„Wassergrechtigkeit wird immer wichtiger“

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Textilindustrie in Indien: Wasservebrauch für unsere Produkte |
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Interview über Wasserverbrauch und Lieferketten

Wassergerechtigkeit ist ein wichtiges Thema im Umweltschutz. Wenn Deutschland Produkte importiert, für die bei der Herstellung viel Wasser verbraucht wird, ist es Mitverursacher von Wasserknappheit in anderen Ländern. Umweltwissenschaftler Jonas Bunsen spricht im Interview über den Wasserfußabdruck von Unternehmen und ihre ökologische und soziale Verantwortung.

Das Gespräch führte Maria Köpf

Frage: Vorweg kurz erklärt, was ist eigentlich ein „Wasserfußabdruck“?

Bunsen: Das Konzept, das in der Wissenschaft als Wasserfußabdruck verstanden wird, hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Früher wurde einfach die Wassermenge gemessen, die bei der Produktion und dem alltäglichen Betrieb eines Unternehmens anfiel. Heute wird berücksichtigt, was zu Wasserverschmutzung führt oder welche Lieferketten und Produkte die Wasservorkommen und Wasserqualität verändern. Der Wasserfußabdruck betrachtet also die gesamten Umweltwirkungen eines Unternehmens im Zusammenhang mit Wasser.

Welche Verantwortung übernehmen die Deutschen für den globalen Wasserfußabdruck?

Bunsen: Das verhält sich ähnlich wie mit den Treibhausgasen. Ein großer Teil des CO2-Ausstoßes findet in Ländern statt, in denen sehr viel produziert wird, etwa im ostasiatischen Raum. Die produzierten Produkte werden jedoch teilweise in Europa konsumiert.

Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass ein Teil der Umweltkosten dem Konsumland, etwa Deutschland zuzurechnen sind. Auf Wasser bezogen: Man könnte die Frage aufwerfen, ob für hier konsumierte Agrargüter, die eine hohe Wasserbelastung in ihren Produktionsländern hervorrufen, nicht die Deutschen verantwortlich sind. Auf der anderen Seite gibt es in den produzierenden Ländern natürlich genauso Profiteure.

Ist damit das Wichtigste bereits gesagt?

Bunsen: Nein, entscheidend ist auch, dass Wasserverbrauch je nach Weltregion sehr unterschiedliche Auswirkungen haben kann. In Ländern wie Finnland oder Österreich steht durch das verhältnismäßig große Vorkommen von Seen und Flüssen viel mehr Wasser zur Verfügung als in Italien oder vielleicht auch Deutschland.

Deutschland steht im internationalen Vergleich beim Wasserverbrauch recht gut da. Die Umweltwirkungen von Verdunstung und dem Verbrauch von Wasser in deutschen Städten ist häufig noch nicht so dramatisch wie in anderen Ländern.

Freilich ist ein hoher Wasserverbrauch durch private Swimmingpools unter Umständen kritisch, denn selbst hierzulande wird in hitzigen Sommern das Wasser langsam knapp. Doch viel problematischer ist der Wasserverbrauch durch Lieferketten der Deutschen, für deren Produkte im Ausland Regionen zunehmend vor Wasserknappheit stehen.

Wer profitiert, sollte auch Verantwortung tragen.

Müssten dann Industrienationen nicht mehr gegensteuern?

Bunsen: Das ist ein schwieriges Thema. Das Problem ist zunächst: Zwar ist Wasser zu haben ein Menschenrecht, das auch von den Vereinten Nationen in einer Deklaration anerkannt wird. Wasser stellt ein essentielles Gut des Menschen dar.

Doch lässt sich das Wasservorkommen in jeder Region der Welt nicht einfach ändern – es ist ein sehr regionales Gut und schwer transportierbar. Aus meiner Sicht ist Wasserknappheit nicht immer ein menschengemachtes Problem. Dass Wasser in unterschiedlichen Regionen ungleich vorhanden ist, stellt einfach ein Fakt dar.

Wäre es denkbar, dass Industrienationen in einen Weltwasserfond einzahlen, um Wasservorkommen und -qualität in wasserknappen Ländern zu gewährleisten?

Bunsen: Zu sagen, dass verschiedene Regionen, die besser mit Wasser ausgestattet sind, in anderen Ländern für Ausgleichszahlungen sorgen müssen, ist mir nicht wissenschaftlich genug argumentiert und zu kurz gedacht.

