Ein Standpunkt von Hubert Thurnhofer

Alle Arten von Moral seien gleichwertig, sagt der Anthropologe Michael Tomasello. Dürfen wir daher zum Beispiel die moralisch begründete Genitalverstümmelung von Mädchen nicht verurteilen? Der Philosoph Hubert Thurnhofer ruft dazu auf, über ethische Grundwerte zu diskutieren.

„Keine Moralform ist höher entwickelt als andere. Die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Arten von Moral sind einfach nur verschieden und geraten häufig miteinander in Konflikt,“ so der Anthropologe Michael Tomasello in einem Interview mit der österreichischen Wochenzeitschrift profil (Ausgabe 20.2.2017).

Diese Aussage ist wohl dem (ethischen) Postulat der Wissenschaften verpflichtet, als Forscher keine Wertungen vorzunehmen. Doch die moralische Grundfrage „Was soll ich tun?“ bleibt damit unbeantwortet.

Es ist auch nicht Aufgabe des Wissenschafters, diese Frage zu stellen, geschweige denn zu beantworten, würde Tomasello wohl erwidern. Der Verhaltensforscher sucht naturgemäß die Wurzeln der Moral in der Naturgeschichte und im menschlichen Verhalten.

Als Moralphilosoph kann ich bestätigen, dass es viele Moralen gibt. Gleichzeitig muss man aber auch verstehen: Es gibt nur eine Ethik! Und diese Differenzierung sollte auch ein Naturwissenschafter berücksichtigen, sonst bleibt seine Forschung eine Ansammlung von Beobachtungen oder gar ein Sammelsurium von Sozial- und Gedankenexperimenten.

Tatsächlich gibt es unzählige Moralen, so viele wie Völker, Stämme, Familien und andere soziale Gruppierungen. Schon die sprachphilosophische Analyse des Begriffs „Moral“ erklärt das sehr einfach. Der Spruch „Das ist bei uns so Sitte“ legt nahe, dass es sich bei vielen Verhaltensweisen um eine moralische Übereinkunft handelt, die von einer Gruppe – also von dieser, aber nicht unbedingt von anderen – anerkannt ist und daher nicht weiter hinterfragt werden muss.

Was nicht hinterfragt werden muss, ist – meist in religiös fundierten Moralen – tabu, d.h. es darf nicht hinterfragt werden. „Sitte“ ist nicht nur ein Synonym von „Moral“, sondern auch ein anderer Begriff für „Tradition“,„Gewohnheit“ und „Brauch“. Daraus ergibt sich, dass jede Moral die Gesamtheit jener Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe ist, die auf Traditionen (in vielen Fällen religiös begründet) und Gewohnheiten basieren. Verhaltensweisen, die ungefragt angenommen, von jedem Gruppenmitglied befürwortet und bei Nichteinhaltung mehr oder weniger stark sanktioniert werden.

Die Mafia hat ihre eigene Moral

Da heute niemand, außer vielleicht die Mitglieder eines Mafiaclans oder einer regional und/oder religiös abgeschotteten Clique, nur noch in einer Gruppe allein lebt, sondern in mehreren gleichzeitig, hat sich die Verbindlichkeit moralischer Grundsätze in den vergangen Jahrzehnten mehr oder weniger aufgelöst. Dies ist einer der Gründe für die Orientierungslosigkeit unserer Zeit.

Wenn nun die Wissenschaft die „Gleichwertigkeit“ aller Moralen postuliert, laufen wir Gefahr, dass die Frage nach allgemein gültigen Grundwerten als „wissenschaftlich unzulässig“ abgekanzelt wird. Oder sie wird gleich mit dem Faschismusvorwurf konfrontiert, da ja in dieser Frage schon die Möglichkeit der „Überlegenheit“ einer Moral vor der anderen keimt.

Tomasello selbst bringt ein Beispiel: Die Regierungen vieler Schwellenländer gelten als korrupt weil sie wichtige Ämter bevorzugt an Verwandte vergeben. Der Familie zu helfen ist in diesen Sippen aber oberste moralische Pflicht. „Wir halten das für ungerecht, diese Politiker aber für völlig korrekt“, so der Anthropologe, der daraus folgert: „Auch soziale Normen helfen übrigens nur bedingt dabei, moralische Entscheidungen zu treffen.“

An der Stelle muss man zu dem Schluss kommen, Tomasello weiß nicht, wovon er spricht, wenn er den Begriff „Moral“ verwendet. Einerseits geht er von der Gleichwertigkeit aller Moralen aus, anderseits erlaubt er sich den Schluss, dass offenbar moralisch begründetes Handeln nicht moralisch sei, wenn es zwar „korrekt“ aber „ungerecht“ ist.

Hier noch ein Beispiel, das die wissenschaftlich neutrale Argumentation von Tomasello erschüttern könnte: Bis heute ist die Genitalverstümmelung bei Mädchen in vielen afrikanischen Ländern eine – moralisch begründete – Praxis. Die naturwissenschaftliche oder anthropologische Beobachterrolle erlaubt es nicht, dieses Fehlverhalten, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verurteilen.

