Eine Minute stillsitzen

Foto: Halfpoint/ shutterstock
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Achtsamkeit mit Grundschülern

Achtsamkeitstrainerin Michaela Doepke unterrichtete vier Tage Achtsamkeit für die zweiten Klassen einer Grundschule in Oberbayern mit je 27 Kindern. Hier berichtet sie, welche Erfahrungen sie gemeinsam gemacht haben – beim achtsamen Essen von Fruchtgummis, Atem- und Yoga-Übungen.

An einem Montagmorgen betrete ich gespannt das weiträumige Schulgebäude. Es wirkt einladend, ausgestattet mit hellen Klassenzimmern und einem großen begrünten Schulhof. Die Schülerinnen und Schüler, die meisten zwischen sieben und acht Jahren, sind gerade auf Corona getestet worden. Daher treffen sie etwas verspätet zur ersten Schulstunde ein. Sie begrüßen mich neugierig, mit bunten Masken vor Nase und Mund.

So vermummt, ist es gar nicht einfach, einen Eindruck von den Kinderpersönlichkeiten zu bekommen. Da es für mich als Mutter und Großmutter stets das Wichtigste ist, Kindern bedingungslose Liebe zu zeigen, begegne ich ihnen mit Freundlichkeit und Respekt, wohlwissend, welchen Belastungen sie in Zeiten von Corona ausgesetzt sind.

Als Forscherteam auf Entdeckungsreise

Mein Herzensanliegen ist es, sie spielerisch mit Achtsamkeitsübungen vertraut zu machen, damit sie sich wohler in ihrer Haut fühlen, in der Schule mehr Freude haben und vielleicht sogar besser mit Stress umgehen können. „Stellt euch vor, wir gehen als Forscherteam auf Entdeckungsreise“, motiviere ich sie. „Als erstes wollen wir die Achtsamkeit erforschen.“

Doch weiter komme ich nicht. Schon schnellen die Hände in die Höhe und Einzelne berichten von ihrem Stress. Annika (alle Namen von der Redaktion geändert): „Ich habe so viel Stress, weil wir zu Hause ein Baby bekommen haben, das immer schreit.“ Sebastian: „Also wir haben Stress, weil wir gerade umgezogen sind und so viel Schulden haben.“

Wie kann Achtsamkeit helfen? Und was ist eigentlich Achtsamkeit, fragte ich in die Runde. „Also das ist, wenn man auf jemand anderen Rücksicht nimmt“, erwidert Simon.

Flipchart: Abwesend oder achtsam?

Am Flipchart zeige ich, dass sich die Person, die mit allen Sinnen ganz im Hier und Jetzt aufmerksam ist, viel wohler fühlt als die Person, die in Gedanken und Sorgen verstrickt ist.

Danach praktizieren wir achtsames Essen. Endlich gibt es einen Grund, die Masken abzulegen und in die lebendigen Kindergesichter zu schauen. Die Kinder sind mit Feuereifer dabei, keine Spur von Unruhe. Das erste Bio-Fruchtgummi essen wir wie sonst nebenbei.

Das zweite Fruchtgummi wird – wie die im MBSR bekannte Rosinenübung – mit Achtsamkeit und allen Sinnen aufmerksam erforscht: Wir untersuchen als Wissenschaftler nacheinander Farbe, Form, Geruch, Geschmack. Die für Kinder wichtige Erfahrung des Wartens und das Essen in Zeitlupe fällt manchem schwer. Ein besonders impulsiver Junge: „Ich will das Fruchtgummi sofort runterschlucken.“

Hausaufgabe bis zum nächsten Tag ist, eine Mahlzeit zu Hause achtsam zu essen. Am nächsten Tag frage ich neugierig nach. Bettina: „Also ich habe abends achtsam Chips gegessen und gemerkt, als ich satt war.“ Luis: „Ich habe aufmerksam Wiener Würstchen gegessen und sogar an ihnen gerochen.“

Wir sprechen darüber, aus welchem Tier Wiener gemacht werden und ich wecke das Interesse dafür, woher das tägliche Essen kommt. Bert, selbst korpulent, berichtete: „Also mein Vater ist ganz dick. Ich habe beobachtet, dass er sich den ganzen Abend mit Essen vollstopft und gar nicht aufhören kann.“ Neben ihm sitzt eine Schulbegleiterin, die ihn unterstützt, da er Verhaltensauffälligkeiten hat.

Später erzählt mir die Lehrerin, dass viele Kinder zu Hause nur Fertigessen bekommen. Voller Mitgefühl denke ich an die vielen überlasteten berufstätigen Mütter, die oft keine Zeit zum Kochen von gesundem Essen haben.

Kinder genießen Stillemomente

An diesem Tag lasse ich die Klangschale zum ersten Mal ertönen. Selbst die unruhigen und sonst zappeligen Kinder sind fasziniert und schaffen es mühelos, eine Minute Stille zu erleben. Am besten gefällt ihnen die Übung, die Hand zu heben, wenn sie den Ton der Klangschale nicht mehr hören. Diese Übung fordern sie täglich ein. Es macht ihnen großen Spaß, gefordert zu sein.

Wer von euch hat denn schon mal meditiert, frage ich. Zwei Kinder berichten, dass sie mit ihren Eltern und Geschwistern regelmäßig zu Hause meditieren. Andere teilen mit, dass sie sich manchmal ins Bett legen und Meditationsmusik hören. Die Stille, berichten sie nachdrücklich, bewirke bei ihnen Ruhe und Entspannung.

