FamVeld/ shutterstock.com
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Für eine menschliche Geburtshilfe

Ein Beitrag der Gynäkölogin Dr. Barbara Jahn

Die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens hat auch die Geburtshife erfasst. Personalabbau und Zeitdruck sind jedoch Beziehungskiller. Wir brauchen eine Ethik der Geburtshilfe, sagt die Gynälologin Dr. Barbara Jahn, um Menschen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

 

 

Von 1993 bis 2015 war ich Oberärztin mit dem Schwerpunkt Geburtshilfe. Seit ich pensioniert bin, habe ich Zeit nachzudenken. Zeit, die mir vorher gefehlt hat und die vielen, die noch arbeiten, ebenfalls fehlt.

Ich wollte gerne verstehen, warum die Tage, an denen geordnetes Arbeiten möglich war, immer seltener wurden, und die Tage, an denen man gerade so über die Runden kam, immer häufiger. Warum Qualitäten wie eine individuelle, sanfte und sichere Geburtshilfe oder ein gutes Stillmanagement, Qualitäten, die wir über viele Jahre unter großem persönlichen Einsatz aller Beteiligten etabliert hatten, diesem Druck nicht stand hielten und es schleichend zu einem Verfall der guten Sitten kam.

Dabei hatten wir uns nicht bewusst von diesen Qualitäten verabschiedet. Ich hörte diese Beobachtungen von vielen – nicht allen -, mit denen ich sprach. Die meisten nahmen die Veränderungen hin wie ein unabwendbares Schicksal, mit dem man sich zu arrangieren hatte. „Wir wissen, dass wir keine gute Arbeit mehr machen. Wir sind schon zufrieden, wenn wir einigermaßen über die Runden kommen.“

Die Zahl der Hochglanzbroschüren und Internetauftritte der Krankenhäuser nahm zu, in denen mit schönen und richtigen Slogans geworben wurde wie:. „Im Mittelpunkt unserer Philosophie steht der Mensch. Auch in der Spitzemedizin ist die persönliche Zuwendung entscheidend, um wieder gesund zu werden.“

Woher aber die Zeit für diese Zuwendung nehmen, wenn überall Personalabbau betrieben wird? Wenn qualifiziertes Personal durch weniger qualifiziertes – weil billiger – ersetzt und das vorhandene Personal immer mehr in Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben eingebunden wird? Wenn unter dem heeren Ziel der Optimierung eine Veränderung die andere jagt und man kaum hinterherkommt, die entsprechenden Anweisungen in funktionierende Abläufe umzusetzen?

Der Blick zurück: Menschlichkeit im Kreißsaal

Mein erstes Kind kam 1978 auf die Welt. Es war eine Zeit, in der in den Geburtskliniken noch ein strenges Regiment herrschte. Entbunden wurde meist in Rückenlage; die Babies wurden sofort nach der Geburt gewaschen, gemessen und angezogen, dann erst angelegt.

Mit Verlegung auf Station kamen sie ins Säuglingszimmer und wurden den Müttern zum Stillen gebracht. Der Großteil der Mitarbeiter einer Geburtshilfe hinterfragte diese Methoden nicht. So machte man es eben. Frau und Kind wurden durch ein System geschleust, dessen Regeln sie zu ihrem Besten zu gehorchen hatten.

Das Wissen um Stillen und Bonding begann gerade zu entstehen und sich zu verbreiten. Ich darf erinneren: Die La Leche Liga feierte 2017 ihr 60jähriges Bestehen. Seither hat sich viel geändert: keine routinemäßigen Dammschnitte mehr, Bonding im Kreißsaal, 24 Stunden rooming in, integrierte Wochenpflege, gutes Stillmanagement, um nur einige wenige dieser Neuerungen zu nennen.

