Gastbeitrag von Marie Mannschatz

Die buddhistische Meditationslehrerin Marie Mannschatz ist besonders bekannt durch ihre Kurse zur Meditation des Wohlwollens. Für sie ist Ethik ein Ausdruck von Liebe. Liebe fördert gute Beziehungen und kooperatives Verhalten, auch auf gesellschaftlicher Ebene. Sie plädiert dafür, partnerschaftliche Systeme zu fördern.

 

Um miteinander in Frieden Leben zu können, brauchen wir Werte und Normen so nötig wie Ampeln und Verkehrsschilder. Doch heutzutage liefern Wertvorstellungen keine verbindlichen Maßstäbe mehr. Innere Orientierungslosigkeit bringt unser gesellschaftliches Wertesystem aus dem Gleichgewicht.

„Wir brauchen eine universelle Ethik, die nicht aus religiösem Denken hervorgeht,“ sagt der Dalai Lama. „Kann man eine Grenzlinie zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse ziehen, ohne die Annahme eines Gottes, ohne früheres Leben, ganz einfach auf der Grundlage des gegenwärtigen Lebens ?“

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich zum ersten Mal von den buddhistischen Fünf ethischen Richlinien (Pali silas) hörte. Zum Beginn eines langen Meditationskurses erläuterten die Lehrer diese als Basis für ein friedliches Zusammenleben. Ich staunte über die Klarheit und Einfachheit. Die fünf Richtlinien entsprachen ganz meinem gesunden Menschenverstand, zeigten sie doch, welche Form von Schutz und Respekt unser menschliches Miteinander braucht:

  1. Ich möchte üben, alles Leben zu schützen. Ich will keine Lebewesen töten oder verletzen.
  2. Ich möchte üben, großzügig zu sein, um andere zu unterstützen und nicht zu nehmen, was mir nicht gehört.
  3. Ich möchte üben, die Beziehungen meiner Mitmenschen zu respektieren und ihnen helfen, ihr Glück zu bewahren. Ich möchte durch mein sexuelles Verhalten niemandem schaden.
  4. Ich möchte üben, mit Worten nicht zu verletzen und nur zu sagen, was wahr und hilfreich ist.
  5. Ich möchte üben, mein Bewusstsein nicht zu benebeln durch den Konsum von Alkohol oder Drogen. Alles, was ich geistig oder körperlich zu mir nehme, soll mir helfen, klarer und wacher zu werden.

Das Pali-Wort sila bedeutet Harmonie, Ausgewogenheit oder auch „gute Gewohnheit“. Das entspricht vermutlich auch unserem Verständnis von Ethik. Gewohnheiten bestimmen unser Denken, Reden und Verhalten, unsere Kommunikation mit uns selbst und mit anderen. In der Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und handeln, erkennen wir ihre Einstellungen, ihre Gewohnheiten, ihren Ethos.

Ethik ist die Basis für Transformation

Als Meditationslehrerin bin ich mir sicher: Ohne Ethik gibt es keine Entwicklung, keine Reifung auf dem inneren Weg. Ein wacher Umgang mit den eigenen Wertvorstellungen sowie nicht-verletzendes Handeln sind Voraussetzungen für das innere Wachstum.

Wir können keinen emotionalen Frieden finden, wenn wir uns aufreiben an Unehrlichkeit und Betrug, wenn wir nehmen, was uns nicht gehört, wenn wir die Grenzen von anderen nicht achten. Je mehr wir verstehen, wie untrennbar wir alle miteinander verwoben sind, umso klarer ist es auch, dass jeder Schaden, den wir anderen zufügen, auf uns selbst zurück fällt. Die erste These einer Ethik des Wohlwollens lautet daher für mich:

Im Einklang mit den fünf ethischen Richtlinien zu leben ist die Grundlage für ein glückliches Leben.

Seit den neunziger Jahren steht die Meditation der liebenden Güte (Pali metta) im Mittelpunkt meines Übens und Lehrens. Sie fördert eine Geisteshaltung, die von Wohlwollen und guten Absichten durchdrungen ist. Metta wird übersetzt mit Sympathie, Freundlichkeit, Offenherzigkeit. Es heißt, sich auf den Zustand der Resonanz einlassen, eine innige, vorbehaltlose Verbindung zur Welt vom Herzen her erschaffen.

