Interview mit der Philosophin Ina Schmidt

Allen Erziehungsfragen liegt ein Weltbild zugrunde: Sehe ich mein Kind als von Natur aus gut oder als kleinen Tyrannen, der gezähmt werden muss? In einem Gespräch mit der Philosophin Ina Schmidt geht Cristina Grovu Themen auf den Grund, die der Film „Elternschule“ aufgeworfen hat. <!–more-→

 

Das Gespräch führte Cristina Grovu

Frage: Der Film „Elternschule“ zeigt verzweifelte und überforderte Eltern und Kinder, die an ihre Grenzen stoßen und ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen können. Wann beginnen Dinge im Alltag wirklich ein Problem, eine Störung oder eine Erkrankung zu sein? Ein Mädchen isst zum Beispiel nur noch Chicken Nuggets und Pommes. Wer definiert in der Erziehung eigentlich, was ein Problem ist?

Schmidt: Dass eine derart einseitige Entscheidung für so ein Lebensmittel problematisch ist, brauchen wir nicht zu diskutieren. Die Frage ist jedoch, woher diese Vorliebe kommt, wann das Ganze begonnen hat – das Mädchen wird sich ja nicht sein Leben lang von Chicken Mc Nuggets ernährt haben. Diese Dinge müssen geklärt werden, jedes Problem braucht einen Kontext, den es zu deuten gilt. Nicht jedes Kind, das am liebsten Spaghetti mit Tomatensauce isst, ist verhaltensgestört.

Das Verhalten des Kindes hat eine Bedeutung: Es ist eine Art Statement, ein Machtkampf, eine Ablehnung oder ein Hilferuf. Das Interesse der Eltern und der Therapeuten sollte sein, herauszufinden, was wirklich warum ein Problem ist und wo die Ursache liegen könnte.

In extremen Situationen ist dies natürlich nicht sofort umsetzbar, das ist klar. Manche Maßnahmen zielen also erst einmal darauf ab, die Bedingungen für eine solche Auseinandersetzung wieder herzustellen – wichtig bleibt aber, welche Zielsetzung ich dabei verfolge. Will ich etwas verstehen lernen oder soll mein Kind problemlos funktionieren?

Stress rausnehmen in herausfordernden Momenten sei ein Schlüssel zum Erfolg, dies ist auch eine Aussage im Film. Wie kann eine gesunde Bewältigung von Stress in der Familie aussehen?

Schmidt: Selbstverständlich ist es wichtig, in angespannten Familienkonstellationen den „Stress“ rauszunehmen. Doch was ist genau der „Stressor“? Das schreiende Kind verursacht Stress bei den Eltern. Es bringt aber auch selbst Stress zum Ausdruck, der ganz eigene Ursachen hat.

Wir alle kennen stressige Momente aus unserem normalen Familienalltag. Ständig fragen wir uns: Sollen wir die Auseinandersetzung entschärfen oder Meinungsverschiedenheit ausfechten? Hier müssen wir als Eltern entscheiden, mit was für einem Gegenüber wir es zu tun haben. Was kann ich verlangen, was erwarten und was nicht?

Wir als Erwachsene sind gefragt, uns als vernunftbegabte und autonome Wesen zu verhalten. Unsere Reflexionsfähigkeit hilft uns, bei aller Emotionalität kluge Entscheidungen zu treffen. Das ist oft genau das Gegenteil von hitzigen Machtkämpfen.

Eine wichtige Einsicht ist hierbei: Stress ist nicht vermeidbar. Er gehört zu jeder Form sozialen Zusammenlebens dazu. In allen Familien stoßen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten aufeinander. Hieraus immer wieder realisierbare Kompromisse zu machen, ist die Hauptaufgabe eines Familienlebens und dies zu bewerkstelligen ist die Aufgabe der Eltern – nicht der (kleinen) Kinder.

Kinder sind keine Tyrannen

Es gibt eine große Diskrepanz in der Wahrnehmung des Films. Während die einen z.B. bei Szenen, wo Kinder vom Krankenhauspersonal gefüttert werden, von Gewalt sprechen, sehen die anderen gerechtfertigte therapeutische Maßnahmen. Wie kommen solche unterschiedlichen Meinungen zustande?

Schmidt: Hier zeigt sich, dass wir gerade beim Thema Erziehung nicht nur unterschiedliche Vorstellungen von Problemen haben, sondern auch sehr unterschiedliche Weltanschauungen und Menschenbilder pflegen.

