Interview mit Häuptling Davi Kopenawa

„Die Straßen der Städte sind kein Platz für uns“, sagt Häuptling Davi Kopenawa, Menschenrechtsaktivist und Träger des Alternativen Nobelpreises im Interview mit Geseko von Lüpke. Der „Hüter des Waldes“ im Amazonas spricht über die bedrohte Welt der Yanomamis im Amazonas-Regenwald, die Schönheit des Waldes und den Kampf gegen die Zerstörung.

 

Das Interview führte Geseko von Lüpke

Frage: Vor welchen aktuellen Herausforderungen stehen Sie und andere indigene Gemeinschaften im Amazonas zurzeit?

Kopenawa: Eins der größten Probleme, vor denen wir stehen, betrifft unsere Landrechte. Immer wieder dringen fremde Menschen in unser Territorium ein, das uns schon lange offiziell garantiert worden ist. Es handelt sich dabei primär um Goldsucher, die niemals ein Land verlassen wollen, wo sie Gold finden können. Sie bedrohen unser Überleben. Eine weitere große Bedrohung liegt in den Krankheiten, die die Goldsucher mitbringen und dem Alkohol, den sie mitbringen und der im Yanomami-Land verboten ist. Den schmuggeln sie hinein. Das sind die größten Bedrohungen.

Es war mir bislang nicht möglich, diese Bedrohung abzuwenden. Und die staatlichen Behörden sind nicht bereit, uns zu helfen. Keine der staatlichen Stellen in Brasilien hilft uns wirklich. Das ist der eigentliche Grund dafür, dass ich in alle Welt reise − ich suche nach Unterstützung!

In Ihren jungen Jahren sind Sie in den Westen gereist und haben fast den Kontakt zu ihrer Yanomami-Kultur verloren. Was hat Sie bewogen, wieder in den Regenwald zurück zu kehren. Was war der Ruf?

Kopenawa: Ja, das stimmt! Es passiert uns indigenen Völkern immer wieder, dass die jungen Menschen in unserem Volk sich erst einmal dafür entscheiden, den traditionellen Weg zu verlassen und in die Städte zu gehen. Dann kommen sie dort an und stellen fest, dass es dort keine anderen Yanomamis gibt. Sie können nur noch portugiesisch sprechen, was dann immer mehr ihre Gedanken prägt und ihre Wahrnehmung dominiert. Das ist mir selbst auch so ergangen: Ich war ein Jahr in den Städten der Weißen und bin mit einem Regierungsbeamten gereist, der indigenen Stämmen helfen und ihre Interessen unterstützen sollte. Es wohnten einfach immer zwei Seelen in mir.

In dieser Zeit bin ich z. B. auch nach Sao Paulo gekommen. So ein wunderbarer Platz, aber eben auch geprägt von viel Zerstörung: schmutzigen Flüssen und Unmengen Müll. Sie schmeißen sogar die Autos weg, die sie nicht mehr haben wollen. So habe ich eigentlich durch die pure Zeugenschaft gelernt, mich zu entscheiden. Ich wurde Zeuge von Orten voller Verschmutzung und Zerstörung. Das hat mich dazu bewegt, zurückzukehren zu meiner Gemeinschaft, um ihnen klar zu machen, dass es in den Städten der Weißen kein gutes Leben gibt und wir Yanomamis lieber im Wald bleiben sollten.

„Aus unserer Perspektive sind die Stadtmenschen verrückt“

Was hatte die westliche Welt für eine Wirkung auf Ihren Geist, auf Ihre Wahrnehmung?

Kopenawa: Ich habe die Welt der weißen Menschen kennengelernt. Und ich bin davon überzeugt, dass sie für Yanomamis nichts taugt. Unser Wald ist ein wunderbarer Ort der Schönheit. Aber die Straßen der Städte sind kein Platz für uns. Aus unserer Perspektive sind die Stadt-Menschen verrückt, sie trinken Alkohol und machen komische Sachen.

