Dr. Heidemarie Bennent-Vahle, Foto: J.Nagels
Dr. Heidemarie Bennent-Vahle, Foto: J.Nagels
Heidemarie Bennent-Vahle bei einer Diskussion des Netzwerks Ethik heute.

Gefühle öffnen uns für andere

Gedanken zur Ethik

Das blinde Einhalten moralischer Vorschriftenn hat etwas Unethisches, sagt die Philosophin Dr. Heidemarie Bennent-Vahle. Zur Ethik gehören das Nachdenken, aber auch die Emotionen und das Gefühl der Verbundenheit.

Ich möchte kurz und bündig erläutern, was Ethik ist. Da dies keine ganz einfache Aufgabe ist, beginne ich am besten mit einer kleinen Geschichte: Ein Junge fragt seinen Vater, der ein erfolgreicher Geschäftsmann im Einzelhandel ist: „Du Papa, was ist denn eigentlich Ethik?“

Der Vater antwortet: „Wenn ich z. B. eine Kunden habe, der mit einem 100-Euroschein eine Ware von 80 Euro bezahlt und dann am Ende sein Wechselgeld bei mir liegen lässt, dann stellt sich die Frage der Ethik. Ich muss mich nämlich fragen: behalte ich das Geld oder teile ich es mit meinem Kompagnon?“

Warum schmunzeln wir über diese Antwort? Weil die Erwartungen an das, was für ihn, für Sie, moralisches Handeln ausmacht, nicht erfüllt wurden. Der Vater ist zwar nicht völlig unmoralisch, aber er hat ein spezifisches Verständnis dessen, was moralisch richtig ist.

Beginnen wir nun über dieses Verständnis nachzudenken, versuchen wir seine Logik zu ermitteln und gelangen wir dann dazu, diese Logik kritisch in Frage zu stellen, so begeben wir uns bereits auf die Ebene der Ethik. Wir fragen jetzt: Welche Norm bzw. welches moralische Prinzip kommt hier zum Tragen? Wie weit ist ihr Wirkungsbereich? Ist die Handlungsweise des Vaters gerechtfertigt? Die Antwort wäre vermutlich zu sagen: Es geht dem Vater, so er denn mit dem Partner teilt, um Ehrlichkeit und Fairness, aber die Gültigkeit dieser Wertsetzungen ist beschränkt, denn sie erstreckt sich allein auf den Geschäftspartner, nicht jedoch auf den Kunden. Wir haben es hier mit einer auf einen sehr engen Personenkreis gerichteten Ethik zu tun.

Der Vater hätte auch antworten können: „Wenn es ein Stammkunde wäre oder wenn der Vorgang von anderen Kunden beobachtet würde, dann gäbe ich das Geld zurück, denn es könnte meinem Geschäft schaden, als gewinnsüchtig und unehrlich zu gelten.“ Hier erreicht die Fairness nun scheinbar auch den Kunden, jedenfalls profitiert er von ihr und erhält bei nächster Gelegenheit sein Geld zurück.

Doch die Motive des Vaters sind ziemlich egoistisch, weil es ihm letztlich ja allein um seinen Ruf als Geschäftsmann geht. Man könnte vermuten, dass er seine guten Vorsätze fahren ließe, wenn er sich gänzlich unbeobachtet wüsste bzw. wenn er davon ausgehen könnte, dass dem Stammkunden der Verlust mit Sicherheit nicht auffallen würde. Wir hätten es hier mit einer rein taktisch motivierten egoistischen Ethik zu tun.

Eine dritte Möglichkeit wäre zu sagen: „Ethisch ist es, meinem Kunden das Geld unbedingt zurückzugeben, denn dasselbe erwarte ich von meinen Geschäftspartnern. Das Geschäftsleben funktioniert nur, wenn wir den Prinzipien der Ehrlichkeit und Fairness folgen.“ In diesem Fall erhebt der Vater die Nichtschädigung aller Geschäftspartner zum ethischen Grundprinzip, dem er immer Folge leisten will. Und es ist nicht unrealistisch davon auszugehen, dass sich die Fairness-Haltung auch auf andere Lebensbereiche erstreckt.

