Der Philosoph als Gärtner

Das neue Buch von Byung Chul-Han

Der südkoreanische Autor und Philosoph beschreibt in seinem neuen Buch ein Experiment: Er lebte drei Jahre lang in seinem Garten einen Gegenentwurf zum Turbo-Kapitalismus. Hier geht es nicht um Profit, sondern um Seinlassen, Wertschätzen, Geduld und ein planetarisches Bewusstsein.

 

 

Dieses Buch ist ein Kuriosum: Da schreibt ein viel beachteter Philosoph über Gänseblümchen, Annemonen, Herbstzeitlose und die Lust am Gärtnern. Angereichert wird das Ganze mit Zitaten von Philosophen und Dichtern. Der tiefere Sinn erschließt sich, wenn man es mit dem Herzen liest: Byung Chul-Han versucht, über den Garten mit der Erde, der Natur, ja dem Leben überhaupt wieder in Kontakt zu kommen.

„Ich ließ die Zeit weilen und duften“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. Seine Erfahrungen verarbeitet er in seinem Büchlein auf emotionale, literarisch-poetische Weise. Er möchte dazu inspirieren, ein „planetarisches Bewusstsein“ zu entwickeln.

Im Zeitalter der Digitalisierung geht die Körperlichkeit verloren. Das Leben, die Perspektive ist begrenzt auf Bildschirmgröße. Die Menschen fühlen sich nicht mehr mit der Erde verbunden, die ihr Leben überhaupt erst ermöglicht. Genau diese trostlose Erfahrung brachte Byung Chul-Han dazu, drei Jahre in einen Garten am Wannsee die vier Jahreszeiten intensiv zu erleben und von der Natur zu lernen.

Seine Erfahrungen als Gärtner sowie die inneren Prozesse beschreibt er in diesem Büchlein. Natürlich geht es weniger darum, Lektionen über das Gärtnern zu erteilen, aber trotzdem schreibt er zum Teil minutiös auf, was er wann angebaut hat. Besonders sein Versuch, einen blühenden Wintergarten anzulegen mit Winterlingen, Schneeforsythien und Anemonen, wird so manchen inspirieren, es auch zu versuchen. Vielleicht sieht man nach der Lektüre auch manche Pflanzen mit anderen Augen.

Die Erde ist Magie, der Garten ein Ort der Liebe

Im Zentrum des Buches stehen die inneren Prozesse, die die Begegnung mit der Natur in Gang setzen: „Der Garten entfernt mich einen Schritt mehr von meinem Ego. Ich habe keine Kinder. Mit dem Garten aber lerne ich langsam, was die Fürsorge, die Sorge um andere bedeutet. Der Garten ist ein Ort der Liebe gewesen“, schreibt er.

Die Einsichten, die dem Autor kommen, entspringen einem meditativen Geist. Gewiss werden westliche Intellektuelle von einem Philosophen etwas anderes erwarten. Umso mutiger ist es, dass der Autor sich über derlei Erwartungen hinwegsetzt und in unzusammenhängenden Texten und kurzen Reflexionen die Naturerfahrungen teilt, die ihn selbst transformiert haben.

In seinem etwas eigenwilligen, teils pathetischen Stil unterstreicht er, worum es ihm eigentlich geht: „Im Garten erlebe ich: Die Erde ist Magie, Rätsel und Geheimnis. Wenn man sie als Ressource behandelt, die es auszubeuten gilt, hat man sie bereits zerstört.“

„Es ist unglaublich, dass es mitten im kalten, dunklen Universum einen Ort des Lebens wie die Erde gibt. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir auf einem kleinen, aber blühenden Planeten im sonst leblosen Universum existieren, dass wir ein planetarisches Wesen sind. Notwendig ist ein planetarisches Bewusstsein.“ Byung Chul-Han möchte dazu auf seine Weise beitragen.

Birgit Stratmann

Byung-Chul Han: „Lob der Erde“. Eine Reise in den Garten. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 160 Seiten mit 24 Pflanzen-Illustrationen von Isabella Gresser

 

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