Der Erde eine Stimme geben

Ahkka/ photocase.com
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Interview mit Geseko von Lüpke über Tiefenökologie

Für den Journalisten, Autor und Umweltschützer von Lüpke können wir die Zukunft nicht der Politik überlassen. Im Interview mit Michaela Doepke spricht er sich für eine ökologische Ethik aus und regt eine „soziale Mystik“ an, also die Integration von Spiritualität und Politik.

Frage: Herr von Lüpke, Sie engagieren sich für Tiefenökologie. Was ist für Sie im Moment die vordringlichste ethische Frage?

Geseko von Lüpke: Die vordringlichste ethische Frage ist für mich die Wiedergewinnung einer Verbundenheit mit der lebendigen Erde. Es geht darum, das Gefühl der Abtrennung und der Isolation zu überwinden. Das ist auch der Ansatz der Tiefenökologie, Erfahrungen bereit zu stellen, durch die wir begreifen, dass wir Teil eines großen Lebensnetzes sind. Aus so einer Haltung wächst eine andere Ethik.

Wie kann sich Ethik auf unser Handeln auswirken?

Ich glaube nicht, dass eine Ethik aus reiner philosophischer Praxis wachsen kann, sondern dass wir Erfahrungen von tiefer Verbundenheit und erlebter Spiritualität brauchen. Daraus entsteht Mitgefühl und Liebe. So können sich Identifikation und Selbstbild weiten. Auf dieser Basis verändert sich das Weltbild, und das wiederum wirkt auf unser Handeln und die Art, wie wir wirtschaften, wie wir in Kommunikation sind, wie wir unsere Partnerschaften leben. Insofern ist das ein Kreislauf, der zu mehr Verbundenheit und zu ethischerem Handeln führt.

Tiefe Ökologie ist ja eine Philosophie, die auf den Erkenntnissen der wechselseitigen Bedingtheit allen Lebens beruht. Welche Pioniere und Ansätze gibt es da?

v.  Lüpke: Ich würde sagen, dass die Tiefenökologie viele Parallelen hat mit dem Prinzip des wechselseitig bedingten Entstehen im Buddhismus. Wer sich damit viel beschäftigt hat, war die Religionswissenschaftlerin, Systemtheoretikerin und Buddhistin Joanna Macy. Sie steht für einen psychologischen-spirituellen Ansatz. Tiefenökologie ist aber nicht nur mit der Person von Jonna Macy verbunden, sondern es gibt eine Vielzahl von Ansätzen.

So gibt es beispielsweise auch einen sehr politischen Ansatz wie den des australischen Regenwaldschützers John Seed, der die Tiefenökologie benutzt hat, um Aktivisten besser zu verwurzeln. Wenn man politisch im Widerstand arbeitet und Regenwaldbäume vor Bulldozern schützt, dann lebt man ständig mit der großen Herausforderung, bei der Sache zu bleiben und trotz vieler Rückschläge nicht aufzugeben.

Neuer Ansatz: Umweltschutz spirituell und emotional begründen

Wie motiviert er die Umweltaktivisten?

v.  Lüpke: John Seed hat einmal gesagt, wir brauchen das Verständnis, dass wir selbst ein Teil dessen sind, was wir beschützen. Wir sind nicht die tollen Menschen, die sich vor den Regenwald stellen, sondern wir sind das jüngste Produkt des Regenwaldes. Mit dieser Einstellung schützen wir sozusagen unsere eigenen Ahnen. Wir sind also dafür verantwortlich, dass der Wald erhalten bleibt. Auf diese Weise hat Seed den Umweltschutz spirituell und emotional begründet.

Und dann gibt es so jemanden wie Arne Næss, den bereits verstorbenen norwegischen Philosophen aus Oslo, der aus der Pazifismusforschung kam und zu den Begründern der Tiefenökologie zählt. Er hatte sich viel mit Ghandi beschäftigt, war in der norwegischen Freiluftbewegung aktiv und hat Tiefenökologie als ontologische Basis für moderne Philosophie erarbeitet. Er hat acht Richtlinien aufgestellt, was wir tun müssen, wenn wir diese Erde erhalten wollen. Diese sind zur ethischen Grundlage der gesamten Ökologiebewegung und zahlreicher moderner zivilgesellschaftlichen Initiativen geworden, ohne dass man sie als Tiefenökologie bezeichnet hätte.

