Interview mit Sasika Bruysten von Yunus Social Business

„Unilever kann wahrscheinlich mehr in der Welt bewegen als der Premierminister von Liechtenstein“ sagt Saskia Bruysten von Yunus Social Business. Das Unternehmen bekämpft Armut mit den Mitteln des Marktes: mit Krediten. Ein Interview über Armutsbekämpfung mit kapitalistischen Instrumenten.

Saskia Bruysten ist Mitbegründerin und CEO von Yunus Social Business, einem Unternehmen, das Armut mit Mikrokrediten bekämpfen will. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in gut situierten Verhältnissen im Taunus. Bruysten studierte BWL an der European Business School, einer privaten Hochschule. Ihr erster Arbeitgeber war die Beratungsgesellschaft, Boston Consulting Group. Mit Mitte 20 hatte Bruysten das Gefühl, dass da noch mehr sein muss. Auf der Suche nach Sinn begegnete sie dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, ihr berufliches Leben nahm eine andere Richtung. Sabine Breit besuchte sie in Berlin.

Frage: Frau Bruysten, hat sich Yunus Social Business so entwickelt, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Bruysten: Ich glaube schon. Es sind jetzt sieben Jahre vergangen, seit wir Yunus Social Business gegründet haben. Ich glaube immer noch, dass Social Business das effizienteste Tool ist, um Probleme in der Welt zu lösen. Wenn ich zurückschaue, haben wir auch schon einiges auf die Beine gestellt.

Ein Beispiel: Wir haben z. B. vor ungefähr eineinhalb Jahren in Uganda in einen Chia-Seed-Produzenten investiert. Chia-Seed ist ein Superfood. Diesen Trend hat dieser Unternehmer in Uganda für sich entdeckt. Er hat erkannt, dass das ein gutes Produkt ist, das am Weltmarkt einen ordentlichen Preis bekommt. Und er wollte mit kleinen Bauern produzieren, um dafür zu sorgen, dass sie ein höheres Einkommen haben. Der normale Kleinbauer in Uganda verdient im Jahr, sag ich mal, 300 Euro. Wenn er Chia-Samen produziert, verdient er mindestens das Doppelte. Das bedeutet für diesen kleinen Bauern, dass er plötzlich seine Kinder in die Schule schicken kann, weil Schule ist nicht umsonst in Uganda.

Oder wir haben ein Wasserbusiness in Uganda, das ich immer gerne als Beispiel anführe. Der Unternehmer verkauft Wasserreinigungssysteme an Schulen. Und das als Geschäftsmodell. Das Business ist profitabel, sie zahlen unseren Kredit zurück und erreichen in Uganda 1,5 Millionen Kids mit sauberem Trinkwasser, die vorher keinen Zugang dazu hatten.

“Regierungen in Entwicklungsländern sind träge und bürokratisch”

Ich habe über diese Projekte gelesen. Dabei kam mir die Frage, ob man es so nicht auch Regierungen ermöglicht oder erleichtert, sich aus der Verantwortung zu stehlen, d. h. für kostenlose Schulen oder sauberes Trinkwasser für alle zu sorgen.

Bruysten: Ich habe da eine ganz einfache Antwort: Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Regierungen in Entwicklungsländern das kurzfristig hinkriegen. Aus den Ländern, in denen wir arbeiten, ist meine Erfahrung, dass sie sehr träge und bürokratisch sind. Und solange sie das nicht hinkriegen, ist das einfach die einzige Alternative.

Trotzdem nimmt man ihnen ja auch den Druck, es irgendwann hinkriegen zu müssen.

Bruysten: Ich hab ja nichts dagegen, wenn Bildung aus öffentlichen Mitteln finanziert wird. Finde ich eine tolle Sache, wie das in Deutschland funktioniert. Aber ich bin einfach eine komplette Pragmatikerin. Sonst können wir noch die nächsten 500 Jahre warten, bis es funktioniert. Ich verstehe, woher Sie kommen. Ich komme ja auch aus Deutschland. Für mich ist Regierung eigentlich eine gute Sache. Es funktioniert und ist hierzulande relativ effizient.

Seit ich in den letzten zehn Jahren viel Zeit in Entwicklungsländern verbracht habe, hat sich mein Bild gewandelt. Ich bin desillusioniert worden. Wir haben in jedem Land, in dem wir gearbeitet haben, immer versucht, mit Regierungen zusammenzuarbeiten. Inzwischen informieren wir sie nur noch. Wenn wir in ein neues Land gehen, gehen wir mit Yunus einmal da hin, treffen den Präsidenten, erklären, was wir machen. Und dann machen wir einfach unsere Arbeit.