Ich würde diese Fragen auch nicht nur auf das Wasser beziehen. Ich denke, man sollte generell mit Ländern, die von Wasserknappheit betroffen sind, vor Ort auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Die reicheren Länder sollten deren sozialen und natürlichen Herausforderungen mit ihnen gemeinsam lösen. Das ist ein Stückweit eine universale, moralische Verpflichtung.

Unternehmen sollten verantwortungsvoll mit Wasserrescourcen umgehen

Nur wer ist dann als Akteur eigentlich angesprochen?

Bunsen: Die Frage ist vielleicht: Wer profitiert? Wer profitiert, sollte auch ökologische und soziale Verantwortung tragen. Die Profiteure sitzen aber ja nicht ausschließlich in reicheren Ländern außerhalb der Herkunftsregion.

Grundsätzlich bin ich Umweltwissenschaftler und kein Ethiker. Bestimmte Akteure in anderen Ländern stellen uns diese Ressourcen, zum Beispiel Palmöl, Baumwollshirts oder Agrarmaschinen, allerdings auch gerne zur Verfügung. Und wir zahlen dafür, weil es ihnen Vorteile verschafft. Es geht um Verantwortung.

Also müssten deutsche Handelsbeziehungen besser durchleuchtet werden?

Bunsen: Ja, eine Lösung wäre, dass Unternehmen, die im Ausland profitieren und dort Produkte auf den Markt bringen, transparenter erklären, was drin steckt, damit die Konsumenten hier verantwortungsvolle Kaufentscheidungen treffen können.

Insofern ist es für Unternehmen wichtig, dass sie verantwortungsvoll mit Wasserressourcen umgehen. Hier gibt es beispielsweise den Standard der “Alliance for Water Stewardship“. Ein Zertifizierungsprogramm für Güter aus Produktionen, wo möglichst nachhaltig mit Wasser umgegangen wird, stellt meines Wissens den am meisten verbreitetsten Standard und einen guten Ansatz dar.

Teilnehmende Unternehmen verpflichten sich dadurch, Gemeinden vor Ort nicht das Wasser abzugraben, sondern lokal am Produktionsstandort verantwortungsvoll mit dieser Rescource umzugehen.

Die Umweltfolgen des Wasserverbrauchs werden immer noch externalisiert.

Wird Wasser dann als lokale Ressource und nicht als globales Grundrecht wahrgenommen?

Bunsen: Natürlich belasten wir die globale Weltgemeinschaft mit nicht nachhaltigen Lieferketten. Doch das Problem gerade bei dieser eigentlich lokalen Ressource Wasser ist ja, dass die Folgen häufig von der lokalen Gemeinde getragen werden.

Die Umweltfolgen in Bezug auf Wasser sind also häufig in besonderem Maße externalisiert. Das ist der springende Punkt: Lokale Wasserprobleme, die durch globale Produktionsketten gefördert werden, sind hierzulande leider nicht für Konsumenten erkennbar.

Doch die ethische Seite und die hier angesprochene Diskussion ist unglaublich spannend. Das ist eine Wertediskussion, wie westliche Länder mit dieser lebenswichtigen Ressource umgehen. Hierfür bin ich als Wissenschaftler, der sich um die objektive Darstellung von Fakten bemüht, nicht in erster Linie Ansprechpartner.

Dasselbe moralisch verzwickte Urteil sehen wir auch bezüglich des weltweiten CO2-Ausstoßes: „Wie viel CO2 dürfen einzelne Länder in Zukunft ausstoßen?“Zu solchen Fragestellungen gibt es meines Wissens nach noch keine objektiven Antworten.

 

Jonas Bunsen

Jonas Bunsen studierte den Masterstudiengang Water Science und Management an der Universität Utrecht in den Niedelranden mit Zwischenaufenthalten an der TU Dresden und TU Berlin. Nach Stationen beim KWR Watercycle Research Institute, dem International Water Management Institute und adelphi arbeitete er als Berater zum Thema Ökobilanzierung bei der GreenDelta GmbH. Inzwischen ist er seit mehr als vier Jahren Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Technologie und Nachhaltigkeit der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen seiner Promotion forscht er zu Umweltwirkungen von Konsum in Bezug auf Wasser.

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