Für immer Jong

Foto: A. Hilmer
Foto: A. Hilmer

Alltag in einem Land, in dem der Mensch nichts zählt
Der Journalist Andreas Hilmer bereiste das abgeschottete Nordkorea. Wie sieht es aus in einem Land, in dem der Mensch nichts zählt und ethische Werte keine Rolle spielen? Lesen Sie den erschütternden Bericht, der auch zeigt, warum es sich lohnt, für westliche Werte einzustehen.


Die Schuhe bitte ausziehen, im einfachen Reihenhaus wird es hochpolitisch: Uns empfängt eine nordkoreanische Bauernfamilie. So nah kommt man Einheimischen nur selten. Hier soll eine Kooperative von zweitausend Bauern leben und arbeiten. Man versorge die ganze Region. Besuch bei Vater, Großmutter und Zwillingen. Natürlich vom Regime ausgesucht und einquartiert, als wolle man uns mit dem bloßen Anblick einer „fast ganz normalen Familie“ die funktionierende Landwirtschaft und gute Lebensverhältnisse nachweisen.

Alle Familienmitglieder wirken etwas klein. Folge von Mangelernährung, wie immer wieder vermutet wird? 40 Prozent der Gesamtbevölkerung sollen laut letzten Zahlen vom World Food Programme der Vereinten Nationien vor ein paar Jahren noch gehungert haben. Proteinmangel.

Die etwa einjährigen Kinder in ihren leuchtenden Strampelanzügen wirken etwas abwesend, dafür strahlen Vater und Oma routiniert vor einem Dutzend Urkunden und Abbildern der Kim-Dynastie. Die drei blitzblanken Räume haben sogar Fußbodenheizung, so scheint es. Im Farbfernseher läuft der berühmte nordkoreanische Propagandafilm „Das Blumenmädchen“ (Textauszug: „Wir sind zwar arm, aber keine Bettler“). Auch die andekorierte Sitzecke ist kuschelig warm.

Dabei ist es doch fast überall in Nordkorea meist stark ausgekühlt. Restaurants, Touristengeschäfte, Museen, sogar in großen Hotels friert der Gast. Die Stromknappheit. Aber auch darüber besser kein Wort. Man würde sonst viele in Verlegenheit bringen. Dolmetscher, Reiseleiter, Fahrer, Aufpasser. Wer auch immer irgendwie versagt, bekommt Ärger. Die Familie könnte leiden, so hatte man uns eingebläut.

Für uns Europäer, die wir die Freizügigkeit und offene Gesellschaft schätzen, sind die zehn Tage eine Riesenherausforderung. Viele Aufpasser, die uns seit der Einreise nie aus den Augen lassen. Zwei, so munkelt man, seien extra dabei, weil feindliche Amerikaner in der Gruppe sind.

Man fragt besser nichts

Seit immer mal wieder konkrete Angriffspläne gegen die USA die politische Agenda bestimmen, befürchtet man Spione. Also fragt man besser nichts. Aber was sollten die rhetorisch geschulten staatlichen Überwacher Mr. Li, Frau Han, Fräulein Yu und die anderen Kontrolleure auch antworten, ohne selbst Probleme zu bekommen? Einer wacht über den anderen – und alle zusammen über uns.

Theoretisch können wir der Bauernfamilie im typischen Wohnhaus jetzt Fragen stellen. Aber praktisch ist das eben schwierig. Wie immer, wenn man in Nordkorea zu interessiert ist. Unsere Frage nach Anbauflächen und Gerätschaften gehen im Dolmetsch-Durcheinander unter: „Sie freuen sich, dass der gütige Staat neue Wirtschaftsreformen vorhabe, dank Kim Jong Un, dem neuen Führer, den sie sehr lieben“, soll unsere Vorzeigefamilie gesagt haben. Und dann drängen unsere Aufpasser zum Aufbruch: Alles beantwortet, oder? Die Kinder seien eh müde, die Zeit ist vorbei. Der Farmbesuch – ohne jeden Beleg für Landwirtschaft – ist beendet.

