Popovic ohne

Die Macht liegt auf der Straße

Ein Buch über gewaltlosen Widerstand

Das Buch „Protest“ erzählt von gewaltfreien Protestformen weltweit – mit vielen Beispielen und Tipps: wie man eine Strategie entwickelt, Menschen begeistert, Verbündete findet und die Macht sichert. Der Autor Srdja Popovic gehörte zur Bewegung Otpor! in Serbien, die dazu beitrug, den Diktator Milošević zu stürzen.

Die Macht ist da, sobald es Menschen gibt, die sie ergreifen, sagt die Philosophin Hannah Arendt. Aber nur in der Demokratie ist Macht politisch legitimiert. Der politische Aktivist Srdja Popovic hat nun ein Buch darüber geschrieben, wie Menschen diese Macht ergreifen können, sogar in Unrechtsregimen, in denen mit Gewalt regiert wird.

Der Mann weiß, wovon er spricht. Der Serbe gehörte zu der Bewegung Otpor! [Widerstand], die wesentlich dazu beitrug, im Jahr 2000 Slobodan Milošević zu stürzen und ein demokratisches System in Serbien aufzubauen.

Der „Tagesspiegel“ bezeichnete den Autor als „Widerstandsguru“, denn Popovic gründete später die Organisation CANVAS, die heute Widerstandsbewegungen weltweit berät, sei es in Ägypten, Myanmar, Syrien, auf den Malediven oder anderswo.

Doch es geht ihm nicht nur um die großen Revolutionen, sondern um jegliche Art von Protesten und politischen Veränderungen, etwa von kleinen Bürgerinitiativen. Das Buch ist auch nicht, wie manchmal fälschlich berichtet wird, eine „Anleitung zum Widerstand“, denn die Verhältnisse sind in jedem Land anders, und es gibt dafür keine Blaupause. Popovic vermittelt vielmehr anschaulich und praxisnah Prinzipien, nach denen Protest funktionieren kann.

Werkzeuge des Protests

Um diese Prinzipien des Protests geht es in elf Kapiteln – und zwar mit ganz praktischen Überlegungen, Beispielen und Tipps: Am Anfang steht die Vision, die man braucht, um Menschen für Veränderungen zu begeistern. Dazu gehören auch ein gemeinsames Symbol, das diese Vision verkörpert – für Otpor! in Serbien war es die geballte Faust – und ein einheitliches Auftreten. Beides stiftet Identität und verstärkt den Zusammenhalt.

Auf dem Weg zum Machtwechsel sind dann originelle, nicht unbedingt konfrontative Aktionen nötig, mit denen man sogar einer Armee oder der bewaffneten Polizei die Stirn bieten kann. Dafür prägte Popović den Begriff „Lachtivismus“ (aus Lachen und Aktivismus), der gegen das größte Hindernis wirke: die Angst. Hier gibt der Aktivist selbst ein gutes Vorbild ab – mit seinem Humor, der zuweilen saloppen Sprache, und seinem großen Mut.

Die Belgrader Studenten zum Beispiel stellten in der City eine Tonne mit dem Portrait von Milošević auf. Dazu schrieben sie „Schlag’ ihm in die Fresse! Nur ein Dinar“ und legten einen Baseball-Schläger daneben. Die vorbeigehenden Passanten nahmen die Gelegenheit wahr und machten mit. Mit solchen Aktionen, so der Aktivist, könne man das Regime ins Dilemma bringen und gleichzeitig Aufmerksamkeit erregen und die Basis der Bewegung vergrößern.

Weiter gibt Popovic Hinweise zu Planung und Strategie, denn man kann die politische Macht, die man für einen demokratischen Wandel braucht, nur Schritt für Schritt erobern und benötigt eine wohldurchdachte Taktik. Als ein Beispiel zieht er die Widerstandsbewegung auf den Malediven, einem Ferienparadies, heran, die Partys mit der Nationalspeise Reispudding veranstaltete, um sich zu formieren. Irgendwann rückte die Polizei an, um die Speisen zu konfiszieren – das war die Initialzündung für eine landesweite demokratische Protestbewegung.

Der Autor geht auch auf das Thema „Der Dämon der Gewalt“ ein. Er ist ein glühender Verfechter der Gewaltlosigkeit. Nur auf gewaltfreiem Wege könne man die Massen für sich gewinnen – und dies ist ja das Ziel, wenn man Großes erreichen will. Er lehnt also Gewalt nicht nur aus moralischen, sondern auch aus strategischen Gründen ab.

Das Kapitel „Die Sache zu Ende führen“ ist auch interessant. Es sei oft schwierig herauszufinden, ob man sein Ziel erreicht habe und die Bewegung nachhaltig erfolgreich sei. Weder dürfe man sich zu früh, solange der Gegner noch aktiv ist, zum Sieger ausrufen, noch zu spät, denn dann verpasse man seine Chance, Stärke zu zeigen. Auch hierfür werden wieder Beispiele angeführt, etwa eine Analyse der Studentenbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die politisch etwas bewegen wollen und dazu Werkzeuge brauchen. Es ist von der starken Überzeugung getragen, dass es nicht die Eliten sind, auf die es ankommt, sondern auf Menschen wie du und ich, die sich zusammenschließen und – auch im Sinne von Hannah Arendt – ihre Macht ergreifen. Denn Macht ist weder gut noch schlecht, sie muss nur demokratisch legitimiert sein.

Wer denkt, man könne als Einzelner nichts bewirken, sollte „Protest!“ lesen, denn das Buch ist motivierend, bringt viele beeindruckende Beispiele für ziviles Engagement und regt die Fantasie an. Es wirkt der größten Krankheit unserer Gesellschaft entgegen: der Apathie. Allein dafür gebührt dem Autor Dank. Er zeigt, was möglich ist, wenn wir uns ein Herz nehmen und für die Veränderungen, die wir uns wünschen, auch kampfen.

Birgit Stratmann

Srdja Popovic und Matthew Miller: Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015. 240 S., 16,99 €

 

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