Letztendlich wirkten alle diese Veränderungen sich so segensreichen auf das Wohlbefinden von Mutter und Kind aus, dass alle damit glücklich waren. Nach einer gewissen Zeit konnte sich niemand mehr vorstellen, jemals anders gearbeitet zu haben. Ich fühlte mich als Teil einer großen Gemeinschaft, die versuchte, die Geburtshilfe menschlicher, weniger eingreifend und individueller zu machen.

Neoliberalismus: Geburten als Teil des Gesundheitsmarktes

Bis Ende der 80er Jahre wurden Krankenhäuser im Rahmen der „sozialen Marktwirtschaft“ als Teil der sogenannten Daseinsvorsorge gesehen. Darunter fallen alle öffentlichen Einrichtungen, die der Grundversorgung der Bürger dienen. Das Ziel war eine breitgefächerte medizinische Versorgung der Bevölkerung. Krankenhäuser waren entweder in öffentlicher Hand oder in der Hand von freien gemeinnützigen Trägern.

Nun wurde im Rahmen des sich immer weiter verbreitenden neoliberalen Konzepts Gesundheit von der Wirtschaft als Markt mit Wachstumschancen erkannt. Die ersten privaten Träger tauchten auf und begannen, Krankenhäuser, die rote Zahlen schrieben, günstig aufzukaufen.

Die Versprechen klangen verlockend, und die Kommunen waren die Verantwortung für defizitäre Häuser los. Da die Krankenhäuser Profit bringen sollten, wurden sie modernisiert und ökonomisch auf Vordermann gebracht, was sich u.a. in einer zum Teil drastischen Einsparung von Personal äußerte bzw. in einer Umschichtung von Personal durch Outsourcing. Bei den noch in kommunaler Hand befindlichen Krankenhäusern war die Situation oft ähnlich, da die Kommunen aus Geldmangel sparen mussten.

Die Einführung der DRG- Fallpauschalen 2003 verfestigte das Primat der ökonomischen Zwänge über medizinische und pflegerische Belange. Die Vorgaben der Krankenhausträger via Geschäftsführung hatten mehr Gewicht als die Vorschläge der Chefärzte oder gar des untergeordneten Personals.

Viele Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern konnten sich nicht mehr so um ihre Patientinnen kümmern, wie sie es von sich erwarteten. Burn out und Abwandern in andere Berufe waren die Folge. In der Krankenpflege beschreibt der Begriff des „coolout“ die verschiedenen Strategien, wie Pflegende sich diesem anhaltenden Druck entziehen.

Wie soll der Start ins Leben aussehen?

Etwas so Wesentliches wie eine Geburt darf sich nicht darauf reduzieren lassen, ein Segment des Gesundheitsmarktes zu sein. Es ist deshalb gut, darüber zu reflektieren, welche Bedeutung eine gute Geburtshilfe für eine gelungene Geburt hat. Diese Bedeutung geht auch weit über rein medizinische Aspekte hinaus.

So ist eine Geburt:

  • ein natürlicher Prozess, der sich zwar beeinflussen lässt, aber seine eigene Dynamik hat. Eine Geburt braucht Zeit und die Fähigkeit, Kontrolle abzugeben und sich auf den Prozess einzulassen – und dazu braucht es Vertrauen. Vertrauen entsteht durch Zuwendung und Kompetenz. Ungeduld, der Versuch der Beschleunigung ist in der Geburtshilfe kontraproduktiv.

  • ein existentielles Erlebnis für Mutter und Kind. Die Qualität der Geburtshilfe entscheidet mit über unseren Start ins Leben und beeinflusst auf vielfältige Weise unseren Lebensweg.

  • der Beginn einer guten oder schlechten bzw. ambivalenten Bindungserfahrung. Eine gelungene Geburt erleichtert eine gelingende Stillbeziehung und eine gute Mutter-Kind-Bindung.

  • eine Situation, in der Frauen verletzlich und ausgeliefert und deshalb ganz besonders auf Hilfe, Verständnis und Fürsorge angewiesen sind.