Viele Eltern – und auch ich gehöre dazu – glauben, dass der Mensch von Natur aus gut ist und seinem Wesen nach zu Kooperation sowie Mitgefühl neigt. Einsichten, die auch von der Hirnforschung aktuell gestützt werden. Aggressionen und Bösartigkeit sind aus dieser Perspektive Ausdruck eines Mangels an Bindung, Geborgenheit und „Gesehenwerden“.

Kinder sind also keine kleinen Tyrannen, die uns mit ihren anarchischen Fähigkeiten an den Rand des Wahnsinns treiben wollen. Sie machen uns nur sehr deutlich, was ihnen fehlt. Und unsere Aufgabe ist, herauszufinden, wieviel wir ihnen davon geben können – ohne uns selbst dabei als Person völlig aufzugeben.

Diese Form der notwendigen Abgrenzung und Klarheit zeigt sich im Laufe der kindlichen Entwicklung immer deutlicher. Meine Erfahrung ist, dass es auch geschätzt und zum Teil sogar gefordert wird – dafür brauchen wir als Eltern aber einen ziemlich festen Boden unter den Füßen, um unseren Kindern ein solches Gegenüber sein zu können.

Dieses soziale Weltbild teilen aber offenbar nicht alle Eltern. Was ist die andere Position? Und welche Auswirkungen hat das auf die Erziehung?

Schmidt: Extrem zugespitzt formuliert: Kinder sind wie kleine weiße Blätter, die vollständig neu beschrieben werden müssen und von Natur aus eher aus dem Ruder laufen – wenn wir ihnen das nicht durch Sanktionen und klare Regeln austreiben.

In diesem Fall entsteht eine Hierarchie zwischen Eltern und Kind, in der die Kindheit nicht als eigenständige Qualität des Menschseins anerkannt wird. Sie ist lediglich der Zeitraum, den wir nutzen müssen, um uns auf das nicht einfache Leben als Erwachsener vorzubereiten. Jedes Abweichen von der eigenen Vorstellung, jedes Nichtfunktionieren bedarf also einer Korrektur, die sogar zur Pflicht des Erziehenden wird. In beiden Positionen und den Grautönen dazwischen geht es also durchaus um Grenzziehungen und Eigenständigkeit– nur die Gründe und die Bewertung sind völlig andere.

Niemand will zurück zur schwarzen Pädagogik

Die emotionalen Reaktionen beruhen also vor allem auf die unterschiedlichen Menschenbilder? Sind diese denn nicht vereinbar?

Oft liegen die Lager in der gegenwärtigen Erziehungspraxis weit auseinander und es fehlt an einer sachlichen Debatte. Die Frage, welches Menschenbild, welches Weltbild meinen Überzeugungen zugrunde liegt, ist zentral für das, was ich für richtig halte. Aber egal, für welche Seite ich mich entscheide, es gilt darin gute Gründe erkennbar werden zu lassen.

Niemand will zurück in die Welt der „schwarzen Pädagogik“, was aber gleichzeitig bedeutet, dass wir neue Regeln und Strukturen finden müssen, die angemessener sind. Denn auch diejenigen, die das Bedürfnis des Kindes zum Maß aller Dinge erklären, wollen nur selten, dass jedes Kind in aller Freiheit dem Rest der Familie auf der Nase herumtanzt. Es braucht also andere Leitlinien: Ich gehe als Elternteil in die Rolle des Vorbilds. Ich übernehme die Führung und entscheide, was ich für die Familiengemeinschaft als gut und tragfähig erachte.

Das ist etwas anderes, wenn mein Kind zwei, zehn oder achtzehn Jahre alt ist, und mir obliegt die Verantwortung, die erzieherische Aufgabe mit dem konkreten Kontext zusammenzudenken. Es geht also darum, aus dem „Entweder-Oder“ solcher Positionsbestimmungen herauszukommen: Das Kind als „kooperatives Wesen“ bedeutet für mich, dass ich ihm die Fähigkeit zur Kooperation zutrauen kann – im Rahmen des Möglichen, den ich zu definieren habe.

Erzieher sind keine Handwerker

Die Filmemacher sprechen angesichts der Kritik und Debatte von einer „Ideologisierung der Erziehung“. Erziehung würde nicht mehr als Handwerk begriffen, sondern als Teil der eigenen Identität. Wie sehen sie das?

Schmidt: Ich halte das Wort „Handwerk“ in diesem Zusammenhang für sehr unglücklich und gleichzeitig entlarvend: Soll das Kind ein Holzklotz sein, der vom Tischler behauen wird? Der Ton, aus dem der Töpfer etwas formt? Welches Werkzeug braucht dieser Handwerker und wie genau habe ich mir das Verhältnis von Handwerker und seinem Material vorzustellen?