Natürlich gibt es Ausnahmen, wie Ruanda, wo Präsident Kagame dieses Land auf Vordermann gebracht hat. Aber im Prinzip glaube ich, dass es eher andersherum geht. Wenn wir Leuten durch Social Business die Möglichkeit geben, selbst Geld zu verdienen, ein besseres Leben und eine gute Bildung zu haben, dann werden sie automatisch Forderungen an den Staat stellen. Wenn man ihnen die Tools in die Hand gibt, ökonomisch ein besseres Leben zu haben, werden sie irgendwann sagen: „So, meine liebe Regierung, du musst jetzt A, B und C abliefern“. Und dann wird es einen Change geben.

Aus Spenden werden Kredite

Betrachten wir einmal die andere Seite Ihrer Arbeit: die Finanzierung. Habe ich das richtig verstanden: Wenn ich eine Million hätte, die ich nicht brauche und sie Ihnen spende, damit sie etwas Sinnvolles damit machen, dann machen Sie daraus einen Kredit?

Bruysten: Genau. Wir machen im Prinzip zwei Sachen. Wir machen aus dem Geld einen Kredit und geben ihn an ein Social Business. Dieses kleine Unternehmen zahlt uns den Kredit über mehrere Jahre zurück. Das Geld landet wieder in unserem Fonds, und wir können es wieder in das nächste Social Business investieren.

Ein anderer Teil der Spenden ist für unsere Services, also unsere Unterstützung für die Klein-Unternehmer, z. B. Beratungsleistung. Wir untersuchen etwa, ob sie die Finanzen unter Kontrolle haben, das richtige Team, um zu wachsen. Ob sie genug auf den Social Impact fokussiert sind. Das heißt, wir geben Geld und wir beraten die Firmen.

Und die Beratung wird dann von den Sponsoren finanziert und nicht von dem Social Business selbst?

Bruysten: Genau. Die kleinen Unternehmen zahlen uns einen kleinen Betrag Zinsen. Davon können wir einen kleinen Teil unserer Kosten decken. Aber das meiste kommt von großen Stiftungen oder Entwicklungsorganisation wie US AID oder der AFDB (African Development Bank). Diese zahlen unsere Kosten für die Beratung, während die Einzelpersonen uns das Geld für die Kredite geben.

Erfolg ist nicht Geld, sondern Social Impact

Wer sucht die Social Business aus? Sie oder die Investoren?

Foto: Tom Woollard

Bruysten: Das ist von unseren lokalen Teams getrieben. Wir sind wie eine Art Investment Fonds und gehen genauso professionell vor wie ein typischer Venture Capital Fund (Risikokapitalgeber, die Red.). Karen Hitschke, Chief Investment Officer, hat sieben Jahre bei Apax gearbeitet, einem riesigen Private Equity Fund, und sie war auch bei McKinsey. Genau wie ich bei der Boston Consulting Group. Das ganze Team besteht aus Leuten, die aus dem Business-Bereich kommen, aber irgendwann entschieden haben, ihre Skills woanders einzusetzen. Wir schauen sehr genau, ob das, was die Leute da aufgebaut haben, Chance auf zukünftigen Erfolg hat. Und Erfolg ist für uns nicht Geld, sondern Social Impact.

Was ist denn Social Impact?

Bruysten: Impact ist so ein Buzzword in unserem Sektor. Für uns umfasst es zwei Sachen: Alles, was wir machen, ist fokussiert auf Armutsbekämpfung. Und das machen wir auf zwei Arten. Entweder helfen wir der armen Bevölkerung, Zugang zu Jobs oder Einkommensmöglichkeiten zu finden. Das ist nicht immer ein angestellter Job. Viele sind auch „Micro-Entrepreneurs“, d. h. Kleinunternehmer.

Oder wir sorgen dafür, dass die gleiche Zielgruppe Zugang zu essenziellen Produkten oder Services, wie etwa zu sauberem Trinkwasser, zu Bildung oder Gesundheitsversorgung hat. Uns geht es nicht darum, dass die gleiche arme Bevölkerung Zugang zu einer Coca Cola bekommt. Es muss schon ein essenzielles Produkt sein, etwas Sinnvolles.

