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Die Zeit im Nacken

Notizen aus dem Alltag eines Achtsamkeitslehrers

Was ist eigentlich wesentlich, fragt sich Autor und Achtsamkeitslehrer Steve Heitzer. Er hat sich selbst beobachtet, wie er im Alltag im Erledigungsmodus unterwegs ist – ganz so, als würde das Leben auf ihn warten, bis er alles geschafft hat. „Wo bin ich inzwischen?“ ist eine Frage, die ihn im Alltag leitet.

 

 

Abends, kurz vor Acht, ich bin wieder so weit: Verflixt, wieder nicht zu dem gekommen, was ich mir vorgenommen hatte. Eigentlich gar nichts „dertan“, wie es im Tirolerischen heißt, nichts von Bedeutung geschafft, erledigt. Nichts, was aus meiner To-do-Liste abzuhaken wäre.

Es sind zwar Ferien, aber heute hatte ich mir dennoch einiges vorgenommen. Und dann ein ungeplantes Krisengespräch nach dem Frühstück und ein zweites nach dem Mittagessen, ein unerwarteter Besuch am Abend und eine Erledigung, die nicht auf dem Plan stand. Und auch nicht meditiert.

„Ich wünsche dir Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens“, schrieb mir eine Bekannte zu Neujahr. Ein schöner, herausfordernder Wunsch. Ein Termin hier, ein Gespräch dort – sonst nichts Wesentliches passiert? Wirklich nicht?

Der Erledigungsmodus ist eine Falle. Das Gespenst der Zeit sitzt mir im Nacken. Immer klarer sehe ich, wie ich im Gefängnis der linearen Zeit festsitze. Die lineare Zeit ist das, was wir für so selbstverständlich halten. Als würden wir einem Zeitverlauf folgen, der unsere Jahre misst, unsere Wochen, Tage und Stunden. Danach haben wir eine Vergangenheit und eine Zukunft.

Die Zukunft ist nicht mehr ganz so selbstverständlich, schon gar nicht in der Länge. Aber doch planen und sorgen wir vor(aus). Und machen uns viele Gedanken. Eine der entscheidenden Erkenntnisse für ein achsames Leben ist so banal und steht doch so radikal quer zu der Art und Weise, wie wir unseren Alltag im Erledigungsmodus wie auf einer Zeitleiste durchleben: Es gibt nur das Hier und Jetzt!

Der gegenwärtige Moment ist die einzig greifbare, reale, wirkliche Zeit. Im Erledigungsmodus dagegen tun wir die Dinge auf einen vorgestellten Zeitpunkt hin, eine Zukunft, in der wir Zeit haben würden „für die wesentlichen Dinge des Lebens“. Ganz so, als würde dort das Leben auf uns warten: Erst wenn wir alles erledigt haben, dürfen wir durchatmen, loslassen und leben. Wir haken eins nach dem anderen ab, als ob es darum ginge, am schnellsten Weg von hier noch dort zu kommen. Doch wo sind wir dazwischen?

Der vietnamesische Meditationsmeister Thich Nhat Hanh schreibt: „Häufig gehen wir nur aus einem Grund: Wir wollen von einem Ort zum anderen gelangen. Doch wo sind wir dazwischen?“

Noch schnell etwas erledigen

Eine andere Form, sich selbst ins Gefängnis der linearen Zeit einzuschließen, ist das Grübeln über Vergangenes und das Sich Sorgen über Zukünftiges. Wir schauen sozusagen zurück auf unsere Geschichte oder auf kürzlich erlebte oder tief eingebrannte alte Ereignisse, um sie im Geiste wiederzuleben, als ob wir damit unsere Gegenwart greifbar machen könnten.

Wir halten uns also mit unseren Gedanken und unserer Kraft in der „Nicht-mehr-Zeit“ und in der „Noch-nicht-Zeit“ auf. Lassen uns mitunter gefangen nehmen von unserer Geschichte und den Geschichten ein und verschwenden unsere Energie in den Sorgen, die wir uns um Dinge in der Zukunft machen.

85 Prozent der Dinge, um die wir uns Sorgen machen, treten laut einer Studie in der Form gar nicht ein. Von den restlichen 15 Prozent bewältigen wir die Hälfte weit besser, als wir dachten. Was für ein Energieverlust!

