Weisheitstraining online – Neuer Durchgang startet im September

Die Macht des Friedens

Vera Kailova/ shutterstock
Die John Lennon Wall in Prag |
Vera Kailova/ shutterstock

Eine Rede wider den Krieg

Krieg und Herrschaft zerstören alles Lebendige und ersetzen Politik durch Gewalt. Russlands Krieg in der Ukraine ist unbedingt abzulehnen. Der Philosoph Christoph Quarch fordert den Westen auf, sich von der Illusion zu verabschieden, dass alles von allein gut wird. Wir müssen Europa einen und das Politische stärken.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Der Denker, der das sagte, war kein Kriegstreiber und auch kein Militarist. Im Gegenteil: Heraklit von Ephesos (545-475 v.Chr.) war ein Philosoph der Harmonie. Die stimmige Einheit in der Vielheit war sein großes Thema. Doch sah er, was der Krieg bewirkt: „Die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Herren.“ Der Krieg bestimmt die menschlichen Verhältnisse. Er macht klar Tisch. Und er macht Ernst. Unbedingt.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Kriege immer noch so viele Menschen faszinieren. Auch jetzt, da in der Ukraine Krieg ist. Niemand spricht es deutlich aus, doch schwingt in der Berichterstattung eine sonderbare Saite mit: eine Faszination für das existenzielle Entweder-Oder, das auch bei Heraklit anklingt.

Vielleicht ist es auch ein – unsanftes – Erwachen aus einer Trance des „Alles wird gut“, in die sich so viele Menschen in der Postmoderne eingerichtet haben. Der Krieg in der Ukraine und die russische Drohung einer nuklearen Eskalation führen uns in aller Schonungslosigkeit vor Augen: Nein. Es wird nicht alles gut. Und in der Ukraine schon mal gar nicht.

Der Krieg wischt auch die liebste unserer Illusionen fort: den Glauben daran, dass der Markt die Politik ersetzen kann. Der Markt, der nach dem neoliberalen Dogma die regulatorische Kraft par excellence ist, versagt angesichts der kriegerischen Gewaltentfesselung komplett. Er kann selbst zur Waffe werden, aber damit wird er der Logik des Krieges unterworfen.

Es scheint, als brächte uns der Krieg zurück, was wir im Westen ganz vergessen hatten: den Ernst des Politischen – den Ernst eines Politischen, das seinerseits ein Kind des Krieges ist, wie es der nationalsozialistische Jurist Carl Schmitt in seiner Abhandlung über den „Begriff des Politischen“ von 1932 behauptet hatte. – Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

Putin wird Herrschaft bekommen, aber keine Macht

Gleichwohl ist er unbedingt abzulehnen. Mag der Krieg der Vater von Ordnungen und Verhältnissen sein. Er ist ganz sicher nicht der Vater des Lebendigen. Im Gegenteil: Er ist ein Schlächter, der das Leben überall zerstört: das menschliche Leben sowieso, aber auch das Leben der Natur. Auch das muss angesichts eines inakzeptablen Krieges im 21. Jahrhundert gesagt werden. Wer heute bombt und Panzerdivisionen auf die Reise schickt, begeht nicht nur ein Verbrechen an der Menschheit, sondern auch ein Verbrechen an der Erde.

Aber selbst wenn der Krieg nicht millionenweise Leben kosten würde, ist er unbedingt abzulehnen. Auch wenn kein einziger Schuss fallen würde und alleine Worte, Cyber-Attacken oder Drohungen als Waffen zum Einsatz kämen, wäre er auf keine Weise akzeptabel. Schon gar nicht als ein Instrument der Politik.

Denn der Krieg macht Politik unmöglich. Er ersetzt Politik durch Gewalt – und Gewalt ist etwas anderes als Politik. Niemand hat diesen Gedanken so pointiert vorgetragen wie die Philosophin Hannah Arendt.

Sie hat gezeigt, dass sich Gewalt einer durch und durch unpolitischen Logik verdankt: einer Logik, die nie das Gemeinwesen – die Polis – und dessen Wohlergehen vor Augen hat, sondern lediglich die Herrschaft über Menschen. Hinter Gewalt und Krieg steht nie das Leben, sondern immer nur der Willen; genauer, mit Friedrich Nietzsche, der Willen zur Macht.