Natürlich wäre immer noch zu fragen, ob die moralische Haltung des redlichen Geschäftsmanns sich auch auf sein Warenangebot, seine Preisgestaltung, seinen Umgang mit Reklamationen, die Investition seiner Gewinne etc. erstrecken wird, also dahin, wo sein Handeln ein eher abstraktes Gegenüber hat. Ebenso wäre zu fragen, wie er eine Person behandeln würde, von der keine Gegenseitigkeit zu erwarten ist, oder eine, die aus einem anderen Kulturkreis stammt und möglicherweise eine völlig andere Geschäftspraxis verfolgt.

Kann es Moral ohne Reflexion geben?

Wir können diese Fragen jetzt nicht alle beantworten. Wir können nur feststellen: Fällt der unmittelbar ersichtliche Nutzen sozialer Wechselseitigkeit weg, so müssen Beweggründe zum Tragen kommen, die über den Tellerrand des Eigeninteresses hinaus denken lassen, Beweggründe, die tatsächlich das Wohl des Anderen bzw. der anderen Menschen berücksichtigen würden. Hiermit befinden wir uns an der Schwelle von einer egoistischen zu einer echten moralischen Motivation. Hier findet nach meinem Ermessen eine Art Gestaltsprung/Perpektivwandel in der Persönlichkeit statt. Manche leugnen allerdings, dass dies möglich ist.

Bevor ich diesen Punkt vertiefe und der Frage nachgehe, wie eine echte moralische Motivation entstehen kann, sei nochmals gesagt: Mit all diesen Fragen bewegen wir uns längst auf dem Hoheitsgebiet der Ethik. Wir denken über Moral nach, sowohl über die Gültigkeit bestimmter Normen, über ihre Reichweite sowie über die Frage, wie sie in der Persönlichkeit zu verankern sind. Doch auch wenn wir uns solche Fragen niemals gestellt haben, können wir ein moralischer Mensch sein, das heißt jemand, der den moralischen Vorgaben der Bezugsgruppe, in die er hineingewachsen ist, fraglos und voller Hingabe folgt. So jemand ist im konventionellen Sinne moralisch, wie z. B. unser Geschäftsmann, wenn er seinem Berufsethos folgt.

Allerdings taucht hier sofort die Frage auf, ob Moral ohne ethische Reflexion nicht Gefahr läuft, schnell äußerst unmoralisch zu sein. Denn will man moralische Grundsätze, die man für richtig hält, in die Praxis umsetzen, so wird man ohne einen Schuss Ethik gar nicht auskommen können. Man muss den Einzelfall abwägen, das heißt überlegen, welcher anerkannte moralische Wert in der jeweiligen Situation Vorrang haben sollte, z. B. Nachsicht vor Gerechtigkeit oder Schonung des Anderen vor Ehrlichkeit etc. Da sich diese Fragen niemals pauschal beantworten lassen, arbeiten Ethiker mit vielfältigen Bespielen und zeigen uns manchmal, dass in einem Fall etwas geboten sein kann, was im anderen Fall verboten ist.

Wir erkennen also: Eine echte moralische Haltung, die nicht angepasst, engstirnig oder moralinsauer agiert, ist ohne aktives Nachdenken des Einzelnen nicht möglich, auch da nicht, wo tradierte Werte noch Gültigkeit besitzen. Umgekehrt müsste man sagen: das blinde Einhalten moralischer Vorschriften hat etwas Unethisches und Inhumanes. Weil das so ist, begeben wir uns mit unserer Absicht, moralisch zu sein, zwangsläufig auf unsicheres Terrain.

Wir müssen immer wieder neu überlegen, was es im Einzelfall bedeutet, einem bestimmten von uns anerkannten Wert, z. B. der Fairness zu folgen. Wir können also nicht umhin, Verantwortung zu übernehmen. Manchmal kann es sogar dazu kommen, einen Wert, den wir für zentral hielten, in die dritte oder vierte Reihe schieben zu müssen. Ebenso passiert es in diesen Denkprozessen nicht selten, dass der Bedeutungsgehalt eines Wertes sich erheblich wandelt.

Moral als Quelle von Sinn und Glück

Werte sind – isoliert betrachtet – immer positiv. Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit, Geborgenheit, Großzügigkeit usw. ja auch Geld, Besitz und Lust sind für sich genommen positiv. Problematisch wird es erst, wenn wir in der konkreten Lebenspraxis dazu herausgefordert sind, solche Wertigkeiten gegeneinander abzuwägen und eine dieser Wertigkeiten auf Kosten anderer in der Vordergrund zu stellen.