Jesus von Nazareth sagt in der Bergpredigt: „Sorgt euch nicht um das Morgen, denn das Morgen wird um sich selbst sorgen.“ Und recht nüchtern setzt er hinzu: „Genug dem Tag sein eigenes Übel.“ Es ist ja wirklich so, dass wir dem, was wir nicht beeinflussen können, viel zusätzliches Leid, Übel, Stress hinzufügen. Adventives, von außen hinzukommendes Leid, nennt Jon Kabat-Zinn das.

Oder ich sitze im Bus, spät dran auf dem Weg zum Zug, den ich nicht verpassen darf. Viel zu viele Leute steigen ein, die den Busfahrer beschäftigen und einbremsen. Ich schaue auf die Uhr, hadere mit den Leuten, dem Busfahrer, dem Schicksal und mit mir selbst, dass ich so spät aufgebrochen sind.

Und doch kann ich nichts daran ändern, kann die Zeit nicht bremsen, indem ich immer wieder auf die Uhr schaue. Ich bin körperlich und mental angespannt, beschäftige mich in Gedankenspiralen mit meiner Entscheidung, so spät aufzubrechen, und mit der Sorge darum, was sein wird, wenn ich den Zug verpasse. Druck, Wut, Sorge, Stress. Welch ein Energieverlust!

Das „Eigentliche“ kommt noch

Und dann habe ich noch eine interessante Variante entdeckt: Ich habe gewisse Dinge vor, möchte aber „vorher noch schnell dies und das erledigen“, bevor ich das „Eigentliche“ mache – sei es etwas von meiner To-do-Liste, sei es etwas, was ich für mich selbst tun möchte.

Auch eine Falle der linearen Zeit: Ich mache die „schnellen Erledigungen“ im Erledigungsmodus oder „im Schlaf“ wie Anthony de Mello es nenne würde, und unter Zeitdruck, denn das „Eigentliche“ kommt ja erst noch und sollte möglichst schnell kommen. Das „Eigentliche“ kommt aber vielleicht erst spät oder gar nicht mehr.

Und so jage ich einem Phantom hinterher, das auch ein tiefer Wunsch, „eine für mich wesentliche“ Angelegenheit sein kann. Aber die Qualität leidet, weil es wach gerufen und sofort wieder fallen gelassen wurde und dann letztlich zu wenig Energie der Achtsamkeit bekommen hat. 

Wenn ich auf diese Weise im Erledigungsmodus bin, schaffe ich ein künstliches „Dazwischen“. Anstatt einfach nur eins nach dem anderen geistesgegenwärtig zu tun, setze ich mir ein (anderes) Ziel und packe noch was auf den Weg dazwischen. Doch wo bin ich „dazwischen“? Wo bin ich jetzt?

Gefangen in einer Vorstellung von einem Punkt auf der Zeitlinie in der Zukunft, entwerte ich den ganzen Weg dazwischen. Und ich „erledige“ das dazwischen und das in der Zukunft zu erledingende gleich auch noch. Ich tue die Dinge nur, um sie zu erledigen, um sie wegzuschaffen. Schade eigentlich.

Dieses Entwerten ist ein mächtiges Muster in meinem Leben und eine Folge, im Gefängnis der linearen Zeit zu stecken. Ich entwerte im Nachhinein das Gespräch hier und dort, das mir „dazwischen gekommen ist“, vielleicht sogar den Besuch, das Gespräch, das Mich-Einlassen, die Zuwendung, die geschenkte, unverzweckte Zeit, also selbst diese Momente, in denen ich tatsächlich frei war, jenseits der Gefängnismauern der linearen Zeit. Das ist buchstäblich ver-rückt.

Abends um Acht. Ein Tag geht zu Ende. Feierabend für verrückt machende Gedanken. Zeit, fünf gerade sein zu lassen, anzukommen im Hier und Jetzt. Dieser Atemzug, dieser Schritt, dieser Augenblick – die wesentlichen Dinge des Lebens.

Steve Heitzer

steveheitzerSteve Heitzer ist Achtsamkeitslehrer und Pädagoge. Er arbeitet als Seminar- und Retreatleiter sowie seit vielen Jahren mit Kindern und Eltern. Im Arbor-Verlag ist sein Buch erschienen „Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit.“ Kontakt: www.cordat.org

 

 

 

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