carol.anne/ hutterstock
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Gedanken über Deutschland

Kann ein Einzelner Verantworung für die Geschichte übernehmen?

Die Geschichte ist lebendig. Kann ein Einzelner Verantwortung für eine Nation, vielleicht sogar für die Geschichte übernehmen?

Wenn wir von Verantwortung sprechen, müssen wir uns folgende Fragen stellen: Wer ist das, der Verantwortung übernimmt? Wofür übernehmen wir Verantwortung? Wem gegenüber übernehmen wir Verantwortung?

Mich interessieren hier die letzten beiden Fragen – und zwar aus dem folgenden Blickwinkel heraus: Inwiefern können wir eine Verantwortung gegenüber unserer nationalen Geschichte herleiten?

Als ein in Deutschland geborener überzeugter Europäer ist dieses Thema für mich kein rein intellektuelles Gedankenspiel. In dieser Frage steckt ein guter Teil persönlicher Leidensgeschichte – ein Leiden an dieser Fragestellung.

In den 30er- und 40er-Jahren haben sich die Deutschen unsagbar schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Von Deutschland ist etwas ausgegangen, das Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Wir sprechen von Völkermord und Massenhinrichtungen, von politischer Verfolgung und menschenverachtender Politik bis in den Lebensalltag hinein. Das ist bekannt und historisch aufgearbeitet. Aber was

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folgt daraus? Für den Einzelnen, der sich anschickt, Verantwortung in einem konkreten Sinn zu übernehmen? Und inwiefern kann auch eine ganze Nation Verantwortung übernehmen?

Verantwortung der Enkel?

Über das Verhältnis der Deutschen zu ihrer politischen und gesellschaftlichen Geschichte ist so viel schon gesagt worden.

In den historischen und politischen Debatten war die Rede von einer Verantwortung der Deutschen für die Vergangenheit – d.h. für einen weiteren Krieg und die Verbrechen des NS-Regimes. Und diese Verantwortung trügen auch die nachfolgenden Generationen, so hieß es. Hier setzte in meiner Jugend meine eigene Leidensgeschichte ein:

In meiner Familie gab es niemanden, der sich irgendwelcher Verbrechen gegen Juden oder anderer Volksgruppen schuldig gemacht hatte. Meine Großväter wurden in den 40er-Jahren eingezogen und mussten Militärdienst leisten. Sie kamen aus dem Krieg als schwer gezeichnete Männer zurück. Das war nicht ihr Krieg, aber sie mussten dafür zahlen. Noch Jahrzehnte später. Sie und ihre Familien.

Ich habe mich immer schon schwer getan mit dieser kollektiven Anklage gegen „die Deutschen“. Es gab eben auch viele Deutsche, die keine überzeugten Nazis waren. Und mir hat es auch nie eingeleuchtet, inwiefern ich selbst – aus der Enkelgeneration – Verantwortung für diese Greuel von anderen Menschen tragen sollte.

Vielleicht ist hier eine Unterscheidung zwischen „Verantwortung tragen“ und „Verantwortung übernehmen“ hilfreich: Verantwortung tragen kann ich für Dinge, die ich selbst direkt oder indirekt begangen habe. Verantwortung übernehmen kann ich nur für künftige Entwicklungen. Ich kann die Verantwortung dafür übernehmen, dass von Deutschland nie wieder solche Greuel ausgehen mögen.

Aber das haben andere vor uns auch getan! Es gab eine ganze Generation von ausgezeichneten Köpfen, die in den Widerstand oder ins Exil gegangen sind. Das waren ebenfalls Deutsche. Die haben Verantwortung übernommen – auch wenn sie diese Verbrechen nicht verhindern konnten.

Die Stimme erheben

Bundeskanzler Helmut Kohl hat 1984 eine Rede in der Knesset gehalten und von der „Gnade der späten Geburt“ gesprochen. Von diesem Ausspruch möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Ich verspüre diese späte Geburt weder als Gnade noch als Ungnade. Und ich halte das nachgerade für eine Beleidigung all derer, die früher geboren wurden – und gekämpft haben oder flüchten mussten.

Als Deutsche oder in Deutschland geborene Europäer sind wir generell befangen. Befangen gegenüber fast allem, was mit Juden und Israel zu tun hat. Diese Befangenheit kann sogar in eine Situation führen, in der Verantwortung zu übernehmen abermals zum Problem wird. Wir müssen unverblümt sagen dürfen, was wir über politische Prozesse auch in anderen Ländern denken, ohne uns des Antisemitismus bezichtigen lassen zu müssen.