Aus diesem Dilemma kommen wir nur heraus, wenn wir die Frage stellen, ob es allgemein verbindliche Grundwerte gibt, die über allen Moralen stehen. Und hier kommt die Ethik ins Spiel. Auch Moralphilosophen tun sich schwer, den Unterschied zwischen Ethik und Moral zu erklären.

Typisch dafür ist die diffuse Formulierung von Julian Baggini: „Meiner Auffassung nach behandelt Moral die Handlungsweisen, die uns erlaubt oder nicht erlaubt sind, und zwar in erster Linie solche, die andere Menschen betreffen. Ethik ist ein etwas weiter gefasster Begriff, der alles einschließt, was damit zu tun hat, ob das Leben gut oder schlecht verläuft.“ (Die großen Fragen: Ethik, 2012, Seite 7)

Nicht nur, dass Baggini keinen Unterschied zwischen „Handlungsweisen“ (= Verhaltensweisen) und Handlungen macht, so ist seine Definition von Ehtik nichts anderes als ein erweiterter Moral-Begriff. Auf viele Moralen folgen damit viele Ethiken, die Verwirrung hat kein Ende sondern einen neuen Anfang.

Viele Moralen, aber nur eine Ethik

Die allgemeine Sprachverwirrung ist ein weiterer Grund für die grassierende Orientierungslosigkeit unserer Zeit. Und diese macht auch vor wissenschaftlichen Arbeiten nicht Halt. Hier möchte ich auf das Diktum zurückkommen, „Es gibt viele Moralen, aber nur eine Ethik“, das ganz einfach zu erklären ist.

Die Grundfrage jeder Moral lautet: „Was soll ich tun?“ Die Grundfrage der Ethik lautet: „Warum soll man etwas tun (oder unterlassen)?“ Damit ist auch für jeden Nicht-Philosophen sofort evident, dass die Ethik über jeder Moral steht – nicht weil sie etwas „Besseres“ oder „Höheres“ ist, sondern weil sie Fragen stellt, die sich auf einer Metaebene befinden. Vergleichbar mit Physik, die die Frage stellt, welche Naturgesetze gelten und wie sie wirken, während die Metaphysik die Frage stellt, warum es Naturgesetze gibt.

Jeder Mensch handelt moralisch, wann immer er sich die Frage stellt, was er tun soll. Es ist möglich, ein Leben lang moralisch zu handeln, ohne sich jemals die ethische Frage zu stellen: „Warum mache ich eigentlich das, was ich mache?“

Die Grundlage unseres Verhaltens ist immer eine Moral – und da wir uns oft in verschiedenen sozialen Gruppen bewegen, sind fast immer mehrere Moralen Grundlagen unseres Verhaltens. Die Ethik beschäftigt sich dagegen mit den Grundlagen unseres Handelns. Verhalten und Handeln sind zwei Phänomene, die sich nicht graduell, sondern prinzipiell unterscheiden.

Solange ein Angestellter macht, was sein Vorgesetzter von ihm verlangt, verhält er sich in der Regel richtig. Wenn er jedoch einmal (nicht aus renitenter Veranlagung, sondern nach reiflicher Überlegung und Abwägung verschiedener Werte und Bewertungen) gegen eine Anordnungen agiert, so handelt er. Handeln setzt eine autonome Entscheidung voraus. Verhalten setzt nur die Anerkennung einer Moral (z.B. der jeweiligen Arbeitsmoral) voraus. Das versteht jeder, aber niemand berücksichtigt diese einfache Wahrheit, wenn es darum geht, wichtige Entscheidungen zu treffen, die Grundlage des Handelns sind.

Wie Tomasello mit seinen Untersuchungen beweist, ist die Wissenschaft grundsätzlich nicht die richtige Disziplin, um bis zu den Grundfragen der Ethik vorzudringen. Die Schlussfrage im profil-Interview, wie man erreichen könne, dass sich die Menschheit weltweit solidarisch verhält, kann er deshalb auch nur mit einer halblustigen Pointe beantworten: „Eine Invasion von Aliens wäre die Lösung: Außerirdische, die uns vernichten wollen. Alle Menschen würden sich verbünden, um die Verteidigung unseres Planeten zu organisieren.“

Ich finde, wir sollten nicht auf die Außerirdischen warten um über die grundlegenden ethischen Fragen unserer Zeit nachzudenken. Ein ethischer Diskurs auf breiter Basis ist daher dringend notwendig!

Hubert Thurnhofer

Foto: Robert Hailwax

Foto: Robert Hailwax

Hubert Thurnhofer studierte Philosophie in Wien, Abschluss 1987 mit der Diplomarbeit „Musil als Philosoph“, lebt als Galerist und Kommunikationsberater in Wien. Publikationen: Glaube. Hoffnung. Management. Entscheidungsfindung in Unternehmen, 2008; Die Kunstmarkt-Formel, 2014; Moral 4.0, 2017.  Mehr über den Autor