Durch das enge Tor des Augenblicks

Cover Steve Heitzer, Hellwach

Buch von Steve Heitzer

Dem „Geheimnis des Lebens“ ist Steve Heitzer in seinem neuen Buch auf der Spur. Der Theologe und Achtsamkeitslehrer verbindet dazu persönliche Erfahrungen mit Perspektiven aus Religion und Mystik verschiedener Traditionen. Ein Beitrag zu einer zeitgemäßen Spiritualität.

Sein Herzinfarkt und die geglückte Reanimation waren für den Autor und Achtsamkeitslehrer Steve Heitzer wie ein Zeichen. Schon lange beschäftigte er sich mit der modernen Achtsamkeitspraxis, mit der fernöstlicher Weisheit und dem Christentum. Doch seit dem lebensbedrohlichen Erlebnis sei seine Praxis noch lebendiger geworden.

Die intellektuelle Betrachtung der Themen sei einem Fokus auf die konkrete Lebenserfahrung gewichen. Denn hier auf dieser Erde zu sein, sei alles andere als selbstverständlich.

„Wie kommt es, dass wir hier sind – in dieser einzigartigen Form als Staubkorn unter Milliarden von Menschen und Myriaden von Lebensformen, an diesem Punkt auf der grünen Erde, die selbst ein Staubkorn ist im Kosmos?“, fragt Heitzer.

Lebensnah und authentisch schreibt er von seiner persönlichen Suche nach einer „ganzheitlichen Spiritualität“, wie er sagen würde. Der Autor nimmt die Leser mit auf eine Reise, die inspiriert ist von Jesus, Eckart Tolle und Jon Kabat-Zinn.

Sein Blick ist interreligiös, offen und lädt ein, selbst zu erforschen, was einen berührt und inspiriert. Heitzer ist studierter Theologe und war einige Zeit seines Lebens tief religiös. Später löste er sich aus dem engen Korsett.

Er lernte die moderne Achtsamkeitspraxis kennen und verknüpfte sie mit dem Herzensgebet aus der christlich-mystischen Tradition.
Dies halft ihm, „das Reden von Gott“ hinter sich zu lassen und sich auf sein konkretes Leben jenseits religiöser Kategorien ganz einzulassen.

Denn das scheint für ihn eines der Tore zur eigenen Spiritualität zu sein: „hellwach“ zu leben, sich zu spüren und Erfahrungen zu machen im Hier und Jetzt.

Neue Wege zu einer achtsamen Lebensweise

Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt sehr naturverbunden und findet in Spaziergängen und Beobachtungen in der Tiroler Natur Kraft und innere Präsenz in Stille. Seine Gedanken über die Natur und sein Gefühl der Verbundenheit zu Bäumen, Bergen und Himmel sind voller Leichtigkeit und Tiefe zugleich.

Sie regen die Leser an, ihre Umwelt mit neuem Blick und mit voller Aufmerksamkeit für die Schätze des Alltags wahrzunehmen.
Vor 20 Jahren gründete Heitzer zusammen mit seiner Frau einen alternativen Kindergarten, in dem er selbst auch als Erzieher wirkte.

Beeindruckt von der Arbeit der Reformpädagogin Rebecca Wild, entwickelte er einen feinsinnigen, gleichwürdigen Blick auf Kinder und ließ sie zu seinen Lehrmeistern werden.

Seine Erfahrungen und die Arbeit mit Kollegen und Eltern inspirierte den Autor zu seinem ersten Buch „Kinder sind nichts für Feiglinge“ und zahlreiche berührende und wegweisende Artikel für Zeitschriften und Online-Magazine.

So ist auch sein neues Buch gespickt mit Erzählungen persönlicher Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen und verbindet diese mit Erkenntnissen aus verschiedenen spirituellen, theologischen und philosophischen Quellen.

Dabei belehrt Heitzer nicht, sondern eröffnet mögliche Wege für eine aufmerksame Lebensweise, in der man Kraft und Inspiration für das moderne Leben finden kann.

In fünf Teilen widmet sich das Buch dem Ankommen im Jetzt, den Alltagsaugenblicken, dem inneren Widerstand und der Hingabe, den Krisen und Unsicherheiten der heutigen Zeit, der Endlichkeit und dem bewussten Leben.

Jeder Teil bindet eine lebensoffene Deutung eines Gleichnisses oder Worte Jesu ein. Sieben kurze Meditationen für die eigene Praxis laden ein, selbst in den Körper, ins Spüren und zu sich zu kommen.

Einem Freund beim Denken zuhören

Auf seinem „Weg zu einer tragfähigen Spiritualität“ unternimmt Heitzer nicht den Versuch, Begriffe zu definieren, abzugrenzen oder Schubladen zu bedienen. Vielmehr öffnet er immer wieder den Raum, zitiert buddhistische Lehrer wie Ezra Bayda und Pema Chödrön.

Eine wichtige Inspirationsquelle ist die Jüdin Etty Hillesum, die inmitten des Holocaust über die „Arme des Lebens“ schreibt, in denen wir uns geborgen fühlen können. Auch ermutigt er, immer wieder über den Tellerrand zu schauen und den eigenen Weg zu finden, der durch das „enge Tor des Augenblicks“ führe.

Auch die westlich-moderne Ausprägung der Achtsamkeitspraxis beleuchtet er kritisch. Er beobachtet, dass sie sich offenbar hüte, spirituell daherzukommen, „wohl in der Sorge um die Ambivalenz des Spirituellen und im Versuch, inmitten des unübersichtlichen spirituellen oder esoterischen Markes nicht unterzugehen.“

„Hellwach am Leben“ ist mehr als nur ein weiteres Buch über Achtsamkeit. Steve Heitzer unternimmt einen Brückenschlag und öffnet den Blick auf das Verbindende zwischen verschiedenen Traditionen und Konfessionen. Es eignet sich sowohl für Einsteiger als auch zur Vertiefung für bereits Praktizierende.

Heitzers Stil ermöglicht es den Lesern, dass man ihm persönlich sehr nahekommt – fast wie einem Freund, dem man beim Denken lauscht. Gleichzeitig inspirieren Zitate und Verweise auf andere Quellen dazu, an anderer Stelle weiterzulesen oder sie ganz im Hier und Jetzt auf sich wirken zu lassen.

Sarina Hassine

Steve Heitzer. Hellwach am Leben: Auf dem Weg zu einer tragfähigen Spiritualität. Achtsamkeitspraxis für den Alltag. Innsbruck 2024

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