Forschen in eigener Sache

Peter Miemitz
Peter Miemitz
In Jena lassen sich auch Lehrende an der Hochschule in Achtsamkeit ausbilden.

Achtsamkeit an Hochschulen

Thüringer Hochschulen sind Vorreiter, wenn es darum geht, achtsamkeitsbasierte Methoden zu integrieren. Studierende lernen, Stress abzubauen und zum Beispiel achtsam zu schreiben und zu diskutieren. AuchHochschullehrende lassen sich in Achtsamkeit ausbilden, um ein gesundes Klima zu fördern, etwa durch Achtsamkeitspausen in den Vorlesungen.

Studierende und Lehrende an den Hochschulen sehen sich durch die Beschleunigung der Kommunikation und Informationsverarbeitung vor große Herausforderungen gestellt. Immer mehr Informationen müssen in immer kürzerer Zeit vermittelt und verarbeitet werden. Der Druck erhöht sich stetig. Einer Studie der AOK zufolge leidet jeder zweite Studierende unter dem hohen Stresslevel. Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und stressbedingte Erkrankungen wie Depressionen und Burn-out sind die Folge.

Als Antwort auf diese alarmierenden Fakten startete die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena 2015 das Innovationsprojekt Gesundes Lehren und Lernen (GLL), um eine Grundhaltung im Hochschulbereich zu etablieren, die der Gesundheit förderlich ist. Im Zentrum des Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Mike Sandbothe stehen die Erprobung von innovativen gesundheitsstärkenden Lehr- und Lernmethoden sowie die Förderung von Kompetenzen, um Stress zu bewältigen. Zentraler Baustein hierfür ist die von dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelte Methode der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR).

In enger Kooperation mit der Ausbildungsleiterin des Instituts für Achtsamkeit, Karin Krudup, werden Trainingsprogramme erarbeitet, um Achtsamkeitsverfahren in die akademische Lehre zu integrieren. „Damit erreicht die Praxis der Achtsamkeit nun weit mehr als zuvor die jungen Menschen. Sie sind die Multiplikatoren, die Achtsamkeit in viele Bereiche der Gesellschaft tragen und dort integrieren“, so die MBSR-Ausbilderin.

Studierende wünschen sich mehr Ruhe

Bei der neuen Studierendengeneration ist ein deutlich gewachsenes Bedürfnis nach Ruhe, Konzentration und Selbstfindung zu beobachten. Wäre es noch vor 20 Jahren nahezu unmöglich gewesen, mit dem Thema Achtsamkeit ernst genommen zu werden, finde dieses aufgrund der positiven internationalen Forschungsergebnisse mittlerweile großen Zuspruch, so Professor Niko Kohls von der Hochschule Coburg.

An der Ernst-Abbe-Hochschule konzipierte man daher das 12-wöchige Achtsamkeitstraining Mindfulness Based Student Training (MBST) und bot es in den Fachbereichen Betriebswirtschaft, Sozialwesen und Wirtschaftsingenieurwesen an. Die Initiatoren orienierten sich an das von Jon Kabat-Zinn im klinischen Kontext entwickelte 8-wöchige Achtsamkeitstraining und passten es an die akademischen Seminarstrukturen an. Das MBST geht noch weiter und vermittelt achtsame Prüfungsvorbereitung, achtsames Lesen und Schreiben, achtsames Forschen und Diskutieren sowie achtsames Studienmanagement.

Die Studierenden lernen nicht nur, Achtsamkeit im eigenen Leben zu praktizieren, sondern diese in ihrem späteren Berufsumfeld auch an andere zu vermitteln. Studien zufolge werden Konzentration, geistige Offenheit und intellektuelle Flexibilität durch Achtsamkeitstrainings ebenso erhöht wie die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte angemessen zu verarbeiten.

Ausbildung zum achtsamem Hochschullehrenden

Doch nicht nur die Studierenden, sondern auch die Lehrenden werden in das Thüringer Pilotprojekt einbezogen. Als erste Hochschule Deutschlands bietet die EAH Jena mit dem Mindfulness Based Teacher Training (MBTT) und der Ausbildung zum Achtsamen Hochschullehrenden (AH) eine Weiterbildung in Achtsamkeit für ihr Lehr- und Verwaltungspersonal an.

