Ein Denkanstoß von Ina Schmidt

Die Einschränkungen der Grundrechte während der Corona-Krise haben die Frage nach der Freiheit aufgeworfen. Doch was bedeutet eigentlich Freiheit? Für die Philosophin Ina Schmidt beinhaltet Freiheit, dass wir unser Leben gestalten und zu den Bedürfnissen anderer in Beziehung setzen.

„Ich wünschte mir, dass sich unsere Gesellschaft tolerant, wertbewusst und vor allen Dingen in Liebe zur Freiheit entwickelt und nicht vergisst, dass die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt.“ Joachim Gauck

Die Coronakrise verlangt uns viel ab – seit Wochen und Monaten leben wir in einem Ausnahmezustand. Wir versuchen nach Kräften und vielfach gemeinsam, in all der Unsicherheit für Strukturen, für Regelungen und Kriterien zu sorgen, die es ermöglichen, mit eben diesem Ausnahmezustand einen Umgang zu finden.

Damit ist jede und jeder von uns unterschiedlich einverstanden, und selbstverständlich betrifft es uns auch alle auf unsere eigene Weise: Jede Verordnung bedeutet einen Eingriff in das, was wir gewohnt waren. Sie ist das Ergebnis einer Abwägung, an der wir nicht alle beteiligt sein können und damit eine Entscheidung für eine Wirklichkeit, die nicht allen gerecht werden kann: Eine Einschränkung dessen, was wir „Freiheit“ nennen.

Diese Begrenzung individueller Freiheit, die wir für unser modernes Leben als notwendig erachten, darf nicht leichtfertig und unbegründet entschieden werden – und eben dafür steht unsere demokratische Grundverfassung. Und so folgen den strikten Ausgangsbeschränkungen nun auch Lockerungen. Persönliche Rechte werden zurückgegeben, Grenzen geöffnet, Reiseverbote aufgehoben – ganz im Sinne der Freiheit. Und wieder wird gestritten, auf Bundes- wie auf Landesbene, was in diesen Unsicherheiten der Weg der Wahl sein darf.

Aber nicht nur das: Seit einigen Wochen wird auch protestiert – auf Corona-Demonstrationen und Hygiene-Protesten. Mit sehr unterschiedlichen Stimmen und Beweggründen wird dort gefordert, das normale Leben wieder zuzulassen. „Gebt uns unsere Freiheit zurück“ ist auf Schildern zu lesen. Manche rufen dazu auf, wir sollten nicht obrigkeitshörig sein und alles mit uns machen lassen. Die Virologen und Politiker sollten uns nicht unser Leben diktieren dürfen.

Die Gründe für diesen Unmut sind zum Teil nachvollziehbar. Menschen bangen um ihre Existenz, wollen ihre Clubs öffnen oder brauchen endlich wieder eine funktionierende Kinderbetreuung, auch darüber lässt sich anständig streiten. Aber in der Bewegung gibt es auch Stimmen, die sich gegen „Diktatur“ und „Überwachung“ wehren wollen, die populistische Reden schwingen oder krude Verschwörungstheorien ins Feld führen und damit den Rahmen demokratischer Auseinandersetzungen sprengen wollen.

Freiheit: Tun und lassen, was wir wollen?

Das, was all diese Proteste auf unschöne Weise eint, ist ein „Dagegen“. Es ist eine individuelle Unzufriedenheit, die zwar nach Freiheit ruft, aber letztlich um das Recht kämpft, vom Staat gehört, anerkannt und versorgt zu werden – also von der Institution, die sie doch eigentlich ablehnen. Eigentlich geht es hier also weniger darum, ein Leben in Freiheit führen zu wollen, sondern das Recht auf ein Leben einzufordern, das von den Nöten einer globalen Krise möglichst unbelastet bleibt. Ein Leben, in dem jeder von uns weiter in „Freiheit“ tun und lassen kann, was er will. Es ist der Ruf nach absoluter Selbstbestimnung bei gleichzeitigem Erhalt von Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit.

Um Freiheit wird gerungen, seit wir denken können. Sie ist ein hohes Gut, auf das der Mensch als Individuum aber erst seit der modernen Neuzeit eine Art Anrecht erhebt. Diese Erwartungshaltung steht oft im Widerspruch zu der Einsicht, dass Freiheit eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe bedeutet. Der Existenzialist Jean-Paul Sartre sah die Freiheit sogar als eine Last an, zu der der Mensch verurteilt sei: Eine Geworfenheit in ein chaotisches Leben, in dem ein jeder selbst den Weg zur eigenen Existenz finden müsse.

Dieser Entwurf, den wir der Freiheit als eine Art eigenen Lebensentwurf abringen, ist die höchste Aufgabe des Menschen – persönlich, aber auch als Kollektiv im Sinne einer stabilen und solidarischen Gemeinschaft, die sich ständig wandelt.

In einer solchen Gemeinschaft, die ein Sozialstaat zu sein versucht, entstehen neben all den notwendigen Grundrechten ebenso viele Bürgerpflichten, die alles andere als freiwillig sind: Steuern zu zahlen ist ein beträchtlicher Eingriff in unsere Freiheit, und wahrscheinlich würden wir sie freiwillig nicht oder zumindest anders zahlen. Auch zum Schulbesuch werden wir verpflichtet und wir müssen uns gegen Krankheit versichern lassen.

