Foto: Ingram
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Freier führen

Neue Spielräume in komplexer Welt

Je unübersichtlicher das Leben ist, umso mehr bemühen wir uns, es zu kontrollieren. Führung gleicht dem Versuch, mit der linearen Logik unserer Individualität das Komplexe und Überraschende zu bändigen. Wenn wir dem Bewusstsein, das führt, mehr Beachtung schenken, eröffnen sich indes neue Spielräume.

Die Komplexität unserer Lebenswelt berührt unser Menschsein an einem Punkt tiefer Verwundbarkeit. Morgens am Bahnhof, auf dem Weg zu einem Geschäftstermin. Doch der Zug hat Verspätung. Eine lapidare Durchsage am Bahnsteig macht alle Planungen obsolet. Am Gleis entfaltet sich eine Woge der Emotionalität. Hektisch werden Handys gezückt und Meetings umdisponiert. Reflexhafte Versuche, die eigene Hilflosigkeit zu kompensieren.

Evolutionär betrachtet ist unsere allzu menschliche Sehnsucht nach Klarheit und Berechbarkeit unserer Lebensumstände schlicht Teil unseres Selbsterhaltungstriebs. Wäre es uns über die Jahrhunderte nicht immer wieder gelungen, Antworten auf die Herausforderungen des Lebens zu finden, wären wir heute schlicht nicht hier.

Und jede einzelne Antwort, die wir dem Lebensprozess gaben, verlieh unserer Individualität mehr Kontur, vergrößerte den Raum unserer Fähigkeiten. „Dieser Sinn individueller Identität, die von der Natur getrennt ist, brachte ein selbstreflektierendes, analytisches Bewusstsein hervor, das sich nun auf die Natur in Form wissenschaftlicher Theorien beziehen konnte, auf die Gesellschaft als soziale Kritik, auf Wissen in Form der Philosophie und auf Religion als die Möglichkeit einer individuellen spirituellen Reise“, beschreibt der Religionswissenschaftler Ewert Cousins diesen emanzipatorischen Entwicklungssprung.

Heute beten wir nicht mehr zu den Göttern, um eine gute Ernte einzufahren und von Unwettern verschont zu bleiben. Wir erfinden die Gentechnologie und bauen solide Häuser mit Blitzableitern. Mit jeder zivilisatorischen Errungenschaft wurde unsere Freiheit, unsere Umwelt und damit das Leben selbst zu gestalten, größer. Aber wir verloren auch die Gewissheit früherer Naturvölker, Teil eines größeren Prozesses zu sein, der auch eine Art existenzieller Geborgenheit vermittelt.

Die ausgefallene Zugverbindung ist letztlich kein Beinbruch. Ich fahre zurück ins Büro und klinke mich via Skype in das Meeting ein. All die Sachfragen lassen sich auch virtuell klären. Doch ein Gefühl des Unbehagens bleibt. Meine Ideen, die über einen Bildschirm in den Raum fließen, verklingen leichter ungehört. Die persönliche Atmosphäre am Konferenztisch schafft eine Dichte, zu der mein Kommentar aus dem Off nicht so einfach Zugang findet. Eigentlich ist nichts passiert, und doch fühle ich mich irgendwie eiskalt erwischt.

Die Unerträglichkeit der Lücke

Wenn schon Banalitäten wie diese ausreichen, ein Gefühl der Unzulänglichkeit hervorzurufen, was erst geschieht dann, wenn das Geflecht aus Ursachen und Wirkungen noch komplexer wird? Wenn es um Millionen-Etats und Tausende von Mitarbeitern geht? Der wunde Punkt: Je mehr unser Bewusstsein davon wächst, was wir tatsächlich können, umso größer werden unsere Erwartungen, was wir erreichen sollten. Mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken, mit jeder Handlung leisten wir einen Beitrag zur stetig wachsenden Komplexität unserer Lebens- und Arbeitswelt und nähren damit ein sich verselbstständigendes Paradoxon.

Irgendeine Lücke, eine Leerstelle bleibt immer, denn selbst wenn wir in der Lage wären, alle Eventualitäten permanent zu überblicken, können wir es gar nicht schaffen, auch auf alles zu reagieren. „Aufgrund unseres evolutionären Erbes sind wir nur in der Lage, maximal hundert Personen zu überschauen und mit ihnen solide zu kommunizieren. Die anderen werden ausgeblendet. Das ist ein psychologischer Schutzmechanismus“, beschreibt etwa der Hirnforscher Ernst Pöppel unsere vergleichsweise limitierte Fähigkeit, mit der Welt in Kontakt zu sein. Wir denken und handeln vergleichsweise linear, und steuern damit an der Multiperspektivität der Welt unbewusst vorbei.

Den gedanklichen Ort wechseln

Und dieser Prozess folgt durchaus einer schlüssigen Logik. Unsere Individualität bringt eine subtile Verletzlichkeit mit sich, so dass wir eine Welt geschaffen haben, die auf Vorhersehbarkeit und Stabilität setzt. Das gilt für Unternehmen genauso wie für unsere menschliche Existenz. Kunden kaufen keine Ungewissheit. Und unser Organismus reagiert auf sie mit permanenter innerer Alarmbereitschaft. Zumindest, solange wir die Komplexität, die uns das Leben schwer zu machen scheint, als etwas begreifen, das außerhalb von uns steht. Doch wir können gedanklich den Ort, von dem aus wir die Dinge betrachten, wechseln.

