp

Die ersten Seelenwiegen waren noch nicht frei schwebend, sondern aus schwerem, 270 Jahre altem Eichenholz, gelagert auf einem halbkreisförmigen Sockel. Es folgten die Modelle, die man in einen Baum hängt, immer noch aus alter Eiche. Damit besuchte er die ersten Messen, wo er immer wieder hörte, dass man zu gerne eine solche Wiege hätte, aber leider keinen Baum besitzt.

So entstand die Idee des Bogens, der zusammen mit den Wiegen geliefert wird. Bogen und Liege werden jeweils in einem aufwändigen dreiwöchigen Prozess gefertigt. Jede Liege besteht aus 10 bis 12 Lagen geleimtem Lerchenholz. Das macht sie ebenso langlebig und wetterbeständig wie die Eichenwiegen, nur eben viel leichter. Damit der Bogen sie tragen kann.

„Ich will nicht verkaufen, sondern dienen“

Die Beherrschung seines Handwerks und höchste Ansprüche an die Qualität seiner eigenen Arbeit gehören ebenso zu den Prinzipien von Thomas Brokopp wie den Menschen genau zuzuhören und ihre Wünsche in seine Arbeit einfließen zu lassen: „Es ist mir egal, ob die Menschen mich Designer, Handwerker oder Künstler nennen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang zu dem, was ich schaffe, und das ist in Ordnung so. Ich bin nicht hier, um irgendwas zu verkaufen, sondern um anderen zu dienen. Nichts anderes.“ Ein großer Satz, gelassen ausgesprochen. Wie überhaupt Gelassenheit das prägende Gefühl ist, auf dieser Terrasse an einem wunderbaren Septembertag.

Das war aber nicht immer so. Vor dem Weg in die Gelassenheit stand eine tiefe Lebenskrise, die mit dem unspektakulären Satz begann: „Ich stand am Sonntag in meiner Werkstatt, hab damals jeden Tag gearbeitet, weil ich neben der Arbeit auch das erste Haus selbst gebaut habe. Dann auf einmal, so gegen 13:00 Uhr, sagte eine innere Stimme: Du hast keine Lust mehr.“ Thomas Brokopp konnte es selbst kaum fassen. Sein ganzes Leben lang hatte er das, was er machte, geliebt. Angetrieben von seiner Neugier und seiner Faszination für Formen und den Werkstoff Holz, hatte er auf unterschiedlichen Stationen Neues gelernt, seine Fertigkeiten geschult.

Ganz unten – seelisch und finanziell

Als die Krise begann, leitete er einen Ausbildungsbetrieb mit rund 50 Lehrlingen und Umschülern im Tischlereigewerbe. Acht Jahre hatte er durchgehalten, wo andere nach seiner Aussage bereits nach fünf Jahren das Handtuch warfen. Er wurde krank, konnte sich aufgrund von Rückenproblemen zuweilen kaum noch bewegen. Und dann war mit einem Schlag Schluss. Nichts ging mehr. Die Kraft war raus.

„Dann hab ich gesagt, ok, jetzt machst du nur noch, was dir Spaß macht“, so Brokopp. „Alles andere ging auch nicht mehr“. Als erstes kündigte er. Im selben Moment erinnerte er sich daran, dass er mal Bildhauerei gelernt hatte. „Das war komplett verschüttet“, so Brokopp, „kam jetzt aber mit Macht zurück. Und ich wusste – das machst du jetzt.“

Gegen den Widerstand vieler „Anti-Coaches“, wie er sie nennt – Menschen im nächsten Umfeld, die ihm abrieten: „Künstler? Spinnst Du? Du gehst pleite“, so der Tenor. Nach ein paar Jahren Selbständigkeit und der privaten Trennung wäre es tatsächlich fast soweit gewesen – Thomas Brokopp war ganz unten – seelisch und finanziell. Nur der Gedanke an seine beiden Kinder ließ ihn weitermachen.

Stärke spüren, auch in schwachen Momenten

In dieser Zeit begegnete er seiner jetzigen Frau Petra. Auch sie an einem Scheideweg in ihrem Leben. Sie war damals Rektorin an einer Schule und hatte parallel mit dem Aufbau einer Praxis als Heilpraktikerin und Coachin begonnen. Auch sie stand zwischen zwei Welten, als sie sich kennlernten. „Vielleicht kennen Sie das – wenn man Seelenverwandtschaft spürt. Das war so. Hatte ich noch nie erlebt. Ab dem ersten Tag war alles klar. So ganz sicher. Als ob das so ne Art Wissen ist“, beschreibt Brokopp den Moment des Kennenlernens.

Foto: privat

Im Moment seiner größten Schwäche, sagt sie ihm, dass sie an ihn glaubt. Seine Stärke spüren kann, sich bei ihm geborgen fühlt. In ihrer Zeit des Zögerns zwischen den Welten spiegelt er ihr, wie erschöpft sie ist, wenn sie nach der Schule nach Hause kommt und wie sie strahlt, wenn sie am Abend aus der Praxis kommt. So bringen Sie sich gegenseitig auf einem gemeinsamen Weg, der sich als Erfolgspur erweisen sollte und stets einen neuen kreativen Ausdruck findet.

Wie in den Seelenwiegen. Neben aller technischen Finesse und handwerklichen Qualität sind sie letztlich auch Ausdruck des gemeinsamen Wegs von Thomas und Petra Brokopp. Petra Brokopp erklärt mir, was ich im ersten Moment auf der Seelenwiege intuitiv gespürt haben muss:

„Die Seelenwiegen schwingen sanft in alle Richtungen. Auch von oben nach unten. Das ist wie im Mutterleib, dem Ort großer Geborgenheit. Das war so aber nicht geplant“, so Petra Brokopp. „Das ist entstanden“. Erst im Herzen und im Kopf von zwei Menschen – „geistige Vorarbeit“, wie Brokopp es nennt – und dann durch die Hände von Thomas Brokopp.

Und das Schaffen geht weiter. Auf Anregung seiner Frau hin hat Thomas Brokopp auf dem eigenen Grundstück die Galerie Mooin für seine Arbeit eröffnet. Mit großen Erfolg. Gerade baut er für seine Frau einen Anbau, in dem ein „Zentrum für Bewusstsein“ eine Heimat finden soll.

Das Konzept der Seelenwiege soll in die nächste Inkarnation gehen. Seit zwei Jahren entwickelt er die Idee. Ein Prototyp ist schon gebaut. Es wird ein bisschen aufwändiger und größer werden als das bisherige. Mehr verrät er nicht. Nur so viel: „Es wird wieder eine schöne Form, die man benutzen kann.“ Ein guter Grund, um dann mal wieder einen Ausflug ins Mecklenburgische zu machen.

Sabine Breit

Mehr über Thomas Brokopp und die Seelenwiegen auf seiner Website