Das von Jon Kabat-Zinn entwickelte Stressbewältigungsprogramm wurde eigens für akademische Bildungsprozesse adaptiert und dient der Etablierung einer soliden Achtsamkeitspraxis im Alltag. Diese bildet die Grundlage für die spätere Anleitungspraxis an der Hochschule.

„Achtsame Hochschullehrende“, so Projektleiter Mike Sandbothe aus dem Fachbereich Sozialwesen, „lernen nicht nur kurze Achtsamkeitsübungen professionell anzuleiten, sondern zugleich auch den Aspekt der Persönlichkeitsbildung und Charakterschulung durch Achtsamkeit bewusst einzusetzen.“

Eine neue Generation von achtsamen Hochschullehrenden

Der zertifizierte Ausbildungsgang zum Achtsamen Hochschullehrenden (AH), an dem fast 30 Hochschullehrende teilnehmen, fand an der Ernst-Abbe-Hochschule erstmals im Wintersemester 2018 statt. Die Ausbildung soll das Hochschulpersonal darin unterstützen, eine eigene Anleitungspraxis in der Lehre zu etablieren und dadurch stresssenkende und gesundheitsfördernde Methoden an den Hochschulen zu fördern.

Dies gelingt etwa dadurch, dass sie Achtsamkeitsübungen an den Beginn ihrer Seminare stellen, Achtsamkeitspausen in die Vorlesungen einbauen und achtsamkeitsbasierte Interventionen einsetzen, um die Kooperation in der Gremienarbeit und im Forschungsteam zu verbessern. Die Teilnehmenden an diesem Pilotprojekt berichten übereinstimmend von mehr Präsenz, einer deutlichen Verbesserung der Kommunikation sowie höherer Motivation in ihren Lehrveranstaltungen.

Die Ausbildungsleiterin des Instituts für Achtsamkeit, Karin Krudup, betont: „Achtsamkeit ist Forschen in eigener Sache. Deswegen passt die Achtsamkeit so gut an die Hochschulen.“

Achtsame Akzente in der digitalen Hochschulkultur

Den Hochschulen kommt in der Entwicklung innovativer Technologien für die digitale Gesellschaft eine Schlüsselrolle zu. Diesem gesellschaftlichen Auftrag stellen sich neben der EAH Jena auch zwei weitere Hochschulen, die FSU Jena und die TU Ilmenau. Zusammen haben sie Anfang 2018 das Modellprojekt Achtsame Hochschulen in der digitalen Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Erforscht werden soll, wie die Methode der Achtsamkeit die Fähigkeit zu einem souveränen und sozial ausbalancierten Umgang mit den digitalen Technologien verbessern kann.

„Internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass die Förderung der Achtsamkeit für die Entwicklung einer kompetenten digitalen Hochschulkultur von zentraler Bedeutung ist“, so die beiden Projektleiter Prof. Dr. Mike Sandbothe (EAH Jena) und PD Dr. Reyk Albrecht (FSU Jena). Die Frage, was Menschen dazu befähigt, kompetent und gesund mit den neuen digitalen Möglichkeiten umzugehen und welche hilfreichen Kulturtechniken ihnen hierfür die Hochschulen zur Verfügung stellen können, steht hierbei im Mittelpunkt.

Das auf zwei Jahre angelegte und von den Rektoren der drei Hochschulen unterstützte Forschungsprojekt wird von der Gesundheitskasse AOK PLUS und dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft gefördert.

Mit ihren innovativen Modellprojekten setzen die Thüringer Hochschulen Maßstäbe für eine neue achtsamkeitsbasierte Hochschulkultur in Deutschland.

Christa Spannbauer

christa-spannbauer_teamDie Autorin Christa Spannbauer beschäftigt sich in ihren Publikationen und Seminaren seit langem mit achtsamkeitsbasierten Methoden. Die Möglichkeit, an einem der Ausbildungsmodule für Hochschullehrende als Beobachterin teilzunehmen, nahm sie gerne an.

www.christa-spannbauer.de

 

 

 

 

Weiterführende Links

Gesundes Lernen und Lehren an der EAH Jena

Achtsame Hochschule in der digitalen Gesellschaft

Institut für Achtsamkeit

 

 

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