Über den Bildband „Die Angehörigen“

Der Fotograf Jasper Kettner porträtiert Hinterbliebene von Opfern rechter Gewalt,  um ihnen ein Gesicht zu geben. Zum Gedenken an den Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 sollten die Bilder im dortigen Kulturverein zu sehen sein. Wegen der Pandemie wurde die Ausstelung abgesagt, aber Kettner plant eine erweitere Auflage seines mittlerweile vergriffenen Bildbandes.

 

Enver Şimşek. Abdurrahim Özüdoğru. Süleyman Taşköprü. Habil Kılıç. Mehmet Turgut. Ismail Yaşar. Theodoros Boulgarides. Mehmet Kubaşik. Halit Yozgat. Michèle Kiesewetter. Sie alle sind Todesopfer der Neonazi-Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Und doch kennen nur wenige ihre Namen. Anders die Täter: Ihre Identität, ihr Leben und ihr Hass sind der Öffentlichkeit allzu gut bekannt.

Auch Jasper Kettner ging es so. Der Berliner Fotograf nimmt im Mai 2017 am „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ teil. Im Schauspielhaus in Köln kommen Künstler und Angehörige der Opfer zusammen, um nach strukturellem Rassismus in unserer Gesellschaft zu fragen. Sie wollen ein Stück Aufarbeitung leisten.

„Ich merkte, dass ich tatsächlich ganz viele Geschichten nicht kannte“, sagt Kettner im Gespräch mit Ethik heute. Die Geschichten der Opfer, die die Terrorvereinigung NSU ermordete. Und die vieler weiterer Menschen, die bei fremdenfeindlichen Angriffen verletzt oder getötet wurden.

Kettner unterhält sich lange mit Ibrahim Arslan. 1992 hat Arslan seine Schwester, seine Großmutter und seine Cousine beim Brandanschlag von Mölln (Schleswig-Holstein) verloren. Weil Neonazis Brandsätze auf zwei Häuser warfen, in denen türkische Familien wohnten. Arslan war damals sieben Jahre alt und überlebte, von seiner Großmutter in nasse Tücher gehüllt. Er hat das Tribunal mitorganisiert und kämpft für eine stärkere Sichtbarkeit von Opfern rechter Gewalt.

Trauer und Wut der Angehörigen sichtbar machen

Kettner denkt viel über das Tribunal und seine Begegnung mit Arslan nach. Insbesondere ein Gedanke setzt sich in ihm fest. Dass es einen dritten Beteiligten jenseits von Täter und Opfer gibt: den Angehörigen. „Familienmitglieder und Freunde müssen ihr Leben lang mindestens mit dem Verlust leben. Oft erleiden sie Traumata infolge dessen, was passiert ist.

In Kettner reift die Idee, gemeinsam mit Arslan ein fotografisches Projekt zu starten. Um den Schmerz der Angehörigen, ihre Trauer, ihre Wut und ihre Hilflosigkeit sichtbar zu machen. Bilder sind seine Sprache. „Ich bin Fotograf, das ist meine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.“

Ibrahim Arslan überlebte die Brandanschläge 1992 in Mölln. Foto: Jasper Kettner

Arslan und Kettner besuchen Gedenkveranstaltungen, nutzen Kontakte von Kontakten, greifen zum Telefonhörer. Wieder und wieder. Sie treffen sich mit Hinterbliebenen. Ein Mal, zwei Mal, weitere Male. Sie führen Gespräche mit Menschen, die Angehörige durch rechte Gewalt verloren haben. „Hochemotionale Gespräche“, sagt Kettner, der die Hinterbliebenen als weißer, deutschsprachiger Mann kontaktiert. Nicht die besten Voraussetzungen, um Vertrauen aufzubauen.

„Wir brauchten viel Zeit, Empathie, Geduld und Verständnis“, sagt Kettner. Und es gibt Rückschläge: Angehörige, die nicht mit Kettner oder Arslan sprechen möchten, weil sie keine guten Erfahrungen gemacht haben, mit den deutschen Sicherheitsbehörden und mit Journalisten. Wieder und wieder wurden sie befragt und sogar verdächtigt. „Nach 2000 beginnt die große Zurückhaltung.“

Hinterbliebene, deren Verlust Jahrzehnte zurückliegt, in den siebziger oder achtziger Jahren, begegnen ihnen offener. Viel zu lange haben sie sich vergessen gefühlt. Die offiziellen Statistiken zu rechter Gewalt beginnen erst ab 1990 und sind längst nicht vollständig. Die ZEIT und der Tagesspiegel zählen in einer Langzeitrecherche 182 Todesopfer rechter Gewalt, offizielle Akten erfassen nur rund die Hälfte.