Arne Næss sagte mir mal, 98 Prozent der Unterstützer der tiefenökologischen Bewegungen hätten noch nie etwas von diesem Begriff gehört, aber leben es und sind Umweltschützer oder Aktivisten und haben diese ethischen Maßstäbe zu ihren gemacht.

Wir brauchen eine soziale Mystik

Gibt es eine spirituelle Praxis, die die Verbundenheit und das Mitgefühl mit der Erde wieder herstellen kann?

v.  Lüpke: Es ist einerseits der Punkt, dass wir in die Stille gehen und auf unsere innere Stimme und unser Herz hören sollten, aber wir müssen uns auch dem Schmerz stellen. Das ist letztendlich ein Prozess, den man in jeder Meditation macht. Thich Nhat Hanh und Joanna Macy hatten zum Beispiel eine Praxis angeboten, wo man im Kreis sitzt und meditiert und den Kreis nicht nach innen hält, sondern mit dem Gesicht nach außen sitzt, um sich der Welt zuzuwenden. Hier geht es nicht so sehr um einen meditativen Rückzug, sondern eine Art sozialer Mystik, wo man in die Welt geht. Man verändert die Welt, ohne die Meditation zu verlassen.

Also Hinspüren statt Verdrängen. Erwächst aus der Hingabe an den Schmerz ganz natürlich tätiges Mitgefühl mit der Welt?

Ja. Indem wir sozialen und ökologischen Aktivismus als eine Form des tätigen Mitgefühls und der Meditation praktizieren, können wir eine riesengroße Spaltung in der westlichen Kultur zwischen Spiritualität und Politik auflösen. Das war für mich ein wesentlicher Magnet an der Tiefenökologie, dass diese Trennung aufgehoben wurde zwischen „den Politischen“ und „den Spiris“ und zu erkennen, dass es, um eine wirkungsvolle politische Aktion durchführen zu können, eine neue Ethik, ein neues Menschenbild, ein neues Weltbild zu entwickeln gilt.

Welche Schritte sind notwenig, um eine neue Ethik zu entwickeln?

v.  Lüpke: Spirituelle Disziplin ist notwendig, weil man sonst das Alte ständig wiederholt. Es braucht ein spirituelles Gewahrsein oder ein Forschen an den tiefsten Fragen, um politisch eine andere Wirklichkeit überhaupt erst einmal denken zu können, bevor man sich dann auf den Weg macht. Auch geht es darum, durch spirituelle Disziplin die Kraft zu entwickeln, als Davids gegen Goliaths vorzugehen.

Für mich war immer wieder interessant, dass ganz viele Pioniere der globalen Zivilgesellschaft, die den Alternativen Nobelpreis erhalten haben, hochspirituelle Menschen waren und sind, die sich entweder immer wieder über Naturaufenthalte oder über andere Disziplinen der Achtsamkeit darin trainiert haben, die Kraft zu entwickeln, gegen riesige Widerstände zu arbeiten. Aber es brauchte bei allen einen inneren Transformationsprozess, der neuen politischen Ideen voranging.

Die Fortsetzung des Interviews mit Geseko von Lüpke können Sie als Audio hören. Die Audiothek gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr) erhalten Sie Zugang. Sie unterstützen damit auch diese Website, die jede Woche neu, kostenlos, ohne Werbung gute Nachrichtet liefert.


Geseko von Lüpke

Dr. Geseko von Lüpke studierte Politologie, Journalismus und Ethnologie. Er ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung, ökologische Ethik, Schamanismus, Spiritualität.

Fortbildungen in Tiefenökologie bei Joanna Macy, Tom Brown. Absolvent des Holon-Trainings. Durch ausgedehnte Reisen wurde er zum Netzwerker zwischen verschiedenen Kulturen und Welten. Ausbildung zum Visionssucheleiter an der School of Lost Borders, Kalifornien. Weitere Infos

Interview Geseko von Lüpkes mit Joanna Macy

Kontakt: info@naturseminare-visionssuche.de; geseko@geseko.de

 

 

 

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