Philip Lange/ shutterstock.com
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Tanz und Meditation spielen im Sufismus eine große Rolle.

Der Sufismus – die wenig beachtete islamische Tradition

Der mystische Zweig des Islam hat viele Anhänger

Im Westen herrscht ein einseitiges Bild vom Islam vor, die Vielfalt der Traditionen wird kaum beachtet. Die Philosophin Ursula Baatz stellt die mystische Tradition des Sufismus vor, die im islamischen Kulturraum weit verbreitet ist, aber von Fundamentalisten bekämpft wird.

Motorräder wirbeln Staubfahnen auf. Ihr Geknatter durchbricht die Stille der Savanne. Kurz und trocken bellen automatische Waffen. Ausländische Islamisten übernehmen die Macht und vertreiben Liebe und Musik aus dem Leben der Muslime von Mali. In seinem überaus eindrücklichen Film „Timbuktu“ von 2014 zeigt der afrikanische Regisseur Abderrahmane Sissako, wie Islamisten die traditionelle Kultur des Islam unterdrücken und zerstören. Sissako zeigt den Kulturkampf, den die Islamisten gegen Shi´a und die islamische Mystik, den Sufismus, führen.

Islamisten sind weder konservativ noch traditionalistisch, sondern brutale Modernisierer, denen die Spiritualität der Sufis ein Gräuel ist. In Afrika und Asien sind Leben und Kultur des Islam maßgeblich von den Sufis geprägt – Ausnahme: die arabische Halbinsel, woher Wahhabiten, Salafisten und deren Ableger kommen, jene, die den Islam von „Abweichlern“ wie Sufis und Schiiten „reinigen“ wollen. Die zahlreichen Selbstmordattentate auf Sufi-Schreine in Pakistan oder Afghanistan sind Symptome eines gewalttätigen Kulturkampfs, der die Religion des Islam um die ganze Vielfalt ihrer Traditionen bringen soll.

Sufi-Orden sind im islamischen Kulturraum verbreitet

Sufi-Orden gibt es in Afrika, im Mittleren Osten, am indischen Subkontinent und in Südostasien. Sehr oft waren es nämlich nicht Fürsten und Krieger, sondern Sufis und Händler, die den Islam in diese Weltgegenden brachten. Gräber von Sufi-Heiligen sind besondere Orte: Menschen kommen hierher, um baraka, den Segen der Heiligen, zu erbitten.

Zur Haji Ali Dargah in Mumbai etwa kommen wöchentlich rund 100 000 Menschen aus allen Religionen und Schichten. Sufi-Schreine bieten aber auch jenen Platz, die aus der Gesellschaft herausfallen – z.B. Menschen mit Behinderung. Es gibt hier aber auch Volksfeste, bei denen sich Fromme, Händler und Schausteller mischen, wie in Ägypten, wo es in vielen Dörfern Heiligen-Gräber gibt.

Manchmal sind Sufi-Schreine sehr stille Orte, manchmal tragen Sänger ekstatische Gesänge zum Lob Gottes und des Propheten vor und verdienen ein paar Münzen damit. Manche – wie der Pakistani Nusrat Fateh Ali Khan – sind internationale Stars geworden. Auch wenn die indische Qawwali-Musik im Westen als „Ethno“ gilt, sind es mystische Texte, die von Sufis wie Amir Khusrau oder Bulleh Shah stammen – oder von Rumi: „Ich bin keine Stimme / ich bin das singende Feuer / Was du hörst, ist das Knistern in dir“.

Den persischen Mystiker und Dichter Rumi, geboren 1207 im heutigen Afghanistan und gestorben 1273 in der heutigen Türkei, kennt man im Westen am besten. Auf ihn geht der Orden der „Tanzenden Derwische“ zurück. Wenn sie sich in ihren langen weißen Kleidern wie Blüten auf einem See zu Trommel- und Flötenmusik im Kreis drehen, ist dies Gebet und Meditationspraxis – auch wenn Reiseagenturen daraus eine Attraktion für Türkei-Reisende machen.

Der Koran ist die Grundlage für den mystischen Islam

Die Sufis führen ihre Tradition auf den Propheten zurück und der Koran ist ihre Grundlage. Gerade deswegen widerspricht die Praxis der Sufis in vielem den Bildern vom Islam, wie sie seit rund 30 Jahren in den internationalen Medien kolportiert und von Islamisten propagiert werden. Für die Sufis sind religiöse Vorschriften nur wie die harte Schale einer Nuss – es geht um den Inhalt, die Erfahrung Gottes.

Zentrum der Sufi-Spiritualität und Meditationspraxis ist die Erinnerung an Gott: dhikr, ein Wort, das sich im Koran 254 Mal findet. Dhikr kann sich mit Musik, Tanz und Meditation, aber auch mit der Heiligung des Alltags verbinden. Auf arabisch spricht man von Tasawwuf, der Ausdruck „Sufi“ wurde von einem deutschen protestantischen Theologen 1821 geprägt. Beide Worte kommen vermutlich von „suf-“ , d.h. „Wolle“, denn die ersten Sufis trugen Gewänder aus einfacher Wolle.