Was wollen wir erreichen mit unserem Verhalten, wohin soll es führen? Wollen wir Wohltuendes bewirken oder unseren eigenen Vorteil herausholen? Wollen wir andere ausgrenzen, bewerten, verurteilen, oder sehen wir sie als Mitmenschen auf Augenhöhe, die ein ebenso empfindsames Herz haben wie wir?

Unser Denken, Reden und Handeln entspringt Absichten, die gespeist sind von unseren Emotionen. Die Absicht formt unser Handeln. Sie gibt unserem Verhalten den Geschmack, die Zielrichtung. Von Wohlwollen geprägtes Handeln tut wohl.

„Die Verwandlung von Mustern findet immer im Herzen statt,“ schreibt Jack Kornfield. „Durch unsere Absichten können wir die Muster unseres Herzens und Geistes umgestalten und ihnen eine andere Richtung geben. Einfach dadurch, dass wir uns von Augenblick zu Augenblick unserer Absichten bewusst sind, können wir Muster des Wohlbefindens und Glücklichseins schaffen, die viel länger bestehen bleiben als unsere Persönlichkeit und unser begrenztes Leben.“

Aus meinen Erfahrungen mit der Metta-Praxis ergibt sich die zweite These einer Ethik des Wohlwollens: Wir sollten die wohlwollende Absicht in alles Handeln einbeziehen.

Partnerschaftliche Systeme fördern

Persönliche Transformation kann nur wirksam werden, wenn auch die Gesellschaft sich verwandelt. Seit drei Jahrzehnten inspirieren mich die Werke von Riane Eisler, einer amerikanischen Frauenrechtlerin, die die Kraft partnerschaftlichen Denkens und Handelns in den Mittelpunkt ihres Werkes stellt

Riane Eisler sagt: Probleme können wir nicht mit den gleichen Methoden lösen, mit denen wir sie erschaffen. Daher müssen wir lernen, jenseits von den Systemen zu denken, die unsere gegenwärtigen Probleme hervor rufen. Unterscheidungen wie Ost / West, Rechts / Links, Kapitalist / Kommunist / Sozialist, Christentum / Judentum / Islam lenken uns nur ab von einem dahinter liegenden, viel grundlegenderen Problem. In all diesen Werten und Glaubensvorstellungen von Gesellschaften zeigen sich nämlich zwei unterschiedliche Systeme: das Dominanz-System und das partnerschaftliche System.

Der Kampf für eine bessere Zukunft findet nicht zwischen Religionen und weltlichen Anschauungen statt, sondern zwischen dem dominanten und dem partnerschaftlichen System. Wenn wir diese beiden sozialen Konfigurationen verstehen, erkennen wir auch, wo wir sinnvoll intervenieren, um gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Daher lautet meine dritte These für eine Ethik des Wohlwollens:

Partnerschaftliches Verhalten und partnerschaftliche Systeme initiieren trägt zur positiven Entwicklung der Gesellschaft bei.

Schauen wir uns zunächst die dominante Konfiguration genauer an, die sich in autoritären Herrschaftssystemen zeigt. Hier sind Zorn und Schmerz, Unterdrückung, Ungleichheit und Gewalt allgegenwärtig – in der Familie, in der Schule, in den Medien, der Politik.

Ob sich nun die Abgeordneten im Parlament attackieren, Schüler von ihren Lehrern unterdrückt werden, Straftäter vom Vollzugspersonal gezüchtigt werden oder Männer ihre Ehefrauen, Mütter ihre Kinder misshandeln – es sind die immer gleichen dominanten Macht-Strukturen, die schon von früh auf in den Familien eingeübt werden.

Dominanz baut auf der Angst vor Schmerz auf. Das Bild des grausamen, bösen mordenden Menschen wird unablässig in den Medien bekräftigt. Staatsvertreter behandeln Mitbürger herablassend wie ein lästiges Ärgernis, die materielle Unterstützung für sozial Schwache wird so knapp wie möglich gehalten, obwohl es ausreichende Ressourcen gibt.

Schutz und Wertschätzung des Lebens scheinen nebensächlich. Wenn man den Menschen von Natur aus für gewalttätig, selbstsüchtig und böse hält, entsteht die Überzeugung, der Mensch müsse durch Angst und Bestrafung kontrolliert werden.

