Buch von Nida-Rümelin

Dieses Buch will eine Alternative zur Ideologie des Silicon Valley anbieten. Die Autoren untersuchen den Hype um Autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz und Robotik. Sie entwickeln die Grundlagen für einen „Digitalen Humanismus“. Relevante politische Fragen bleiben jedoch außen vor.

Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld haben ein Buch zur Ethik der digitalen Gesellschaft vorgelegt. Die Autoren sind vor allem bemüht, das Thema nicht aufzubauschen, und das gelingt ihnen. Die aufgeregten Diskussionen, die mit der Digitalisierung unseres Lebens einhergehen und Themen wie Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz oder digitale Bildung aufgreifen, erscheinen hier manches Mal wie Ballons, denen die Autoren die Luft ablassen. Ein kühler Kopf in dieser Debatte tut gut.

In Form eines Brückenschlags zwischen Philosophie und Science-Fiction entwickelt dieses Buch die philosophischen Grundlagen eines Digitalen Humanismus. Nida-Rümelin ist Philosoph, Nathalie Weidenfeld Kulturwissenschaftlerin, die sich mit einschlägigen Filmen beschäftig hat wie Matrix, Blade Runner, I Robot, Ex Machina, Robocop.

Der Grundtenor der beiden Autoren ist positiv. Sie glauben, dass digitale Technik insgesamt eine segensreiche Weiterentwicklung unseres Lebens ist, wenn wir die uns bekannten Regeln des europäischen Humanismus beibehalten und in diesem Feld zur Anwendung bringen.

Das Buch liest sich angenehm, seien es die philosophischen Reflexionen von Nida-Rümelin oder die Filmanalysen von Weidenfels. Beide Teile sind eng verzahnt und greifen inhaltlich ineinander, beide setzen sich auf ihre Weise mit den Themen auseinander. Zentrale Fragen werden somit aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert:

Was unterscheidet simulierte Gefühle von echten? Können Maschinen ethische Entscheidungen treffen, können KI‘s denken? Sind Cyborgs noch Menschen? Im Kern geht es immer um die Frage, was menschliches Bewusstsein ausmacht, ob es ein irgendwie geartetes Plus gibt, das Menschen von Maschinen kategorial unterscheidet.

Die Autoren ziehen hier klare Linien, auch in den komplexen Tiefen der Fragestellung. Wahrheit und Bedeutung gibt es nur für einen intentionalen Geist, einen Geist also, der mit dem, das ihn beschäftigt, irgendeine Absicht verfolgt. Maschinen können keine Absichten haben, sondern nur Aufträge abarbeiten, insofern gibt es für sie weder Wahrheit noch Bedeutung.

Das Buch konzentriert sich fast durchgängig auf diese Fragen, das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Denn viele Probleme ergeben sich heute im politischen Kontext. Diesen blendet das Buch aber aus, relevante gesellschaftliche ethische Fragen werden nicht beantwortet:

Wie kann die Macht der großen, amerikanischen Internetkonzerne so eingedämmt werden, dass unsere demokratisch gewachsenen Machtstrukturen die Oberhand behalten? Wie können wir uns gegen die strukturelle Gier der Internetfirmen nach unseren Daten, das heißt, an unseren Gedanken, Worten, Gefühlen, Handlungen, so schützen, dass wir nicht zum Spielball ihrer kommerziellen Interessen werden? Wie können wir die Errungenschaften der digitalen Technik nutzen, ohne an der Pest unserer Zeit, der Ablenkung, zu erkranken ? Es ist zu hoffen, dass ein weiteres, ebenso klares und nüchternes Buch zu diesen Themen folgt.

Carsten Petersen

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld. Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper Verlag 2018, 224 Seiten