In der Regel folgen wir subjektiv oder gruppenbezogen gewissen Abstufungstendenzen, z. B. definieren uns als primär freiheitsbezogen oder setzen umgekehrt die Gemeinschaft über alles. Ohne nachzudenken heben wir einen bestimmten Wert heraus und lassen andere unberücksichtigt. Würden wir aber darüber nachdenken, so könnte uns auffallen, dass wir etwas vernachlässigt haben, das sich letztlich für unser Leben als ebenso wichtig erweist.

Ohne hier den Nachweis erbringen zu können, möchte ich behaupten, dass der vielbesungene Werteverlust eher als ein Verlust des Nachdenkens über das Zusammenspiel immer noch gültiger Wertigkeiten anzusehen ist. Der Traditionsbruch liegt darin, dass die überlieferten, religiös fundierten Wertehierarchien für viele Menschen ausgedient haben. Was sie hingegen für primär wertvoll erachten, variiert von Bezugsgruppe zu Bezugsgruppe, wobei es zugleich erhebliche Unterschiede darin gibt, wie weit jemand über die eigenen Wertorientierungen nachgedacht hat.

Hier ist es wichtig herauszustellen, dass man – will man der Sache auf den Grund gehen – mindestens drei Wertgruppen unterscheiden muss: 1. die materiellen Werte und Geldwerte; 2. die Erlebniswerte und ästhetischen Werte und 3. die sozialen und moralischen Werte. Für viele Menschen in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften stehen materielle Werte und Statuswerte in der ersten Reihe, oft auch zu dem Zweck, über schnellen Konsum die Erlebnisrate eines kurzen und gottverlassenen Lebens zu erhöhen.

Doch auch da, wo die soziale Dimension noch nicht in Vergessenheit geraten ist, auf der ethischen Ebene also, zeichnet sich eine deutliche Veränderung ab. In der pluralistischen Gesellschaft, die Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur auf engem Raum zusammenführt, kann von moralischer Einmütigkeit keine Rede mehr sein. Diese simple Tatsache macht unübersehbar, dass wir menschheitsgeschichtlich an einen Punkt gekommen sind, an dem besonders jene Haltung zum Tragen kommt, die eigentlich immer schon den Kern des Ethischen ausmacht: nämlich das lebendige Interesse am Wohlergehen des menschlichen Gegenübers, das anders ist als ich selbst.

Der Philosoph Emmanuel Lévinas sagt: „Der einzige absolute Wert, den es gibt, ist die Fähigkeit des Menschen, dem Anderen den Vortritt zu lassen.“ Mit diesem Satz (sowie mit seiner Haltung, Ethik zur ersten Philosophie zu erklären,) steht Lévinas ganz in der Nähe des Dalai Lama. Wie dieser erhebt er den Respekt vor dem andersgearteten Menschen zum Wesentlichen. Wie dieser zeigt er die Verbundenheit aller Menschen in einer geteilten Lust- und Leidfähigkeit auf. Wie dieser betont er, dass eine moralische Haltung und die daraus hervorgehenden Handlungen die wesentlichen Quellen von Erfüllung, Sinn und Glück sind.

Auch für den Dalai Lama beginnt eine moralische Haltung damit, dem Anderen Vortritt zu geben, das heißt, ihn auf keinen Fall vereinnahmen und übertrumpfen zu wollen. Wer danach strebt, aus Mitgefühl heraus zu handeln, muss deshalb zunächst lernen, sich in Zurückhaltung und Selbstdistanzierung zu üben. Das ist gleichsam die erste Stufe der Entfaltung von Menschlichkeit! Erst über den Weg kontinuierlicher Selbstverbesserung werden wir glücksfähig. „Vielmehr müssen wir die wirkliche Quelle des Glücks einmal mehr auch in unserem Zustand suchen, in unserer Lebensreinstellung, unseren Beweggründen und im Maß der liebevollen Zuneigung, die wir anderen entgegenbringen“, heißt es in dem Buch Zurück zur Menschlichkeit.