Firmen bei der Transformation helfen

Sie arbeiten auf der anderen Seite auch mit Großunternehmen. Wie darf ich mir das vorstellen?

Bruysten: Unser Ansatz ist, auch die Macht der großen Konzerne zu nutzen, um die Probleme zu lösen. Weil ich glaube, dass die Wirtschaft ein starkes Instrument ist. Da ist einfach die Macht. Klar gibt es auch Regierungen. Aber Sie haben ja schon gehört, was ich von Regierungen halte. Wenn man ein Land wie Liechtenstein mit einem Konzern wie Unilever vergleicht. Unilever kann wahrscheinlich mehr in der Welt bewegen als der Premierminister von Liechtenstein. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diesen Großkonzernen dabei zu helfen, ihre Kraft zu nutzen, um tatsächlich was für die Welt zu tun.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie dabei nicht für Greenwashing benutzt werden?

Bruysten: Wir haben eine „No-Go-Liste“. Wir würden z.B. nicht mit Rüstungskonzernen zusammenarbeiten, auch nicht mit Ölkonzernen, weil unsere Brand schon als soziale Brand bekannt ist. Insofern passen wir da einfach ein bisschen auf, dass uns nicht so ganz schlimme Firmen komplett missbrauchen.

Aber ich würde ganz ehrlich sagen: Eigentlich muss man den Firmen, die gerade nicht etwas Gutes machen, bei der Transformation helfen. Es gibt diese Firmen, weil es im Moment Kunden gibt, die diese Produkte kaufen. Und das sind sehr mächtige Organisationen. Ich bin eher diejenige, die sagt: „Lasst und das System nutzen, um das System durch Social Business zu transformieren“, statt zu sagen, das System müssen wir total abschaffen.

Man nimmt bei Social Business einfach das gleiche Tool, holt ein Stück der DNA raus und steckt eine andere DNA rein. So kann das gleiche Tool besser eingesetzt werden. Ich vergleiche es manchmal so: Es gibt zwei Hunde, der eine ist ein Kampfhund, der andere ein Blindenhund. Beides sind Hunde, aber letzterer hat das Ziel, ein soziales Problem zu lösen.

Das ist die Logik, die wir mit Social Business im Kopf haben: Das eine Unternehmen ist wie ein Kampfhund darauf fokussiert, Geld zu verdienen, das Social Business will das Problem lösen und dem Blinden über die Straße helfen.

Partner auf Augenhöhe

Da stellt sich mir die Frage, ob man mit Tools, die letztlich doch aus dem System kommen, das System wirklich verändern kann. Noch einmal zurück zu Ihren Krediten. Sie bekommen eine Spende und wandeln sie in Kredite um. Warum könnten Sie das Geld nicht einfach als Spende weitergeben?

Bruysten: Ein einfacher Grund: Wenn man eine Kreditbeziehung hat, ist man ein Business-Partner auf Augenhöhe und kein Bittsteller. Außerdem ist es ein systemisches Problem. Wenn Kapital nicht begrenzt wäre, dann kann man das sicher machen.

Ich glaube, bei der Sicht darauf spielt auch ein sprachlicher Unterschied eine Rolle. In Deutsch heißt es Schulden – das ist was Negatives. In Englisch heißt es „credit“. „To give somebody credit“, ist eigentlich was Positives. Ich gebe dir sozusagen Vorschusslorbeeren darauf, dass du mir das Geld zurückzahlen wirst. Ich gebe Dir damit eigentlich eine Chance.

Aber die Menschen haben dann Schulden, und das kann belastend sein. Unsere Staaten sind hoch verschuldet. Schauen Sie, wohin uns das bringt

Bruysten: Ich sehe es nicht als etwas Negatives. Wenn in Deutschland jemand eine Firma gründen will, schenkt man ihm doch auch nicht das Geld. Wenn ich eine Million zur Verfügung habe, kann ich entweder zehn Leuten 100.000 schenken, und dann ist alles weg. Oder ich kann zehn Leuten 100.000 leihen. Dann sind zehn Unternehmen entstanden. Diese zahlen mir ihr Geld zurück.

In drei Jahren oder wann immer sie zurückzahlen, kann ich wieder zehn Leuten das Geld leihen. Das heißt, der gleiche Euro kann einen zweiten Nutzen für 20 Leute kreieren. Das ist im Prinzip der Gedanke. Und wir glauben, dass jeder und jede Unternehmer sein kann, wenn man ihm oder ihr die Tools dafür an die Hand gibt.