Krieg und Gewalt folgen der instrumentellen, nicht der politischen Vernunft. Sie gehören in die Welt der Technik, die Methoden und Instrumente ersinnt, um zu bekommen, was man will. Gewalt, so Hannah Arendt, ist immer instrumentell. Ein Instrument, das seine Legitimität allenfalls aus den Zwecken bezieht, die mit ihm verfolgt werden. Deshalb muss selbst Putin irgendwelche Zwecke imaginieren, die die von ihm entfesselte Gewalt legitimieren sollten. Er könnte es sich sparen, denn die ganze Welt weiß, dass es ihm allein um Herrschaft geht – um Herrschaft und um Macht.

Erstere wird er bekommen. Letztere nicht. Denn, auch diese Einsicht verdanken wir Hannah Arendt, Macht ist auf dem Wege der Gewalt nicht zu gewinnen.

Macht wächst nur auf dem Boden der Freiheit

Putin wird nicht anders können, als eine auf Dauer gestellte Gewaltherrschaft in der Ukraine zu implementieren – und in seinem eigenen Land. Die Gewaltmittel dazu hat er. Das ist das Verstörende.

Macht über die Menschen aber wird er nicht bekommen. Macht entsteht aus der freien Zustimmung der Menschen, nicht aus ihrer Unterdrückung. Anders als Gewalt wächst Macht nur auf dem Boden der Freiheit bzw. im Raum des Politischen, der es Menschen erlaubt, sich zusammenzuschließen und als Gemeinwesen zu handeln. Macht ist eine Frucht der Politik, nicht das Produkt von Gewalt.

Deshalb wurzelt das Politische niemals im Krieg. Wer wie Putin Kriege führt, treibt keine Politik, sondern nutzt Gewalt als Instrument einer Technik des Beherrschens, die das Politische und damit auch Freiheit und Lebendigkeit zerstört.

Deshalb ist der Krieg selbst da abzulehnen, wo er „kalt“ bleibt und nur durch Drohungen geführt wird. Auch Drohungen sind Gewalt. Er zerstört das Menschliche. Dem Menschlichen dient nur die Politik bzw. die Diplomatie.

In einem der ältesten politiktheoretischen Diskurse der europäischen Kultur geht es um die Frage, wie Menschen und Staaten auf sinnvolle Weise miteinander umgehen können.

In seinem Dialog „Die Gesetz“ (gr. Nomoi) lässt Platon einen der Gesprächspartner behaupten, alles staatliche Handeln müsse darauf angelegt sein, Macht zu generieren und im Kriegsfall zu obsiegen; „weil nichts anderes, weder Besitztümer noch Einrichtungen, irgendeinen Nutzen gewähren, sofern man nicht im Kriege den Sieg davontrage“ (Lg. 626a+b). Der Sinn einer Rechtsordnung sei daher, ausreichend Gewalt mobilisieren zu können, um erfolgreich im Krieg bestehen zu können.

Dem lässt Platon einen namenlosen Athener – in dem viele Interpreten die Stimme des Autors selbst vermuten – entgegnen: Der Sinn einer Rechtsordnung könne immer nur sein, „Frieden und einen Geist der Freundschaft“ zu kultivieren.

Denn nur auf dem Fundament des Friedens kann ein Haus des Politischen errichtet werden, in dem Menschen mit der Macht der Gemeinsamkeit in Freiheit handeln. Politik, die wirklich ihren Namen verdient, kann niemals eine Technik der Gewalt bzw. des Krieges sein, sondern immer nur eine Kunst bzw. Kultur des Friedens. Und sie ist das Einzige, mit dem man der Gewalt des Krieges dauerhaft begegnen kann.

Der Westen muss die Macht des Politischen wieder stärken

Der Westen – das ist die schmerzliche Lektion, die wir jetzt lernen müssen – hat es in den letzten Jahren versäumt, die Kunst des Friedens mit Russland zu praktizieren. Es war nicht gut und auch nicht wahr, Russland als „Regionalmacht“ (Barak Obama) zu diffamieren. Und es war töricht zu glauben, mit Hilfe des Marktes und der Wirtschaft (die ebenfalls der instrumentellen Vernunft folgen) Russland unter Kontrolle zu halten.

Auf diese Weise konnte kein auf Dauer friedliches, spannungsvolles, aber stimmiges Verhältnis zu Russland geschaffen werden. Für die Rettung der Ukraine ist es nun zu spät. Für die Rettung Europas – hoffentlich – noch nicht.

Das Gebot der Stunde kann nur eines sein: Der Westen darf sich nicht der Logik der Gewalt unterwerfen. Er muss, im Gegenteil, die Macht des Politischen wiederentdecken und so schnell es geht entfesseln. Und das heißt zweierlei.

