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Der Ehrbare Kaufmann: Eine aussterbende Spezies?

Ein Gastbeitrag von Ernst Holzmann

Ernst Holzmann war 30 Jahre als Führungskraft tätig. Er erinnert in seinem Beitrag an die Tugenden des Ehrbaren Kaufmanns, die im Zeitalter von Corporate Social Responsibility fast in Vergessenheit geraten, aber viel konkreter sind.

Wenn ich an Hochschulen lehre oder auf Veranstaltungen über „Führen als Vorbild“ spreche, greife ich auf das Beispiel eines Ehrbaren Kaufmanns und auf die Führungsprinzipien von ehrbaren Persönlichkeiten aus dem Sport zurück.

Ottmar Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Fußball-Trainer (u.a. mehrfacher Deutscher Meister und Champions-League-Sieger), hat z.B. sein Erfolgsrezept und sein Verständnis von ehrbar einmal ganz einfach ausgedrückt: „Man musste sich auf mein Wort verlassen können!“

Wenn ich Führungsprinzipien zitiere und den Begriff „Ehrbarer Kaufmann“ beschreibe, entdecke ich aber oft große Fragezeichen in den Augen der Zuhörer; wenige können mit diesem Rezept etwas anfangen oder kennen nicht einmal das entsprechende Leitbild.

Vielleicht auch deswegen, weil sie täglich erleben, dass im Geschäftsleben und für die eigene Karriere andere Mittel eingesetzt werden. Zum Beispiel Tricksen und Täuschen, alles Versprechen – nichts Halten, seinen eigenen Vorteil auf Kosten anderer suchen, „Ellenbogen breit machen“ und keine Rücksicht auf die Umwelt und die Gesellschaft nehmen.

Meine Antwort ist dann der Start einer Diskussion, die ich mit meiner „Übersetzung“ von EHRBAR beginne:

E = Ehrlichkeit

Menschen fällt es anscheinend immer schwerer, offen und ehrlich ihre Meinung und die Wahrheit zu sagen, weil sie entweder persönliche Vorteile behalten oder Nachteile vermeiden wollen. Manipulieren und Täuschen sind an der Tagesordnung, von Stehlen ganz zu schweigen. Die Hemmschwelle wird kleiner, der Weg von „Schwarzfahren“ oder Falsch Parken zu Steuerhinterziehung und gefälschten Doktor-Arbeiten wird kürzer.

Vielleicht auch, weil zu viele negative und zu wenige positive Beispiele öffentlich gemacht werden, sind Menschen in Führungspositionen besonders gefordert, die in Vergessenheit geratene Tugend der Ehrlichkeit vorzuleben und einzufordern. Und auf keinen Fall dem Beispiel von Diego Maradona folgen, der bei der WM 1986 in Mexiko ein klares Handspiel (und das erzielte Tor) mit der „Hand Gottes“ erklärte und den Regelverstoß nicht zugab.

H = Halten an Gesetze, Vorschriften, Regeln und Vereinbarungen

Dieses Prinzip geht Hand in Hand mit Ehrlichkeit und ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für Führungskräfte und Unternehmer. Oft sind aber die entsprechenden Verhaltensregeln nicht das Hochglanz-Papier wert, auf dem sie gedruckt sind, zusätzlich noch unter komplizierten Überschriften wie „Compliance“ oder „Corporate Governance“ versteckt.

Beim Einhalten der Vorschriften gilt ebenfalls das Prinzip des Vorlebens der Verantwortlichen auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Da es aber nicht überall „Heilige“ gibt, bedarf es natürlich auch entsprechender Mechanismen und Kontrollen, um Regelverstöße zu verhindern. Und wenn es nur das klassische „Vier-Augen-Prinzip“ in der Geschäftsführung ist, die Einführung von Wertgrenzen bei Unterschriftsregelungen oder regelmäßige, externe Revisionen. Und diese laufend und unabhängig und nicht erst auf Druck der Öffentlichkeit oder von Seiten der Justiz.

R = Respektvoller Umgang mit Menschen

Das bedeutet, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Wertschätzung zu führen und ihre Leistung anzuerkennen, die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern (Kunden, Lieferanten,…) auf „Augenhöhe“ und auch die Leistung von Wettbewerbern anzuerkennen. Andere Menschen nicht herabwürdigen und ganz besonders auch deren kulturelle Eigenheiten akzeptieren.

Das sind die Merkmale von Respekt, wobei respektvolle Behandlung nach meinen Erfahrungen nicht gleichbedeutend mit „in Watte packen“ oder „Weggucken“ ist. Bei Fehlverhalten und/oder mangelnder Leistung bedarf es klarer Worte, aber hier ist das „Wie“ entscheidend. Emotionale Ausbrüche und Schuldzuweisungen sind fehl am Platz. Stattdessen ist sachliche Argumentation gefragt, das Aufzeigen von „Soll und Ist“ und das Anbieten von Lösungs- und Verbesserungsmöglichkeiten.

