Dmitry Naumov/ shutterstock.com
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„Haben Sie Ihre Kinder nicht im Griff?“

Vertrauen vs. Kontrollbedürfnis in der Erziehung

Schon im Kindergarten werden die Kleinen mit dem Kontrollbedürfnis der Erwachsenen konfrontiert. Der Pädagoge Steve Heitzer rät Erwachsenen, Druck rauszunehmen. Wer den Griff lockert, kann trotzdem Verantwortung übernehmen und Kinder auch in schwierigen Situationen gut begleiten. Ein Erfahrungsbericht.

 

Eine Kindergartengruppe ist auf Ausflug in einem nahegelegenen Schlosspark. So gut es geht in Reih und Glied. Kaum dass ein Kind von der Linie abweicht, tritt eine Pädagogin auf den Plan. Kein Schritt alleine, kaum ein Wort, das ihnen unaufgefordert auskommen dürfte.

Ich beziehe mich hier nicht auf eine graue pädagogische Vorzeit, sondern auf aktuelle Beobachtungen. Beim Ententeich darf kurz geschaut werden. Die Kinder werden dafür am Zaun aufgefädelt, anstatt sie ans flache Ufer gehen zu lassen, wo sie die Enten ganz aus der Nähe treffen könnten. Kaum erblickt ein kleines Mädchen die Kücken und jauchzt in heller Begeisterung, wird es schon zurückgepfiffen, sie soll hier nicht so herumschreien.

Es geht mir nicht darum, die besagte Kindergärtnerin bloßzustellen oder die pädagogische Landschaft in drastischen schwarz-weiß Bildern zu zeichnen. Eigentlich stimme ich schon lange selbst ein in den Chor derer, die verkünden: „So schlimm ist es ja in den öffentlichen Einrichtungen nicht mehr, da hat sich auch viel getan.“

Und dann sehe ich, wie es mancherorts tatsächlich immer noch ist. Ich bin überrascht, wie unfrei pädagogische Erwachsene auch heute noch sind und wie groß der Druck offenbar scheint, ihre Schützlinge unter Kontrolle zu haben, obwohl eigentlich alle darunter leiden müssen, besdoners natürlich die Kinder.

Kinder begleiten

Manche Kindergärtnerinnen scheinen wie unter Strom zu stehen, vor lauter Sorge, es könne auch nur den Anschein erwecken, als hätten sie nicht „alles im Griff“. Das erinnert mich an eine Situation mit meinem eigenen Sohn, er war vielleicht fünf Jahre alt und machte im Park eine „Szene“, die jemanden zu der Bemerkung veranlasste: „Sie haben wohl ihren Sohn nicht im Griff!?“ Dabei war es gar nicht mein Ziel, alles im Griff zu haben.

Meine Erfahrung ist: Wenn wir nicht durchgehend Programm machen, wenn wir Kinder wirklich frei lassen, ja frei laufen lassen, dann tun sie, was Kinder eben tun. Und wenn sie tun, was sie tun, sieht das vielleicht auf den ersten Blick so aus, als hätte man es mit einer wilden Horde von Steinzeitmenschen zu tun. Vor allem dann, wenn man sonst gewohnt ist, Kinder ständig in Kreise, zu Angeboten und vor Tische hinzusetzen.

Wenn man genauer hinschaut, ist bei den Steinzeitkindern kaum etwas Bösartiges zu erkennen, sondern es sind einfach nur Kinder, die ihre Spiele spielen, manchmal wilde Spiele, manchmal sinnliche, friedliche und entzückende Spiele. Und natürlich müssen wir sie begleiten. Natürlich müssen wir auch manchmal einschreiten.

Dann kann es sich lohnen, Kinder auf die Seite zu nehmen, auch gegen ihren Willen, Führung zu übernehmen und ihnen das Mitspielen für eine Weile zu verbieten – ohne sie bloßzustellen oder irgendwo isoliert „schmoren zu lassen“ , wie das tatsächlich immer noch vorkommt.

Wenn wir eingreifen, dann wollen wir sie nicht bestrafen, sondern sie davon abhalten, sich und andere in handfeste Schlägereien zu verwickeln. Oder wir wollen mit Nachdruck klar machen, dass bestimmte Bereiche ihre jeweiligen Regeln haben, die von allen beachtet werden müssen.

Wir üben mit ihnen den langsamen, manchmal beschwerlichen, aber lohnenden Weg von der „grobmotorischen zur feinmotorischen“ Konfliktbewältigung ein. Und dieser beginnt damit, den Kindern nichts Böses zu unterstellen, sondern sie einfach darin zu begleiten, wo sie sich und andere in Schwierigkeiten verwickeln und sich vielleicht verbeißen, wo sie im Kampfmodus gefangen sind.