Allerdings können wir diese Befangenheit in eine besondere Form der Sensibilität überführen, indem wir besonders darauf achten, keine Pauschalurteile zu fällen. Wenn wir über die Politik der israelischen Regierung sprechen, dann sprechen wir ein komplexes Knäuel von Ängsten und Reaktionen und auch von orthodoxen Haltungen an, die wir nicht anprangern müssen, wohl aber benennen dürfen. Und wir dürfen – gerade vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte – darauf hinweisen, dass ein sich verhärtender Konflikt zu nichts anderem führt als zu weiteren Toten und Verletzten sowie zu unermesslichem Leid. Davon berichten sogar die Medien.

Wir brauchen auch kein ausdrückliches Verständnis für harte politische Entscheidungen seitens der israelischen Regierung an den Tag zu legen, nur weil sich unsere Vorfahren der bekannten Verbrechen schuldig gemacht haben. Im Gegenteil. Wenn wir Verantwortung – historische Verantwortung – übernehmen wollen, müssen wir sogar unsere Stimme erheben. Das müssen wir tun, gerade auch aus Respekt gegenüber den vielen Millionen Opfern des NS-Regimes.

Wir möchten es besser machen

Ich kann von mir persönlich sagen, dass mir jede Art von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit fremd ist. Ich bin in meinem bisherigen Leben ein paar Juden bzw. Persönlichkeiten jüdischer Abstammung begegnet und denke gerne an diese Begegnungen zurück. Auf eine Begegnung möchte ich hier zu sprechen kommen:

1991 kam ein Buch mit dem Titel „Wladek war ein falscher Name“ von Lipman Sznajder heraus, das ich seinerzeit mit Begeisterung gelesen und rezensiert habe. In diesem Buch berichtete der Autor, wie er die Zeit der Judenverfolgungen in Polen als verwaistes Flüchtlingskind mit falschem Namen überlebt hatte. Nach dem Krieg ging Lipman Snyder in die Bundesrepublik und baute sich eine Existenz als Geschäftsmann und Familienvater auf – ein Selfmade Man, der zwischen Deutschland und Israel pendelte.

Durch einen Zufall lernte ich diesen Menschen persönlich kennen, und da er sich über meine Rezension gefreut hatte, lud er mich spontan zum Essen in ein Münchner Restaurant ein. Wir führten eine ungezwungene Unterhaltung, in der nicht das geringste Ressentiment mitschwang. Herr Sznajder erzählte mir sogar, dass die israelische Presse mit der eigenen Politik ungleich härter ins Gericht ginge als unsere deutschen Medien. Als wir uns verabschiedet hatten, war ich dankbar, diese Persönlichkeit kennen gelernt zu haben.

Warum erzähle ich das?

Diese Begegnung hatte mir vor Augen geführt, inwiefern wir Verantwortung übernehmen können. Wir treten uns heute als Menschen gegenüber. Wir lernen uns als Menschen zu schätzen. Wir respektieren unsere unterschiedliche Herkunft und Geschichte. Und wir suchen einen offenen und konstruktiven Dialog.

Wir sind uns der Geschichte und der historischen Hypotheken bewusst. Aber wir möchten uns nicht auf die Greueltaten unserer Vorfahren reduzieren lassen. Wir möchten es besser machen. Oder zumindest gut.

Vor diesem Hintergrund übernehmen wir Verantwortung, indem wir unerschrocken Missstände zur Sprache bringen – in China, in Russland, im Nahen Osten und in den Vereinigten Staaten. Wir pflegen ein differenziertes Verhältnis zu unserem eigenen Land. Und wenn wir grell bemalte Fußballfans die Nationalhymne intonieren hören, gehen uns gemischte Gefühle regelrecht durch den Magen.

Historische Verantwortung kann eine schwere Last bedeuten. Sie stellt die höchsten Anforderungen an jeden, der in die Öffentlichkeit tritt. Und Öffentlichkeit findet nicht nur in der Zeitung oder auf dem Fernsehbildschirm statt. Dessen eingedenk ist mir auch bewusst, dass ich insbesondere auf meine Rede achten muss, sobald ich das Haus verlasse. Unbedachte Rede kann einen kleinen Sturm entfachen. Unbedachtes Handeln oder Nicht-Handeln kann eine Chance vergeben – die vielleicht niemals wieder kommt. So wirkt unsere Geschichte indirekt in jedem Augenblick nach.

Wenn wir miteinander reden und Sachverhalte klären, leisten wir auch Vergebungsarbeit. Und üben Verantwortung.

Sven Precht

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