B = Bescheidenheit

Vorstände fliegen First Class und übernachten in Luxus-Suites, ihre Mitarbeiter dürfen es sich in der Tourist-Class „bequem“ machen und bei „Bed & Breakfast“ absteigen. Führungskräfte, die so handeln, sind sich entweder nicht bewusst, wie verheerend sich so ein Verhalten auf das Engagement ihrer Belegschaft auswirken kann, oder es ist ihnen schlichtweg egal. Dass damit automatisch die emotionale Bindung an den Arbeitgeber verloren geht, sich viele Beschäftigte sogar in die innere Kündigung zurückziehen und nur noch Dienst nach Vorschrift machen, ist die logische Konsequenz.

A = Achtung

„Nicht nur an Umsatzzahlen und Produktionsziffern wird der moderne Unternehmer gemessen, sondern immer mehr auch daran, was er aus sozialer Verantwortung heraus bereit ist, für die Gesellschaft zu tun.“ Wenn es um Verantwortung geht, würde ich diese Empfehlung von Werner Otto, dem Gründer der Otto Gruppe, zusätzlich um Achtung ergänzen.

Natürlich ist der Kernzweck eines Unternehmers, eines Kaufmanns die Erzielung eines angemessenen Gewinns, aber nicht aus purem Egoismus und „koste es was es wolle“. Rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Natur sind dabei ebenso zu vermeiden wie das schamlose Ausnutzen der vom Staat und der Gesellschaft bereitgestellten Ressourcen und Einrichtungen.

R = Redlichkeit

„Üb’ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab. Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab.“ Diese Zeilen von Ludwig Hölty, einem deutschen Dichter im 18. Jahrhundert, fassen vielleicht am besten die Charaktereigenschaften eines Ehrbaren Kaufmanns zusammen. Aufrichtig sein, loyal zu seinem Unternehmen stehen, keine Vorteile aus seinem Amt ziehen, das entgegengebrachte Vertrauen anderer nicht missbrauchen. Und Menschen eben nicht durch besondere „Wohltaten“ korrumpieren und abhängig machen. Oder anders ausgedrückt: Anstand!

Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass nur ein Verhalten wie ein Ehrbarer Kaufmann bei allen Beteiligten Vertrauen schafft. Und Vertrauen ist ja bekannterweise die Basis für nachhaltigen Erfolg, egal, ob auf dem Fußballplatz oder im Büro.

Jetzt frage ich mich (und Sie): Bin ich ein hoffnungsloser Romantiker und ist der Ehrbare Kaufmann tatsächlich eine aussterbende Spezies?

 

Portrait eho-business

Ernst Holzmann ist freiberuflicher Dozent und Referent bei Unternehmensveranstaltungen. Dabei verbindet er seine langjährigen Führungserfahrungen aus der Wirtschaft mit denen aus seiner zweiten Leidenschaft, dem Fußball. www.ernstholzmann.com

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2 Gedanken zu „Der Ehrbare Kaufmann: Eine aussterbende Spezies?

  1. Sehr geehrter Herr Holzmann,

    mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen.

    Meine Hoffnung ist, es möge keine aussterbende Art sein, doch das tägliche Leben sagt mir, diese Art Mensch sollte zumindest einen Antrag auf Aufnahme in das „Rote Buch“ stellen, denn die Prüfung braucht ihre Zeit.
    Ich für meinen Teil, versuche jeden Tag nach dem Leitbild des „Ehrbaren Kaufmann“ zu leben, denn noch sind meine Augen und mein Badspiegel klar und ich möchte mir morgens im Spiegel noch in die diese sehen können.
    An vielen Stellen in der Gesellschaft habe ich den Eindruck, dass viele Spiegel trüb geworden, oder Menschen auf Grund der raren Augenarzttermine Schwierigkeiten beim Sehen haben und so greift eine „Kultur“ um sich, die nach dem Motto lebt – Ich und nur Ich bin wichtig und dem Sieger gehört alles. Gefühlt würde ich sagen, je jünger desto anfälliger dafür. Ich hoffe, dass ich mich irre – denn bekanntlich stirbt die Hoffnung zu letzt.
    In diesem Sinne Ihnen einen schönen Sonntag, gute Ideen für tolle Beiträge und

    viele Grüße

    Heiko Schütze

  2. Sehr geehrter Herr Holzmann,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag. Den Eindruck, dass die von Ihnen beschrieben Tugenden immer mehr in Vergessenheit geraten, habe ich auch. Besonders hart wird es aber, wenn ein ehrbarer Kaufmann auf jemanden triff, für den diese Begriffe scheinbar nicht gelten. Ein krasses Beispiel können Sie hier nachlesen: https://akridoj.wordpress.com

    Viele Grüße

    Nico Thiemer

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