Selbstportrait von Tove Jansson
Selbstportrait von Tove Jansson

„Freiheit ist das Beste von allem“

Eine Biografie der Künsterlin Tove Jansson

Ein neues Buch bringt uns die finnische Künstlerin Tove Jansson (1914-2001) nahe. Die Zeichnerin, Malerin, Comic-Autorin und Schriftstellerin setzte sich in ihren Werken gegen den Krieg ein. Ihr pazifistischer Grundton durchdringt auch ihre berühmten Kinderbücher, die bekannten „Mumin-Bücher“.

Selten habe ich in der letzten Zeit so gerne ein Buch gelesen! Nicht weil es so literarisch kunstvoll geschrieben wäre – das ist es nicht – , sondern weil es mir einen Menschen seltsam nahe gebracht hat: die finnische Künsterlin Tove Jansson (1914-2001).

Das kann zum einen an dem wohltuend einfachen Schreibstil der Biografin Tuula Karjalaien liegen. Obwohl sie als Kunsthistorikerin und Kuratorin einiger Ausstellungen ausgewiesene Fachfrau über Tove Janssen ist, vermeidet sie es, den Leser mit theoretischen Einordnungen und wissenschftlicher Diskussion zu Janssens Leben und Werk zu quälen. Vielmehr lädt sie uns Leser in die Welt eines anderen Menschen ein. Und wir leben dessen Leben wie eine Art Parallelwirklichkeit mit.

Tuula Karjalainen begegnete Tove Jansson, als diese 81 Jahre alt war, und diese Begegnung sagt viel über die Künstlerlin aus. Von dem ersten Interviewgespräch berichtet sie: „… Überraschend schlug sie (Tove Jansson) vor, ein wenig Whiskey zu nehmen. Und so tranken wir denn Whisky und rauchten Zigaretten, wie es damals üblich war. Und aus der Interviewerin wurde eine Interviewte.“

Denn Tove befragte sie intensiv über den gerade verstorbenen Sam Vanni, über dessen Leben und Werk Karjalainen eine Ausstellung plante. Mit Vanni war Tove Jansson viele Jahre sehr eng befreundet gewesen, hatte ihn dann aber aus den Augen verloren.

Erfrischend und herausfordernd

Ungewöhnlich für eine Biografin, dass so etwas passiert. Doch typisch für Tove Janssen. Überraschend, erfrischend, herausfordernd – so war Tove bis ins hohe Alter. Ihre Lebensmaxime kritzelte sie schon als kleines Mädchen an die Wand eines Toilettenhäuschens: „Freiheit ist das Beste von allem“, und daneben malte sie den ersten „Mumintroll“, eine Comicfigur, die Immanuel Kant darstellen sollte.

Freiheit, das war es, was Tove Jansson am meisten schätzte. Die Geschichten um „die Trolle im Mumintal“, die sie in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts zu schreiben begann und die sie international berühmt machen sollten, bedeuteten für sie den gedanklichen Ausbruch aus der geistigen Beengtheit der Zeit des zweiten Weltkrieges, in die auch Finnland eingesperrt war.

Als sie am 9. August 1914 geboren wurde, war gerade der erste Weltkrieg ausgebrochen. Ihre Kindheit, Jugend und junge Erwachsene Zeit standen also ganz unter dem Eindruck zweier Weltkriege und deren Nachwirkungen. Sie verabscheute den Krieg, jeden Krieg. Sie war eine erklärte Pazifistin (und das in einem durch Propaganda zur Kriegsbegeisterung hochgeputschten Volk) und scheute sich auch nicht, dazu zu stehen.

Schon früh zeigte sich in ihr ein großes zeichnerisches Talent; ihr Vater war Bildhauer, ihre Mutter Illustratorin. Sie verdiente sich ab 1929 Geld als Illustratorin und Karrikaturistin für Zeitungen. Als Hitler an die Macht kam, zeichnete sie ihn zum Beispiel als quengelndes Kind, das immer mehr vom Kuchen will.

Pazifistische Grundhaltung

Ihr Blick auf den Krieg und auf das, was er mit den Menschen machte, war klar: „Manchmal überkommt mich so eine bodenlose Verzweiflung wegen all der jungen Menschen, die an der Front getötet werden. Hat nicht jeder, ob Finne, Russe oder Deutscher, dasselbe Recht zu leben und mit seinem Leben etwas anzufangen? Kann man sich neues Leben wünschen, es gebären, in dieser Hölle, die sich immer wiederholen wird?“, schrieb sie 1942 in einem Brief an eine Freundin.