Die Bedeutung der Emotionen

Diese beiden Philosophen sowie auch viele andere der westlichen wie östlichen Tradition rücken das Mitgefühl in den Fokus des Ethischen. Damit stehen sie im Gegensatz zu einer anderen Denklinie, für die Moral eine Angelegenheit der Ratio ist. Hier geht es darum, über schlüssige Argumentationsverfahren zu ermitteln, was moralisch geboten ist und was nicht.

Laut Kant z. B. sind das Gefühl und die Ausrichtung am Lebensglück desMenschen äußerst ungeeignete und unzuverlässige Orientierungspunkte für ein gültiges Moralprinzip. Ich kann das hier leider nicht im Einzelnen ausführen, sondern muss Sie bitten, mir Glauben zu schenken, wenn ich Ihnen versichere, dass auch die Überlegungen Kants in letzter Instanz nicht ohne Bezüge zum Emotionalen auskommen können. Dies geschieht gewissermaßen „under cover“, im Verborgenen oder implizit.

Vor allem spielt das Emotionale da eine Rolle, wo Kant über Erziehung und die motivationale Verankerung des Moralischen nachdenkt. Umgekehrt dreht sich in der Ethik des Dalai Lama zwar alles um das Mitgefühl, aber es ist unübersehbar, dass er dem besonnenen Nachdenken, Sicherinnern und vernünftigen Abwägen höchste Bedeutung beimisst. Das Mitgefühl ist hier eine Emotion 2. Grades, die zwar im Menschen angelegt ist, die aber erst durch sorgsame und anhaltende Pflege ihre wahre Wirkkraft entfalten kann: „Die Schulung des Herzens erfordert Zeit und andauerndes Bemühen.“

Dabei ist wichtig: Das mitfühlende Interesses am Wohlergehen des anderen Menschen ist niemals als fertige Eigenschaft anzusehen, über die wir irgendwann ein für allemal souverän verfügen könnten. Vielmehr muss eine Haltung der Empfänglichkeit und Aufgeschlossenheit immer wieder neu in uns wachgerufen werden. Denn auch ein zum Mitgefühl fähiger Mensch ist niemals vollständig gegen spontane Aufwallungen, egoistische Begehrlichkeiten oder auch nur Unachtsamkeit gefeit. Weil Menschen fehlerhafte und irrtumsbereite Wesen sind, werden sie auch im Zeichen einer gefühlsbasierten Moral niemals vom moralischen Sollen befreit.

Wir sind von der Welt betroffen

Warum aber wird hier der Fokus auf das Mitgefühl gelegt? Vital mit der Welt und anderen Menschen verbunden, sind wir durch unsere Gefühle. Sie sind unsere Türen zur Wirklichkeit, sind Öffnungen in den Wänden des Ich, durch die wir mit allem, was uns umgibt, in Beziehung treten. Auch dies kann ich hier nicht genauer erläutern, ich will nur sagen, dass wir als Fühlende von der Welt betroffen sind, insofern Dinge, Lebewesen, Kunstwerke wie auch Menschen und ihre Verhaltensweisen uns etwas angehen. Sie sind nicht gleichgültig für uns, sondern mit Wert besetzt – positiv oder negativ –, d. h. sie berühren uns sanft, bezaubern uns, erschüttern uns, lähmen uns, überwältigen uns machtvoll, stoßen uns ab usw.

Damit wir am Schicksal anderer Menschen Anteil nehmen, muss uns ihre Lage berühren. Wir müssen als Fühlende darum wissen, was es z. B. bedeutet, keine Nahrung, kein sauberes Wasser, kein Dach über dem Kopf, keine Zuwendung und keine Anerkennung zu erhalten. Die geteilte Empfindungs- und Leidfähigkeit ist die Basis der Mitempfindung mit Anderen, auf die wir durch unsere genetische Ausrüstung von Anfang an fühlend bezogen sind.

Neurologische Forschungen sprechen hier von einer angeborenen Resonanzfähigkeit, aus der heraus sich Empathie und echtes Mitgefühl entwickeln können. Im echten Mitgefühl ist die bloße Gefühlsansteckung durch Mitleid überwunden, denn wir haben gelernt, zwischen uns selbst und dem anderen Menschen zu unterscheiden. Wir sehen, dass dieser ein Anderer ist und sich nicht in derselben Lage befindet wie wir selbst usw.