Schriller Kontrast zu unseren westlichen Werten

Immerhin: Es gibt sie, Reisende in Nordkorea. Ich bin einer von ihnen. 500 Deutsche im Jahr sollen es sein. Das verarmte Land brauche die Devisen mehr denn je. Wir sind eine internationale Gruppe von zwölf „Totalitarismus-Gästen“, die zwar nicht mehr wie noch früher ihre Smartphones bei Einreise abgeben müssen, aber die genau eingewiesen werden, was sie nicht dürfen: Fotos machen schon, aber nicht von: Soldaten, Polizisten, Zügen, armen Menschen, Not, Elend, kaputten Häusern, Ochsenkarren, Menschenschlangen usw. Eigentlich von fast nichts. Denn überall im Stadtbild ist ja genau das alles zu sehen.

Der Besucher kommt wegen der skurrilen Fremdheit, um die letzte „kommunistische“ Bastion zu besuchen. Es ist eine besondere Geschichtsstunde und ein schriller Kontrast zu den Werten, die uns im Westen wichtig sind: Offenheit, Toleranz, Meinungsfreiheit.

Paraden gehören zum Alltag. Foto: A. Hilmer

Paraden gehören zum Alltag. Foto: A. Hilmer

Das Land ist hoch gerüstet, hat die viertgrößte Armee der Welt und liegt wirtschaftlich am Boden. Und ist fast immer unsichtbar. Gut abgeschirmt auch vor Ort. Wie hinter Milchglas. Menschen lernen wir nicht kennen. Zahlen werden selten genannt. Doch bei jeder Busfahrt blicken wir ins offene Herz des stalinistischen Hungerreichs der Kim-Dynastie. Bei jedem Aussteigen, Ansehen, Vorbeihuschen spüren wir die totale Desinformation der Bürger. Und von uns selbst. Erleben abgeschirmt ein weggeschlossenes Land. Gespräch, Dialoge finden aus Angst nicht statt.

Wir sehen, dass ein ganzes Volk in großen Gruppen die Straßen auf- und abmarschiert, in ständiger diffuser Alarmbereitschaft lebt und vor allem mit der Huldigung seiner Führer befasst ist. Aber bitte: als Gast dazu möglichst wenig Fragen stellen. Wer Einheimische in politische Diskussionen verwickelt, der riskiere deren Wohlergehen. Eine unverhohlene Drohung. Warum das so ist? Was passieren könnte? Da fängt das falsche Fragen schon an.

Hunderttausende Menschen, so schätzt die US Organisation Comitee for Human Rights in Northkorea vegetieren in Umerziehungslager bei Maisrationen und Kohlsuppe dahin. Hin und wieder dringen unscharfe Bilder davon nach außen. Ein Volk in Angst, bewacht sich selbst – und kennt es seit Jahrzehnten nicht anders. Selbst von China aus dringen kaum Information ins Land.

Touristen als Teil der Propaganda

Der Gast aber solle bitte Erlaubtes auch fotografieren, er soll Teil der Propaganda werden: Riesige Wandbilder der Kims oder Statuen – dabei niemals die Hände in die Tasche bitte – darf man, ja muss man quasi fotografieren, wenn man nicht auffallen will.

Bizarrer Personenkult. Foto: A. Hilmer

Bizarrer Personenkult. Foto: A. Hilmer

Und die Denkmaldichte im Land ist enorm. Aber auch hier Auflagen: Vater und Großvater Kim immer nur ganz ablichten, keine Anschnitte, es gehe um das nationale Ansehen. Und das werde bei auffälligem Verhalten oder auf Verdacht Foto für Foto nach kontrolliert!

Wie auf einem DIN A4 Fahndungsplakat hängen unsere Foto-Portraits mit Namen und Nation vorn im Bus aus. Alles muss immer unter Kontrolle bleiben. Zu groß die Angst, dass wir Besucher aus Deutschland, England, Frankreich, Australien und den USA irgendetwas Unbemerktes machen. Irgendetwas erlebten, das unschicklich ist für Nordkorea, oder was man dafür hält. Das Informationsmonopol nach innen und nach außen gilt es zu erhalten.

Eine fast unüberbrückbare Kluft zu unserem bisherigen Leben, wo man frei bestimmen kann, was man tut und lässt, solange man andere damit nicht einschränkt. In Nordkorea aber werden wir sogar beim Gang zur Toilette oder zum Rauchen vom Aufpasser unauffällig begleitet.

Mineralwasser – für wen eigentlich?

Kurze Zeit später ein Programmpunkt mit Realpolitik. Wir biegen von der meist leeren, aber achtspurigen Autobahn zu einer Fabrik für Mineralwasser ab. Einführung in die Wirtschaft des Landes: Die vom Staatsgründer Kim Il Sung höchst selbst erfundene Juche-Ideologie heißt frei übersetzt „selbst bestimmen“, nur auf sich selbst bauen: Der neue Mensch versorge sich selbst!

