Interview mit Marvin Oppong

Marvin Oppong (38) ist ein Journalist, der selbst Rassismus und in einem schlimmen Fall Polizeigewalt in Deutschland erlebt hat. Im Interview mit Stefan Ringstorff berichtet er über Erfahrungen von Diskriminierung seit der Kindheit und Rassismus bei Polizisten. Er fordert mehr Aufklärung über das Thema und neue Strukturen in der Polizei.

 

Das Interview führte Stefan Ringstorff

Wann ist Ihnen erstmals bewusst geworden, dass es Rassismus in Deutschland gibt?

Oppong: Die ersten Erlebnisse gehen zurück auf meine Zeit, im Kindergarten im Alter von drei Jahren. Das hat sich dann in der Grundschule fortgesetzt. Hier ging es mir ähnlich wie vielen anderen schwarzen Menschen in Deutschland.

Haben Sie sich dann auch schon früh eine Strategie zurechtgelegt, um mit rassistischer Diskriminierung umzugehen?

Oppong: Als Kind ist es schwer, Rassismus zu begreifen. Ich habe zwar verstanden, dass ich wegen eines körperlichen Merkmals anders behandelt werde, aber den ideologischen Überbau dieses Verhaltens habe ich nicht verstanden. Natürlich habe ich mein Verhalten dahingehend angepasst zu zeigen, dass mich die Diskriminierung nicht trifft.

In unserer Familie war Rassismus auch immer wieder ein Gesprächsthema. Mein Vater stammt aus Ghana. Ich erinnere mich an die Fernsehbilder, die wir gemeinsam sahen, als Rodney King 1991 das Opfer von brutaler Polizeigewalt in Los Angeles wurde. Es gab mehrere andere Anlässe, bei denen wir über Rassismuserfahrungen sprachen.

Haben Sie es irgendwann mal so richtig satt gehabt, immer wieder auf ein körperliches Merkmal reduziert zu werden, eine schwarze Identität zugeschrieben zu bekommen?

Oppong: Ja klar, zum Beispiel wenn immer wieder die Frage nach meiner Herkunft kommt – das nervt mich, sicher genauso wie andere Menschen mit Migrationshintergrund. Ich versuche die jeweilige Person dann darüber aufzuklären, dass es problematisch ist, jemanden allein aufgrund seines Aussehens zu einem Fremden zu machen. Wenn ich meine Identität beschreiben sollte, bin ich erster Linie Mensch. Meine Nationalität ist deutsch und ich bin Journalist.

Wie frei fühlen Sie sich aufgrund dieser alltäglichen Rassismuserfahrungen in Deutschland?

Oppong: Es kommt darauf an, wie man Freiheit definiert. Es gibt ja ganz verschiedene Freiheiten. Freiheit kann man auch negativ definieren. Wenn ich ein Rassismus-freies Leben betrachte, gibt es natürlich Defizite. So gesehen fühle ich mich nicht frei, weil ich mich in manchen Situationen als schwarzer Mensch nicht so verhalten kann, wie ein weißer Mensch, weil ich auch mehr Restriktionen unterworfen bin.

Ein Beispiel: Schwarze Menschen erleben es immer wieder, dass sie in Geschäften vom Ladendetektiv verfolgt werden, weil dieser denkt, sie könnten etwas klauen. Wenn ich als schwarzer Mensch in eine Disco nicht hereingelassen werde, macht mich das unfrei, gerade wenn es wie hier um Erfahrungen mit strukturellem Rassismus geht.

Vonseiten meiner Kolleginnen und Kollegen im Journalismus habe ich glücklicherweise wenig Rassismus erlebt. Von außen als Reaktion auf meine journalistische Tätigkeit habe ich Rassismus erlebt. Ich bin schon mehrfach rassistisch beschimpft worden, in den sozialen Medien zum Beispiel. Ich habe auch schon Drohungen erhalten von Rechtsextremen als Reaktion auf meine Berichterstattung. Da waren auch rassistische Sachen dabei.

Schlimme Gewalterfahrung in Deutschland

Im Mai 2018 haben Sie einen Fall konkreter Polizeigewalt gegen sich erlebt. Was hat sich zugetragen?

Oppong: In Bonn hatte damals ein Polizeifahrzeug ein Taxi angefahren. Bei den Ermittlungen danach hat sich herausgestellt, dass die Polizei den Unfall verursacht hat. Sekunden danach bin ich zufällig am Unfallort vorbeigekommen.

Ich hatte die Vermutung, dass die Polizei Schuld sein könnte. Daraufhin habe ich ein Foto von dem Polizeiwagen gemacht. Die anwesenden Polizisten untersagten mir das Fotografieren. Ich erklärte, dass ich Journalist bin und befugt sei zu fotografieren. Daraufhin wurde mir von einem Polizisten die Digitalkamera aus der Hand geschlagen. Sie fiel zu Boden.

Ich wurde dann von vier Polizisten an allen Vieren genommen und mit dem Gesicht über den Asphalt geschleift. Mehrere Polizisten haben sich dann auf mich draufgesetzt und mich mehrere Minuten lang körperlich misshandelt. Ein Polizist hat sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf meinen Kopf gekniet. Andere hielten einen weiteren Journalisten davon ab, dass Vorgehen gegen mich zu filmen. Am Ende wurde gegen acht Polizisten wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt ermittelt.

Man brachte mich dann zu einer Polizeiwache, wo ich mich in einer Zelle bis auf die Socken nackt ausziehen musste. Ich durfte mir nicht einmal das Blut abwaschen, das an vielen Stellen meines Körpers klebte. Sie verweigerten mir den Kontakt zu einem Anwalt und nahmen mir meine Speicherkarte mit den Fotos ab. Während die Polizei die meisten Unfallspuren beseitigte, wurde ich ungefähr eine Stunde auf der Wache festgehalten, bevor sie mich freiließen.

