Perfekte Eltern gibt es nicht!

John und MylaKabat-Zinn, Eltern Achtsamkeit

Über ein Seminar für Eltern mit Myla und Jon Kabat-Zinn

„Achtsame Elternschaft gibt es nicht“, sagte Jon Kabat-Zinn im Seminar „Mit Kindern wachsen“, das er zusammen mit seiner Frau Myla in Salzburg gab. Vielmehr gehe es darum, alles, was uns im Umgang mit Kindern begegnet, offen anzunehmen, unter die Oberfläche zu blicken und Empathie zu entwickeln.

 

Eltern zu sein, das ist eine herausfordernde und verantwortungsvolle Aufgabe. Vor allem, wenn wir sie mit Liebe dem Kind gegenüber ausfüllen möchten. Oftmals sprengt sie jedoch die Grenze der Belastungsfähigkeit von Eltern, die heute teils beruflich überlastet, alleinerziehend oder in Zeitnot sind. Dann liegen die Nerven blank. Anfangs sind es das Windelnwechseln und schlaflose Nächte, die uns in Stress versetzen, später stellen Internetkonsum oder die Handysucht der „Pupertisten“ Eltern immer wieder vor neue Geduldsproben.

Achtsame Erziehung ist lebendig und erfordert jeden Tag aufs Neue liebevolle Aufmerksamkeit, Präsenz und die ständige Bereitschaft zur persönlichen Weiterentwicklung. Und natürlich lernen wir gerade durch unsere Fehler oder durch die Resonanz unserer Kinder, die häufig wahre Lehrmeister in Achtsamkeit sein können, wenn wir aufgeschlossen und offen für Kritik sind.

 Es gibt nicht den Schlüssel zur Erziehung

„Achtsame Elternschaft oder perfekte Eltern gibt es nicht!“ Diese Ansicht äußerte Jon-Kabat Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung aus den USA, gleich zu Beginn des Tagesseminars „Mit Kindern wachsen“, das er gemeinsam mit seiner Frau Myla in Salzburg leitete. Für beide gibt es nicht den einzig richtigen Weg in der Erziehung oder „den“ Schlüssel zur richtigen Erziehung. Den müsse jeder selber finden.

Mit geführten Meditationen und einfachen Achtsamkeitsübungen machten Myla und Jon Kabat-Zinn jedoch anschaulich, wie gelebte Achtsamkeit in der Familie gerade bei Schwierigkeiten mit Kindern helfen kann.

Sehr berührend erlebten die rund 250 anwesenden jungen Eltern, Großeltern, Pädagogen und Psychotherapeuten die liebevolle und respektvolle Beziehung von Myla und Jon untereinander. In ihrem gleichnamigen Bestseller „Mit Kindern wachsen“1 beschreiben sie Höhen und Tiefen der Elternschaft und Erziehung von drei gemeinsamen Kindern.

Achtsamkeit: ein Lebensprogramm

Achtsamkeit ist für beide ein Lebensprogramm. Jon: „In der Achtsamkeit geht es um Beziehung zu den Kindern, den Umgang mit uns selbst und der Welt.“ Achtsamkeit bedeute für ihn aufmerksames Gewahrsein im gegenwärtigen Moment, ohne zu bewerten, was gerade auftaucht.

An dieser Stelle klärte er ein weit verbreitetes Missverständnis auf: „Viele Menschen denken, ich sollte nicht bewerten. Aber darum geht es nicht bei der Achtsamkeit. Wir haben alle Urteile. Aber wir sollten ein sanftes, mitfühlendes Gewahrsein haben, wann wir im Urteilen sind und dies nicht verurteilen.“

Wichtig sei die Freiheit vom ständigen „Das will ich haben, weil es gut ist, das will ich nicht haben, weil es schlecht ist“. Diese Befreiung vom Werten ermögliche den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Achtsamkeit sei die schwierige Übung, immer wieder die eigene innere Landschaft zu erkunden, bevor wir in Beziehung treten. „Elternsein heißt, dass wir immer wieder diese Offenheit und Liebe unabhängig von unseren Wertungen aufbringen.“     

