Eine Farm leidet unter Wassermangel

Die Etusis Farm in Namibia hat wegen mangelndem Regen mit akuter Dürre zu kämpfen. Die Journalistin Agnes Polewka hat Johan Kesslau auf auf seiner Farm besucht, wo bei 50 Grad in der Sonne Viehhaltung kaum noch möglich ist und die Landwirtschaft an Grenzen stößt.

„Kannst du den Regen riechen?“, fragt Johan Kesslau. Der 51-Jährige atmet tief ein. Erde und Moder. Kesslau manövriert seinen 41 Jahre alten Toyota Landcruiser über die einzige „Straße“ auf dem 21 Hektar großen Gelände rund um die Farm, eine schmale, holperige Schotterspiste. Der Fahrtwind verschluckt sein Seufzen.

Vor zweieinhalb Jahren ist Johann Kesslau mit seiner Frau Monica auf die Etusis Farm gezogen. Sie wollten die Farm bewirtschaften und sich um die Touristen kümmern, die in Bungalows, Zelten und im alten Farmhaus Urlaub machen. Zuvor betrieb das Paar ein Gästehaus im Okavango-Delta. In unmittelbarer Nachbarschaft lebten Flusspferde. Johann Kesslaus Augen blitzen auf, wenn er über sie spricht. Die Wildnis, die Tiere, das Ökösystem – der Gedanke daran treibt ihn stets um. Zuletzt vor allem die Sorge darüber.

Keine nachhaltige Landwirtschaft

Die Farm hat mit akutem Wassermangel zu kämpfen. In den vergangenen acht Jahren ist kaum Wasser in den Boden gesickert. Kein richtiger Regen, nur wenige Tropfen. Zu wenige. „Es wird immer trockener. Nicht nur hier, auch im gesamten westlichen Teil Namibias, rund um die Spitzkoppe oder den Brandberg“, sagt Kesslau.

Die Dürre hat das Bergpanorama mit Beige- und Brauntönen überzogen. Staubige Pisten, Geröll, 50 Grad in der Sonne, 41 Grad im Schatten. Bergzebras und Paviane, die sich in der Dämmerung am Wasserloch tummeln. Wunderschön und schmerzlich zugleich, bittersüß.

Als das Etusis-Gelände noch grün gesprenkelt war, zu Beginn der 10er-Jahre, lebten auf den Koppeln und in den Ställen der Farm 600 Schafe, 125 Rinder sowie 43 Pferde. Heute, einige Jahre später, sind 85 Schafe übriggeblieben, 17 Rinder, zehn Pferde und drei Fohlen. Der Viehbetrieb lohnt sich kaum noch. Die, die weitermachen wollten, haben es schwer.

Johan Kesslau leidet unter der Dürre auf seiner Farm. Foto: Agnes Polewka

„Von Seiten der Regierung gibt es kaum Unterstützung. Im vergangenen Jahr hatten wir beispielsweise massive Probleme bei Grenzübertritten. Farmer, die ihr Stroh in Südafrika besorgen wollten, wurden gezwungen, es an der Grenze zurück zu lassen. Dort wurde es zerstört – um die Ausbreitung von Krankheiten aus anderen Ländern zu verhindern“, sagt Kesslau. Er schüttelt den Kopf.

Auf Etusis lebt Johan Kesslau in der Abgeschiedenheit der Wildnis, und doch verfolgt der 51-Jährige die politische Entwicklung in seinem Heimatland mit wachsamen Auge, runzelt beim Gedanken daran die wettergegerbte Stirn. Von sich selbst gibt er wenig preis, er vermittelt stets den Eindruck, es gäbe wichtigere Themen zu besprechen.

Einen kleinen Einblick in das Innerste Johan Kesslaus gewinnt man, wenn man die beiden deutschen Freiwilligen, die auf Etusis arbeiten, über ihn reden hört: Großherzig sei er hinter seiner rauen Fassade. Seinen Mitmenschen und anderen Lebewesen gegenüber. Und: Johan Kesslau kennt sich gut mit Sternenbildern aus. Er hat gern das große Ganze im Blick.

Im eigenen Land beobachtet Kesslau aktuell folgendes: Die Namibier stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Selbst wenn ein Problem gelöst ist, taucht in Kürze garantiert das nächste auf. „Die Landwirtschaft ist einfach nicht mehr nachhaltig.“ Weder in Etusis noch auf den anderen umliegenden Farmen, die viele ihrer Mitarbeiter entlassen mussten. Mit der Dürre steigen auch die Arbeitslosenzahlen derer, die früher in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Und mit ihnen die Zahl der Fälle von Wilderei.