Wie haben Sie danach reagiert?

Oppong: Ich habe Strafanzeige gestellt unter anderem wegen Körperverletzung im Amt und Freiheitsberaubung. Am 5. Juni 2020 habe ich erfahren, dass dieses Verfahren eingestellt worden ist. Ich habe zusätzlich eine Fortsetzungsfestellungsklage vor dem Verwaltungsgericht Köln auf Feststellung der Rechtswidrigkeit dieses Polizeieinsatzes eingereicht. Doch diese Klage ist bislang noch nicht entschieden worden.

Haben Sie eine Erklärung für sich gefunden, warum es diese massive Gewalt von Seiten der Polizei gegen Sie gab?

Oppong: Ich denke, dass mehrere Gründe eine Rolle gespielt haben könnten. Zum einem waren hier Kolleginnen und Kollegen der Polizeibeamten betroffen. Es war also auch für die Polizisten eine Ausnahmesituation, was dazu führte, dass sehr schnell sehr viel Polizei vor Ort war. Von Seiten der Polizei wollte man deshalb wohl hart durchgreifen.

Offenbar waren die Polizisten auch nicht gut geschult. Warum bräuchte man sonst mehrere Minuten, um mit mehren Leuten jemanden zu fixieren? Das wäre eine Sache von Sekunden gewesen. Hinzu kommt sicherlich auch schlechte Führung und mangelnde Anleitung der Polizisten durch den leitenden Beamten. Und wenn man dann noch eine Portion Rassismus drauf tut und ich denke schon, dass es mit meiner Hautfarbe zu tun hatte wie man mich behandelt hat, dass es auch einmal wieder einen Schwarzen getroffen hat und eben nicht eine weiße Person. Wenn man das dann alles zusammennimmt, erkläre ich es mir so, wie es gekommen ist.

Wir brauchen mehr Wissen über Rassismus

Sehen Sie in Sachen Rassismus ein strukturelles Problem bei der Polizei?

Oppong: Es sind viele Fälle rassistischer Gewalt und von Racial Profiling, also rassistisch motivierte Personenkontrollen, belegt. Schon 2009 hat der UN-Sonderberichterstatter für Rassismus Deutschland dafür gerügt. Auch eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte von 2010 kritisiert, dass es eine Alltagserfahrung von schwarzen Menschen und People of Colour ist, überdurchschnittlich oft von der Polizei kontrolliert zu werden. Eine Studie von Kriminologen der Universität Bochum sprach im letzten Jahr von 12.000 Verdachtsfällen rechtswidriger Gewalt durch Polizisten.

Was braucht es Ihrer Meinung nach bei der Polizei, um dem Problem des strukturellen Rassismus zu begegnen?

Oppong: Wir brauchen Fortbildungen über Rassismus. Viele weiße Menschen wissen überhaupt gar nicht, was Rassismus ist und wie er sich äußert. Gerade im Polizeidienst brauchen wir viel mehr Wissen und Bildung darüber.

Kritisch ist auch die Personalauswahl bei der Polizei. Es gab in letzter Zeit mehrere dokumentierte Fälle rechtsextremer Umtriebe. Wie kann es sein, dass diese Personen überhaupt erst in den Polizeidienst aufgenommen werden?

Außerdem brauchen wir eine unabhängige Beschwerdestelle. Es kann nicht sein, dass Kollegen gegen Kollegen ermitteln. In anderen Ländern wie Großbritannien gibt es diese unabhängigen Stellen schon seit Jahren.

Und zuletzt sollten wir auch über unsere Polizeikultur nachdenken. Im Zusammenhang mit Polizeigewalt erleben wir einen Korpsgeist innerhalb der Polizei. Kollegen decken gewalttätige Kollegen als Ausdruck dieses Geistes. Das begünstigt Gewalt und erschwert ihre Aufdeckung.

Haben Sie die Ausmaße der Demonstrationen in Deutschland gegen Rassismus und die Größe der gesellschaftlichen Debatte überrascht? Findet hier ein wirklicher Wandel statt?

Oppong: Das Ausmaß und wie schnell die Demonstrationen in dem Umfang kamen, hat mich überrascht. Ich bin der Meinung, dass es dieses Mal mehr Auswirkungen haben wird, wobei wir noch einmal schauen müssen, wie sich die Entwicklungen in den Wochen fortsetzen.

Wie sehen Sie die politischen Reaktionen, um auch hier Rahmenbedingungen zu verändern?

Oppong: Angela Merkel hat davon gesprochen, dass wir in Deutschland „so etwas wie Rassismus kennen“. Das ist eine bedeutende Nuance. Wir haben in Deutschland ganz einfach Rassismus und nicht „so etwas wie Rassismus“. Das dürfen wir nicht verharmlosen und meinen, wir hätten nur Rechtsterrorismus und nur Rechte hätten ein Rassismus-Problem. Wir müssen erst einmal anerkennen, dass es Rassismus gibt, um ihn zu bekämpfen.

Marvin Oppong ist freier Journalist und Dozent für Recherchetätigkeiten in der journalistischen Aus- und Weiterbildung. Im Fokus seiner Berichterstattung stehen Korruption, Lobbyismus, Datenschutz und Medienthemen. Zu seinen Spezialfeldern gehören das Informationsfreiheitsgesetz, Datenjournalismus und Werkzeuge für Internet-Recherchen.

2019 hat er in seinem Buch „Ewig anders – schwarz, deutsch, Journalist“ seine eigenen Rassismuserfahrungen in Deutschland geschildert. Er erklärt hier auch die Mechanismen von Diskriminierung und rassistische Begriffe.