Foto: unternehmen mitte
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Geld haben, um zu arbeiten

Auf einen Kaffee im unternehmen mitte, Basel

Das unternehmen mitte in Basel ist ein erfolgreiches Kaffeehaus, dem es nicht um Gewinnmaximierung geht. Für Geschäftsführer Daniel Häni hat Arbeit mit Kreativität und Entfaltung zu tun. Daher ist er auch leidenschaftlicher Verfechter des Grundeinkommens für alle. Stefan Ringstorff schaute sich um und traf den Unternehmer.

Das unternehmen mitte ist das bekannteste Schweizer Kaffeehaus, im Herzen der Altstadt von Basel gelegen. Man betritt die Schalterhalle eines ehemaligen Bankhauses. Von der alten Schweizer Volksbank, die dort einstmals residierte, ist heute nichts mehr zu sehen. Die Macher des Kaffeehauses haben vor mehr als 15 Jahren einen Ort der Gegenwart geschaffen.

Einen Ort ohne Konsumzwang. Niemand muss etwas bestellen, wenn er sich hier niederlässt. Einfach entspannen, sich unterhalten, lesen oder arbeiten mit dem kostenlosen Zugang zum Wlan des Hauses. Solange man möchte. Und wenn einen dann doch der Durst überkommt, geht man einfach zur Bar. „Hier trifft sich alles und jeder mit jedem. Hier werden Ideen geboren. Hier ist das Gespräch und hier hat man seine Ruhe“ – der Slogan auf der Homepage scheint gelebt zu werden.

Das prächtige Altstadthaus gehört der Stiftung Edith Maryon, die es auf Initiative der Initiatoren Ende 1998 erwarb. Die Stiftung garantiert, dass mit dem Haus nicht spekuliert und es auch nicht weiterverkauft werden kann. Die Mieter fühlten sich von Beginn an wie Eigentümer und haben einen unbefristeten Mietvertrag.

Das Kaffeehaus ist Treffpunkt, Arbeits- und Veranstaltungsort. Aber es ist nicht der einzige Teil des unternehmen mitte. Es gibt auch Büros und Veranstaltungsräume; eine Basler Tageszeitung hat sich eingemietet. Das Haus ist ein lebendiger Kulturraum und wirkt wie eine Art Labor der Kreativität mit Möglichkeiten zum Co-Working.

Frei Entfaltung: „Wer nicht muss, der kann“

Im Haus herrscht das Prinzip der freien Motivlage, nicht nur für die Gäste, die selbst bestimmen können, wofür sie sich im Gebäude aufhalten. Auch für alle dort Arbeitenden gilt dies. „Wer nicht muss, der kann“, sagt Daniel Häni, einer der beiden Gesellschafter und Gründer des Unternehmens. Nicht das Geld soll die Motivation sein, sondern die Arbeit selbst.

Dafür wird die GmbH nach zwei grundsätzlichen Regeln geführt: Die Eigentümer partizipieren nicht am Gewinn. Der Gewinn aus der Erfolgsrechnung kann nicht privatisiert werden und bleibt mit dem Unternehmen und dem Zweck des Unternehmens verbunden.

Die Eigentümer sind verpflichtet, aktive Unternehmer zu sein. Eigentümerschaft und Unternehmerschaft sind untrennbar miteinander verbunden. Es gibt keine Fremdeigentümer. Falls ein Eigentümer das Unternehmen verlässt, kann er das Eigentum nicht als Wert geltend machen. Er kann nur nominal, mit seinem Stammanteil aus dem Unternehmen austreten. Dieser ist gegenüber dem Wert der Firma viel kleiner.

Die Angestellten heißen hier „Gastgeber“

Der Unternehmenszweck ist also frei von Gewinnmaximierung, und doch ist das Unternehmen ökonomisch äußerst erfolgreich und ständig im Wachstum begriffen. Vielleicht weil viele einen Sinn finden in ihrem Tun im Zentrum der Basler Altstadt? Arbeit ist hier Sinn, Arbeit ist Leben, Arbeit ist Entwicklung – das sind die Leitsätze, nach denen die Menschen im Kaffeehaus tätig sind. Gastgeber heißen sie dort, nicht Angestellte.

Foto: Ralph Boes

Foto: Ralph Boes

Häni hat ganz klare Vorstellungen: Je freier die Entscheidung schon im Bewerbungsverfahren von beiden Seiten füreinander falle, desto erfolgversprechender ist die zukünftige Zusammenarbeit, ist der Unternehmer überzeugt. Es gehe nicht darum, im unternehmen mitte zu arbeiten und sich dann mit dem Geld einen anderen Sinn zu erfüllen. „Nein, das Motiv soll die Arbeit im Kaffeehaus an sich sein“, so Häni. Schließlich bewerbe auch das Unternehmen sich beim Bewerber und lege seine Philosophie sehr deutlich dar.

Führung durch Fragen, nicht Vorgaben

Der Arbeitsvertrag enthält dann auch eine ganz persönliche Erwartungsbeschreibung der neuen Gastgeber: Was wollen sie lernen? Was ist für sie wichtig in der nächsten Zeit im Unternehmen? All das wird fixiert und in Gesprächen immer wieder evaluiert.

Im unternehmen mitte gibt es unterschiedliche Entlohnungsmodelle: Feste Gehälter ohne feste Arbeitszeit, Monatsgehälter mit fester Arbeitszeit und stundenbasierte Entlohnung existieren nebeneinander.