Also erzähle ich die Geschichten, die ich erlebe, damit die Menschen in der Yanomamis-Gemeinschaft sich nicht vorschnell dafür entscheiden, den Regenwald zu verlassen − so wie viele es tun und so wie ich es auch einmal gemacht habe. Das passiert auch heute, wir verlieren immer wieder Menschen an die Städte. Aber die meisten glauben mir, was ich berichte und entscheiden sich, an einem wunderschönen Ort im Wald zu bleiben und ein ruhiges und glückliches Leben zu führen.

Die Yanomamis nennen sich selber auch die ‚Wächter des Waldes‘ – ‚The Guardian of the Forest‘. Das klingt fast kriegerisch.

Kopenawa: Wir verteidigen den Wald eher, weil wir ihn lieben. Es ist der Ort, wo wir aufgewachsen sind. Er ist uns tief vertraut, seine gute Energie, das saubere Wasser in den Wasserfällen. Er ist voller Tiere: Fischen in den Flüssen, bunten Vögeln, die durch die Luft fliegen. Ihr nennt das Ganze einen ‚Wald‘, wir nennen es ‚Urichi‘ – und das ist etwas grundsätzlich anderes. Es ist die unmittelbare Schönheit. Das ist anders als die Stadt! Sie wurde nicht geboren − ihr habt sie gebaut. Und ihr Weißen liebt die Städte auch, aber aus einem anderen Grund: wegen dem elektrischen Licht, den Straßen und den vielen Autos. Aber Eure Flüsse atmen nicht. Es ist eine andere Welt und ganz anders als unser Wald, der lebt.

Wenn ihr uns alle an vergiftetem Wasser zugrunde gehen lasst, wer wird sich um die Erde sorgen? Wir haben alle eine Aufgabe: Ich Davi, werde vom Regenwald aus handeln, denn das ist es, was wir Schamanen machen können. Ihr müsst Euch um die Städte kümmern, wir sorgen uns um die Wälder.

Im Jahr 2019 wurde Jair Bolsonaro zum brasilianischen Präsidenten gewählt. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Kopenawa: Es war ein Regierungswechsel, Regierungen kommen und gehen. Der gegenwärtige Präsident wurde von der nicht-indigenen Bevölkerung Brasiliens gewählt, er vertritt uns nicht. Ein guter Politiker sollte alle Völker seines Landes in den Dörfern und Städten ebenso wie in den indigenen Gemeinschaften kennen. Für mich ist er alles andere als ein guter Mann. Seit Bolsonaro gewählt wurde, hat sich die Situation der Yanomami sehr verschlechtert. Deshalb kann ich nicht sagen, dass er das Richtige tut. Er lässt es zu, dass wir bedroht werden, er hat persönlich unserem Volk gedroht und unsere Landrechte in Frage gestellt.

Bolsonaro ist ein Militär, der die Interessen der Armee vertritt. Er vertritt nicht mein Volk, sondern regiert uns gegenüber wie ein Diktator. Seine Gedanken sind von der Zerstörung des Landes und der Wälder geprägt, er will weiteren Bergbau und die Ausbeutung der Bodenschätze legalisieren und unser Territorium beschneiden. Er sagt, unser Land wäre viel zu groß für so wenig Menschen. Er hat kein Recht, so etwas zu sagen. Nur ein guter Mensch sollte dieses Land regieren.

Alternative Nobelpreises und Botschaft an die jungen Menschen

Vor 30 Jahren waren Sie das erste Mal in Stockholm, um für die Organisation ‚Survival International‘ den Alternativen Nobelpreis entgegenzunehmen. Jetzt sind Sie wieder hier und bekommen den Preis höchst persönlich für Ihre Arbeit für die indigenen Völker. Was hat sich in diesen 30 Jahren für die Yanomamis geändert?