Neulich beim Waldtag

Zwei starke und manchmal ziemlich borstige Jungs: Nathan nennen wir den einen, Siegfried den zweiten. Siegfried hatte mit einer Gruppe anderer Jungs auf Initiative meiner Kollegin eine Höhle aus Ästen gebaut, in der er zum König, die andern zu Rittern erkoren wurden. Ich wusste davon, weil er einen Zug von mit Stöcken bewaffneten Jungs anführte und mir mit einem breiten Grinsen die Lage erklärte, eben dass er der König wäre und die Mannen hinter ihm die Ritter.

Nathan war in dieser Zeit mit den Mädels am Weg und hatte dann versucht, mit Siegfried „Kontakt aufzunehmen“. Was zuerst schon nicht ganz entspannt aussah, sich aber als Räuber- und Polizei-Einlage herausstellte, entgleiste, als Siegfried Nathan mit dem Stock traf. Allerdings war es keine Absicht, was aber Nathan nicht davon abbrachte, von Siegfried sofort eine Entschuldigung einzufordern.

Als der sich in seine Höhle zurückgezogen und seine Ritter in Stellung gebracht hatte, blieb der andere verbissen bei seiner Forderung und drohte, er würde jetzt bis drei zählen, und wenn er dann immer noch keine Entschuldigung bekäme, würde er in die Höhle eindringen. Die Entschuldigung würde er „sicher nicht“ bekommen, war aus der Höhle zu vernehmen.

Hier klinkte ich mich zum ersten Mal ein, gesellte mich zu Nathan, um ihm klarzumachen, dass es doch eigentlich wichtiger wäre zu wissen, dass Siegfried ihm nicht absichtlich weh getan hätte und eine bloße verbale Entschuldigung ohnehin oft kaum etwas wert sei.

Aber Nathan verbiss sich wie sonst auch öfter in seine Forderung, wollte sie vermutlich auch als Faustpfand behalten und war auf dem besten Wege, sich Zutritt zur Höhle zu verschaffen. Daraufhin nahm ich ihn beiseite und ließ ihn nicht weiter kämpfen. Ich fragte ihn, was ihn denn so verbissen machte und ob er eigentlich da mitspielen wollte mit den anderen Jungs. Er nickte, aber zunächst noch gab es die klare Ansage des Königs, dass nur die mitspielen konnten, die auch mitgebaut hatten. Alle anderen hatten das getan, er aber eben nicht.

Ich wiederholte: „Aha, da können also nur welche mitspielen, die auch mitgebaut hatten.“ Dazu machte ich ihm klar, dass er eigentlich mitspielen wollte und sich hier aber zum Feind machte: „Schau, die stellen sich jetzt alle als Wachen auf und bekämpfen dich als Feind.“

Ich fragte ihn, ob er denn ihr Feind sein möchte, was keine rein rethorische Frage war. In der Realität solcher Spiele braucht es eben manchmal auch Feinde – ob uns das gefällt oder nicht. Ich brauchte einige Jahre, bis ich das verstand bzw. es zu akzeptieren und damit umzugehen versuchte. Manchmal ergeben sich zwei Lager, die im Spiel einander Feinde sein wollen.

Durchatmen und den Griff lockern

Ergibt sich so eine Feindeskonstellation, frage ich jetzt meist explizit nach, ob denn die Betreffenden tatsächlich Feinde sein wollten. Meist verneinen sie dies. Wenn nicht, ist es meiner Erfahrung nach ratsam, dabei zu bleiben, um den Verlauf des Feindespieles mitzubekommen und darauf zu achten, dass es keinen „wirklichen“ Kampf gibt, wo einer den anderen verletzen könnte, v.a. wenn sie sich so richtig in ihre Rollen hineinsteigern.

Nathan jedenfalls wollte nicht der Feind sein. Und das Blatt begann sich zu wenden, als Siegfried zu uns herüber fragte, was er dann wollte. Vielleicht mitspielen? Er sagte halblaut, aber doch entschieden „Ja“.

Siegfried hatte kein grundsätzliches Problem damit, wollte aber mit einem Grinser im Gesicht den Eintrittspreis in die Höhe treiben und sagte, Nathan müsse zuerst alle Löcher der Höhle stopfen. Auch hier mischte ich mich ein, er möge ihm, bitteschön, eine realistische Ansage machen; schließlich waren da mehr Löcher als Zweige in der Höhle zu sehen. Er lenkte gleich ein, ließ ihn dann beinhahe symbolisch einen Fichtenzweig holen und sagte ihm sogar an, wo es den zu finden gab. Damit war der Ritterschlag perfekt.

Am Ende war es allerdings Nathan, der dann noch für die Pointe dieser Geschichte sorgte. Ich traute meinen Ohren kaum, als ich Nathan ein letztes Mal auf seine Forderung zurückkommen hörte: „Jetzt kannst dich aber bitte noch entschuldigen!“ Und noch ungläubiger staunte ich als der Ritterkönig tatsächlich „Entschuldige, Nathan“ murmelte.

So borstig Kinder sein können, mit ein bisschen Hilfe können sie unglaublich sozial, freundlich und flexibel sein. