Ein Interview mit Prof. Sabine Gabrysch

Das, was dem Klima gut tut, ist oft auch zuträglich für unsere Gesundheit, sagt die Professorin Sabine Gabrysch. Im Interview mit Ethik heute spricht sie über Klimakrise, die Corona-Pandemie und wie wir die Krisen nutzen können, um nachhaltiger und gesünder zu leben. Ein Mut machendes Projekt hat sie selbst angestoßen.

Prof. Dr. Dr. Sabine Gabrysch ist Ärztin und Epidemiologin und arbeitet zu globalen Aspekten der Bevölkerungsgesundheit – beispielsweise in Bangladesch. Für ihr dortiges Forschungsprojekt zur Bekämpfung von Mangelernährung bei Frauen und Kleinkindern wurde sie mit dem „Preis für mutige Wissenschaft“ des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Seit 2019 hat die Wissenschaftlerin die erste Universitätsprofessur für Klimawandel und Gesundheit inne. Eingerichtet wurde der Lehrstuhl gemeinsam von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch

Frage: Was sagen uns das Corona-Virus und der Umgang damit über den Zustand der Welt?

Sabine Gabrysch: Wir erleben gerade, wie in einer Krise gehandelt werden kann, wenn die Gefahr akut ist und uns direkt betrifft. Bei schleichenden Gefahren, wie Klimawandel und Artensterben, sind wir viel zögerlicher und tun bei weitem noch nicht genug. Aber wir sehen und spüren jetzt, wie sehr weltweit alles zusammenhängt und verknüpft ist. Diese Pandemie ist auch eine Folge der Ausbeutung der Natur, denn die Zerstörung natürlicher Lebensräume und der Wildtierhandel erhöhen das Risiko, dass Tiere Viren auf Menschen übertragen.

Nennen Sie bitte drei Begriffe, die beschreiben, was Sie derzeit beruflich machen:

Sabine Gabrysch: Als erstes wäre „Planetary Health“ zu nennen, mein Leitkonzept, was so viel heißt wie: gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten. (1) Oder konkreter: die Zusammenhänge von Klimawandel und Gesundheit. Dabei liegt mein Schwerpunkt im Bereich „Ernährung“ – das wäre der zweite Begriff. Und der dritte wäre „Transformation“, also der tiefgreifende Wandel hin zu einem nachhaltigen und gesunden Leben, wofür wir Lösungsansätze erforschen.

Wie hängen Klimawandel und Gesundheit zusammen?

Sabine Gabrysch: Ganz einfach: Der Klimawandel gefährdet unsere Lebensgrundlagen und damit unsere Gesundheit. Auf einem überhitzten Planeten mit immer mehr Dürren und Über­schwemmungen, Stürmen und Waldbränden, mit kollabierenden Ökosystemen und Missernten können wir unsere Gesundheit nicht bewahren.

Die gute Nachricht ist, dass vieles von dem, was wir tun sollten, um das Klima und den Planeten im Gleichgewicht zu halten, genau das gleiche ist, das wir ohnehin für unsere Gesundheit tun sollten. Wenn wir aus der Kohle aussteigen und unsere Städte fahrrad- und fußgängerfreundlich gestalten mit weniger Autos und mehr schattenspendenden Bäumen, können wir nicht nur Kohlendioxid-Emissionen, sondern auch die Luftverschmutzung reduzieren und mehr körperliche Bewegung in den Alltag bringen – was beides der Gesundheit zugutekommt. Wenn wir mehr Gemüse und dafür weniger Fleisch essen, ist das gesünder, besser für die Tiere und bremst gleichzeitig den Ausstoß an Treibhausgasen und den Verlust der Wälder und der Artenvielfalt.

Es geht hier nicht um Verzicht auf etwas Gutes, sondern um das Weglassen von etwas Schädlichem. Das ist wie beim Rauchen. Wenn ich süchtig bin, muss ich mich umgewöhnen, und das ist nicht einfach, aber am Ende tut es mir gut. Kaum jemand empfindet die Rauchfreiheit in öffentlichen Räumen heute als Verlust. Wir sollten die Krise nutzen, um Dinge zu tun, die ohnehin schon lange anstehen. Wenn wir sorgsamer und nachhaltiger mit der Natur umgehen, tut es uns selbst gut und schafft ein besseres Leben für alle.

Gesundheits- und Klimaforschung verknüpfen

Woher rührt dieses Engagement für solche Themen?

Sabine Gabrysch: Schon als Kind habe ich viel gelesen und mich auch über Radio und Fernsehen informiert. Dabei habe ich erfahren, dass es Kindern in anderen Ländern schlecht geht, dass der Regenwald zerstört wird, sich das Klima ändert und dass indigene Völker, die noch im Einklang mit der Natur leben, vom Aussterben bedroht sind. Das hat mich sehr beschäftigt, das fand ich ungerecht und das wollte ich ändern. Ich kann mich noch gut an den Erdgipfel in Rio 1992 erinnern, da war ich 16 und voller Hoffnung, dass nun Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit Priorität erhalten.

Wie kam es dann zur Berufswahl?

Sabine Gabrysch: Die war nicht einfach für mich. Ich wollte soziale Gerechtigkeit, Gesundheit und Umweltschutz zusammen angehen und möglichst an die Wurzel der Probleme. Ich habe deswegen zahlreiche interessante Menschen angeschrieben und um Rat gefragt. Alle sagten mir: Es ist nicht so wichtig, was du studierst, du kannst überall etwas bewirken. Einige betonten, dass es sehr nützlich sein kann, sich in ein Fach zu vertiefen und das Gelernte dann in eine andere Disziplin zu übertragen. So kam ich schließlich über die Medizin zur Epidemiologie und zu Global Health – und nun zu Planetary Health.

Die Professur bringt jetzt alles zusammen?

Sabine Gabrysch: Stimmt. Ich verknüpfe jetzt Gesundheits- und Klimaforschung. Dabei geht es nicht nur darum, die Folgen des Klimawandels für die Gesundheit zu untersuchen, sondern auch um die Erforschung von Lösungsansätzen. Deswegen verwende ich gerne das umfassende Konzept „Planetary Health“. Es geht um den Wandel hin zu einer nachhaltigen und gesünderen Lebensweise. Um die große Transformation – das heißt, uns neu zu erfinden, als Gesellschaft, aber auch anzuknüpfen an altes Wissen. Vieles an Weisheit, die wir heute brauchen, gibt es schon, in den alten Kulturen und indigenen Gesellschaften beispielsweise.

Was gab es denn schon in der kleinen Sabine, das heute noch trägt?

Sabine Gabrysch: Das Hinterfragen und den Dingen auf den Grund gehen wollen. Das Mitgefühl mit anderen Menschen und allen Lebewesen. Diese Energie, etwas zu verändern, das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit. Dass ich sehe, es könnte so viel besser sein. Und daraus wiederum Energie ziehe. Es gibt diese bessere Welt ja schon, wenn auch in Nischen.

Im Leben steckt Kraft, um Probleme zu lösen

Was macht Mut, dran zu bleiben?

Sabine Gabrysch: Was ist denn die Alternative? Aufgeben oder was? Im Leben steckt eine enorme Kraft, um Probleme zu überwinden. Oft zeigen sich in schwierigen Situationen die schlechtesten, aber auch die besten Eigenschaften in uns. Menschen können furchtbar egoistisch, aber auch sehr mitfühlend sein. Wenn immer mehr Menschen sich für andere und die Natur einsetzen, sich selbst und gemeinsam die Gesellschaft zum Besseren verändern, dann kann daraus eine ungeheure Dynamik entstehen und wir können die notwendige Transformation schaffen. Durch die Fridays for Future und andere „for Future“-Bewegungen ist unheimlich Schwung in die Sache gekommen, und vielleicht sind wir schon nah an einem sozialen Kipppunkt.

Den Preis für mutige Wissenschaft, wofür gab es den?

Sabine Gabrysch: Das war für ein sehr langfristiges und interdisziplinäres Forschungsprojekt in Bangladesch, das FAARM-Projekt. (2) Es hat zum Ziel, die Mangelernährung bei Kleinkindern zu reduzieren, den sogenannten stillen Hunger. Das heißt, die Kinder werden zwar satt, es fehlen ihnen aber wichtige Nährstoffe für Wachstum und Entwicklung, weil ihre Ernährung sehr einseitig ist. Im Projekt werden Kleinbauernfamilien in die Lage versetzt, sich vielfältiger zu ernähren, über Schulungen von Frauengruppen in Gartenbau, Hühnerzucht, Ernährung, Hygiene und Gesundheit.

Und wie sind die Ergebnisse?

Sabine Gabrysch: Die Endergebnisse liegen noch nicht vor. Die Zwischenergebnisse haben gezeigt, dass sich die Frauen und Kinder vielfältiger ernähren. Und dass die Familien mehr Obst und Gemüse anbauen und ernten, und zwar mit weitgehend nachhaltigen Anbaumethoden. Unter anderem haben wir einen Dünger aus verkohltem Reisstroh und Kuh-Urin getestet, der die Erträge massiv gesteigert hat.

Wir brauchen eine wirksame CO2-Bepreisung

Was müssten die nächsten Schritte sein, um die Welt zu retten?

Sabine Gabrysch: Wie bei einer schweren Krankheit gibt es eine akute und eine langfristige Behandlung. Akut sollten wir erst einmal die schädlichen Einflüsse stoppen. In Deutschland geben wir laut Umweltbundesamt mindestens 57 Milliarden Euro jährlich an umweltschädlichen Subventionen aus. (3) Für Kohleförderung, Flugbenzin, Fleischproduktion und anderes. Das ist, als ob man einem Fieberkranken noch eine Heizdecke unter den Rücken legt.

Das Zweite ist, die Natur zu bewahren. Der Klimawandel bedeutet schon jetzt einen riesigen ökologischen Stress für die Lebensräume. Wenn wir dazu noch Wälder abholzen für neue Monokulturen und Minen, wenn wir Pestizide spritzen, Unmengen Plastik freisetzen, dann ist das einfach kontraproduktiv. Wir sollten vielmehr die Selbstheilungskräfte der Natur nutzen, indem wir die biologische Vielfalt schützen.

Und wir benötigen dringend ein Wirtschaftssystem, in dem die Preise die Wahrheit sagen. Steuern sollen ja etwas steuern, und im Moment steuern sie in vielen Bereichen in die falsche Richtung. Energieverbrauch ist viel zu billig, Fleisch ist viel zu billig, angesichts der enormen Schäden und Folgekosten für unsere Gesellschaft. Eine wirksame und umfassende CO2-Bepreisung wäre hier extrem hilfreich.

Frage: Ist das nicht auch eine Frage der Gerechtigkeit?

Sabine Gabrysch: Ganz genau, die Gerechtigkeitsfrage muss immer mitgedacht werden beim Klimaschutz – hierzulande und global. Mit welcher Begründung streben viele reiche Länder erst 2050 Klimaneutralität an? Das ist im globalen Durchschnitt nötig, aber wir in den wirtschaftsstarken Staaten müssten doch ehrgeiziger sein. Gleichzeitig sollten wir den ärmeren Ländern beim Umbau helfen, damit sie nicht die gleichen Fehler begehen und zum Beispiel in Kohle investieren.

Schließlich sollten wir auch unser Wertesystem überdenken, das die Natur außen vor lässt und nur als einen Haufen Ressourcen betrachtet, den wir nach Belieben ausbeuten können. José Lutzenberger, der deutsch-brasilianische Umweltschützer und Vordenker, hat schon immer betont, dass die Umweltzerstörung im Grunde auch ein ethisches Problem ist, kein technisches. (4)

„Es gibt eine große Sehnsucht nach Veränderung“

Warum fällt es so schwer zu handeln?

Sabine Gabrysch: Ich denke, dass viele Menschen noch nicht wirklich begriffen haben, wie dramatisch die Lage ist. Wir haben nicht mehr viel Zeit, das Klima zu stabilisieren, aber noch ist es möglich, wenn wir sofort anfangen. Wenn wir aber noch einige Jahre so weitermachen wie bisher, ist das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar. Und dann kommen wir in eine Gefahrenzone mit Kipp-Punkten im Erdsystem, und zu Situationen, die nicht mehr handhabbar sind.

Und warum noch?

Sabine Gabrysch: Vielleicht auch, weil die Gefahr für viele schwer vorstellbar ist, nur allmählich zunimmt, und zum Teil in der Zukunft liegt. Das macht das Handeln schwerer. Allerdings sehen wir nun immer mehr Veränderungen auch hier und heute, fast jedes Jahr ein neuer Hitzerekord, Dürren, Wald­brände. Wir spüren den Klimawandel auch schon am eigenen Leib, unsere Gesundheit ist betroffen: Hitzewellen setzen uns zu, Allergiker leiden unter der verlängerten Pollensaison, Infektionskrankheiten breiten sich in neue Gebiete aus.

Der innere Schweinehund und die Macht der Werbung spielen natürlich auch eine Rolle. Dass wir wie süchtig sind nach immer mehr Konsumgütern und Bequemlichkeit. Aber ich bin überzeugt, dass es eine große Sehnsucht nach Veränderung gibt. Die Strukturen, die Mensch und Natur verheizen, die können wir ändern. Erträgliche Temperaturen, saubere Luft, sauberes Wasser, saubere Nahrung, und erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen, das ist es, was wir wirklich brauchen, nicht das neue Smartphone jedes Jahr.

Das Mutmachende ist: Wenn wir eines der existentiellen Probleme angehen, können wir gleichzeitig andere mit lösen, weil vieles zusammenhängt. Es liegt in unserer Macht, die Prioritäten anders zu setzen. Wir brauchen eine große, positive Vision, wo wir hinwollen. Dank Internet können wir das heute viel besser teilen und viel schneller handeln. Jeder kann etwas beitragen. Eigentlich könnte uns das zusammenschweißen. Jeder kann sich jetzt sofort engagieren – an seinem Platz in der Welt.

Wie nähren Sie selbst die Hoffnung?

Sabine Gabrysch: Indem ich mit meiner Forschung an konstruktiven Lösungen arbeite und mit Menschen in Kontakt bin, die für die Sache brennen, sich für eine bessere Welt einsetzen und positive Energie ausstrahlen.

Quellenhinweise

(1) https://planetary-health-academy.de

(2) https://iph.charite.de/forschung/klimawandel_und_gesundheit/faarm/

(3) www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/wirtschaft-umwelt/umweltschaedliche-subventionen#subventionen-nach-bereichen

(4) http://www.fgaia.org.br/texts/d-natur.html