Mangelnde Empathie von Personal, das permanent unter Zeitdruck steht, ist eine der häufigsten Klagen von Frauen nach einer Entbindung. Eine gute Betreuung kann sich bei einer schwierigen Geburt wie ein schützender Mantel um die Gebärende legen und verhindern, dass die Situation als Trauma erlebt wird.

Wie wichtig sind diese Aspekte der Geburtshilfe für uns, für die Krankenhausträger, für den Gesetzgeber, für die ganze Gesellschaft? Akzeptieren wir stillschweigend das Primat kommerzieller Gesichtspunkte, dem sich die Qualität unterordnen muss? Sind wir wie der Frosch im Wassertopf, der sitzen bleibt bis er tot ist, wenn der Topf nur langsam genug erhitzt wird? Spüren wir das Bedrohliche der Situation nicht? Was lähmt uns, warum wehren wir uns nicht?

Wir brauchen eine Ethik der Geburtshilfe

Vor allem 2017 hat die Diskussion um das Thema Ethik versus Ökonomie an Fahrt aufgenommen. Allein im deutschen Ärzteblatt sind mehrere Beiträge erschienen, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat im September 2017 ihren Klinik-Codex „Medizin vor Ökonomie“ vorgestellt.

Ganz allgemein besteht ja die Aufgabe der Ethik darin, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Wir handeln oft, ohne dass uns die Motive und Folgen unseres Handelns bewusst sind, wir lassen uns im Strom der Gewohnheiten treiben.

Ethisches Handeln entsteht, wenn wir aus einer unreflektierten eine reflektierte Haltung machen und uns in unserem Handeln darauf beziehen. Ethik ist eine lebendige Lebenspraxis, die Selbstreflexion und den Austausch mit anderen Menschen und Ideen braucht. Der Bezug auf eine gemeinsame Ethik verbindet mich mit Gleichgesinnten und gibt mir die Kraft, mich dafür einzusetzen, dass bestimmte Qualitäten und Werte gelebt und ggf. verteidigt oder eingeklagt werden.

Die Formulierung einer Ethik der Geburtshilfe ist ein erster Schritt, Bewusstsein für die Haltungen und Handlungsweisen zu schaffen, die für eine menschliche Geburtshilfe unerlässlich sind.

Eine gute Beziehung zur Hebamme etwa trägt auch durch eine schwere Geburt. Eine einfühlsame Betreuung auf der Wochenstation hilft Mutter und Kind, sich miteinander wohl zu fühlen. Anhaltender Zeitdruck und Multitasking sind Beziehungskiller. Gerade in der existentiellen Situation von Geburt und Wochenbett sind für einen guten Start ins Leben Zeit, Ruhe und Zugewandtheit wichtig.

Barbara Jahn, Mitarbeit: Bettina Stülpnagel

Dr. Barbara Jahn

Foto: Bettina Stülpnagel

Barbara Jahn ist Mutter und Großmutter. Sie war Assistenzärztin an Hamburger Krankenhäusern in den Fachrichtungen Chirurgie und Gynäkologie, 1986 bis 1989 arbeitete sie mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Zimbabwe. 1993 bis 2015 war sie Oberärztin einer großen geburtshilflichen Abteilung. 2003 Abschluss einer Ausbildung in Gestalttherapie. Seit 2010 Schülerin am Buddhistischen Statdzenrtum von Sylvia Kolk in Hamburg.

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Für eine menschliche Geburtshilfe

  1. Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele! Ich bin eine der Hebammen, die das System verlassen hat weil ich es nicht mehr mit/er-tragen konnte.
    Es wird so viel über die Ethik im Sterbeprozess geredet, was nötig und richtig ist, doch der Beginn des Lebens hat eine enorme Tragweite für menschliche Beziehungen. Es bedarf einem radikalen Wandel weg von Geburtsmedizin und hin zu Geburtshilfe. Auch hier: man muss viel wissen, um wenig zu tun!

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