Erstens: Das Ökonomische muss hinter das Politische zurücktreten. Der Markt hat schon in der Pandemie versagt, und er versagt noch mehr im Krieg. Der Neoliberalismus ist nicht unsere größte Stärke, sondern im Gegenüber zu einer aggressiven Atommacht unsere größte Schwäche.

Zweitens: Wir müssen als politische Einheit zusammenfinden. Wir, das ist vor allem die Europäische Union. Sie muss dringend zu einem politischen Raum Europas ausgebaut werden, der mit einer kraftvollen Stimme gegenüber Russland sprechen kann.

Solange es hier Polen, Ungarn, Tschechien und dergleichen gibt, wird der russische Hunger nach diesen Nationen bleiben. Deshalb: Schluss mit dem nationalstaatlichen Denken! Ein einiges Europa, besser heute als morgen. Nutzen wir die Ungunst dieser Stunde dazu, endlich das Notwendige zu tun! Machen wir Ernst!

Nutzen wir den Frieden im Bereich der Europäischen Union, um in ihr eine menschliche und lebensdienliche politische Macht zu erzeugen. Üben wir die Kunst des Friedens für ein machtvolles politisches Europa, das in nicht mehr allzu ferner Zukunft auch mit Russland koexistieren kann.

Üben wir die Kunst des Friedens, denn allein der Frieden ist es, der das Leben und das Menschseins möglich macht. Mag der Krieg der Vater aller Dinge sein: Die Friedin ist die Mutter allen Lebens.

Foto: Ulrich Mayer

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de

 

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Lia Bekyan/ Unsplash

Emanzipation: Männlichkeit anders gestalten

Interview über progessive Männerbilder Der Fall Jeffrey Epstein zeigt besonders drastisch, wie mächtig patriarchale Netzwerke sind und dass sexualisierte Gewalt und Ausbeutung Teil dieser Männerkultur sind. Der Psychologe Markus Theunert ist überzeugt: Mannsein kann und sollte anders gestaltet werden. Es sei ein Akt der Emanzipation, wenn Männer eigene Wege suchen, statt gesellschaftlichen Männlichkeitsidealen zu entsprechen.
Krakenimages/ Unsplash

Alkohol: immer ein Risiko

Warum wir Alkohol trinken  In wenigen Ländern wird so viel Alkohol getrunken wie in Deutschland. Stefanie Uhrig hat dazu recherchiert: Wir trinken vor allem dann, wenn wir starke Emotionen verspüren. Doch es gibt keine risikofreie Menge. Wie gelingt es, weniger zu trinken?

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Foto: Christof Spitz

Versöhnung mit der Endlichkeit

Wandel wirklich bewusst akzeptieren Wir sind gut darin, die Veränderlichkeit des Lebens zu übergehen. Doch das Offensichtliche zu leugnen kann Leiden nicht vermeiden. Der Philosoph Ludger Pfeil lädt dazu ein, sich der Endlichkeit mutig zu öffnen und sie umarmend ins Bewusstsein zu nehmen. So könne man flüchtige Momente des Lebens erkennen, schätzen und ergreifen.
Getty Images/ Unsplash

Der Körper als sicherer Ort

Achtsame Bewegung bei Ängsten und depressivem Erleben Achtsame Bewegung durchbricht Grübelspiralen, Ängste und Sorgen. Das zeigt die Embodiment-Forschung, die die Rolle des Körpers für den Geist betont. Ulrike Juchmann, erklärt, wie die Wahrnehmung des Körpers ins unmittelbare Erleben führt. Schon durch kleine Bewegungen können wir den Geist entlasten.
Cover Sind Flüsse Lebewesen

„Flüsse fließen durch mich hindurch“

Ein großartiges Leseerlebnis Robert Macfarlane ist einer der bekanntesten Naturschriftsteller. Auch sein neuestes Buch bringt uns mit anmutiger Prosa zum Staunen. Es berichtet von Reisen zu drei großen Flüssen zu Fuß und im Kanu – mit all den Abenteuern, der Faszination und Zerstörung. Und der Botschaft: Wir müssen das Lebendige schützen, von dem wir Menschen nur ein Teil sind.
Foto: privat

Mehr Gelassenheit – nach der Stoa

Vortrag von Cornelia Mooslechner-Brüll Wie können wir mehr Gelassenheit kultivieren? Die Philosophin Mooslechner-Brüll empfiehlt in Anlehnung an die Stoa, unsere Urteile über die Dinge zu ändern. Das schenkt mehr innere Freiheit.