Ein Beitrag von Matthieu Ricard

Wir sollten uns nicht von Pessimismus und Untergangsstimmung irre machen lassen, so der buddhistische Mönch Matthieu Ricard. Fürsorge und Mitgefühl sind starke Kräfte, die unseren Planeten retten könnten. Wir müssen in größeren Zeiträumen denken.

Altruistisch, selbstlos zu sein, ist das, was uns und unseren Planeten retten könnte! Die Mehrheit der sieben Milliarden Menschen verhält sich meistens anständig. Allerdings gibt es auch brutale Gräueltaten in der Welt. Doch dies sind tragische Ausnahmen von dem, was die Grundstruktur unseres Lebens ausmacht: die Alltäglichkeit der Güte. Die Tatsache, dass es Anomalitäten und Abweichungen gibt, führt dazu, dass die Gewalt die Schlagzeilen bestimmt. Das allerdings sollte uns nicht dazu verleiten in das Lamento „Die Welt ist schlecht“ zu verfallen.

Die Evolution hat unser Gehirn so verdrahtet, dass wir zuerst mögliche Gefahren im Fokus haben und entsprechend darauf reagieren. Aber der überwiegende Teil zwischenmenschlicher Interaktionen ist eher konstruktiv als destruktiv.

Die Gewalt nimmt ab

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung hat sich die Gewalt seit Jahrhunderten vermindert. In Europa kamen während des 14. Jahrhunderts 100 Morde auf 100.000 Einwohner. Heute ist dieses Verhältnis von eins auf 100.000 gesunken.

In anderen Worten, die Wahrscheinlichkeit, einem Mord zum Opfer zu fallen, hat sich in Europa im Vergleich zum 14. Jahrhundert um ein Hundertfaches verringert. Das gilt auch für alle anderen Entwicklungen im Zusammenhang mit Gewalt. Ein anderes Beispiel: In den USA sind der Kindesmissbrauch und die Ausbeutung von Kindern in den letzten 20 Jahren um die Hälfte zurückgegangen.

Viele andere Fortschritte sind erreicht worden. In den letzten 20 Jahren ist dank der Milleniumsziele der Vereinten Nationen die Anzahl der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, von 1,5 Milliarden auf 750 Millionen gesunken. Natürlich sind das immer noch zu viele, aber diese Zahl wird weiter abnehmen.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass wir als soziale Wesen eine viel stärkere Veranlagung zur Kooperation haben als zum Konkurrenzkampf. Tatsache ist, dass Babys schon im Alter von einem Jahr altruistischen Menschen den Vorzug geben vor denen, die Feindseligkeit gegenüber Dritten zeigen.

Selbstbezogenheit kann unsere Probleme nicht lösen

Wenn wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen wollen, wird uns Selbstbezogenheit nicht helfen. Wir sind mit drei verschiedenen Herausforderungen konfrontiert: Das kurzfristige Ziel ist es, unser individuelles Überleben und unseren Erfolg zu sichern.

Mittelfristig haben wir die Hoffnung, dass wir die von uns hochgeschätzten Ziele erreichen und ein lebenswertes Leben führen. Langfristig steht die gesamte Menschheit vor einer neuen Herausforderung: Vor 10.000 Jahren konnten wir mit einer Bevölkerung von fünf Millionen Menschen auf der Erde unserem Planeten kaum Schaden zufügen.

Heute sind wir sieben Milliarden Menschen und besitzen Technologien, die unendlich viel mehr Macht haben. Zum ersten Mal in unserer Existenz als Menschheit haben wir die exponentielle Fähigkeit, die Bedingungen für das gesamte Leben auf der Erde zu beeinflussen.

Die Güte ist alläglich

Willkommen im Anthropozän: das erste geologische Zeitalter, in dem der Mensch als entscheidender Faktor den planetarischen Klimawandel beeinflusst. Wenn diese enorme Macht jedoch nicht mit demselben Ausmaß an Sorge für andere verbunden ist, wird sie uns in das sechste Große Aussterben führen, seit es Leben auf der Erde gibt. Das fünfte Große Aussterben in der Vergangenheit bezieht sich auf die Dinosaurier.

Abgesehen von ein paar Verrückten – und davon gibt es einige, wie wir wissen – wünscht sich die Mehrheit von uns eine bessere Welt. Um das zu erreichen brauchen wir eine Idee, wie wir unsere kurz-, mittel- und langfristigen Ziele vereinen.

Es ist notwendig, dass Umweltwissenschaftler, Entscheidungsträger, die das Schicksal der Gesellschaft beeinflussen, sowie Einzelpersonen, die mit dem Erreichen ihrer kurzfristigen Ziele beschäftigt sind (und sich Sorgen machen, ob ihre Investitionen sich auszahlen), sich an einen Tisch setzen, zusammenarbeiten und eine bessere Welt gestalten. Um das zu tun, brauchen sie eine gemeinsame Idee.

Die realistischste Idee ist der Altruismus: Wenn wir die Sorge für andere an den Anfang setzen, werden wir uns in Richtung einer positiven Wirtschaft der Solidarität bewegen, die der Gesellschaft dient.

Wenn wir die Sorge für andere an den Anfang setzen, werden wir soziale Gesetzesreformen gestalten, um die Ungleichheit zu verringern, die in den Wohlstandsnationen zugenommen hat. Vor allem aber: Wenn wir mit Anteilnahme und Fürsorge für andere beginnen, werden wir aufrichtig für zukünftige Generationen Sorge tragen.

So wie Martin Luther King Jr. uns erinnert: „Jeder Mensch muss sich entscheiden, ob er im Lichte von kreativem Altruismus oder in der Dunkelheit von destruktiver Selbstsucht wandelt.“

Matthieu Ricard. Aus dem Englischen übersetzt von Inga Soltau

Dr. Matthieu Ricard, 1946 in Frankreich geboren, ist promovierter Molekularbiologe. 1979 wurde er als buddhistischer Mönch ordiniert und lebt heute im Kloster Shechen in Nepal. Er ist Übersetzer des Dalai Lama und Autor zahlreicher Bücher. Er engagiert sich für Meditationsforschung in den Neurowissenschaftenen sowie den Dialog von kontemplativen Traditionen und modernen Wissenschaften.