Das neue Buch von Christoph Quarch

Was kann man dem mechanisch-technischen Weltbild entgegensetzen? Der Philosoph Christoph Quarch findet Antworten bei Platon. Insbesondere dessen Philosophie der Lebendigkeit könne Impulse für unsere Gesellschaft geben. Doch passt Platons Ideenwelt wirklich in unsere komplexe Welt?

Der Philosoph Christoph Quarch strebt mit seinem Buch nichts weniger an, als das bisherige Verständnis Platons zu revidieren und zu aktualisieren. Das ist sportlich. Laut Whiteheads berühmten Bonmot ist die europäische Philosophiegeschichte nichts anderes als eine Serie von Fußnoten zu Platon, was bedeutet, dass Quarch ebendiese Geschichte umschreiben will. Der erste und wichtigste Fehlinterpret sei Platons Meisterschüler Aristoteles gewesen.

Quarch glaubt, dass mittels seiner Neuinterpretation „sich die wichtigste Folge der platonischen Metaphysik der Lebendigkeit erst jetzt herauszuschälen beginnt: als ältestes und zugleich frischestes Narrativ der westlichen Zivilisation“. Es geht ihm darum, mit Platon zu zeigen, dass die Welt tatsächlich ein geistreiches und beseeltes Lebewesen ist, dass diese Kosmologie weit tragfähiger und unserem Menschsein förderlicher ist als das zunehmend bedrohlich wirkende mechanisch-technische Weltbild der Gegenwart.

Dementsprechend hält Quarch sich an die Teile des Werkes, die die Natur (physis) und die ihr innewohnende psyche behandeln und die sich vornehmlich im Spätwerk finden. So stehen Platons Werke Timaios, Nomoi, Philebos und Sophistesim Zentrum des Buches. Hier entfaltet Platon eine Philosophie der Lebendigkeit, die in der Tat geeignet wäre, den spätestens seit Kant bestehenden tiefen Graben zwischen Welt und menschlichem Denken aufzuschütten.

Platon kann die Welt und die Vernunft noch als Einheit auffassen, beide unterliegen demselben Geist, werden gesteuert durch eine einzige psyche (dt. Atem, Frische, Lebendigkeit). Wenn das so ist, dann muss der Mensch nur die Weltordnung verstehen und dementsprechend handeln, dann lebt er gut, gerecht und glücklich.

Bei Platon ist alles noch so einfach, viel weniger komplex als heute. Deshalb ist sein Bestreben lediglich, diese Weltordnung zu zeigen. Quarch erhellt uns das in seinem Buch äußerst kenntnisreich und luzide, das ist das große Verdienst des Buches.

Nimmt man psyche als Prinzip alles Lebens an, ergeben sich daraus auch klare Richtlinien für Probleme der heutigen Zeit. Quarch zeigt uns diese im abschließenden Teil des Buches an Beispielen wie Gerechtigkeit, Erziehung, Lebenssinn, der Liebe und der Religion.

Der Preis der Einheit

Die wieder gefundene Einheit hat allerdings ihren Preis. Denn der in der Aufklärung vollzogene Bruch zwischen Mensch und Welt kam nicht von ungefähr. Kant hat uns das am genauesten gezeigt. Den Preis sieht man bei Quarch daran, dass er mit Platon vom philosophischen in das mythische Denken hinüber gleitet.

Platons Ideenlehre ging von der vernünftigen Vorstellung aus, dass jedem Ding ein Plan zugrunde liegt. Der Tischler hat eine Idee, wie er einen Tisch bauen soll, damit er die Erfordernisse des Benutzers erfüllt. Je besser der Tischler diese Idee umsetzt, desto besser wird sein Tisch und umgekehrt. Fasst man nun die Ideen in eine Klasse der Ideen zusammen und sucht ihre Gemeinsamkeit, landet man bei der Idee des Guten als höchster Idee, denn alle Ideen wollen das jeweils Gute (guter Tisch, gutes Bett, gutes Essen usw.).

Platon fragt nun, woher die Ideen kommen und verlässt den Ansatz des Tischlers. Er verortet die Ideen nunmehr in der Natur selbst. Jedem Gegenstand läge eine Idee zugrunde, die nach bestmöglicher Realisierung strebe, diese jedoch nicht immer erreicht. Deshalb hätten die Gegenstände verschiedene Qualitäten. Es gäbe, so Quarch, schlechte Computer, schlechte Texte und – das ist hier entscheidend – schlechte Eichen. Das ist möglich, weil es in der Natur eine Idee der perfekten Eiche gibt, die dann mehr oder weniger von einer realen Eiche repräsentiert wird.

Genau dieser Schritt aber kann nicht überzeugen. Wir können heute nicht mehr daran glauben, dass die Natur selbst oder ein Schöpfergott eine bestimmte Vorstellung von einer „richtigen“ Eiche hat, sondern jede Eiche ist genau die Eiche, die sie auf Grund ihrer Umweltbedingungen werden konnte.

Eichen, die an der Steilküste wachsen, sind schief, weil sie ständig dem Wind ausgesetzt sind. Es sind keine „armseligen Bäumchen“ oder irgendwie defizitär. Naturdinge können überhaupt nicht gut oder schlecht sein. Platons „Idee“ hat Sinn, solange sie die Idee eines Menschen ist, aber nicht als Idee der Natur. Im Gegenteil:

Wird eine mentale Operation wie „Idee“ auf die Natur übertragen, dann wird gerade nicht die Seele oder der Geist der Natur wieder gefunden, sondern sie wird zur Projektionsfläche des Menschen. Denn die Seele der Natur liegt genau in ihrer Unverfügbarkeit, genau darin, dass sie nicht so ist wie wir. Erst wenn wir uns darauf einlassen, dass sie uns nicht erhört, können wir anfangen, ihr so genau zu zuhören, dass wir den alten Bund wieder beleben können.

Platons Welterklärung changiert zwischen rationaler Philosophie und mythologischem Denken. Quarch geht diesen Weg mit und gewinnt einen vielversprechenden Ansatz, mit dessen Hilfe die „Entzauberung der Welt“ rückgängig gemacht werden könnte. Das ist die Sehnsucht vieler Zeitgenossen und wäre in der Tat ein Segen. Nur glaube ich nicht, dass Platons/Quarchs Weg der richtige ist.

Carsten Petersen

Christoph Quarch. Platon und die Folgen. J.B. Metzler 2018, 186 Seiten