Zum Tod von Jesper Juul

Der bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul ist am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren gestorben. Er war einer der führenden Experten in Sachen Erziehung und inspirierte unzählige Eltern und Lehrer. Insbesondere das Thema Beziehung in Familien beschäftigte ihn. Ein Nachruf von Helle Jensen über ihren Kollegen.

Helle Jensen hat 30 Jahre mit Jesper Juul zusammengearbeitet, z.B. zu Beziehungskompetenz in Schulen. Beide zusammen haben die Dänische Gesellschaft zur Förderung der Weisheit bei Kindern ins Leben gerufen.

Ich erinnere mich an meine erste persönliche Begegnung mit Jesper, als ich am “Kempler Institute of Scandinavia“ studierte, das Jesper Juul 1979 gegründete und bis 2004 geleitet hatte. Ich arbeitete mit einer Klientin, über die ich später sagte: „Sie war ganz und gar nicht mit sich selbst in Kontakt“. Jesper, schon im Begriff zu gehen, drehte sich zu mir um und meinte: „Genauso wie Du“.

Das machte mich wirklich wütend, aber es brachte mich dazu, über mich und mein Tun in einer Weise nachzudenken, die neu war und mich seitdem begleitet. Das ist nur ein Beispiel für Jespers Fähigkeit zu scharfen Beobachtungen und klaren Rückmeldungen. Diese waren weder moralisierend noch verurteilend, sie entsprangen seinem Wunsch, sein ehrliches Feedback und seine Beobachtungen mitzuteilen.

Die letzten sieben Jahre seines Leben waren von Schmerz und Leid geprägt. Eine neurologische Erkrankung hat es ihm unmöglich gemacht, einfach wegzugehen, wenn Dinge zu bedeutungslos waren oder ihn zu sehr langweilten. Die Krankheit nahm ihm auch über einen langen Zeitraum die Möglichkeit zu sprechen – wie wir es von ihm kannten, in seiner klaren und direkten Art.

In den vielen Jahren, die ich Jesper gekannt habe, war genau DIES wichtig für ihn – die Möglichkeit, sich zu bewegen, zu gehen und zu reden.

Aber er nahm die Herausforderung an und fand für sich Wege zu überleben. Mit einer unbezähmbaren Kraft gelang es ihm, seinem Leben weiter Bedeutung abzuringen. Er schrieb und unterrichtete auf Skype und Facetime. Er traf Menschen von überall, die ihren Weg nach Odder, Skanderborg, Aarhus und Norsminde fanden, um seine immer klaren und gleichzeitig herzlichen Rückmeldungen zu empfangen.

Es waren die heftigen, durchdringenden Schmerzen, an denen er in den letzten zwei Jahren litt, die ihn nicht mehr denken ließen und ihn ganz und gar forderten. Als die Schmerzen ihm die Möglichkeit raubten zu arbeiten – zu schreiben und zu unterrichten – und als er erkennen musste, dass es keine medizinische Hilfe mehr gab, um seine Schmerzen zu lindern, verlor er seine Kraft.

Außergewöhnlich kreativ und voller Respekt

Wenn man an Jesper denkt, bleibt die Erinnerung an einen Mann der authentisch, außergewöhnlich kreativ und innovativ war. Er war ein genauer Betrachter des Lebens und hatte die Gabe, seine Beobachtungen in der Beziehung zu anderen Menschen auszudrücken und in passende Handlungen zu verwandeln.

“Ich verstehe mich als Beobachter und Diener des Durchschnittsmenschen.” (Quelle: Süddeutschen Zeitung), sagte er in einem Interview und in diesem Sinne kümmerte er sich weder um wissenschaftliche noch um die akademische Korrektheit. Seine Art Menschen und deren Beziehungen zu sehen, ist so einfach und so klar. Für mich, wie auch für viele andere, war das eine enorme Hilfe für die Arbeit mit Familien und mit Fachleuten.

Wenn Jesper einen Begriff suchte, den es nicht gab, hat er ihn einfach erfunden, was zeitweise die Übersetzung in andere Sprachen schwierig machte, zum Beispiel Gleichwürdigkeit, Persönliche Sprache, Selbstgefühl, um nur einige zu nennen. Vor einigen Tagen erfuhr ich von der Übersetzung des Buchs „Dein kompetentes Kind“ ins Russische mit dem Titel: „Die Kinder von HYGGE Land“ (hygge ist das dänische Wort für gemütlich, angenehm, wohlig). Lieber Jesper, ich glaube nicht, dass Dir das gefallen hätte.

Die meiste Zeit unseres Zusammenseins drehte sich um unser professionelles Leben und es war sehr bereichernd für mich. Aber es war auch klar, dass für Jesper seine kleine nahe Familie große Bedeutung hatte. Seine Art, über seinen Sohn und seine Enkel zu sprechen war immer voller Respekt, tiefer Liebe und Anerkennung – ohne den Versuch sie zu definieren aber immer interessiert an ihrem Leben und ihrem Sein.

Ich möchte mit den Worten abschließen, die ich zusammen mit zwei Kollegen des früheren „Kempler Institute of Scandinavia“ (heute Dänisches Institut für Familientherapie, DFTI) geschrieben habe – Ruth Hansen und Peter Mortensen, die jetzigen Direktoren des DFTI:

“Lieber Jesper, Danke, dass Du Deine Weisheit mit uns und tausenden von anderen Menschen geteilt hast. Was Du gesagt und getan hast, hat großen Eindruck hinterlassen und wird durch Deine Authentizität und Klarheit lange, nachdem Du uns verlassen hast, Wirkung haben.”

Helle Jensen

Foto: Rui Camilo

Helle Jensen ist Psychologin und Familientherapeutin. Vorsitzende und Mitgegründerin der “Dänischen Gesellschaft zur Förderung der Weisheit bei Kindern”.  Autorin mehrerer Bücher, u.a. “Hellwach und ganz bei sich: Achtsamtkeit und Empathie in der Schule”;Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht”. Beide mit Jesper Juul, dem Schriftsteller Peter Høeg u.a., erschienen im Beltz Verlag 2017

 

Auswahl der Bücher von Jesper Juul:

Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie.  Rowohlt 16. Aufl 2009

Mit Helle Jensen: Vom Gehorsam zur Verantwortung. Wie Gleichwürdigkeit in der Schule gelingt. Beltz Verlag, 8. Auflage 2019

Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Beltz Verlag, 9. Auflage 2018

Das Kind in mir ist immer da. Mein Leben für die Gleichwürdigkeit. Beltz Verlag 2018