Foto: unternehmen mitte

Foto: unternehmen mitte

„Ich bin Unternehmer und Künstler“ sagt Daniel Häni. Wirtschaft und Kunst solle man nicht trennen, sonst sei man unfruchtbar. Die Aufgabe des Unternehmers sei, Menschen gemäß ihrer Fähigkeiten optimal zusammenzubringen. Diese Kernkompetenz unternehmerischen Handelns ist eines der Erfolgsrezepte seines Unternehmens.

„Initiativkompetenz“, nennt es Häni. Übersetzt heißt es ganz einfach, dass derjenige, der eine Idee hat, auch die Verantwortung trägt, sie umzusetzen. Und für die Geschäftsführer bedeutet dies eine andere Art der Führung: „Führung zur Selbstführung, Führung durch Fragen, nicht durch Vorgaben. Im Unternehmen erreichen wir damit eine Richtung, die sich psychologisch vom Sollen zum Wollen entwickelt.“

Verfechter des bedingungsloses Grundeinkommens

Das unternehmen mitte und die Person Daniel Häni sind unmittelbar verbunden mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Das Kaffeehaus ist der Kristallisationspunkt des Engagements in der Schweiz. Häni und Enno Schmidt sind auch Gründer der Schweizer Volksinitiative, die 2016 zur Abstimmung kommt. Eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt entscheidet, ob die Menschen von der Wiege bis zur Bahre ein monatliches Grundeinkommen ohne Bedingungen erhalten sollen.

Die augenblickliche Zustimmung liegt in den Umfragen bei 25 Prozent. Das Grundeinkommen sei umstritten, weil viele Angst vor einem Machtverlust haben, so Häni. Für sich selbst halten es die Leute für vorstellbar, aber wenn die anderen auch ein Grundeinkommen erhalten, dann können sie zu nichts mehr getrieben werden. Und so lautet die Standardantwort auf die Forderung nach der Einführung des Grundeinkommens, dass alle erst mal faul auf der Haut lägen und keiner mehr die Arbeit erledigen werde.

Häni richtet die Frage der Volksabstimmung auf den Einzelnen: „Bist du bereit, darauf zu verzichten zu bestimmen, was der andere zu seiner Existenzsicherung tun muss?“ Verantwortung tragen, selbst denken, Entscheidungen treffen – all das was, im unternehmen mitte gelebt wird und der Arbeit einen Sinn gebe, sei für andere eine Utopie. „Es geht darum, die Verschwörungstheorie, dass die Menschen nicht gerne arbeiten, auffliegen zu lassen.“

Die Süddeutsche Zeitung hat Häni in ihrer Ausgabe vom 6. März 2015 im Interview gefragt, was für ihn Freiheit sei. Häni hat mit dem geantwortet, was er für das unternehmen mitte umsetzt: „Freiheit ist, wenn ich wegen der Sache tätig bin. Wenn Arbeit und Motiv zur Arbeit eins sind. Das Geld ist da, damit ich arbeiten kann.“

Stefan Ringstorff

 

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2 Gedanken zu „Geld haben, um zu arbeiten

  1. Vor ein paar Jahren wäre ich als klassisch ausgebildete BWLerin gegen das Grundeinkommen gewesen. Jetzt bin ich dafür! Jemand, der wieder frei ist, losgelöst vom Druck „leben, um Geld ranzuschaffen, um zu überleben“ schafft (d.h. arbeitet) mit Freude. Es ist ein Mythos, dass der Mensch von Natur aus faul sei und den Ansporn, vor allem in Form von Druck, bräuchte.
    Kleine Kinder sprühen vor Tatendrang, helfen freiwillig anderen, teilen gerne.
    Ich würde viele Menschen lieber zu Hause sehen als in Jobs – vor allem, in denen sie mit anderen Menschen zu tun haben – in denen sie lustlos, depressiv auf andere treffen und wirken. Und dass, weil sie meinen „arbeiten zu müssen“.
    Bitte ja zum Grundeinkommen und damit zu einer Gesellschaft, die freiwillig gibt, dient und wo sich jeder optimal entfalten kann.

    1. Ich lebe seit 25 Jahren von Arbeitlosenhilfe und im Anschluss daran wurde ich hartzlich gern am Leben erhalten und seit Januar bekomme ich 369€ Rente, nein, nicht nur ein Mal im Jahr, Monat für Monat. Die Wohnungsmiete ist in diesen 25 Jahren von 49 DDR Mark auf 350€ gewachsen – ist das das richtige Wort?
      Arbeitslos? Was ist denn das fürn Westkonstrukt!?“, sagte ich damals, 1989! „Bloß weil mir kein Mensch Geld für mein Tun gibt, werde ich noch lange nicht untätig darauf warten, dass ich irgendwann einmal sterbe! Ihr spinnt doch wohl! Und ich war noch nie so vielbeschäftigt wie seitdem!
      Früher hatte ich jedes Jahr Urlaub und bin verreist, jetzt schreibe ich Tag für Tag stundenlang im InternetT und ackere ehrenamtlich! Seit 25 Jahren sitze ich nur noch hier fest und ackere trotzdem!
      Wie viel mehr hätte ich an Sinnvollem tun können, wenn ich nicht in all den Jahren von Amtsschimmeln getriezt worden wäre!
      Tätigsein kann so vielseitig sein – ich erzähle davon im InternetT; einfach meinen Namen eingeben…

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