Unzählige Beispiele dafür finden wir in Staaten, die keine Gewaltenteilung kennen, in denen sich ungeheure Macht in den Händen weniger anhäuft und dann von Polizei und dem Militär erhalten wird. Aber auch in unserem demokratischen Staatsgefüge gibt es immer noch vielfältigen Ausdruck von Dominanzverhalten!

In Gesellschaften, die partnerscha
ftliche Strukturen bevorzugen, gelten Menschen- und Tierrechte und es gibt eine gesetzlich verankerte Gleichberechtigung. Die Natur wird als höchstes Gut geschützt. Männer und Frauen bemühen sich gleichermaßen um weiche Werte. Gewalt wird nicht idealisiert und ist kein fester Bestandteil des sozialen Systems.

Stattdessen gibt es ein ständiges Bemühen um gegenseitigen Respekt, Vertrauen und Kooperation für gemeinsames Wohlergehen. Partnerschaftliche Systeme sind hauptsächlich durch Vernetzungen organisiert, die auf gegenseitigem Nutzen und Funktionshierarchien beruhen statt auf Macht-Prinzipien.

Auch in partnerschaftlichen Systemen gibt es keine ausschließlich flachen Strukturen. Wir brauchen für gut funktionierende soziale Systeme schon hierarchische Ordnungen. Aber die Hierarchie der Partnerschaft verwirklicht sich in einer Hierarchie der Ermutigung, in Wertschätzung und Anerkennung, die Mitarbeitern die Kraft gibt, ihre Aufgaben gerne zu erfüllen und schrittweise mehr Verantwortung zu übernehmen.

Eine andere Gesellschaft

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Wie würde sich eine Ethik des Wohlwollens denn im gesellschaftlichen Alltag realisieren? Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die sogenannten weiblichen Werte wie Fürsorglichkeit und Nicht-Gewalt für Männer und Frauen gleichermaßen deutlich ansteigen, wenn der Status von Frauen sich verbessert.

Menschen, die einer Ethik des Wohlwollens folgen, schenken der nachwachsenden Generation höchste Aufmerksamkeit. Kinder stehen im Mittelpunkt der Gesellschaft. Es gibt keine Kinderarmut und wir haben hervorragende Kindergärten, in denen die Erzieher ebenso wie alle anderen in pflegenden Berufen bestens bezahlt werden.

Ein am Gemeinwohl orientiertes Verhalten prägt das Wirtschaftssystem, in dem ebenso viele Frauen wie Männer Entscheidungsträger sind. Auch die Alten, die Pflegebedürftigen und die Außenseiter, die immerzu fürchten, nicht gesehen zu werden, bekommen ihren geschützten Raum in der Mitte der Gesellschaft.

Es gibt keine Obdachlosen, weil genügend Geld in der Gesellschaft für Notleidende zur Verfügung gestellt wird. Tiere werden nicht gequält und zerschreddert, die meisten essen vegetarisch. Entscheidungen richten sich an Win-Win Lösungen aus, für die man die Unterstützung von ausgebildeten Vermittlern bekommt, die in jedem Rathaus, in jeder Behörde dem Bürger zur Verfügung gestellt werden… usw.

Ich bin mir sicher, dass Sie zu diesen wenigen Überlegungen mit all Ihrer Kreativität und Ihrem Wohlwollen noch zahllose Ideen entwickeln können, wie wir uns eine Gesellschaft vorstellen, die von der Haltung des Wohlwollens durchdrungen ist. Auf dem Weg zu einer Ethik des Wohlwollens – von Dominanz und Macht zu Gemeinwohl und Ermächtigung!

Marie Mannschatz

Liebenow Fotografie

Liebenow Fotografie

Marie Mannschatz hat 20 Jahre in freier Praxis als Gestalt- und Körpertherapeutin gearbeitet, bis sie in den neunziger Jahren von Jack Kornfield zur Vipassana-Lehrerin ausgebildet wurde. Zusammen haben sie viele monatelange Schweigekurse im Spirit Rock Zentrum in Kalifornien geleitet.

Ihre Bücher zur Einführung in buddhistische Alltagspraxis und Meditation wurden in sechs Sprachen übersetzt.  Zuletzt erschien 2015 ihre Anleitung zur Metta-Meditation (“Herz-Meditation”)  www.mariemannschatz.de 

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