Kurzum: bei der Herausbildung des echten Mitgefühls spielt auch das distanzierende Nachdenken und Analysieren eine große Rolle. Nur auf diesem Wege werden wir in die Lage versetzt, wirklich zu helfen. Doch eine echte ethische Haltung, welche immer ein Akt des Gebens, das heißt der Überwindung egoistischer Bestrebungen ist, bedarf der fühlenden Anteilnahme am Anderen. Hier liegt die antreibende Kraft.

Raus aus dem Egoismus

Die Gefühle sind in der abendländischen Tradition oftmals nur negativ als Einfallstore für subjektive Begehrlichkeiten, einseitige Sichtweisen etc. angesehen worden. Dies hat zu Verdrehungen im Menschenbild geführt, die bis heute nachwirken. Viele streben nach Autonomie, Unabhängigkeit, alleiniger Kontrolle, Selbstmächtigkeit etc. und verkennen, dass sie Teile eines umfassenden lebendigen Gewebes sind, dass wir selbst auf Beziehung und Fürsorge angewiesen sind und mit allem, was sie tun, permanent auf das Beziehungsgeflecht um sie herum einwirken. Besonders heute wollen wir alle kleine Sonnenkönige sein, die sich ihre Welt nach eigenem Gusto einrichten und einen fraglosen Anspruch auf allseitige Bedürfnisbefriedigung haben. Das daraus hervorgehende Leit- und Neidhammeltum scheint das Hauptproblem unserer Zeit zu sein.

Emotion hingegen bindet uns ein, doch sie ist doppelwertig: einmal liegt hier die Gefahr, in subjektiver Einseitigkeit zu verharren, sich damit gleichsam in die Welt zu verbeißen, sich z. B. im Zeichen höchster Authentizität den Mitmenschen zuzumuten und dabei gewissermaßen zu verlieren. Zum anderen aber besteht die Chance, das emotionale Erleben und die Verbundenheit mit anderen als Quellen des Glücks zu erkennen und anzuerkennen, wobei es eben ganz entschieden darauf ankommt, emotionale Reaktionen zu überdenken und sie einer Angemessenheitsprüfung auszusetzen.

Ich bin hier in HH einmal für den Begriff Angemessenheitsprüfung in puncto Gefühl streng kritisiert, ja angegriffen worden. Doch heute bin ich in der glücklichen Lage, zu sagen, dass ich damit den Vorschlägen des Dalai Lama sehr nahe komme. Er spricht sogar von Kontrolle der Gefühle und Selbstdisziplin und empfiehlt – wie ich meine – eine noch wesentlich strengere Handhabung der heftigen Leidenschaften, als sie mir vorschwebt.

Ich habe hier und da eine etwas andere Perspektive auf uns Menschen als Emotionsbündel. Im Wesentlichen bin ich jedoch sehr beeindruckt von den Ausführungen dieses weisen Mannes, der feststellt: „Die ersten Nuztnießer unseres Mitgefühls sind immer wir selbst.“ Er nennt dies, „auf kluge Weise egoistisch sein“, aber ich halte das für eine unpassende Begriffswahl, weil diese eigentümliche Form des Egoismus ja gerade bedeutet, dass wir uns komplett verwandeln. Bereichernd für das Selbst ist es nun, im Interesse des Anderen von sich selbst absehen zu können. Dies kommt aber einer Verabschiedung des Egoismus im landläufigen Sinne gleich.

Mit Ethik ist hier aber eigentlich ein Ethos gemeint, das heißt, es geht nicht darum, dass jemand weiß, was ethisch geboten ist, sondern es geht darum, dass er selbst ethisch wird, dass seine Existenz mehr und mehr von ethischem Wollen durchtönt ist. Mit Kierkegaard gesprochen ist eine Wahrheit, die unser Leben nicht berührt, streng genommen überhaupt keine Wahrheit. Sie ist nur eine Art Wissen, bei dem wir zustimmend sagen „Ja, ja, das wäre richtig zu tun“ und wir tun es nicht oder sogar das glatte Gegenteil.

Wenn es uns ein bisschen ernster mit unseren Einsichten ist, dann überlegen wir uns immerhin jede Menge Ausreden, warum wir nicht aktiv werden können, in der Regel, weil die Welt sich uns heimtückisch in den Weg stellt – unabänderliche Strukturen, Sachzwänge, die Aggression und Verderbtheit der Anderen etc. Es kommt aber darauf an, wenigstens aufzubrechen und die Selbstformung und Selbstverbesserung in Angriff zu nehmen.