Für mich geht es im Gegensatz zu solchen Bildern um ein organisches Verständnis von Erziehung und damit selbstverständlich um die Begleitung einer Identitätsentwicklung: Ich bin als Elternteil verpflichtet, meinen Kindern Antworten, Orientierung und Halt zu geben und mit ihnen in den Austausch zu gehen.

In einer erfolgreichen Eltern-Kind-Beziehung wird das „Deuten“ der Wirklichkeit zur gemeinsamen Aufgabe. Was ist in welcher Situation das Richtige? Was will ich erreichen? Habe ich die Bedingungen dafür geschaffen oder nicht? Bin ich bereit, mit den Konsequenzen meiner Entscheidung zu leben?

All diese Fragen ergeben andere Antworten, wenn sich Familie als Gemeinschaft denkt, in der die Eltern so etwas wie die „Deutungshoheit“, nicht aber das Alleinrecht auf statische Kategorien von „richtig“ oder „falsch“ besitzen.

Kinder sind kein „Material“ oder weiße Blätter, sondern ein lebendiges Potential: sie bilden sich zu eigenständigen Persönlichkeiten, die auch ohne unser Zutun das Recht darauf haben, gesehen und gehört zu werden – und damit auch das Recht, auf die Barrikaden zu gehen, wenn ihnen das nicht gewährt wird.

„Erziehung ist ein Bildungsprozess, der Kind und Eltern verändert“

Im Zentrum der Diskussion um den Film steht die Frage nach richtiger und falscher Erziehung. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei der Erziehung an?

Schmidt: Erziehung ist ein organischer Bildungsprozess aus dem Eltern und Kinder verändert hervorgehen. Es wird nie gelingen, in der Erziehung alles „richtig“ zu machen. Es gibt für gelingende Erziehung kein Rezept. Es geht um eine individuelle Beziehung zwischen einzigartigen Menschen, die aufmerksam in den Blick genommen werden will.

Aber es gibt natürlich Fragen, die ich mir als Elternteil immer wieder stellen kann: Was sind meine eigenen Überzeugungen? Wo stehe ich – als Mensch, als Erziehungsperson? Wozu will ich meine Kinder erziehen und warum? Und wie kommuniziere ich diese großen Fragen, wenn ich sie auf all die kleinen und großen Turbulenzen des Alltags anwende?

Sich auf diesen Prozess einzulassen, bedeutet auch, hin und wieder gegen die eigene Wand zu fahren, mögliches Scheitern einzugestehen und im besten Fall aus den eigenen Fehlern zu lernen. Wir müssen als Eltern sichtbar werden, erkennbar als ganze Menschen und eben nicht nur als die, die für einen vollen Kühlschrank sorgen, die Hausaufgaben kontrollieren und nachmittags zum Fußball fahren.

„Manchmal reicht Liebe allein nicht“ ist auf der Website der Klinik zu finden. Ist das wirklich so?

Schmidt: Natürlich kann ich nicht jeden Konflikt mit einer Umarmung lösen, aber so naiv sind doch die wenigsten Erziehenden. Ich bin aber davon überzeugt, dass Liebe in ihren sehr unterschiedlichen Formen der eigentliche Schlüssel jeder menschlichen Beziehung ist – und zwar die Liebe zu den Kindern aber auch ein gewisses Maß an Liebe zu sich selbst. Das bedeutet nicht, dass diese Liebe ein reiner Kuschelkurs sein muss. Es bedeutet, dass die Liebe der Grund und die Kraftquelle für meine Entscheidungen ist.

Weil ich etwas aus Liebe tue, treffe ich hin und wieder auch unbequeme Entscheidungen: Meine Kinder bekommen festen Zeiten, wann sie zuhause sein sollen, weil ich sie liebe, nicht weil ich sie ärgern möchte. Natürlich sind sie deswegen nicht begeistert, aber wenn eine Entscheidung letztlich als „liebevolle Handlung“ nachvollziehbar werden kann, wird sie wahrhaftig und bei allem Widerstand hoffentlich auch eher akzeptiert.

Das ist das Geheimnis einer elterlichen Autorität, die in der Lage dazu ist (auch wenn das ganz sicher nicht immer klappt) sich aus Liebe auf das Abenteuer und die Konflikte in Sachen Erziehung einzulassen. Und wenn ein Elternteil das nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, dann gibt es ganz andere Probleme zu lösen, aber das sind dann die der Erwachsenen.

 

privat

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.