Interview mit Andrea Klepsch

PR und Nachhaltigkeit – wie passt das zusammen? Andrea Klepsch betreut mit ihrer PR-Agentur modem conclusa Unternehmen aus der Biobranche. Sie spricht im Interview über die Werte, die sie leiten, die große Bedeutung der Beziehung für ihre Arbeit und humanes Wirtschaften.

 

Andrea Klepsch betreut mit ihrer PR-Agentur modem conculsa seit 30 Jahren Unternehmen aus der Biobranche. Dabei verbindet sie kreative Kommunikation mit nachhaltiger Weiterentwicklung des Wirtschaftens. Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Wie sind Sie dazu gekommen, das Unternehmen modem conclusa zu gründen?

Klepsch: Ich war schon immer naturverbunden. Meine Großeltern waren mit mir sehr viel im Wald, sie kannten sich gut mit Kräutern und Pilzen aus. Das stieß bei mir auf tiefe Resonanz. Und ich hatte immer schon Freude an Kommunikation und Austausch, bereits in der Schule. Ein Zufall hat mich dann sofort nach dem Abitur zur PR gebracht: zur klassischen Produkt- und Unternehmens-PR.

Nach sieben Jahren merkte ich, dass PR-Arbeit für herkömmliche, vorwiegend industriell gefertigte Lebensmittel nicht mehr passte. In mir entstand die Frage, wie meine Naturverbundenheit auch im Wirtschaften Ausdruck finden kann. Mit den ersten „Öko-Kunden“ habe ich mich dann vor nunmehr 30 Jahren selbstständig gemacht.

Das stieß damals in meinem privaten Umfeld auf große Verwunderung. Man meinte, mit Öko kann man kein Geld verdienen. Zunächst hatten diese Mahner auch recht. Ich musste anfangs herkömmliche Kunden dazunehmen, um mich zu finanzieren. Dabei habe ich sehr darauf geachtet, dass ich nicht in allzu große Widersprüche gerate.

Waren die „herkömmlichen Kunden“ gar nicht an Nachhaltigkeit interessiert?

Klepsch: Auch die konventionellen Kunden hatten etwas mit Nachhaltigkeit zu tun, selbst wenn sie nicht bio-zertifiziert waren. Dieser Ansatz prägt übrigens bis heute unsere Arbeit. Es ist nicht unser Bestreben, nur für die zu arbeiten, die schon etabliert auf einem nachhaltigen Weg sind. Wir wollen die Verantwortlichen in den Firmen dort abholen, wo sie sind, und gemeinsam die Lösungen für zukunftsfähiges Wirtschaften ausloten.

Selbst die Pionierunternehmen der Biobranche müssen sich weiterentwickeln, sich neuen Herausforderungen stellen. Wir unterstützen sie dabei, herauszufinden was der tiefere Unternehmenssinn ist, wo Entwicklungsfelder für ein mehr an ökologisch-sozialen Parametern ausgerichtetes Wirtschaften sind. Und wir entwerfen eine Kommunikation, mit der größtmögliche Resonanz erreicht wird und Dialogräume eröffnet werden können.

 

Wir sind Partner bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und deren Nutzung für eine Stärkung der Gemeinwohlorientierung. Dabei ist ein wichtiger Aspekt die Transparenz in der Kommunikation hinsichtlich der Zielerreichung bzw. Nichterreichung.

Indem Sie Unternehmen in der Kommunikation beraten, unterstützen Sie auch deren Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit?

Klepsch: Ja, beides gehört für uns zusammen. Als Kommunikationsexpertinnen mit einem profunden Nachhaltigkeitswissen geben wir Impulse für die weitere Entwicklung. Selbstverständlich kommen viele Ideen von den Kunden selbst. Wie schärfen dann die Kommunikation und machen sie resonanzfähig.

Grundsätzlich prägen unsere Arbeit drei Leitwerte. Der erste ist Wertschätzung, der zweite ist Originalität bzw. Kreativität, der dritte Wert ist Weitsichtigkeit. Letzter bringt zum Ausdruck, dass es nicht darum geht, schnelle Lösungen zu finden, die vielleicht sogar der Natur schaden, sondern evolutionär zu denken.

Das simpelste Beispiel sind Werbegeschenke, die oft im Müll landen. Weitsichtigkeit bedeutet vor allem, unser Denken und Handeln danach auszurichten, den Lebensraum und die Ausdrucks-Freiheit der Mitwelt zu respektieren.

Originalität sollte immer mit Verantwortung einhergehen.

Welche Rolle spielt die Verantwortung?