Mehr Wilderei, weil Leute ihre Jobs verlieren

Kesslau hält den Geländewagen an, steigt aus, deutet auf Spuren im Sand. „Ein Leopard. Die Abdrücke sind nicht mehr ganz frisch.“ Der 51-Jährige ist ein erfahrener Fährtenleser. Er entfernt sich einige Schritte von seinem Wagen, betrachtet den Boden, hängt kurz seinen Gedanken nach. „Man kann versuchen, die Wilderei zu kontrollieren. Aber auf einer 21 Hektar großen Fläche wäre es ein Fulltime-Job, allen Fährten der Tiere zu folgen“, sagt Kesslau.

Viehhaltung ist wegen des Wassermangels kaum mehr möglich. Foto: Agnes Polewka

Mindestens ein Mal am Tag fährt er über das Gelände, hält nach Auffälligkeiten Ausschau, nach selbstgebauten Fallen aus Metall und Kabelbindern, nach schwer verletzten Tieren, die die Falle ein Bein gekostet hat. „Wir können dann nicht mehr viel machen, außer das Zebra oder das Kudu zu töten.“

Insbesondere bei Vollmond rückt der 51-Jährige aus. Im Licht des Mondes und dem Schutz der Nacht seien vermehrt Wilderer unterwegs. „Sie jagen willkürlich. Hauptsache Fleisch“, sagt Kesslau. Heimische Oryx-Antilopen oder Springböcke seien ebenso bedroht wie die Bergzebras, die rund um die Farm leben.

Kesslau steigt wieder in den Landcruiser, steuert ihn an entwurzelten Bäumen und Gestrüpp vorbei. „Wir haben viele Bäume entfernt. Die Arkadien entziehen dem Boden sehr viel Wasser, ohne einen großartigen Nutzen für die Tiere oder die Natur zu haben. So versuchen wir, das Areal nachhaltiger zu gestalten“, sagt Johan Kesslau.

Auch das Grundwasser versiegt

Am Horizont schimmern gleißend weiße Flächen auf den Bergoberflächen: Minen. „Hier auf dem Farmgelände befinden sich vier Minen, die fünfte steht kurz vor der Eröffnung“, sagt Kesslau. Internationale Firmen, mehrheitlich aus China, bauen dort Marmor ab. Sie transportieren 12 bis 24 Tonnen wöchentlich ins 200 Kilometer Walvis Bay, von wo aus die Blöcke verschifft werden. Aber nicht nur Marmor wird in den Minen abgetragen, sondern auch Lithium und Gold, wenn auch in geringeren Mengen.

Sogar die Grundwasservorräte versiegen. Foto: Agnes Polewka

Eine in den Minen dringend benötigte Ressource: Wasser. „Sie bedienen sich mehr oder weniger am gleichen Grundwasser. Das führt dazu, dass wir immer tiefer bohren müssen, um überhaupt an Wasser zu kommen. Anfang vergangenen Jahres pumpten wir Wasser aus 65 Metern Tiefe ab, inzwischen sind wir bei 146 Metern. Bei 500 Metern ist Schluss, tiefer können wir nicht mehr gehen.“

Johan Kesslau wendet den Wagen und fährt in der Dämmerung zurück Richtung Farmhaus. In der Ferne zucken Blitze über den Horizont. Ein Donnergrollen. Einige Regentropfen perlen am Lack des Landcruisers ab. „Weißt du, was Etusis bedeutet?“, fragt Johann. „Nie versiegendes Süßwasser.“

Agnes Polewka

Infos:

Die Etusis Farm liegt zwischen Swakopmund und Windhoek, die nächste größere Stadt ist das etwa 40 Kilometer entfernte Karibib. Die Farm wurde 1947 von einem Norweger errichtet, anschließend übernahm eine deutsch-namibische Familie den Betrieb, die die Farm Anfang der neunziger Jahre an eine Familie aus Hamburg verkaufte, die bis heute Besitzer der Farm geblieben ist.

1993 errichteten die Hanseaten auf dem Farmgelände die Etusis Lodge, die sieben Bungalows, fünf Gästezelte und das alte Farmhaus umfasst, die angemietet werden können. Die touristischen Angebote orientieren sich an nachhaltigen Konzepten: Reiten, Wander- und Radtouren. Kontakt: lodge@etusis.com