Ein Standpunkt von Christoph Quarch

Die Debatte um das Flüchtlingsdrama an der türkisch-griechischen Grenze ist hitzig. Der Philosoph Christoph Quarch ist überzeugt: Despoten wie Erdogan und rechtsextreme Kräfte könnten gestärkt werden, wenn die Grenzen geöffnet würden. Er fordert ein rechtes Maß aus Humanität und Klugheit.

 

Und wieder sind wir Zeugen einer Tragödie. Und wieder ist der Schauplatz Griechenland. So wie einst, als Aischylos Die Schutzflehenden schrieb. Dieses Mal jedoch sind diese nicht am argivischen Gestade gestrandet, sondern an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei – dort, wo Tausende von Syrern darauf hoffen, irgendwie den Grenzfluss Hebrus zu überschreiten, um nach Europa zu gelangen.

Und wie es schon in den Tragödien von Aischylos und Sophokles beschrieben wurde, so ist es auch hier: Die eigentlichen Protagonisten des Dramas – die Flüchtlinge – ahnen herzlich wenig von dem, was ihnen geschieht. Doch auch die anderen Akteure – die Europäer, die auf die Geschehnisse zu reagieren haben und beraten, wie sie sich verhalten solle, ebenso wie der Despot, der das ganze Drama erst ins Rollen brachte, wissen nicht, was sie da auf der großen Bühne der Weltpolitik eigentlich zur Aufführung bringen: das Aufeinanderprallen konkurrierender geistiger Ordnungen und derer ethischen Prinzipien. Diesem Konflikt ist das große Leid geschuldet, das an der Oberfläche des Geschehens sichtbar wird.

Schauen wir uns dieses Drama näher an. Dort ist zunächst der türkische Despot. Die Ordnung, der er folgt, heißt „Gut ist, was mir nützlich ist“, und ihr Mastertool ist die Gewalt. Dieser Part ist sehr beliebt in unserer Welt – aber nur, solange man ihn schweigend spielt und ihn nicht ausdrücklich beim Namen nennt. So auch Erdogan. Er bangt um seine Wiederwahl. Ihn treibt der hemmungslose Willen zur Macht. Er gießt in Syrien beharrlich Öl ins Feuer, um dann laut zu schreien, dass andere bitteschön die Feuerwehr bezahlen sollen.

Er instrumentalisiert die Flüchtlinge als menschliche Waffe im Kampf mit den ihm verhassten Europäern, deren geistige Ordnung und deren Ethos ihm ein Dorn im Auge sind, stehen sie doch seinem großen Projekt im Wege: dem „ethnischen Reinigung“ seines Landes von Kurden. Seine Strategie ist klar erkennbar: die Europäer erpressen und mit ihren eigenen Waffen schlagen – sie an ihrer geistigen Ordnung, an ihrer Moral zerschellen lassen. Und er ist sich seines Sieges ziemlich sicher.

Konflikt der Werte

Wie aber steht es um die Europäer? Sie sind in sich zweigeteilt – und eben daraus bezieht das Drama seine Dramatik. Sie sind zweigeteilt, weil unter ihnen zwei einander widersprechende oder widerstrebende geistige Ordnungen mächtig sind. Nennen wir die eine Ordnung Moralität und die andere Klugheit. Bei Aischylos würden sie womöglich unter den Namen Erinnyen und Apollon auf der Bühne in Erscheinung treten.

Moralität besteht darauf, es gebe unveräußerliche, unverbrüchliche und unantastbare moralische Gebote oder Werte, die in unveräußerlichen, unverbrüchlichen und unantastbaren Menschenrechten verbrieft sind. An sie, so sagt sie, müssen sich die Europäer halten, zumal sie sich in der Vergangenheit immer voller Stolz zu ihnen bekannten.

Moralität entbrennt daher in Zorn und duldet nicht, dass die Europäer ihre griechischen Wachen an der Grenze mobilisiert haben und mit Gegengewalt die von türkischer Gewalt getriebenen Schutzsuchenden zurückdrängen. Moralität fordert ihre Rechte und Gebote ein und dringt darauf, die Europäer müssten rasch den Flüchtlingen Einlass und Hilfe gewähren.

Dagegen erhebt Klugheit ihre Stimme. Sie gibt zu bedenken, dass das politische Leben sich zuweilen nicht durch Gesetze und moralische Gebote regeln lässt. Klugheit beruft sich auf Prinzipien von Leben und Natur. Sie erzählt von dem Gesetz lebendiger Systeme, das darin besteht, dass sie bei ihrer Ökonomie von Aufnehmen und Ausscheiden auf ein rechtes und verträgliches Maß angewiesen sind. Sie ist besorgt, der gemeinschaftliche Organismus der Europäer – die fragile Europäische Union – würde womöglich durch die Zuwanderung so vieler Flüchtlinge gefährdet sein. Ihr – auch aus anderen Gründen geschwächtes – Immunsystem könne kollabieren und das filigrane Systems ihres Miteinanders in einer pluralistischen Gesellschaft könne nachhaltig Schaden nehmen. Deshalb wirbt sie dafür, nach anderen Wegen Ausschau zu halten, wie man das Leid der Geflüchteten mindern oder doch das Schlimmste verhindern könne.