Klepsch: Unseren Wertekanon setzen wir nach innen wie nach außen um. Dabei machen wir nahezu täglich die Erfahrung, dass Wertschätzung und Originalität wie Luft und Wasser sind – nämlich unabdingbar für Lebendigkeit. Wenn es uns beispielsweise gelingt, der Originalität unserer einzelnen Teammitglieder Raum zu geben, finden Entwicklung und Entfaltung statt. Das gilt natürlich auch für unsere Kunden: ihre Einzigartigkeit „herauszuarbeiten“ und zu vermitteln – daraus erfolgen Resonanzen in der Öffentlichkeit.

Originalität sollte dabei immer mit Verantwortung einher gehen. Denn wer sich entfaltet, egal ob Mensch oder Unternehmen, kommt automatisch in Berührung mit anderen. Dies ist der Moment, in dem ich Verantwortung übernehmen muss und mir die Frage zu stellen habe: Wie schränkt das Ausleben meiner Einzigartigkeit die der anderen ein.

Zum Thema Verantwortung innerhalb einer Organisation: Ich gehe davon aus, dass die Individualität der Menschen zur Folge hat, dass der Grad der Verantwortungsübernahme ebenfalls individuell ist und sich deshalb Hierarchien herausbilden. Hierarchien, die einer Organisation Struktur geben und damit auch Stabilität. Die Kunst ist es, darauf zu achten, dass die Strukturen nicht starr werden und dann sehr schnell die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken, was die individuellen Stärken und Kompetenzen der Teammitglieder betrifft.

In Ihrem Team sind ausschließlich Frauen. Ist das absichtlich so? Erleben Sie eine besondere Arbeitskultur unter Frauen?

Klepsch: Dass modem conclusa derzeit rein weiblich ist, ist kein Konzept, es hat sich so ergeben. Im Dienstleistungsbereich gibt es grundsätzlich mehr Frauen. Die dienstleistende empathische Haltung ist vielleicht auch eher eine weibliche Eigenschaft. Nicht ganz so stark vertreten ist dafür bei den Frauen das Durchsetzungsvermögen. Doch mit Beharrlichkeit und Empathie lässt sich viel durchsetzen.

Gibt es bestimmte Prozesse, durch die Sie die Unternehmenskultur fördern?

Klepsch: Wir veranstalten regelmäßig Teamtage, an denen wir gemeinsam an der Zukunft der Agentur und unseren Beziehungen arbeiten. Im Arbeitsalltag sind Küche und Balkon der Ort der persönlichen Begegnung – jenseits von Arbeitsmeetings. Dort sitzen wir mittags beieinander. Manchmal gehen wir auch zusammen eine Runde spazieren, dabei wird Privates besprochen, aber auch Probleme in der Zusammenarbeit.

Auch beim montäglichen Teammeeting tauschen wir uns über berufliche oder persönliche Herausforderungen aus. Eingeleitet wird das Team-Meeting mit einer Stille-Sequenz ein, in der wir die Augen schließen, ganz bewusst atmen und Kontakt mit uns aufnehmen sowie uns verorten im Hier und Jetzt.

In der Werbung wollen wir die Wertschätzung für die Natur und die Menschen, die diese Produkte herstellen, vermitteln.

Mit PR verbinden wir normalerweise nicht Nachhaltigkeit und Empathie, sondern eher Manipulation. Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz von dem anderer Agenturen?

Klepsch: Durch unsere Grundwerte werden die Beziehungen anders gestaltet. In Firmennamen sprechen wir von „Culture of Relations“, nicht von „Public Relations“. Wir haben dieses Motto vor zehn Jahren eingeführt, weil wir der Überzeugung sind, dass PR zu unspezifisch ist, es bedeutet ja einfach nur Beziehung mit der Öffentlichkeit. Mit Culture wollen wir die Qualität der Beziehungen zum Ausdruck bringen.

Ein großer Teil unserer Arbeit ist die Pflege der Beziehung zum Kunden. Um ihn tief zu verstehen, verbringen wir Zeit mit dem Unternehmen, gehen auch mal in die Backstube, wenn es eine Bäckerei ist. Wir gehen in die Fabrik oder nehmen an Mitarbeiterfesten teil. Um sich gemeinsam zu entwickeln, ist es wichtig, in Beziehung zu sein.

Natürlich haben wir die Aufgabe, soweit unsere Kunden Produkte herstellen, diese an die Frau, den Mann zu bringen, um es Mal platt zu sagen. Aber hinter jedem Produkt steht eine Idee, stehen Werte und Zukunftsentwürfe. Diese sind entscheidend, an diesen sind auch immer mehr Menschen interessiert.