Eine "funktionierende Landwirtschaft" sieht anders aus. Foto: A. Hilmer

Eine „funktionierende Landwirtschaft“ sieht anders aus. Foto: A. Hilmer

„Zehntausend Flaschen pro Stunde laufen hier vom Band und erreichen die Menschen überall“, sprudelt es voll stolz aus dem Chef heraus. Er trägt wie jeder Nordkoreaner den obligatorischen rot leuchtenden Anstecker mit Führerbildern am Revers. Und er bittet uns in die Abfüllhalle, wo Flaschen in langen Schlangen über ein altertümliches Band rattern. Wenn eine umkippt, muss ein Arbeiter schnell das Band anhalten. Es passiert oft.

Wir probieren das „Kangsu-Yaksu“-Mineralwasser, die Quelle sei gleich nebenan. Sieben Arbeiterinnen blicken gelangweilt den Flaschen hinterher. Nur: Wo sind die anderen Mitarbeiter, die Lastwagen, Packstationen, wenn hier wirklich solche Mengen produziert werden sollen? Drehen sich die Flaschen nur im Kreis? Erfragen läss sich das nicht. Glauben auch nicht. Eine digitale Anzeige im Werk zählt – wie an vielen Orten im Land üblich – wie oft die geliebten Führer diese Fabrik bisher besucht haben: 342 Mal.

Dunkelheit in den Häuserschluchten

Zurück in der zwei Millionen Hauptstadt Pjöngjang. Dunkelheit herrscht in den Hochhausschluchten. Nur Monumente der Kim Sippe, Standbilder oder Revolutionstafeln sind beleuchtet: die Menschen seien wohl gerade in den anderen Zimmern, sie sparen Strom, sagt einer unserer Reiseleiter ernst, während draußen Menschen mit Taschenlampen Kohlköpfe nach Hause schleppen. Schwer zu sagen, ob er einfach seinen Propaganda-Job erfülltt, ob er eigentlich besser informiert ist, oder ob unsre Betreuer wirklich daran glaubt.

Andreas Hilmer

Strom ist knapp, die Wohnblocks sind nur wenig beheizt. Foto: A. Hilmer

Am Busfenster fliegt ein Heer gedrungener, grauer Nordkoreaner vorbei: Einige sammeln Brennholz, andere schultern riesige Säcke zu Ochsenkarren, die an den gefrorenen Feldern warten. Eisiger Wind fegt in die meist unverputzten Steinhochhäuser, die wie riesige Wohnmaschinen leblos nebeneinander stehen. Plastikplanen haben viele Bewohner vor die Fenster gespannt. Sie knistern gespenstisch im Wind. Lebensmittelgeschäfte sieht man nicht. Menschentrauben und Schlangen vor kleinen Suppenbuden überall. Die rund-um-Versorgung der 22 Millionen Einwohner durch den Staat, von der man uns immer gern erzählt, sie scheint still zu stehen.

Individualität ist verpönt

Das Hotel Yanggakdo, wo man fast jeden Ausländer unterbringt, liegt auf einer Insel im Taedong Fluss. Gut zu kontrollieren, keinen Schritt ohne Aufpasser. Nur wenn offizielles Programm ansteht, kommt man hier raus. Immer im Bus. Nur mit der ganzen Gruppe. Individualität, eigene Vorschläge, kleine Spaziergänge gar, sind generell nicht möglich. Ohne Begründung.

47 Stockwerke, 1000 Zimmer, ein paar triste Bars mit Billard, Bier und Karaoke. Aber selbst hier in der westlichen Enklave gibt es manchmal Stromausfälle. Das Wasser im Hotel eigenen Pool wird nur lauwarm, aus den Gästezimmern dringt abends der Propaganda-Singsang des staatlichen Fernsehens. Nordkoreanische Ansager berichten in sonderbar dröhnender Feierstimme über Stunden zu immergleichen Bildern, warum das Land zwar stark, aber von fremden Mächten bedroht ist. Danach immer wieder Jubelbilder über den gelungenen dritten Atomtest und Bilder einer nordkoreanischen Trägerakte ins All. Stolz ist der tägliche Marschbefehl.

Und das Motto an das darbende Volk: Sollte ein Krieg unvermeidlich sein, wir haben zu den anderen Ländern aufgeschlossen, wir sind bereit. Durch notdürftig abgeklebte Fenster pfeift dazu kalter Wind.

