Cover Brooks

Der Mensch zwischen Egoismus und Moral

Ein Buch des konservativen Journalisten Brooks

Der Kolumnist der New York Times stellt in seinem Buch „Charakter“ historische Persönlichkeiten vor, die für ihn Moral und Hingabe an höhere Ziele verkörpern. Dies setzt er dem Menschen heute entgegen, der unwillig sei, eigene Schwächen zu überwinden. Doch was Ethik in unserer Zeit bedeutet, bleibt offen.

David Brooks, bekannt als konservativer Kolumnist der New York Times, begibt sich mit seinem Buch „Charakter – Die Kunst, Haltung zu zeigen“ auf schwieriges Terrain: Er fragt, wie Menschen an sich selbst arbeiten, sich verändern, sich mehr in den Dienst anderer stellen können.  Gleichzeitig muten seine Vorstellungen von Moral, Selbstbeherrschung und Verantwortung – all das, was er für tugendhaft hält – an wie aus vergangenen Zeiten. Die Frage, wie sich Ethik in unsere Zeit übersetzen lässt und was es für uns heute bedeuten kann, ethisch zu leben, bleibt offen.

Ausgangsbasis für das Buch ist die Ansicht des Autors, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das Äußere Oberhand gewonnen hat: Leistung, Selbstdarstellung, Ruhm und Reichtum spiele im Leben vieler Menschen die entscheidende Rolle. Brooks fasst diesen Charaktertyp mit dem Begriff „Adam 1“ zusammen: jemand, der ein nach außen gerichtetes Leben führt.

Dagegen setzt er „Adam 2“, den es wieder zu entwickeln gelte: Ein Mensch, der mehr nach innen schaut, der das Leben als „moralisches Abenteuer“ betrachtet, der mit sich selbst und seinen Schwächen ringt und dem es „die moralische Pflicht ist, jeden Tag etwas moralischer zu handeln“.

Um zu illustrieren, dass es möglich ist, mehr aus der inneren Welt heraus zu leben, stellt Brooks auf über 400 Seiten Lebensgeschichten von Menschen vor, die er für „Adam 2“ hält: Frances Perkins etwa, die sich für die Rechte der Fabrikarbeiter einsetzte und 1933 als Arbeitsministerin das erste weibliche Kabinettsmitglied der Vereinigten Staaten wurde. Bayard Rustin, schwarzer Bürgerrechtler und Fürsprecher des gewaltlosen Widerstandes gegen die Apartheid. Dorothy Day, Sozialisten und Journalistin, die vom Partygirl zur gläubigen und engagierten Christin wurde.

Geschichten aus der guten, alten Zeit

Der Autor hat Menschen ausgewählt, die in seinen Augen starke Emotionen und negative Prägungen durch harte Arbeit an sich selbst überwunden haben, und zeichnet ihren Lebensweg, ihre inneren Kämpfe und schließlich den Sieg über die eigenen Schwächen nach.

Bezeichnenderweise stammen die zehn Persönlichkeiten, die Brooks ausgewählt hat, fast alle aus dem vergangenen Jahrhundert. Und obwohl die Lebensgeschichten interessant zu lesen sind und der Autor sie auch kommentiert und einordnet, wirken sie eher historisch.

Überhaupt scheint Brooks ein Verfechter der „guten alten Zeit“ zu sein. Ob aber die alten Rezepte für moralisches Handeln – christliche Sexualmoral, Überwindung von „Sünde“, Disziplin , Entbehrung und Demut ­– eins zu eins in die heutige Zeit übernommen werden können, darüber reflektiert der Autor nicht. Das scheint für ihn außer Frage zu stehen – und das ist das Problem dieses Buches.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum er keine zeitgenössischen Personen vorstellt, die ein moralisches Leben führen. Hat er niemanden gefunden, der seinen Kriterien genügt? Oder ist ihm selbst unklar, wie eine Ethik im Zeitalter von Globalisierung, Technisierung, Konsum und Kommunikation aussehen könnte?

Welchen Herausforderungen und ethischen Problemen stehen wir heute gegenüber? Welche Potenziale und Möglichkeiten hätten wir, diesen zu begegnen und eine bessere, gerechtere Welt zu schaffen? Wie kann es gelingen, Werte wie Gemeinwohl, Wir-Gefühl gegenüber dem starken Individualismus wieder stärker zu betonen? Brooks bleibt die Antworten schuldig.

Die Themen, die er behandelt, sind bedenkenswert, und sein Anliegen ist aufrichtig: eine Diskussion darüber anzuregen, welche Werte wir eigentlich haben und wonach wir uns in unserem täglichen Handeln ausrichten. Nur leider sind die Antworten zu schablonenhaft, um die Menschen heute wirklich anzusprechen, und zu weit ab von unseren Erfahrungen.

Birgit Stratmann

David Brooks, Charakter. Die Kunst, Haltung zu zeigen. Verlag Kösel, München 2015

 

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Ein Gedanke zu „Der Mensch zwischen Egoismus und Moral

  1. Birgit,
    kann es sein, dass er keine zeitgenössischen Personen ausgewählt hat, weil deren Biographien noch nicht zu Ende geschrieben sind?

    Mit wie viel Vorschluss-Lorbeeren wurd Barack Obama am Anfang seiner Regierungszeit überhäuft, sogar einen Friedens-Nobel-Preis hat man ihm gegeben. Nun, fast 8 Jahre später, käme er wohl nicht einmal mehr auf die Shortlist für diesen Preis.

    Ich denke, dass es klug ist darauf zu warten, bis die letzte Messe gesungen ist, bevor man ein ganzes Menschenleben beurteilt.

    Außerdem bin ich überzeugt davon, dass unsere Zeit weder leichter noch schwieriger ist, als irgendeine Zeit vor unserer.

    Zu allen Zeiten dürfte es nicht leicht und bequem gewesen sein, sich ethisch und moralisch korrekt zu verhalten. Es braucht dazu gestern wie heute einen klugen Verstand, ein weises Herz und Zuversicht.

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