Bei einem Kunden steht zum Beispiel die regionale Wertschöpfungskette im Vordergrund, bei einem anderen ist es das Anliegen, über Kräuter die Verbindung zur Natur zu vertiefen. In unserer Arbeit versuchen wir diese tiefere Absicht sichtbar zu machen.

Wir sagen nicht nur „Trink den besten Tee“, sondern „Wenn du Tee trinkst, sei dir bewusst, das sind Naturprodukte und jede Pflanze hat ihren eigenen Charakter“. Denn in der Land- und Lebensmittelwirtschaft, eine Branche in der wir knappe 30 Jahre Kompetenzen und Kontakte aufgebaut haben, handelt es sich immer um Naturprodukte. Die Wertschätzung für die Natur und die Menschen, die diese Produkte herstellen, wollen wir vermitteln.

Heute geht es mehr um ein humanes Wirtschaften.

Dann entstehen Ihre Werbe-Projekte auch sehr stark im Dialog mit dem Kunden?

Klepsch: Ja, wir erarbeiten Projekte und Themen immer aus der Beziehung heraus. Ein Beispiel: Noch vor Corona haben wir für einen Kunden in einem Berliner Shoppingcenter einen Erlebnisraum geschaffen, in dem Kräuter und Meditation unmittelbar erlebbar wurde. Das wurde von den Passanten sehr gern angenommen. Ich war am Anfang skeptisch, aber die Aktion hat eine starke Wirkung gezeigt.

Lehnen Sie auch Aufträge ab, wenn das Unternehmen nicht zu Ihren Werten passt?

Klepsch: Natürlich gibt es Produkte, für die wir nie arbeiten würden. Aber es gibt auch Grenzbereiche. Wir betreuen zum Beispiel eine Mineralwasser-Marke. Im Vorfeld haben wir natürlich diskutiert: Ist nicht Leitungswasser trinken, die einzige nachhaltige Form des Durstlöschens?

Aber dann sind wir „tiefer getaucht“ und haben erkannt, welchen Einfluss ein Mineralbrunnen auf Wasserschutz, Biodiversität und ökologischen Landbau nehmen kann. Eine Botschaft, die wir gern und mit Leidenschaft vermitteln. Auch hat das Unternehmen uns überzeugt, dass ihm dieses Anliegen wirklich am Herzen liegt. Natürlich fordern wir unsere Kunden auch immer wieder heraus bzw. inspirieren sie, noch weitere Schritte auf dem Weg in eine nachhaltige, menschlichere Zukunft zu gehen.

Wie haben Sie sich als Unternehmerin in diesen Jahren entwickelt?

Klepsch: Mein Horizont hat sich unglaublich erweitert. Als ich mit vor knapp 30 Jahren selbständig machte, war ich naturverbunden und wollte die Kommunikation für Naturprodukte übernehmen. Im Laufe der Jahre habe ich immer besser die Zusammenhänge verstanden. Zusammenhänge zwischen Klimaschutz und Biodiversität, zwischen Genderfragen und Armut bzw. Reichtum, zwischen Lebendigkeit und Konsum bzw. Unzufriedenheit.

In den letzten Jahren ist mein Verständnis von Globalität und Regionalität, von ökologisch-sozialer Wirtschaftsweise vielschichtiger geworden. Anfänglich lag mein Fokus auf der ökologischen Dimension. Heute weiß ich, dass wir die ökologischen Herausforderungen nicht meistern werden, wenn wir uns nicht den sozialen Themen und den Gerechtigkeitsfragen stellen. Da kommt dann auch das Thema Gendergerechtigkeit in Spiel. Mehr Frauen in Führungspositionen, mehr männlich-weiblich ausgewogene Teams werden der Welt ein anderes Gesicht geben.

Ich habe viele Trends gesehen, auch Entwicklungen wie New Work, was zum Teil ein richtiger Hype ist. Was heute als dezentrale Arbeitsweise mit Home-Office angepriesen wird, haben wir schon vor vielen Jahren gemacht.

Mir geht es im Grunde um ein humanes Wirtschaften. Der tiefere Begriff hinter Nachhaltigkeit ist Menschlichkeit. Liegt unsere Zukunft in weiterem Konsum oder wie können wir auf andere Weise zufrieden sein? Wie wichtig das Miteinander ist, habe ich übrigens auch in der Zusammenarbeit mit meiner Geschäftspartnerin Uti Johne erfahren, die seit 2011 Mitgesellschafterin und Geschäftsführerin ist. Seit 2019 sind wir nun dabei, den Kreis der Mitgesellschafterinnen zu erweitern. Dabei sind wir immer mit dem gesamten Team im Austausch. Auch das heißt für uns Culture of Relations.