Aber trotz der oft im konkreten Fall berechtigten Kritik sehen wir ein, dass diese Pflichten in einer staatlichen Gemeinschaft sinnvoll sind, um füreinander zu sorgen und den Sozialstaat am Laufen zu halten. Wenn wir also in Freiheit leben wollen, dann gilt es, nicht die Abwesenheit von Regeln und Bedingungen zu fordern, sondern darüber nachzudenken, welche Bedingungen Freiheit überhaupt erst möglich machen – und zwar selbst und gerade in angespannten Zeiten einer weltweiten Pandemie.

Wie stehen ethische Grundwerte im Verhältnis zum Wunsch nach Freiheit?

Wie würde es um die Verfechter persönlicher Freiheiten bestellt sein, wenn es tatsächlich zu einem gesundheitlichen Notstand gekommen wäre, weil niemand sich in seinem Verhalten hätte einschränken lassen wollen? Eine hypothetische Frage, die von der Gegenseite vermutlich mit dem Gedanken abgetan würde, dass diese „worst case-Szenarien“ eben nicht eingetreten seien. Dies lässt sich aber nur schwer als Argument ins Feld führen, da wir nicht wissen können, wie die Alternative zu den getroffenen Entscheidungen ausgesehen hätte.

Sollten wir unsere Kräfte nicht besser in konstruktive Lösungen stecken und Antworten auf die wesentlichen Fragen suchen, statt uns in Hypothesen zu verstricken: Was sind in Zeiten wie diesen ethische Grundwerte und wie stehen diese im Verhältnis zu unserem Wunsch nach Freiheit und den Freiheitsrechten, die uns das Grundgesetz schenkt? Können wir die Werte in der Krise verwirklichen und geltend machen?

Wie weit sollten die Erkenntnisse der Wissenschaft politische Entscheidungen bestimmen? Welche Freiräume brauchen Kinder, um anständig lernen und sich entwickeln zu können? Wie schützen wir sie vor häuslicher Gewalt und wie kann es sein, dass Schulen wie Zufluchtsorte erscheinen, die dringend wieder geöffnet werden müssen? Diese Probleme sind schwerwiegend, aber sie sind nicht durch die „Beschränkung unserer Grundrechte“ verursacht worden: Ist es nicht schon ein Zeichen wahrhafter Freiheit, auf diese Weise darüber denken und sprechen zu können?

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit

Freiheit ist eine Kostbarkeit und keine einzufordernde Selbstverständlichkeit. Sie ist das, was wir in kleinen Schritten zu gestalten haben. Die Aufgabe ist es, mit den Freiräumen umzugehen, die wir haben, und Bedingungen dafür zu schaffen, dass uns dies gelingt. Von einem Schritt zum anderen.

Diesen Weg zu regulieren, moralische Güter gegeneinander abzuwägen und auch zu kontrollieren ist Aufgabe der politischen Führung. Unsere Aufgabe ist es, diese Freiräume für uns persönlich zu prüfen, sie zu gestalten und darin auch eine „begründete Enthaltsamkeit“ (Jürgen Habermas) als verantwortungsvolles Handeln anzuerkennen.

Der Verzicht auf mögliche Freiheiten ist in Grenzsituationen nicht nur unvermeidlich, sondern selbstverständlich, wie es der Philosoph Hans Jonas in einem Interview mit dem SPIEGEL 1992 auf den Punkt bringt. Und eben diesen „Verzicht“ müsse man nicht grundsätzlich als Unglück ansehen, so Jonas weiter – ganz unabhängig von einer bedrohlichen Krisensituation.

Die Coronakrise hat gezeigt und zeigt noch immer, dass es in unsicheren Zeiten schlicht nicht möglich ist, das Maß an Freiheit aufrecht zu erhalten, das wir alle gewohnt waren. Denn Grundwerte und Lebensmodelle geraten permanent miteinander in Konflikt, manche Bevölkerungsgruppen sind sehr und andere weniger bedroht.

Darüber hinaus ändert sich die Faktenlage, weil die Wissenschaft zu immer neuen Erkenntnissen kommt – darin liegt kein Defizit, sondern die einzige Möglichkeit, die wir haben. Gleichzeitig zeigt sich aber auch gerade durch diese Beschränkungen, was für uns wirklich und wahrhaft „wesentlich“ ist und wie wir uns solidarisch und durch gemeinsamen Verzicht dafür einsetzen können, das zurückzuerobern, was wir vermissen.

Dazu gehört ganz sicher nicht, unsere gemeinsamen politischen wie gesellschaftlichen Bemühungen mit Füßen zu treten und gleichzeitig dieselben Strukturen aufzufordern, für das eigene Wohlbefinden zu sorgen. Das ist kein demokratischer, erwachsener Umgang mit den eigenen freiheitlichen Grundrechten, die eben nicht nur für jeden einzelnen, sondern für uns alle gelten!

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und des Netzwerks Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg. Jüngste Buchveröffentlichung: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds, Edition Körber 2019.