Echtes Mitgefühl braucht Ausdauer und Zeit

Es ist überaus überzeugend für mich, dass der Dalai Lama nicht müde wird zu sagen, dass es für diesen Prozess unablässigen Nachdenkens bedarf, ebenso wie großer Geduld und unermüdlicher Übung, vor allem aber brauchen wir die Fähigkeit, mit Rückschlägen und den Grenzen unserer Wirkmacht umzugehen. Echtes Mitgefühl benötigt Ausdauer und Zeit. Seine Herausbildung steht deshalb im krassen Kontrast zum Lebenstempo unserer hoch technisierten Gesellschaft.

Auf Grund vielfältiger Prozesse, die ich aus Zeitgründen nicht näher erläutern kann, haben wir es mit einer zunehmenden Ausdünnung der moralischen Substanz zu tun. Sie ist bedingt durch den Rückgang religiös-ethischer Werterziehung, gelangt aber erst durch das exzessive Lebenstempo der modernen, hoch technisierten Gesellschaften in ein bedenkliches Stadium.

Ich möchte kurz einige Problempunkte auflisten, über die unbedingt zu sprechen wäre: Überbewertung des Materiellen, eine krude Wettbewerbsorientierung auch im Bildungsbereich, Innovations- und Leistungsdruck, strategischer Umgang mit Emotionen. ein Überhandnehmen von Selbsttechnologien und damit verbunden Kräfte- und Ressourcenraubbau, die Sucht nach schnellem Gewinn emotionalen Kicks etc.

Dagegen vertritt der Dalai Lama eine Konzeption des guten Lebens, die den Menschen nicht nur als rationalen Nutzenoptimierer betrachtet. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er ausspricht, was heute vielfach ein Tabu ist, nämlich, dass unsere Selbstwerdung sowie unser Lebensglück konstitutiv in einer ethischen Haltung wurzeln, wobei wir unsere Einflussmöglichkeit weder über- noch unterschätzen sollten. Selbstverwirklichung ist nur dann dem Glück zuträglich, wenn die Kultivierung des Mitgefühls zum zentralen Interesse des Selbst wird.

Und nochmals: Mitgefühl steht uns nicht automatisch zu Verfügung, sondern bleibt eine lebenslange ethische Forderung. Es verlangt Arbeit am Selbst. Da es aus der eigenen Innerlichkeit hervorgehen muss, kann es auch nicht von außen antrainiert werden. Was gleichwohl eine große Rolle bei der Kultivierung des Mitgefühls spielt, insbesondere in Kindheit und Jugend, ist die positive Erfahrung, die wir mit einem mitfühlenden Gegenüber machen. Im Blick auf die Kultivierung und Pflege des Mitgefühls kommt vor allem den Erziehungsinstanzen eine enorm hohe Bedeutung zu. Wie auch der Dalai Lama betont, liegt hier eines der wichtigsten Aufgabenfelder der Zukunft. Dazu mehr zu einem anderen Zeitpunkt. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle, geboren 1954 betreibt eine philosophische Praxis in Henri-Chapelle/Belgien. Hier arbeitet sie sowohl mit Einzelpersonen als auch mit Gruppen. Neben einer intensiven Lehr- und Vortragstätigkeit veröffentlichte sie in den letzten Jahren die Bücher „Glück kommt von Denken – Die Kunst das eigene Leben in die Hand zu nehmen“ (Herder-Verlag 2011) sowie „Mit Gefühl Denken – Einblicke in die Philosophie der Emotionen“ (Alber-Verlag 2013).

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Ein Gedanke zu „Gefühle öffnen uns für andere

  1. Sehr geehrte Frau Bennent-Vahle,
    Ihre Einlassung zu Kant ist – ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich muss das leider so sagen – schlicht grober Unfug. Wenn man Kants Moralphilosophie insgesamt in einer kurzen Formel beschreiben will, fordert er: Nimm Deine Verantwortung als moralischer Mensch wahr und kümmere Dich um die Glückseligkeit Deiner Mitmenschen. Gerade das formale Verfahren des Kategorischen Imperativs gewährleistet, dass die materiale Seite der Ethik keine willkürlichen Verzerrungen erleidet.
    Mit freundlichen Grüßen
    Lutz Hartmann

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