Europa zwischen Zerrissenheit und Einheit

Unterdessen drängen die Schutzsuchende weiter an die griechische Grenze. Das Leiden ist groß und der Druck nimmt zu – und irgendetwas muss geschehen. Aber was? Die antiken Tragödiendichter wussten sehr genau, welche Optionen möglich sind: Entweder, das Aufeinanderprallen der Ordnungen bleibt ungelöst und führt in die Katastrophe; oder es findet sich die Lösung durch göttliche Intervention. Was steht hier zu erwarten?

Blicken wir zurück auf die Vorläufertragödie des Jahres 2015: Das Chaos an den Außengrenzen Europas, der ungeordnete Zuzug von Flüchtlingen und der Alleingang der deutschen Regierung wurden von rechten Kräften in ganz Europa genutzt, um Stimmung zu machen, ihre fremdenfeindliche Ideologie zu verbreiten und ihren Einfluss auszudehnen – bis in die Parlamente hinein. Die Folge ist eine tiefe Zerrissenheit innerhalb der Europäischen Union und ihrer Gesellschaften bis hin zur drohenden Gefahr ihres Auseinanderfallens.

Im antiken Drama war es tatsächlich die Zerrissenheit, die all denen blüte, die nicht die passende Antwort auf den Andrang fanden, der aus dem Zusammenprallen zweier – oder dreier – unversöhnlicher Ordnungen entsteht. Das wäre der Triumph des türkischen Despoten: der Sieg der Ordnung der Gewalt.

Die andere Option wäre das Zusammenwachsen und Gedeihen der Bedrängten – in diesem Fall der Europäer. Eben dies trug sich nicht zu, als Moralität sich 2015 – jedenfalls für einen kurzen Augenblick – behauptete und Hundertausende von Flüchtlingen ins Land gelassen wurden.

Leider waren die Europäer damals noch nicht so weit, dies zum Anlass für mehr Einigkeit und Solidarität zu nehmen. Es zerriss sie. Das ist zu beklagen, und Moralität wird niemals müde, dies zu tun. Mit Recht. Doch ändert sie dadurch nicht, was geschehen ist.

Klugheit hingegen drängt darauf, dass dieses Mal das Drama anders endet. Klugheit will, dass dieses Mal der Andrang der Schutzsuchenden die Einheit der Bedrängten stärkt und festigt. Und dies, so meint sie, wird nur dann der Fall sein, wenn man ihnen den Zutritt ins Land der Europäer versagt.

Weisheit als letzter Ausweg?

Wie soll dieses Drama enden, wenn nicht tragisch? Tragisch muss es enden, weil entweder Klugheit und Moralität verlieren muss – und schlimmsten bzw. wahrscheinlichsten Falles beide. Als lachenden Dritten sieht sich schon jetzt der türkische Despot. Doch ahnt er nichts von göttlicher Intervention. Und die ist immer möglich, wenn Weisheit in den Plot eingreift.

Bei Aischylos erschiene sie in der Gestalt Athenes – und wie in der großen Tragödie von den Eumeniden wäre ihrem Auftritt zuzutrauen, dass er den Konflikt zwischen den Erinnyen und Apollon um die Schutzsuchenden löst: den Zwiespalt zwischen Moralität und Klugheit.

Was könnte der Weisheit Lösung sein? Ihre Formel lautet „rechtes Maß“. Ihr klarer, leuchtend heller Blick würde sich nicht darüber täuschen, dass in der Tat zu erwarten steht, dass die Zuwanderung Zehntausender Schutzsuchender den vorerkrankten und geschwächten Organismus der Europäischen Union zum jetzigen Zeitpunkt überfordern und deren Zerfall erzwingen könnte.

Ebenso wäre sie sich aber dessen bewusst, dass der Verzicht auf die von Moralität eingeklagten Regeln und Gebote (etwa das Recht auf Asyl zeitweiligauszusetzen) den Geist Europas zerrütten und sein Herz schwächen würde. In solcher Not hängt alles von der rechten Dosis ab: ein klares, unzweideutiges Bekenntnis zu den Gesetzen von Moralität und Menschenrechten; ein aufrichtiges Eingestehen der eigenen Belastungsgrenzen, die die Klugheit geltend macht; und ein praktikables Verfahren, das es erlaubt, die Lasten der Schutzsuchenden und die Lasten der Europäer – bei aller Unvergleichbarkeit – in ein stimmiges Verhältnis zu setzen.

Leben braucht Grenzen, sonst kann es sich nicht entfalten. Ein flexibler Umgang mit Grenzen ist ein Ausweis von Weisheit. Vielleicht sollte man in dieser gegenwärtigen Tragödie auch einmal über eine andere Grenze nachdenken. Warum spricht eigentlichen niemand von Bulgarien, ein EU-Mitglied dessen Grenze zur Türkei nur wenige Kilometer von den derzeit belagerten Grenzübergängen zu Griechenland entfernt liegt? Wäre es nicht eine Option, den Schutzsuchenden dort Einlass in die EU zu gewähren, sie in Sicherheit zu bringen und der gewaltsamen anti-griechischen Instrumentalisierung durch Erdogan zu entziehen, um auf diese Weise wieder Herr des Geschehens zu werden. Eines nämlich lehrt das antike Drama: Nichts nährt die Tragik der Tragödie mehr als Unbeweglichkeit des Denkens.

Christoph Quarch

Oliver Hallmeier

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de