Myla betonte, dass das Gewahrsein für Kinder keine Last sein sollte. Die Alternative wäre, dass wir unbewusst im Autopilot durch unser Leben rasen. „Dann verpassen wir die Schönheit des gegenwärtigen Momentes.“

„Mami, du hörst mir gar nicht zu!“

Wie oft haben Mütter nicht schon den Satz gehört: „Mami, du hörst mir gar nicht zu!“ Erschrocken erinnern wir uns, dass wir wieder einmal geistesabwesend waren. Wenn ein Kind in den Raum kommt, nehmen wir uns dann einen Augenblick Zeit, um seine Gegenwart wirklich zur Kenntnis zu nehmen und ihm das zu zeigen?

Wie präsent wir im Zusammensein mit unseren Kindern sind, ist für unsere Beziehung zu ihnen von zentraler Bedeutung. Präsenz ist das Herz der Achtsamkeit. Daher, so Myla Kabat-Zinn, müssen wir immer wieder in den gegenwärtigen Moment zurückkehren, uns bewusst machen, wie wir uns fühlen. „Je stärker wir uns dessen bewusst sind, ohne dass wir uns gleichzeitig beurteilen, umso stärker verkörpern wir authentische Präsenz.“

Empathie einerseits, Grenzen setzen andererseits

Wenn Kinder unausstehlich sind, sollten wir gewahr sein, wer oder was dieses Kind unter der Oberfläche wirklich ist und die Essenz des Menschen vor uns sehen. Diese Praxis des „Unter-die Oberfläche-Sehens“ sei ein wichtiger Aspekt des Elternseins. Es geht um Empathie und Verständnis gerade bei schwierigen Bedingungen.

Mylas Rat an die anwesenden Eltern und Pädagogen: „Im Konfliktfall sollten wir die Dinge nicht persönlich nehmen, sondern innehalten und darüber reflektieren: Welche Stressoren haben dazu geführt, dass das Kind aus seiner inneren Mitte kommt? Kinder nehmen sehr wohl zur Kenntnis, ob wir sie unabhängig vom Konflikt akzeptieren und lieben. Raum und Weite in der Beziehung seien wichtig. Vielleicht müsse man auch Grenzen setzen. „Kinder können manchmal aufblühen, wenn es da einen Container und einen Rahmen für sie gibt.“

Manchmal sei es auch notwendig, das eigene Nicht-Wissen zur Kenntnis zu nehmen und Güte zu praktizieren. Wichtig sei es auch zuzulassen, dass das Kind aufgewühlt und traurig sein darf und wir nichts machen können. Genauso wichtig für Eltern sei auch das Erleben, dass wir uns im Konflikt nicht gesehen und wertgeschätzt fühlen. Dann sollten wir nach unserem Kernthema schauen, unsere eigenen Bedürfnisse spüren und Selbstmitgefühl üben.

Schubladendenken überwinden

Oft haben wir Ideen über unsere Kinder, so Myla, die sich gar  nicht mit ihrer Entwicklung decken. „Können wir unsere Kinder wirklich kennen?“ stellt Myla in Frage. Wir könnten jedoch erkennen, wie sehr wir als Eltern immer wieder anhaften an unserer Vorstellung, dass Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu sein haben. „Dann stecken wir alles in eine Schublade.“ Ohne Achtsamkeit, so Myla, seien wir abhängig von unseren unreflektierten Vorstellungen über uns und unsere Familie.