„Wir wollten die Angehörigen ernst nehmen. Deshalb haben wir eine weitaus längere Arbeitsliste“, sagt Kettner. Sie umfasst auch Menschen, die sich schwer traumatisiert das Leben genommen haben, nachdem sie Opfer rechter Gewalt wurden.

Fotografiert hat Kettner die Angehörigen an Orten, die den Opfern etwas bedeutet haben, in der Nähe des Tatorts oder auf dem Friedhof. Gavril Voulgarides zum Beispiel, der Bruder des siebten NSU-Opfers Theodoros Boulgarides, vor dessen ehemaligem Laden in München, einem Schlüsseldienst. Gavril Voulgarides kehrte nach dem Tod seines Bruders zeitweise nach Griechenland zurück – zermürbt von den Verdächtigungen und Anschuldigungen der Ermittler, die sich gegen ihn und das Umfeld seines Bruders richteten.

Mit den Betroffenen sprechen, nicht über sie

Đõ Mui, die Mutter von Đõ Anh Lan, nahm der Fotograf im Wohnzimmer der Paten ihres Sohnes auf. Ihr Kind lebte nach seiner Flucht aus Vietnam in der Flüchtlingsunterkunft in der Hamburger Halskestraße. In der Nacht vom 22. August 1980 wurde die Unterkunft von Neonazis mit Molotow-Cocktails angegriffen. Đõ Anh Lan starb an seinen schweren Verbrennungen.

Abou Jabbi, der Bruder von Yaya Jabbi, ist am Hamburger Park „Fiction“ zu sehen. Yaya Jabbi war aus dem westafrikanischen Gambia nach Deutschland geflüchtet und nahm sich 2016 mit gerade einmal 21 Jahren in der Haftanstalt Hahnöfersand das Leben. Nachdem er mit 1,65 Gramm Marihuana vor der Polizei erwischt worden war, sollte er für vier Wochen in Untersuchungshaft. In der Regel werden solch geringe Mengen unter Eigenbedarf verbucht und nicht strafrechtlich verfolgt.

Insgesamt 37 Porträts umfasst Kettners Bildband. „Den Angehörigen war es wichtig, dass mit ihnen gesprochen wird und nicht über sie. Wir haben versucht, dieser Forderung Rechnung zu tragen“, sagt Kettner. Sie wurden bei der Entstehung der Bilder eingebunden, bestimmten den Ort für ihr Porträt.

Jasper Kettner lebt als freier Fotograf in Berin. Foto: Jonas Maron

Kettner und Arslan luden sie ein, die Begleittexte im zweiten Teil des Bands selbst zu verfassen. „Dabei konnten sie schreiben, was sie wollten. Wir haben ihnen hier völlige Freiheit gelassen.“ Und so umrahmen sehr persönliche Erinnerungen Kettners Fotografien, auf denen keiner der Angehörigen direkt in die Kamera blickt. Sie wirken im Moment und in Gedanken versunken. An diesen Orten, die ihnen so viel bedeuten.

Es sollen, es werden zwangsläufig weitere Porträts hinzukommen – in einer erweiterten Neuauflage des Bildbandes, denn die erste Auflage ist inzwischen vergriffen. „Die Drucklegung des Buches fand kurz nach dem Mord an Walter Lübcke statt und uns war klar, dass es nur eine Bestandsaufnahme sein kann. Prompt kam Halle, dann Hanau und unsere Vermutung wurde mit großer Vehemenz bestätigt“, sagt Kettner.

„Die Angehörigen“ sollte anlässlich des Jahrestags des Hanauer Anschlags am 19. Februar im dortigen Kulturverein gezeigt werden. Wegen der Pandemie wird die Ausstellung – wie in vielen anderen deutschen Städten – vorerst nicht zu sehen sein.

Ibrahim Arslan steht mit vielen der Hinterbliebenen der jüngeren Anschläge im Kontakt. Weil die Opferfamilien sich zunehmend vernetzen und unterstützen, einander Halt geben. Einige von ihnen möchten sich auch von Kettner fotografieren lassen.

„Was sich in den vergangenen Jahren aus meiner Beobachtung heraus verändert hat, ist die Lautstärke der Angehörigen“, sagt Kettner. Sie gehören zu einem Mosaik, das eine Öffentlichkeit herstellt. Für die Menschen, die gestorben sind und für die, die zurückgeblieben sind. Für die Dinge, die sich nicht wiederholen dürfen. Zu einem Mosaik, zu dem auch Kettner und seine Bilder gehören

Agnes Polewka