Als Tourist wird man nachdenklich, traurig und kann kaum an sich halten, hier mehr zu wollen, zu fragen, zu wagen. Wer Freiheit gewohnt ist kann in so einer Welt kaum atmen. Ein schäbiges Hotel als Resonazfläche für die eigenen Gefühle ist wenig. Man verschwindet hoch über Pjöngjang unter drei Decken. Morgens muss man am Fenster von innen Eis kratzen. Wie geht es da erst der Bevölkerung?

Touristen müssen sich vor Kim verneigen

Möchten Sie für den geliebten Führer Blumen niederlegen? Diese Frage wird immer dann gestellt, wenn bei einer Besichtigung Denkmäler der Kim-Familie anstehen. Und es sind viele. Standbilder bis ins letzte Dorf. Nordkorea pflegt den bizarrsten Personenkult der Welt. Ganze Kunstausstellungen sind einzig gefüllt mit hunderten gemalter Huldigungen: ein Kim allein vor der Sonne. Großvater Kim mit Sohn auf dem Arm. Umjubelt inmitten der Armee. Hoch zu Pferd. Sitzend, stehend. Und immer lehrend: es sind die berühmten „vor-Ort-Anleitungen“. Inspektionen, die Nordkoreas Führer täglich hundertfach abhalten: dabei belehren sie ganz konkret Bauern, Ingenieure und Ärzte, wie der Fortschritt besser gelingt.

Wirtschaftspolitisch eine Katastrophe, sagen Experten. Denn niemand wagt zu widersprechen. Alles und jedes könne der Herrscher persönlich besser als jeder Fachmann, so die Unfehlbarkeits-Botschaft. Stur wird umgesetzt. Nur einer weiß Bescheid. Alle folgen. Und die Botschaft verfängt auch in den Köpfen.

In Regimentstärke treten streng organisierte Gruppen von Einheimischen tagtäglich vor Monumenten an. Kränze und Gebinde sind gern gesehen, sich in Formation aufstellen und verneigen ist Pflicht. Und das wird auch von Gästen aus Übersee erwartet! Unsere Aufpasser erklären genau, wann man sich wie zu verneigen hat. „Der Führer selbst war schon 592 mal an diesem Ort“, steht als Inschrift an einer Wand. Einmal ist sogar seine Unterschrift überlebensgroß in Stein gemeißelt. Ein Autogramm zum Verneigen.

Die U-Bahn ist Pjöngjangs ganzer Stolz: zwei Linien, siebzig Stationen. Einige unterirdische Tunnel sollen so groß sein, dass im Kriegsfalle ganze Armeen mit zehntausend Soldaten Platz fänden. Und drei Stationen, die besonders imposant mit riesigen Soldaten- Führer- und Arbeitermosaiken geschmückt sind, werden hergezeigt. Hundert Meter geht es auf einer endlosen Rolltreppe im Halbdunkel unter die Erde.

Wir fahren gespannt runter. Teilnahmslos kommen uns Bürger entgegen: Grau an grau spuckt der Schacht Menschen aus. Menschen die aus Angst an uns vorbei gucken. Frierende Arbeiter, traurige Familien, grimmige Soldaten. Niemand lacht. Fast regungslos, begleitet von kämpferischer Marschmusik, dem Grundrauschen des Landes.

Es gibt nur eine Wahrheit

Auch organisatorisch ist der Besuch ein Wagnis, denn wieder sind wir auf Tuchfühlung mit dem Volk. Mit Nordkoreanern reden wird man dennoch nicht. Wen sollte man mit welchem Thema auch ansprechen – und damit gefährden?

Mit den Einheimischen zu reden ist nicht möglich. Foto: A. Hilmer

Mit den Einheimischen zu reden ist nicht möglich. Foto: A. Hilmer

Was sie denken, über den neuen skurillen Hollywood Film „The Interview“, der wohl gerade zu den Cyber-Angriffen und Drohungen zwischen Nordkorea und der USA geführt hat? Der junge Führer Kim Yong Un wird im Film ermordet. Freiheit der Kunst oder reale Agression? In der U-Bahn kein Thema. Denn: Weiß man hier überhaupt etwas von der Welt der anderen? Nicht viel. An offenen Zeitungsständern ist fürs Volk nur die aktuelle Parteizeitung ausgestellt.