Myla Kabat-Zinn verrriet, dass sie zwar Retreats besuche, aber im Gegensatz zu ihrem Mann keine formelle Sitzpraxis habe. Viele Menschen denken, man müsse meditieren, so Myla. Aber für sie sei es hilfreich, morgens nach dem Aufwachen ein paar Momente in Stille zu sein. Der ganze Tag biete Gelegenheit, präsent zu sein und nach innen zu lauschen. „Und wenn dein Kind dann aufwacht, dann bist du wirklich da für dein Kind und kannst dir einen Moment nehmen, um das Kind wirklich zu sehen.“

„Wie du dein Leben lebst, verändert die Welt“

„Könnt ihr jedem Moment frisch und mit innerer Akzeptanz begegnen, wenn dein Kind sagt, es möchte nicht zur Schule gehen?“, fragte sie die anwesenden Eltern. Sie gab zu Bedenken, dass wir zwar nicht die Umstände verändern können, aber die Wahl haben, wie wir im Konflikt zu unserem Kind in Beziehung treten können.

Immer wieder betonte Jon Kabat-Zinn, der seit seinem 20. Lebensjahr regelmäßig meditiert und heute selbst Meditationslehrer ist, dass es für ihn keine Trennung zwischen formeller Meditationspraxis und dem Leben besteht. Humorvoll äußerte er sich über seine Frau: „Ich muss Überstunden machen, um die Achtsamkeit zu erhalten, die Myla natürlich hat!“ Meditation sei nicht nützlich, wenn wir abwesend vom Meditationskissen aufstünden. „Wahre Meditationspraxis liegt darin, wie wir unser Leben von Moment zu Moment leben.“ Jeder Umstand, jedes Kind seien eine Gelegenheit, uns daran zu erinnern.

Dann klärte er ein weiteres, oft falsch zitiertes Missverständnis auf. „Achtsamkeit in jedem Moment kontinuierlich zu praktizieren, das wäre eine wirkliche Last.“ Darum ginge es nicht. Wichtig sei, dass uns bewusst sei, wie oft wir nicht präsent sind, um immer wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzukommen. „Es geht darum, die Gelegenheit zu nutzen, ein bisschen mehr bei uns selbst anzukommen.“

Jon Kabat-Zinn bedeutete den Teilnehmenden, dass seine Frau und er nicht missionieren wollten, denn es sei nicht gut, anderen vorzuschreiben, wie sie ihre Kinder erziehen sollten. Aber er wolle ein Bewusstsein dafür schärfen: „Wie du dein Leben lebst, verändert die Welt.“

Die Praxis des Gewahrseins sei, sich einzulassen auf die Achtsamkeit wie auf ein Abenteuer und es nicht zu ernst zu nehmen. Und er ermutigte die Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder:  „Sei in Verbindung mit deiner eigenen Ganzheit. Sei in Verbindung mit dem weiten Raum des Gewahrseins.“

Michaela Doepke, Journalistin und Achtsamkeitstrainerin sowie  Mutter von vier Kindern und Großmutter zweier Enkelkinder

1) „Aber das Bewusstsein vorausgesetzt, dass auch zwischen den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen!“ Rainer Maria Rilke

Gedicht zitiert in: Myla & Jon Kabat-Zinn: „Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie.“ Arbor Verlag, Freiburg.

Hinweis: Bericht vom Tagesseminar von Jon & Myla Kabat-Zinn zum Thema „Mit Kindern wachsen – Achtsamkeit in der Familie“ am 5. November 2016 in Salzburg. Tagesworkshop des Vereins »Mit Kindern wachsen« in Kooperation mit Pro Juventute, dem Achtsamkeitsverein Osterloh und Arbor-Seminare.

Myla Kabat-Zinn arbeitete vor allem im Bereich Geburtsvorbereitung und als Geburtsbegleiterin. Viele Jahre lang war sie Vizedirektorin von Birth Day, einer Organisation zur Unterstützung von natürlichen Geburten. Die Kabat-Zinns sind Eltern von drei Kindern.

Jon Kabat-Zinn, PhD, Begründer des Achtsamkeitsprogramms MBSR (Mindfulness Based Stress-Reduction). Er ist Professor Emeritus für Medizin an der University of Massachusetts Medical School und Begründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society. Jon Kabat-Zinn ist Autor zahlreicher Bestseller, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden. Mehr unter: www.arbor-seminare.de

 

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