Ihr pazifistische Grundhaltung durchdringt auch ihre Kinderbücher, die sie zu schreiben begann, auch um das Grauen des Krieges zu verarbeiten und um eine friedliche Gegenwelt zu entwerfen. Zunächst schrieb und zeichnete sie diese Geschichten nur für sich selbst. Ab 1947 wurden sie in Finnland veröffentlicht und traten ab 1954 ihren Siegeszug durch die Welt an.

Ähnlich wie die „Pipi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren scheinen sie damals und heute einen Nerv zu treffen, der die Herzen von Millionen Lesern berührt. Dabei fühlte sie sich in erster Linie gar nicht als Schriftstellerin, auch nicht als Zeichnerin  – sie illustrierte ihre Bücher selbst -, sondern träumte von einer Karriere als Malerin.

Das Schicksal wollte es anders: Weltberühmt wurde sie mit ihren Mumin-Büchern. Doch der damit verbundene Ruhm begann sie zu erdrücken. Sie fand vor lauter Ehrungen und Arbeit an Übersetzungen, Durchsicht von Verträgen, Angeboten für Verfilmungen und Theateraufführungen kaum noch Zeit für das für sie so wichtige Malen.

Da Freiheit ihr immer das das Wichtigste von allem war und sie diese in der Rolle als „Mutter der Mumins“, in die sie gedrängt wurde, nicht mehr hatte, löste sie sich von dem Schreiben dieser Bücher und wandte sich wieder verstärkt der Malerei und dem Verfassen von Erwachsenen-Büchern zu. Diese Bücher (z.B. „Die Tochter des Bildhauers, „Fair Play“, „Das Sommerbuch“), bestechen durch eine ungemein poetische Sprache, sind subtil, psychologisch ausgefeilt und berühren – wie die Muminbücher – tiefe Schichten im Leser.

Sie beantwortete rund 2000 Briefe jedes Jahr persönlich

Freiheit nahm sich Tove Janssen auch in ihren Beziehungen. Nachdem sie einige gescheiterte Beziehungen mit Künstlerkollegen hinter sich hatte, wandte sie sich ab 1946 Frauen zu (bis 1971 galt Homosexualität in Finnland als Verbrechen und stand unter Strafe, bis 1981 galt sie als Krankheit). Tove Janssen lebte ihre Beziehungen öffentlich und wurde somit zu einem befreienden Vorbild für Schwule und Lesben in Finnland.

Ab 1955 fand sie in der Künstlerin Tuulikki Pietilä die richtige Frau für ihr weiteres Leben, mit der sie ihr Ideal von zwei selbstständigen, sich ergänzenden und gemeinsam arbeitenden Menschen leben konnte. Die Sommer verbrachten die beiden arbeitend auf einer winzigen Insel im finnischen Schärengarten; bis ins hohe Alter schliefen die beiden in einem Zelt. Im Winter gingen sie auf Reisen oder lebten in ihren Ateliers in Helsinki.

Ganz ließ sie die Muminbücher allerdings nicht zurück. Ihr lagen die Kinder, die die Muminbücher liebten, sehr am Herzen und sie sah es als ihre Pflicht an, jeden Kinderbrief, der an sie gerichtet war, persönlich zu beantworten. In den 80er Jahren schätze Tove Jansson die Zahl der Zuschriften auf 2000 Briefe jährlich. Die Beantwortung der Brief nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Das brachte Tove Jansson auf die Idee, eine Schonzeit für Schriftsteller zu fordern. So wie Vögel in der Brutzeit in Ruhe gelassen werden, um auf ihren Eiern zu sitzen, sollten Schriftsteller eine Schonzeit bekommen, in der sie sich in Ruhe und Einsamkeit auf ihre Arbeit konzentrieren könnten. Denn Freiheit ist das Beste von allem!

Andrea Liebers

Tuula Karjalainen: Tove Jansson. Die Biografie. Aus dem Finnischen übersetzt von Anke Michler-Janhunen und Regine Pirschel. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2014. 352 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 36 Euro

Hier können Sie sich über die Veranstaltungen zu Tove Janssons 100.Geburtstag informieren.

 

 

 

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