Buch über Ethik und Dialog

Die Idee des Guten lässt sich nur im Dialog finden, ist die Kernaussage dieses Buches. Gerade heute, wo es komplexe Probleme zu lösen gilt, müssen viele Perspektiven einbezogen werden, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Dies ist die Praxis der radikalen Mitte, wie die Autoren es nennen.

Dieses Buch ist der seltene Versuch, die Botschaft der Mitte zu vermitteln. Markus Gabriel, ein renommierter Philosoph der Gegenwart, und der bekannte TV-Journalist Gert Scobel gehen darin in einen Dialog. Sie umkreisen das, was sie als “radikale Mitte” bezeichnen in gedanklichen Annäherungen, aber auch in der Dialogform, in der das Buch verfasst wurde.

Es entstand aus mehreren Gesprächen, die die beiden Denker über einige Monate führten. Als Ausgangspunkt und wiederkehrender Fokus diente ihnen die Frage, wie man heute zu guten ethischen Entscheidungen kommen kann – in einer Zeit von Corona-Pandemie und den Klimawandel. In komplexen Situationen ist es besonders schwierig, gute ethische Entscheidungen zu fällen.

Denn komplexe Situationen sind dadurch gekennzeichnet, dass es vielfältige Faktoren, Wechselwirkungen und Rückkoppelungen gibt, die wir nicht in linearer Weise überschauen können. Deshalb kann nicht eine Disziplin des Forschens oder ethischen Denkens oder ein bestimmter Grenzwert oder gar ein Algorithmus die ethische Entscheidungsfindung dominieren. Vielmehr müssen in diesem Prozess die Zwischenräume geöffnet werden.

Für eine Praxis der Mitte

Die Vielschichtigkeit und Unsicherheit unserer Welt erfordert ein konstantes, flexibles Navigieren inmitten der sich verändernden Welt. Deshalb plädieren die Autoren für eine Praxis der radikalen Mitte, die beim Diskurs die Mitte offenlässt, um immer wieder in einem breit angelegten Gespräch die verschiedenen Perspektiven, Interessen oder Anliegen in Bezug auf ein Thema in den Dialog zu bringen und dann zur bestmöglichen Entscheidung zu kommen.

Dieses Vertrauen in den Raum des Zwischen ist das Kennzeichen dieses Buches. Die beiden Autoren wenden diese Praxis der offenen Mitte auf jedes Thema an, durch das sie sich bewegen, seien es grundlegende philosophische Überlegungen zu Unterscheidungsfähigkeit, Ethik und Denken oder zu gesellschaftlichen Fragen wie den Umgang mit der Corona-Pandemie, dem Klimawandel oder der Identitätspolitik.

Konsequenterweise kommen sie nicht zu abschließenden Urteilen, sondern regen beim Leser das Selbstdenken an. Man wird mit in den Dialog einbezogen. Und obwohl viele Gedankengänge für Nichtphilosophen zunächst nicht so einfach nachzuvollziehen sind, öffnen sich immer wieder überraschende Einsichten.

Das Buch regt an, im eigenen Denken, in Gesprächen und in konkreten Konfliktsituationen die Mitte offen zu halten, um selbst und mit anderen zu besseren ethischen Entscheidungen zu kommen. Denn laut Gabriel beruht die Praxis der radikalen Mitte darauf, „dass wir diesem Zwischen zutrauen, eine Quelle moralischer Einsicht und damit ein Raum für das ethische Urteilen zu sein“.

Diaog als Urform der Philosophie

Dieses Zwischen, diese Mitte, soll aber nicht als Mittelmäßigkeit verstanden werden, sondern als radikal, als anarchistisch in dem Sinne, dass sie nicht auf eindeutigen Prinzipien basiert. Denn „bei der Philosophie der radikalen Mitte geht es nicht um neue Prinzipien der Philosophie bzw. Ethik, sondern um eine Praxis und Erfahrung, die paradoxerweise keine Methode hat“, so Scobel. Außer vielleicht den Dialog selbst.

Im Dialog sehen die beiden Autoren die Urform der Philosophie. Sie beziehen sich auf Sokrates, der auf der Agora, dem öffentlichen Platz, die Menschen in Dialoge zog, oder seinen Schüller Platon, für den laut Gabriel galt, „dass man die Idee des Guten nur im Dialog findet.“ Diese Offenheit des Dialoges ist für beide eigentlich die angemessene Form, um einer komplexen, unsicheren, unbeherrschbaren Wirklichkeit zu begegnen.

Eine Voraussetzung für das Offenhalten der Mitte ist das Eingeständnis, wie wenig wir wissen. Für die beiden Autoren ist das der Beginn und auch die Praxis der Philosophie. „Ich weiß, das ich nicht weiß“, erklärte Sokrates und formulierte damit die Grundlage jedes offenen Forschens, das Gert Scobel und Markus Gabriel so beschreiben:

Es ist diese Mitte, das Oszillieren zwischen Wissen und Nichtwissen, in dem sich alltagsnah ein uns allen gemeinsamer Sensus communis [Gemeinsinn] entwickeln und ein Miteinander kultiviert werden und vielleicht sogar eine Weisheit entstehen kann, deren Radius und Einfluss über sprachliche Kommunikation und Begriffsanalyse hinausreichen. Die Praxis der radikalen Mitte nimmt ebenso unmittelbar wie beherzt ihren Ausgang in der Bereitschaft, knifflige Situationen und Widersprüche auszuhalten und zwischen den Stühlen zu sitzen. Doch das gemeinsame und aktive Denken, das wir als Philosophieren verstehen, schafft »einen Raum zwischen den Menschen, in dem Freiheit wirklich ist«, wie Hannah Arendt schreibt.

Wenn wir diese Haltung mehr wertschätzen würden, könnte die Praxis der radikalen Mitte auch zur gesellschaftlichen Versöhnung beitragen. Denn, so erklärt Gabriel, „die radikale Mitte eröffnet einen Raum zwischen den Polen, um uns einen Ausblick auf Formate der Versöhnung zu geben.“

Solche Formate der Versöhnung sind gerade in der gegenwärtigen Polarisierung dringend notwendig und dieses Buch gibt wichtige Impulse dafür, wie das gelingen kann.

Mike Kauschke

Markus Gabriel, Gert Scobel. Zwischen Gut und Böse. Philosophie der radikalen Mitte. Edition Körber 2021