Was bedeutet es eigentlich, Verantwortung zu übernehmen?

Sind wir die Autoren unseres Lebens oder Opfer der Verhältnisse? Der Autor teilt seine ganz persönlichen Gedanken zu diesem wichtigen Thema. Fortsetzung folgt.

Ich soll Verantwortung für mein Leben übernehmen. Nicht anderen die Schuld dafür geben, dass mein Leben anders verläuft, als ich es mir vorgestellt habe. Schon hier tauchen Fragen auf: Ich habe gar keine klare Vorstellung davon, wie mein Leben verlaufen sollte. Keine Vorstellung von „meinem“ Leben, das ich entworfen und geplant und schrittweise realisiert hätte. So läuft das einfach nicht!
Auch scheint es mir nicht sinnvoll zu sein, explizit von „meinem“ Leben zu sprechen. Denn je länger ich darüber nachdenke, umso mehr scheint sich mein singuläres Leben in einem allgemeinen Leben oder Lebensprozess aufzulösen. Alles, was ich bin und denke und empfinde, ist schon durch andere Menschen und Situationen vermittelt.
Die Tatsache, dass ich Teil einer Gemeinschaft, einer historisch gewachsenen Gesellschaft bin, wirft die Frage auf, inwiefern ich für mein eigenes Leben überhaupt Verantwortung übernehmen kann.
Doch ich möchte nicht die Möglichkeit von Freiheit – was immer das sein mag – leugnen. Ich möchte nicht grundsätzlich ausschließen, dass ich in diesem Augenblick eine Wahl habe, eine Entscheidung treffen kann oder muss und für die Folgen meines Handelns gerade zu stehen habe.

Ich kann für meine Handlungen belangt werden

In der Umgangssprache drücken wir uns so aus, und im Lebensalltag ist diese Ausdrucksweise durchaus sinnvoll – denn wir können für unsere Taten und Untaten tatsächlich belangt werden, auch juristisch. Im umgangssprachlichen Sinn handeln wir als moralische oder juristische Personen – an dieser Tatsache brauchen wir nicht zu rütteln:
Wenn ich in einem Geschäft etwas stehle und erwischt werde, lassen mich der Besitzer sowie der Gesetzgeber die Folgen meines Handelns spüren. Ich muss einen Preis zahlen, der nicht nur dem Wert der gestohlenen Ware entspricht, sondern auch die Gerechtigkeit wieder herstellt.
Und die Gerechtigkeit stellt sich dadurch wieder her, dass ich den gesellschaftlichen Regeln – oder einfacher: den Gesetzen zu folgen lerne. Ich spüre die Folgen und muss mein Verhalten ändern, will ich nicht die gesellschaftliche Anerkennung verlieren, auf die sogenannte schiefe Bahn gelangen.
Im Akzeptieren meiner Bestrafung übernehme ich Verantwortung für mein Handeln. Aber was, wenn ich beim Stehlen nicht erwischt werde? Wenn ich mich an der Beute ungestraft erfreue? Oder wenn ich gesellschaftliche Regeln bewusst verletze und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen, also bestraft werde? Muss ich in diesem gar nicht so speziellen Fall keine Verantwortung für mein Handeln übernehmen?
Ich möchte an dieser Stelle auf den Anfang meiner Überlegungen zurückkommen: Ich bin Teil eines Ganzen, und alles, was ich tue oder denke, ist ein Reflex auf zahllose andere Reflexe. Alles ist auf eine schwer zu greifende Weise miteinander verbunden – verbunden in einem unendlichen Netzwerk, wofür es in der indischen Mythologie das schöne Bild vom Netz der Indra gibt.
Und das ist nicht etwa eine blasse theoretische Einsicht – diese All-Einheit und Verbundenheit können wir tatsächlich erfahren, in der Kontemplation über unser eigenes Leben und in den unterschiedlichen Formen der Meditation. Wir können uns als einen Teil des Ganzen, als einen Teil der Schöpfung – oder was auch immer – erfahren, und diese Erfahrung kann sehr stark sein.