Als nächstes starten wir eine Entdeckungsreise durch den Körper. Wir üben, die Aufmerksamkeit wie eine Taschenlampe auf den Körper zu richten und das eigene Befinden von Moment zu Moment wahrzunehmen. Wir lauschen. Manche berichten lebhaft von schnellem Herzschlag, Verspannung in Nacken und Schultern, Rückenschmerzen.

Die Stunde schließt mit einer Minute Stille, bevor die Kinder nach Ertönen des Gongs in die Pause rasen. Stille ist besonders für die Jungs eine große Herausforderung. Sie sehnen sich nach Lärmen, Toben und Bewegung nach dem langen Stillsitzen. Umso bewundernswerter ist es, dass in beiden sehr lebhaften Klassen jedes Mal Stille einkehrt, wenn ich die Klangschale anläute. Dieses lobende Feedback gebe ich mehrmals.

Bäume sind die Lunge der Erde

Es ist Mittwoch. Heute erkunden wir den Atem. „Wo spürt ihr den Atem?“ „In der Maske“, schallt es unisono. Wir erforschen, warum der Atem so wichtig ist, halten uns eine Weile Nase und Mund zu, bis wir nach Luft schnappen. „Wir brauchen den Atem, weil wir sonst sterben“, meint Luise.

„Wo mein Opa wohnt, ist der Himmel oft ganz dunkel wegen der Autoabgase“, teilt Bert mit. Tom meint, für gute Luft sind Bäume und die Fotosynthese wichtig wegen dem Sauerstoff. Und Tobias weiß: „Bäume sind die Lunge der Erde.“

Nach einer kurzen Atemmeditation demonstriere ich mittels einer Schneekugel, wie es ist, wenn die Gedanken wie Schneeflocken im Kopf herumwirbeln. Die Kinder starren gebannt auf das Geschehen. Wir probieren aus, innezuhalten und die Aufmerksamkeit auf den Atem lenken. Anna: „Dann wird alles ganz ruhig und klar im Kopf, wie in der Schneekugel, wenn der Schnee absinkt.“

Fabian mag bei der Meditation nicht aufrecht sitzen, lümmelt auf dem Stuhl, ist abwesend. Später erklärt mir die einfühlsame Lehrerin, dass sich zu Hause niemand um ihn kümmert. „Oft hat er keine Hausaufgabe dabei, kein Federmäppchen. Keiner schaut sein Zeugnis an. Er muss jeden Morgen ganz allein aufstehen und zur Schule gehen. Es müsste viel mehr Schulbegleiter geben.“

Ich lerne, unruhige und besonders unaufmerksame Kinder mit ihrem Namen freundlich anzusprechen und ihnen in die Augen zu schauen. Im direkten Kontakt wird jede Kommunikation leichter und Beziehung entsteht. Das Mitmachangebot bleibt dennoch freiwillig und die eigene Entscheidung der Kinder.

Am letzten Tag üben wir zur Begrüßung wegen der Maske, uns mit den Augen anzulächeln. Bevor ich starte, bekomme ich von etlichen Kindern einen Schokoriegel oder einen Keks geschenkt. „Weil du uns so tolle Sachen beibringst.“ Lydia schenkt mir einen gefalteten Zettel. Er enthält ein gemaltes Herz, darunter „für Michaela“.

Yoga: Dem Körper Aufmerksamkeit schenken

Nach dem Stillemoment, den auch die Lehrerinnen genießen, biete ich Wohlfühlübungen an mit Yoga und leichten Bewegungen. Forscher haben herausgefunden, dass sich bei nur sieben Minuten Yogaübungen in den Mathestunden die Leistungen schon nach sechs Wochen verbessert hatten.

Wie geht es euch heute, will ich wissen. Die Antworten: „Schlechte Stimmung, Kopfweh, Nackenweh, Müdigkeit“, bekomme ich zu hören. Es ist nicht ihr Tag. Ich zeige, wie wir uns selbst helfen können mit spielerischen Yogaübungen wie Raketenstart, Schulterkreisen, Adlerflug oder Sternepflücken.

Nach jeder Haltung halten wir inne und spüren nach. Doch ich unterbreche vorzeitig, denn mein Eindruck ist, dass die meisten Kinder wenig Bezug zu ihrem Körper haben und kaum Sport treiben.  Dem Körper so viel Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Zuwendung zu schenken, fällt schwer. Wie schön wäre es, wenn jede Schulstunde mit ein paar Yogaübungen für Körper und Geist beginnen könnte, denke ich, und außerdem viel mehr Sportstunden gegen Bewegungsmangel angeboten würden, -besonders in Corona-Zeiten.

Wer hat Schwierigkeiten, abends einzuschlafen? Die Hälfte der Klasse meldet sich. Ich rege an, zur Abhilfe die Gedanken zu beruhigen und die Aufmerksamkeit auf den Atem zu lenken, indem sie beide Hände auf den Bauch legen und die Atembewegung spüren. Auch sei es  wohltuend, sich im Bett vor dem Einschlafen an Dinge zu erinnern, für die wir dankbar sind an diesem Tag.

Nach einer Woche ist es Zeit für den Abschied. Einige Kinder sind traurig, dass ich nun nicht mehr komme. Und auch ich bin etwas wehmütig, aber auch freudig über die vielen Erfahrungen mit den Kinderherzen.

Mein Wunsch: Die Herzensbildung und das Wohlsein der Kinder müsste ein größeres Thema in der Bildungspolitik sein.

Foto: Joel Heyd

Michaela Doepke ist Achtsamkeitstrainerin in Unternehmen, im Gesundheitsbereich, für Pädagogen in Kindergärten, Journalistin und Redakteurin im Netzwerk Ethik heute, Dozentin und Buchautorin.
Mehr: www.michaela-doepke.de

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