„Sufismus wird nicht erworben durch viel Beten und Fasten, sondern ist die Sicherheit des Herzens und die Großmut der Seele“, schrieb der Mystiker Junaid (830-910), der in Baghdad lehrte. Die Stadt war damals, im 10. Jahrhundert, ein internationales Zentrum der Gelehrsamkeit, mit mehreren öffentlichen Bibliotheken für die rund eine Million Einwohner. Weil die Sufis wach bleiben wollten, um zu meditieren, sollen sie als ersten die Wirkung des Kaffees entdeckt haben.

Sufis suchen nach der Vereinigung mit dem Geliebten, mit Gott – um den Preis der „fana“, des „Entwerdens des Ego“, was, so die Sufi-Tradition, nichts anderes bedeutet, als „die Eigenschaften Gottes anzunehmen“. Das klingt nach Häresie, und deswegen wurden und werden Sufis immer wieder verdächtigt.

Mansur al-Hallaj (858-922), Schüler von Junaid, galt orthodoxen Sunniten wie Schiiten als gefährlich, weil er „das Geheimnis persönlicher Heiligung anstelle blinder Nachahmung“ lehrte, wie Annemarie Schimmel in ihrem grundlegenden Buch „Mystische Dimension des Islam“ schreibt. Seinen berühmten Ausspruch: „anā l-ḥaqq“, „ich bin die Wahrheit“ interpretieren die einen als Anmaßung, die anderen als ein Wort, das von der „Entwerdung“ des Mystikers zeugt. Sein Fehler war, auszusprechen, was unaussprechlich ist, meinen manche. Die politischen Machthaber seiner Zeit ließen ihn deswegen kreuzigen. Hallaj, der „Märtyrer der Liebe“, wurde für Generationen von Sufis zur Inspiration und zum Vorbild.

 „Gott ist die Liebe“

Mystiker können quer über die Religionen voneinander lernen. Sie sind „wie Stück Eisen, das im Schmelzofen so durchgeglüht wird, dass es sich als Feuer erfährt, ohne es zu sein“, schrieb Rumi. Die Metapher passt nicht nur für die islamische Mystik, sondern für alle, die Gott tief erfahren. Kein Wunder also, dass Rumi das Bild vom „glühenden Eisen“ von einem christlichen Kirchenvater in Mossul aus dem 6. Jahrhundert übernommen hat.

Davor liegt ein Weg der Entwerdung, den der spanisch-marokkanische Sufi Ibn Abbad aus Ronda im 14. Jahrhundert als „dunkle Nacht“ beschrieb. Zweihundert Jahre später ist diese Metapher eins der zentralen Bilder des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz (1542-1591). Er war nicht nur Beichtvater von Teresa von Avila, sondern gilt als einer der wichtigsten Dichter spanischer Sprache.

Manche glauben, dass die Sufis eine verfolgte religiöse Minderheit seien. Gerade das Gegenteil war – und ist – der Fall. In Ägypten gehören rund zehn Millionen Menschen den verschiedenen Sufi-Orden an, aber ihre interne Zersplitterung verhindert, dass sie eine wichtige politische Kraft sind. Auch unterstehen sie seit 1986 der Kontrolle der Regierung.

In der Türkei wurden sie 1926 wegen ihres gesellschaftlichen und politischen Einflusses von Kemal Atatürk aufgelöst, blieben aber im Geheimen bestehen. Unter der Regierung Erdogan wurde der Sufismus 2007 als türkisches kulturelles Erbe anerkannt. Mittlerweile allerdings kämpft Erdogan mit der Sufi-Bewegung von Fetullah Gülen um die Macht.

In Indonesien, dem Land mit der größten muslischen Bevölkerung (200 Millionen) ist die am Sufismus orientierte „Nahdlatul Ulama“ (NU) mit 40 Millionen Mitgliedern die größte islamische Organisation. Wie die meisten Sufi-Gruppierungen ist auch die NU konservativ. Doch Sufi- Frömmigkeit und Fundamentalismus vertragen sich nicht, und so tritt die NU nachdrücklich gegen den radikalen Islam auf. „Gott ist die Liebe“, hält in dem Film „Timbuktu“ der alte Sheik dem Islamistenführer entgegen. Doch dessen Gott ist Macht und Gewalt und manifestiert sich in einer AK47.

Gott ist die Liebe, das ist der Kern aller Sufi-Mystik. Das Drohen mit Belohnung und Strafe entspringt den Verzerrungen menschlicher Machtgier, aber kommt nicht aus Gott. Rabia von Basra (717 – 801), eine sehr einflussreiche Sufi-Mystikerin, fasste dies in sehr radikale Worte. „Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbetet, sondern nur noch um Gottes Schönheit willen.“ Das unterläuft alle religiösen Machtansprüche. Kein Wunder, dass sich Fundamentalisten von Mystikern bedroht fühlen.

Erstabdruck unter dem Titel: „Ein Stück Eisen im Schmelzofen“, Die Furche, Wien, 26.3.2015, www.furche.at  mit freundlicher Genehmigung

Journalistin Ursula BaatzUrsula Baatz ist Philosophin, Publizistin und Achtsamkeitslehrerin. Von 1974-2011 arbeitete sie beim ORF. Heute ist sie Mitherausgeberin von polylog, der Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren. Hier geht es zu ihrer Website.

 

 

 

 

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