In Momenten der Flow-Erfahrung des selbstversunkenen Tuns verschwimmen die Grenzen zwischen Ich und Welt. Dann stelle ich keine Beziehung zur Außenwelt her, sondern ich bin diese Beziehung. Ich handele intuitiv, ohne vorgefassten Plan. Und es entsteht etwas, das mich durch seine „höhere Stimmigkeit“ berührt und involviert. Für den Verstand hat dieser Prozess etwas Mystisches. Er ist wie eine Meditation in Aktion. Mein Ich als Bewusstheit meiner Selbst ist darin genau so präsent wie all die Fähigkeiten, die ich über die Jahre entwickelt habe. Und dieses Potential trägt das, was im jeweiligen Augenblick getan werden kann.

Dieses natürliche Fließen erwächst nicht aus der Linearität des logischen Denkens. Und nicht aus dem Bekannten, das Sicherheit verspricht. An der anthroposophischen Alanus Hochschule versucht man beispielsweise, in der künstlerischen Auseinandersetzung Wahrnehmungsräume zu öffnen, in denen das Bewusstsein seine Freiheit jenseits des Funktionellen wieder erkennen kann.

„Dazu muss man sich auf offene, unbestimmte Situationen einlassen und sie aushalten. Die Lösung liegt nicht in dem, was man sich ausdenkt, sondern in dem, was im spielerischen Handeln wahrgenommen werden kann, wenn man sich dem Ungewissen aussetzt, Krisen aushält und ohne willkürliche Vorstellungen wartet“, erklärt Michael Brater, Leiter des Instituts „Kunst im Dialog“.

Die Lösungsqualität des Unbestimmten

Diese Spannung auszuhalten, fordert uns zutiefst heraus. Und sie ist für unser konventionelles Verständnis von Führung eine Zumutung. Doch sie scheint genau die Öffnung zu fördern, die das im Kontrollzwang verkrampfte Ich zu seiner ursprünglichen Lebendigkeit erwachen lässt. Und ist dabei alltagstauglich – selbst im Business.

Eine Studie aus Schweden verglich die Wirkung eines konventionellen Führungskräftetrainings, in dem Fachthemen vermittelt und diskutiert wurden, mit der eines Kunsttrainings für Manager. Diese Führungskräfte hörten sich Klang-Collagen aus Gedichten, Prosa, Sachtexten und Musik an, in der Themen wie Mitgefühl, Menschenwürde, aber auch Holocaust, Machtmissbrauch oder Einsamkeit berührt wurden. Anschließend tauschten sie sich zur Frage „Was denken und fühlen Sie?“ aus, und zwar ohne Bezüge zu ihren üblichen Führungsaufgaben herzustellen.

Im anschließenden Test wurden die Teilnehmer beider Trainings zu Themen aus dem Geschäftsalltag befragt. Dabei zeigte sich, dass die Führungskräfte des Kunsttrainings ihre Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis deutlich vertieft hatten. Sie neigten weniger zu Selbstüberschätzung im Hinblick auf ihre Führungskompetenz und verhielten sich verantwortungsvoller. Man könnte auch sagen, sie waren stärker mit sich selbst und der Welt verbunden.

Experimente wie dieses zeigen, wie das Eröffnen neuer Spielräume das Spiel selbst zu verändern beginnt. Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins hat Jahrtausende benötigt, um uns bis an die Grenze der Illusion zu tragen, wir könnten diesen unendlichen Prozess bis ins Detail steuern. Nun beginnen wir, in die Erfahrung hineinzuwachsen, dass die Antwort auf die von uns geschaffene Komplexität nicht Kontrolle ist, sondern schlicht ein flexiblerer Bezug zu dieser Komplexität. Wir beginnen damit, unsere Fähigkeit zu führen, nicht im Versuch zu verschleißen, Grenzenloses in den Griff zu bekommen, sondern lassen unsere eigenen Grenzen durchlässiger werden.

Gerade in Momenten, in denen das Chaos der Komplexität mich und meine Vorstellungen verschlingt, in denen mir die Kontrolle entgleitet, geschieht die Öffnung, um die es geht – weil meine persönlichen Ambitionen ihr schlicht nicht gewachsen ist. Dann bin ich voll da für das, was gerade möglich ist. Und dessen kann ich mir bewusst werden.

 

Foto: P. von Reckling

Foto: P. von Reckling

Dr. Nadja Rosmann ist Kulturanthropologin und arbeitet als Journalistin, Kommunikationsberaterin und wissenschaftliche Projektmanagerin vor allem zu den Themen Wirtschaft und Spiritualität. Sie betreibt das Weblog think.work.different

Gerade ist das Buch „Mit Achtsamkeit in Führung – Was Meditation für Unternehmen bringt“ erschienen, das sie gemeinsam mit Paul J. Kohtes geschrieben hat.

 

 

 

evolve04_Cover_RGB-webDieser Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der in Ausgabe 4 von evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur erschienen ist. Die Ausgabe widmet sich dem Schwerpunktthema „Führung neu denken“ und stellt Modelle und Praxisbeispiele einer neuen Leadership-Kultur im Kontext von Bewusstseinsentwicklung vor.

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