Und sonst? Manch importiertem Mercedes in den Straßen wird ein anderer, roter Stern aufgesteckt – man will den Nordkoreanern glauben machen, er stamme aus einer einheimischen Sonderproduktion. Keine Gespräche, kein Internet, neuerdings Handys, mit denen man aber nur im Land telefonieren kann. Nordkoreaner kennen nur eine offizielle Wahrheit: Das Land müsse um jeden Preis verteidigungsbereit sein gegen äußere Feinde.

Wir aber würden uns am liebsten unters Volk mischen. Als Europäer brauchen wir den Austausch, den Wettstreit der Meinungen wie die Luft zum Atmen. Selten merkt man diese fehlende Normalität so sehr wie hier. Wir fragen bei der Reiseleitung ständig nach, ob man mal dies sehen und jenes unternehmen könne: Gehen, Herumstehen, Bahn fahren: alles unter strengster Beobachtung.

Und wenn es denn gelänge, sich allein aufzumachen: Wer überhaupt könnte überhaupt englisch? Im engen Zugabteil herrscht abweisende Distanz. Schwer einzuschätzen, was in den Köpfen vor sich geht. Menschliche Regungen, Gefühle, Meinungen lassen sich nicht erkennen. Keine neugierigen Blicke. Kontaktaufnahme unmöglich. Unsere Stationen heißen übrigens „Triumph“, „Ruhm“, „Erneuerung“ und: „Wiedervereinigung“.

Grenzbeamte löschen Fotos

Nichts sehnen die Koreaner so sehr herbei wie eine Vereinigung mit dem Nachbarn. Auch offiziell ist Wiedervereinigung mit Südkorea ein Ziel. Es gibt immer wieder Gespräche auf Regierungsebene – doch der Kriegszustand der beiden Koreas bleibt. Es ist eine für uns ungewohnt bizarre Haltung, sich mit Waffen gegenüber zu stehen und dabei ständig zu versuchen, sich zu umarmen.

Das wird nirgends so deutlich wie hier: weit ab von Pjöngjang, am berühmten 38. Breitengrad, taumelt das Land zwischen Krieg und Frieden. Wiedervereinigung übt man hier schon mal heimlich im Kleinen. In einer Wirtschafts-Sonderzone, wo Südkoreaner Firmen betreiben und Nordkoreaner arbeiten. Beide profitieren. Und doch schließt man die Zone bei jeder kleinsten Provokation wieder.

Gleichzeitig stehen sich hier seit Jahrzehnten zwei hochgerüstet Armeen an der Grenze gegenüber, durch ein paar Schritte und alte Verhandlungsbaracken historisch voneinander getrennt.

Wir werden noch einmal gestoppt. Bei der Ausreise aus dem rätselhaftesten aller Länder schauen Grenzbeamte dann tatsächlich streng unsere Fotos durch. Klick, klick, klick. Und sie löschen auf unseren Fotoapparaten eigenmächtig und ohne Kommentar alles, was ihnen nicht ins schöne neue Bild passt. Kein falsches Bild soll nach außen gelangen: vom schockgefrorenen Land, das sein Volk krampfhaft ahnungslos hält. Und das sich beharrlich der Wirklichkeit verweigert.

Wir haben Einblick gehabt in einen Staat, der Individualität und menschliche Haltungen verweigert und unter Strafe stellt, ja regenrecht aberzieht. Und wo Spiritualität, menschliche Werte und Ethik offiziell als Gefahr gesehen wird.

Selten wird einem die Bedeutung von Freiheit so sehr bewusst wie hier, wo sie fehlt. Man spürt plötzlich, welche Werte einem wichtig sind. Man lernt Offenheit, Toleranz, aber auch Demokratie, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit schätzen, weil sie, wenn auch nur für zehn Tage, fehlen. Und auch so etwas wie Demut entsteht. Wie klein sind doch unsere Alltagsprobleme, gemessen an dem, was die Menschen in Nordkorea erleben.

Andreas Hilmer

Nordkorea 1653Andreas Hilmer arbeitet als freier Journalist und Filmemacher für Redaktionen der ARD (Panorama, Tagesthemen, Weltspiegel). Er schreibt und fotografiert als Reporter für Zeitungen und Magazine (u.a. GEO, DIE ZEIT). Das Foto links war das einzige Mal, wo es erlaubt war, einen Soldaten zu fotografieren. Kontakt und weitere Reportagen

 

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