Der Dalai Lama sprach in Hamburg über Ethik und Menschlichkeit

Der Dalai Lama sprach in Hamburg vor 7000 Zuhörern über ein Wertesystem, das alle Menschen verbindet und dazu dient, die Probleme in der Welt zu lösen, denn: „Frieden fällt nicht vom Himmel, er muss von Menschen geschaffen werden.“
„Liebe Brüder und Schwestern“, so begrüßte der Dalai Lama die Zuhörer, die aus 42 Ländern, zum Teil aus Russland und Brasilien, nach Hamburg gereist waren, um ihn zu sehen. Am 23. August 2014 sprach der Friedensnobelpreisträger auf Einladung des Tibetischen Zentrums zum Thema „Menschliche Werte leben“. Anschließend diskutierte er mit dem bekannten Fernsehmoderator und Philosophen Gert Scobel über ethische Fragen.

„Wir sind eine Welt“

Für das religiöse Oberhaupt der Tibeter gibt es heute keine andere Wahl als die Praxis der säkularen Ethik, um den Problemen der Welt zu begegnen – erstaunliche Worte eines Religionsführers. „Im Namen der Religionen bringen sich Menschen gegenseitig um. Wir sehen jeden Tag diese Dinge im Fernsehen. Daher brauchen wir Werte, die uns als Menschen verbinden,“ so der Dalai Lama.
Er ist der Ansicht, dass sich sieben Milliarden Menschen auf der Welt heute im Bewusstsein ihrer Verbundenheit und gegenseitigen Abhängigkeit auf diese gemeinsamen Werte besinnen sollten: Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit, Mitgefühl, Respekt und Dialogfähigkeit. Alle Weltreligionen basierten auf Liebe und Mitgefühl. Doch „Religion ist Privatsache, Ethik geht uns alle an“.
Die unterschiedlichen Glaubensansätze seien Ausdruck der Verschiedenheit und müssten zwischen Menschen kein Problem sein. Zweck der Religion solle es heute sein, gemeinsame positive Werte und den Dialog zu fördern. „Wir sind alle eine große menschliche Familie!“

Religion ist Privatsache

Der Dalai Lama sprach vor 7000 Zuschauern. Foto: Manuel Bauer

Der Dalai Lama sprach vor 7000 Zuschauern. Foto: Manuel Bauer

Seiner Ansicht nach brauchen wir als Weltgemeinschaft heute Methoden, mit denen wir innere Ausgeglichenheit und Frieden unabhängig von Religion in uns kultivieren können.
Der Dalai Lama kritisierte insbesondere blinden und fanatischen Glauben, der sogar Kriege hervorbringe.

Religion, so praktiziert, sei heute eher ein „Troublemaker“, der die Trennung zwischen „wir“ und den „anderen“ forciere. Er glaube, um die Gesellschaft zu ändern, müssten alle Menschen heute für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeiten.
„Unser Verhalten hat eine globale Dimension. Der Dalai Lama rief deutlich zum Handeln auf: „Wir sollten eine Vision für eine friedliche Welt entwickeln! Wir müssen etwas tun!“ Jeder Einzelne hätte Verantwortung für diese Welt.
Beispielhaft sei für ihn die europäische Union. Hier kooperierten Menschen und seien bereit, etwas aufzugeben wie zum Beispiel die Währung von D-Mark oder Lira. Traurig fände er, dass Länder wie Deutschland, Russland und die USA Waffen exportierten, mit denen Menschen getötet würden.

Destruktive Emotionen überwinden

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es um das Thema Geistesschulung und Meditation. Was hindert uns daran, ethisch zu leben, fragte Gert Scobel? Destruktive Emotionen seien die Quelle für Leiden, so der Dalai Lama, der seit seiner Kindheit mit den Methoden der Geistesschulung vertraut ist.
Wichtig sei eine positive Geisteshaltung, damit die Menschen anders – und zwar konstruktiv – mit Emotionen umgingen. Insbesondere empfahl er die analytische Meditation, das vertiefte Nachdenken, etwa über die Nachteile von Hass und Wut. Man müsse sich das immer wieder vor Augen führen, so dass sich der Geist langsam zum Positiven verändere.
„Wenn wir eine stabile Geistesverfassung haben, können uns negative Emotionen nicht beherrschen, so der 79-Jährige.“ Er selbst führte seine gute Gesundheit auf seinen geistigen Frieden zurück.

Dalai Lama im Gespräch mit Fernsehmoderator Gert Scobel. Foto: Manuel Bauer

Er wies darauf hin, dass es heute vor allem darum gehe, langfristig durch Bildung und Kindererziehung präventiv Veränderungen zu erwirken. Um menschliche Werte und säkulare Ethik nachhaltig in der Gesellschaft zu etablieren, sei es erforderlich, Mitgefühl und eine mehr ganzheitliche Sicht zu entwickeln – und zwar schon in jungen Jahren.
Dalai Lama: „Wir brauchen menschliche Werte, die das Zusammenleben positiv gestalten.“ Wir könnten die Welt nicht durch aufgesetzte Regeln befrieden, sondern jeder einzelne Mensch müsse persönliche Verantwortung übernehmen.

Kindern Werte vermitteln

Der Moderator Gert Scobel befragte ihn in diesem Zusammenhang provokativ, ob es beim derzeit populären Achtsamkeitstraining nur darum ginge, die Menschen besser zu optimieren und noch leistungsfähiger zu machen.
In wissenschaftlichen Untersuchungen in den USA würden die positiven Wirkungen von Meditation auf Blutdruck oder Stresslevel untersucht, so der Dalai Lama. „Aber Meditation ist kein Allheilmittel.“ Ihm ginge es mehr um ein Kultivieren und Erlernen von menschlichen Werten wie Zuneigung und Mitgefühl. Meditation allein reiche nicht aus. Entscheidend sei, diese positiven Emotionen mit in den Alltag zu nehmen und in den verschiedenen Situationen des Lebens anzuwenden.
Wichtig sei auch die Kenntnis der positiven und destruktiven Emotionen. Daher habe er in den USA ein Curriculum für säkulare Ethik in Schulen auf wissenschaftlicher Basis ins Leben gerufen. Er regte an, nach Auswertung der Ergebnisse des Curriculums dieses auch an Hamburgs Schulen probeweise einzuführen.
Die jüngere Generation habe die Chance, eine bessere und friedliche Welt zu schaffen. „Ich schaue immer nach vorne.“ Allerdings sei es schwierig, Konflikte zu lösen, wenn sie schon eskaliert und die Emotionen hochgekocht seien. „Wenn wir den Kindern jetzt menschliche Werte vermitteln, können wir auf lange Sicht eine friedliche Gesellschaft schaffen.“
Michaela Doepke

Weitere Infos:
www.dalailama.com
Hinweis:  Alle Vorträge der Dalai-Lama-Veranstaltung in Hamburg sind als CD oder DVD erhältlich bei Auditorium Netzwerk unter www.auditorium-netzswerk.de