Bin ich zurechnungsfähig?

Was bedeutet das für die Frage nach der Verantwortung? Ich sehe hier zwei gedankliche Perspektiven, die sich aber gegenseitig zu widersprechen scheinen:
Auf der einen Seite wird mir klar, dass ich mit allen Menschen, mit allen fühlenden Wesen, ja sogar mit allen Phänomenen irgendwie verbunden bin. Vor diesem Hintergrund muss mein Handeln immer irgendwelche Folgen haben, egal ob ich beim Stehlen ertappt werde, ob jemand sieht, dass ich einen Geldbetrag spende oder einem anderen Menschen meine Hilfe anbiete. Alles hat Folgen und verändert die Mitwelt.
Aber mitunter spüre ich sogar physisch oder emotional, wie die Folgen meines Verhaltens direkt auf mich zurückschlagen. Das kann in Gestalt einer Freundin sein, die plötzlich Tränen überströmt vor mir steht und mir Vorwürfe macht. Oder in Gestalt eines Kindes mit leuchtenden Augen, das mir seine Anerkennung und Dankbarkeit unmittelbar zum Ausdruck bringt. In unserem Leben gibt es zahlreiche Momente, in denen wir uns mit „dem“ Leben stark verbunden fühlen.
Auf der anderen Seite scheint mir diese allseitige Verbundenheit gegen die Möglichkeit einer Verantwortung (oder Verantwortlichkeit) zu sprechen. Wie soll ich Verantwortung für ein Handeln oder Verhalten übernehmen, das ich als von gesellschaftlichen Notwendigkeiten und mentalen Zwängen getrieben an den Tag lege?
Das mag jetzt übertrieben scheinen, allein wir kennen aus der Rechtsprechung die Situation, dass ein Angeklagter als nicht voll zurechnungsfähig erklärt wird und strafrechtlich nicht belangt werden kann. Nicht zurechnungsfähig bedeutet: Eine in Frage stehende Tat kann dem Täter – oder besser: der Person nicht zugerechnet werden. Diese Person kann nicht als Urheber dieser Tat betrachtet und belangt werden, weil es Umstände gibt, die mehr oder weniger zwingend dagegen sprechen.
Diese Umstände können psychologischer oder politischer Natur sein – ein Mensch kann unter Androhung von Gewalt zu einer Straftat gezwungen worden sein, die er sonst niemals verübt haben würde.

Es waren die Umstände

Wenn ich auf mein eigenes Leben blicke, weiß ich nicht, ob ich wirklich jede meiner Handlungen willentlich oder in vollem Bewusstsein herbeigeführt habe. Ich würde sogar für einige meiner Verhaltensweisen gerne in Anspruch nehmen, dass ich seinerzeit nicht voll zurechnungsfähig gewesen sei – das heißt: Ich würde mir einige Handlungen gerne eben nicht persönlich zurechnen lassen müssen, mich davon distanzieren. In dem Sinne, dass nicht eigentlich ich es gewesen bin, der sie begangen hat, sondern zum Beispiel die Umstände …
Ich habe auch schon erlebt, dass Menschen ein Lob abgewehrt oder relativiert haben mit der Begründung, dass nicht ihnen alleine dieses Lob gebühre, sondern zahllose Helfer mit dazu beigetragen haben …
Auch hier zeigt sich, dass wir in den seltensten Fällen wirklich alleine für etwas ausgezeichnet oder zur Rechenschaft gezogen werden können, weil unser Denken und Handeln immer schon – und ich sage jetzt bewusst: unendlich vermittelt ist.
Wenn wir glauben, dass wir alleine etwas Besonderes geschaffen oder verrichtet haben, dann handelt es sich meist um Verblendung.

Was aber ist mit der Verantwortung?

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Sven Precht2014-webSven Precht war viele Jahre als Kulturjournalist tätig und arbeitet heute in der IT-Branche. Er unterrichtet auch an der Volkshochschule zu philosophischen Themen.