Die Gier zerstört das Glück

Schorlemmer-neu

Wer viel hat, will viel mehr, so die Analyse von Friedrich Schorlemmer
in seinem neuen Buch „Die Gier und das Glück“. Darin kritisiert er Maßlosigkeit und Gier und ruft zum Maßhalten und Teilhaben auf.Schorlemmer legt ein wichtiges Buch vor, das viele Wahrheiten und Einsichten zum problematischen Ist-Zustand unserer vom Finanzkapitalismus und Neoliberalismus dominierten Welt enthält. Es entstand aus Gesprächen für einen Beitrag in der ZEIT im Juli 2013, dessen Aussagen vertieft und weiterentwickelt wurden.
Ein gewisses Maß an „Gier“, die Kraft des Begehrens, so seine These, ist für unser Glück, ja für menschliches Leben unverzichtbar. Aber um das Maß geht es eben, und da liegt in unserer Gesellschaft einiges im Argen. Alle Menschen sind auf der Suche nach Glück. Doch bei der Frage, wie man es findet, sind wir auf dem falschen Weg: Die Gier, so Schorlemmer, ist der Krebs unserer Gesellschaft: „Sie ist der untaugliche Versuch, Sinndefizite auszugleichen: Wer viel hat, will viel mehr, obwohl er gar nicht mehr braucht.“ Wir haben das Gefühl für kluges Maßhalten verloren.
Das Marktprinzip habe zwar aus guten Gründen gesiegt, aber das sei keine Rechtfertigung dafür, dem Menschen die Gier quasi als Tugend einzupflanzen und ihm nicht nur zu ermöglichen, sondern ihn gar dazu zu zwingen, in jeder Hinsicht aggressiver als sein jeweiliger Konkurrent zu sein. So schaffe unser dereguliertes Weltwirtschaftssystem keine lebenswerte, nachhaltige Welt, sondern verbaue uns die Zukunft. Denn Glück sei nicht Haben, sondern vielmehr Teil-Haben. Doch wo Zwänge der Gewinnmaximierung vorherrschen, geht das Solidarische verloren.
Aufgeteilt in 24 kurze Kapitel, ist dieses Buch mit seinen harten, kritischen, aufrüttelnden Worten eine anregende, aufschlussreiche Lektüre. Man kann es immer wieder einmal zur Hand nehmen, um sich durch das eine oder andere Kapitel neu inspirieren zu lassen – und vielleicht auch, um sein eigenes Handeln immer wieder einmal zu hinterfragen.
Friedrich Schorlemmer, Jahrgang 1944, in einer Pfarrfamilie in der DDR aufgewachsen, ist ein evangelischer Theologe, der sich durch zahlreiche Buchveröffentlichungen meist politischen und theologischen Inhalts einen Namen gemacht hat. Als Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“ war er eine führende Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. 1993 erhielt er den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“.

Michael Schaeffer

Friedrich Schorlemmer. Die Gier und das Glück. Wir zerstören, wonach wir uns sehen. Verlag Herder 2014

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Cover Gaub Szenario

Zukunft zum Selbermachen

Ein interaktives Buch von Florence Gaub Dies ist kein normales Sachbuch, sondern ein Experiment: Die Leserinnen und Leser schlüpfen in die Rolle eines Politikberaters und müssen einen außenpolitischen Konflikt lösen helfen, der die ganze Welt betreffen könnte. Dafür gibt es verschiedene Szenarien.
Cover Raubzug von rechts

Wie sich Anti-Demokraten tarnen

Die Neue Rechte deutet Werte um Die Rechtspopulisten vereinnahmen Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Widerstand. Die Historikerin Ruth Hoffmann zeigt, wie rechte Organisationen Geschichte umdeuten und demkratische Ideen mit ihrer Ideologie neu besetzen. Ein lehrreiches Buch gegen Verharmlosung rechtsextremer Politik.

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Students,Have,Divided,Into,Two,Teams,And,Are,Discussing,Tactics

Wahrheit ist keine Privatsache

Demokratie lebt vom Austausch Wahrheit ist nicht subjektiv und keine Privatsache, sondern etwas, das im Dialog gemeinsam gefunden werden kann. Dabei ist die Kunst, Fragen zu stellen, wichtig, sagt die Philosophin Sarah Gebhardt. Denn fragen bedeutet, die eigene Begrenzheit zu sehen und den Dialog zu suchen. Das ist die Basis für die Demokratie.
Vitaly Gariev/ Unsplash

Was bleibt von der romantischen Liebe?

Eva Illouz und die Ökonomisierung von Beziehungen Wie wir lieben, ist keine rein private Angelegenheit, sondern auch gesellschaftlich bedingt. Die Ökonomisierung macht auch vor Paar-Beziehung nicht halt und verändert die Liebe, das ist die These der Soziologin Eva Illouz, die darüber empirisch geforscht hat. Der Artikel stellt zentrale Gedanken im Werk der Autorin über die Liebe vor.
Foto: privat

“Was uns retten kann, ist die Liebe”

Portrait einer Sufi-Lehrerin Rosina-Fawzia Al-Rawi ist Sufi-Lehrerin und in Orient und Okzident zu Hause. Schon in der Kindheit erwachte ihr Interesse an tieferen Lebensfragen. Mike Kauschke zeigt ihren Weg in die Spiritualität und was das überhaupt bedeutet: „Der Kern eines Menschen ist unendliche Güte."
Obdachloser vor Pradaplakat

Warum Neid nicht gleich Neid ist

Und was Politik damit zu tun hat Viele Menschen kennen Neid auf andere, die es scheinbar leichter haben. Doch anders als etwa in Schweden wird in Deutschland so mancher Neid auch politisch erzeugt, etwa wenn Kinder je nach sozialer Schicht unterschiedlich gefördert werden. Mehr Gerechtigkeit bedeutet auch weniger Anlass zu Neid.