Plädoyer eines Kinder- und Jugendpsychiaters 

Der Autor Jörg Mangold sieht sich als Kinder- und Jugendpsychiater zunehmend in einem ethischen Konflikt. Er soll „doktorn“, damit Eltern und Kinder wieder „funktionieren“. Doch wer ist hier eigentlich gestört, wenn er immer mehr „Reparaturaufträge“ von einem kranken Gesellschaftssystem erhält?

 

 Vater und Mutter zu sein in der heutigen Lebenswelt ist nicht leicht. Kinder- und Jugendpsychiater zu sein übrigens auch nicht! Ich bin Vater und Kinder- und Jugendpsychiater, zusätzlich Lehrer für Achtsamkeit und Mitgefühl, − eine sehr seltene Kombination. Eltern und Kinder liegen mir sehr am Herzen.

In meiner Rolle als Kinder- und Jugendpsychiater erlebe ich häufig kleine und große Dramen in Familien und möchte helfen. Als Achtsamkeitslehrer will ich gerne Begleiter sein und Angebote machen, bevor es zu Störungen kommt. Als Vater reagiere ich sensibel auf die vielen öffentlichen Klagen und die massive Verunsicherung von Eltern, deren angeblich abnehmende Erziehungskompetenz oder gar den Ruf nach einem Eltern-Führerschein. Da haut uns Eltern doch jemand Anschuldigungen um die Ohren, die ganz wo anders hingehören!

Steigende Zahl von seelischen Erkrankungen 

Ich wundere mich, warum von den Entscheidungsträgern, die diese Anklagen hervorbringen, keiner die folgenden Fragen stellt: Was sind die Lebensbedingungen in Deutschland, dass wir eine ständig steigende Zahl von seelischen Erkrankungen sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen verzeichnen müssen? Welchen Lebensstil und welche Werte kultivieren wir, dass diese Auffälligkeiten und Nöte ständig zunehmen, obwohl wir in einem der wohlhabendsten Ländern dieser Erde leben?

Das ist nicht eine Angelegenheit von uns Eltern, sondern von unserer Art zu leben, inklusive der dazugehörigen Risiken und Nebenwirkungen. Dazu möchte ich einen echten Experten in diesem Bereich zitieren.

Professor Fritz Mattejat1 hat zur Frage des steigenden Therapiebedarfs für Kinder und Jugendliche zwei wesentliche Antworten herausgearbeitet.

Erstens: Armut und prekäre Lebenssituation lassen die Zahl der Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei allen Beteiligten in der Familie deutlich steigen. In Berlin leben z. B. 30 Prozent der Kinder von Sozialleistungen. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem letzten Jahr zeigt, wenn Familien erst in der Armut landen, dann bleiben sie lange dort.

Zweitens: Wir setzen uns unter Druck. Familien ohne gravierende Einschränkungen erleben eine hohe elterliche Stressbelastung, die sich aus den eigenen hohen Ansprüchen ergibt. Elterliche Stressbelastung erhöht wiederum die Anfälligkeit für psychische Auffälligkeiten bei den Kindern. Mit dem hohen Anspruch an sich selbst ist auch ein erhöhter Anspruch an die Kinder verbunden. Als Folge sinkt  die Toleranzschwelle bezüglich Interventionen bei Auffälligkeiten. Das zeigt sich besonders bei den schulischen Erwartungen an die Kinder. 

Aus meiner psychiatrischen Tätigkeit kann ich diese Fakten bestätigen. Ich kenne die eine und die andere Gruppe gut. Aber wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht den Eltern einfach den „Schwarzen Peter“ zuschieben.

Wenn Eltern in prekären Lebenslagen wenig Ressourcen und noch weniger Energie haben, leiden sie selbst oft am meisten daran. Sie wünschen sich auch, ihren Kindern ganz Anderes anbieten zu können.

Das Phänomen der zweiten Gruppe bezieht sich nicht vordringlich aufs Elternsein. Es tritt dort nur verstärkt auf und wirkt sich in der Folge auf die Kinder weiter aus. Ist es nicht unglaublich, dass jeder vierte Mann und jede dritte Frau in Deutschland innerhalb der nächsten 12 Monate die Diagnosekriterien einer psychischen Störung erfüllen wird?2 

Wir machen uns Druck und werden krank

Ich möchte die steigende Zahl der psychischen Erkrankungen, der Burn-Out-Fälle, der Stress-Geplagten klar als den „Kaufpreis“ und damit als Aus- und Nebenwirkungen unserer Lebensart benennen.

Es ist unlauter, diese Thematik dem Einzelnen als „Patient“ in die Schuhe zu schieben. Die genannten psychischen Erkrankungen sind eine direkte Folge unseres gewählten Lebensstils, wie die Klimaerwärmung oder wie die Zahl der Verkehrstoten, die wir eben in Kauf nehmen.

Zu Beginn meiner Ausbildung vor 25 Jahren waren wir seltene Exoten und mussten Öffentlichkeitsarbeit leisten, damit überhaupt jemand mit seinem Kind zum Psychiater kam, obwohl wir zu so vielen Störbildern wirklich Hilfen angeboten hatten. Das Versorgungsnetz mit Kliniken und Praxen ist heute viel dichter geworden und die Schwellen zur Inanspruchnahme von Hilfe sind geringer.

Aber zäumen wir heute nicht viel zu oft das Pferd von hinten auf? Wir versuchen, die steigende Zahl der psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen zu versorgen, wenn sie schon eingetreten sind. Was tun wir alle dafür, dass es nicht soweit kommt? Wo bleibt die Vorsorge?