Überreichung des Alternativen Nobelpreises in Stockholm. Foto: Stina Stjernkvist/Right Livelihood Foundation

Kopenawa: Ja, ich war vor dreißig Jahren schon einmal in Stockholm. Aber auch damals war es nicht einfach nur ein Besuch. Schon damals habe ich um Unterstützung gebeten und sprach hier im Fernsehen, mit Journalisten, mit den Behörden. In den letzten 30 Jahren haben wir viele sehr schwierige Phasen durchlebt. Viele der 40.000 Yanomami erkrankten an Malaria und Grippeviren. Es gab viele Versuche, unsere Gemeinschaften zu zerstören.

Und deshalb kam und komme ich: Ich will mit Menschen sprechen, die zuhören können, damit sie sich unserer Probleme bewusst werden. Mein Plan ist, mit den Menschen in Europa zu sprechen, damit die europäischen Regierungen mit der brasilianischen Regierung sprechen. Es dauerte lange, bis ich auch die UN in New York aufmerksam machen konnte und es internationale Kampagnen gab, um die Goldsucher aus unserem Gebiet zu vertreiben und unser Land offiziell anzuerkennen. Das lief eine Zeitlang gut, aber dann verschlechterte sich die Situation wieder. Deshalb bin ich jetzt wieder da. 

Wie können wir – von der westlichen Welt aus – Sie unterstützen? Was wäre Ihr Wunsch an uns?

Kopenawa: Im Moment hoffe ich, dass dieser Preis uns helfen wird, dass brasilianische und internationale Politiker uns mehr respektieren. Unser Land wurde bereits rechtlich gesichert und offiziell registriert und anerkannt. Dieser Preis soll dazu beitragen, dass die ‚Menschen der Stadt‘ diese Rechte auch weiter respektieren. Das ist meine große Hoffnung. Jetzt wo ich die Gelegenheit habe, gleichzeitig zu Tausenden von euch zu sprechen, richtet sich meine Botschaft besonders an die jungen Menschen.

Sie melden sich jetzt laut zu Wort, weil sie sich um unseren Planeten sorgen, um die schmutzigen Flüsse, um vergiftete Regionen und Böden − letztlich um die Gefahren, vor denen die indigenen Gemeinschaften der Welt schon immer warnen. Ich will mich an unsere nicht-indigenen Freunde wenden, die wie wir darum ringen, die Seele der Wälder, die Seele des Amazonas zu schützen.

Jeder Platz rund um die Welt hat eine bestimmte Rolle dabei − sei es hier in Stockholm oder in Olso, in Italien oder Deutschland. Und ich hoffe, meine Botschaft wird verstanden: Jeder kann sich beteiligen an der Verteidigung des Planeten Erde. Wir alle wollen gutes und gesundes Essen zu uns nehmen, gut und in Frieden leben. Deshalb richtet sich diese Botschaft an alle: Erwachsene, Jugendliche, Kinder, aber auch die Regierungen, uns Yanonami-Yeguana zu helfen, damit wir zusammen auf einem Planeten leben, den wir gemeinsam beschützen.

 

Ansprache von Davi Kopenawa vor der UN am  2. März  2020: Während der 43. Tagung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen gab Davi Kopenawa eine Erklärung  zum Recht auf eine saubere, sichere und nachhaltige Umwelt ab und prangerte illegalen Bergbau im Gebiet der Yanomami an. Er  forderte die brasilianischen Behörden außerdem auf , ihren verfassungsrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen und die  Rechte der indigenen Völker zu gewährleisten.

 


Dr. Geseko von Lüpke
ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung, ökologische Ethik, Schamanismus, Spiritualität. Fortbildungen in Tiefenökologie bei Joanna Macy, Tom Brown. Durch ausgedehnte Reisen wurde er zum Netzwerker zwischen verschiedenen Kulturen und Welten. Ausbildung zum Visionssucheleiter an der School of Lost Borders, Kalifornien.
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