Um ein Bild zu bemühen: Ich fühle mich in der Praxis mit all den Dringlichkeitsanfragen oft wie in einem „Emergency Room“. Laufend kommen Menschen mit abgesägten Fingern oder Armen, und ich bin so damit beschäftigt, sie zu versorgen, dass ich gar keine Zeit habe für die Frage: „Wo ist denn das verdammte Sägewerk? Wo kommen die denn alle her?“

Wer ist denn hier ver-rückt?

Wir haben weltweit mit eine der höchsten Kapazitäten für ambulante und stationäre Psychotherapie. Es kann doch nicht die Antwort sein, noch mehr und am besten alle Betroffenen in Psychotherapie und Behandlung zu schicken. Wer oder was ist denn hier ver-rückt?

Beim System Schule gerät die gesellschaftliche Entwicklung, die eigenen Wünsche und die entstehenden Nöte für die Kinder und Eltern unters Brennglas. Es scheint leider eines der größten Sägewerke zu sein.

Wir geben aufgrund der Veränderungen im Berufs- und Familienleben immer mehr grundlegende Aufgaben der Erziehung an Krippen, Kindergärten und Schulen im Ganztages-Modus ab. Wir statten sie aber nicht mit den notwendigen Ressourcen dafür aus, dass es gelingen kann. Mit den Ausgaben für Erziehung liegt Deutschland im hinteren Feld in Europa3.

Ich soll als Kinder- und Jugendpsychiater oft die Störer dazu bringen, nicht mehr zu stören. Aber wer ist hier eigentlich gestört? Die einzelnen Kids, die mit den Bildungs- und Betreuungsangeboten nicht klarkommen? Oder wir als ganze Gesellschaft, die wir dem Aufwachsen unserer Kinder so wenig Bedeutung einräumen?

Reparatur an der falschen Stelle

Ich erlebe das als Kinder- und Jugendpsychiater zunehmend als ethischen Konflikt. Ich soll „doktorn“, damit alles wieder klappt. Ich kann ja mit der Hilfe für die Kinder nicht warten, bis sich etwas ändert im System. Aber ich komme auch nicht klar damit, dass ich immer mehr Reparaturaufträge aus einem kranken System bekomme. Reparatur an der falschen Stelle.

Hier meldet sich der Achtsamkeitslehrer zu Wort: Wir brauchen viel Weiterentwicklung: eine Evolution hin zu Nachhaltigkeit, lebenswerten Rhythmen und endlich die Einsicht, dass die Kinder unser höchster Wert und unsere Zukunft sind.

Eltern sind auch nur Menschen! Sie und die Kinder stehen im Mittelpunkt der Misere. Sie wollen von Herzen das Beste für ihre Kinder. Wir Experten laufen leider Risiko, mit in die Optimierungsfalle zu tappen aus vermeintlich besten Absichten für das Kind, um damit den Druck auf Eltern noch weiter zu erhöhen.

Achtsamkeit und Selbstmitgefühl als Prävention

Ich bin überzeugt, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bzw. Mitgefühl mit anderen entscheidende hilfreiche Gegenmittel für etliche der Ver-rücktheiten unserer Lebensart sind. Für Eltern sind sie hilfreich, mit den vielen Herausforderungen, dem Druck, den eigenen begrenzten  Möglichkeiten und den unweigerlichen Konflikten und Missgeschicken heilsamer klarzukommen. Therapeuten und Psychiatern helfen sie für das eigene Seelenwohl, gerade angesichts des vielen Leids, dem wir begegnen. Beratung aus dieser mitfühlenden Haltung macht einen großen Unterschied für Eltern.

Ich freue mich, wenn wir Achtsamkeit und Selbstmitgefühl als präventive Kraft in die Elternarbeit in Kindergärten, Horteinrichtungen, Schulen und Erziehungsberatungsstellen tragen können. Ich bin überzeugt, wir brauchen dann weniger psychische Behandlungen.

Da klingt mir mein erster Psychiatrie-Lehrmeister, Prof. Wolfgang Werner aus dem Saarland, im Ohr: „Wir sollten als Psychiater und Psychotherapeuten darauf hinarbeiten, dass wir möglichst überflüssig werden, nicht immer wichtiger!“

Ich bin gerne dabei, überflüssiger zu werden. Damit dies möglich ist, will ich auch, dass wir politisch etwas an den Lebensbedingungen für Eltern und Kinder ändern und die Prioritäten neu setzen.

Jörg Mangold 

Anmerkungen:

1) Zitate aus dem Vortrag von Professor Fritz Mattejat auf dem Symposium 2016 „Über den Tellerrand 2“ – 15 Jahre Mangold Praxisteam. Prof. Mattejat ist Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendpsychotherapeut, langjähriger leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie sowie Vorstand/Ausbildungsleiter des Instituts für Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin an der Philipps-Universität Marburg.

2) Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihre Zusatzuntersuchung „Psychische Gesundheit“; www.degs-studie.de

3) „Armutsmuster in Kindheit und Jugend”, Berthelsmann Stiftung, www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/armutsmuster-in-kindheit-und-jugend/ 

Jörg Mangold, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Achtsamkeitslehrer, Dozent, Elterncoach. Initiator des präventiven Programms „Mindful Compassionate Parenting“ und  des Videokurses „EMAUS – Elternsein mit Achtsamkeit und Selbstmitgefühl“. Engagement im Verein ARAGUA für ein allgemeines Recht auf Gesundheit und Ausbildung mit Projekten in Nepal und Liberia. Mehr

Autor des Buches “Wir Eltern sind auch nur Menschen! Selbstmitgefühl zwischen Säbelzahntiger und Smartphone.” Arbor Verlag achtsamkeitundselbstmitgefuehl.de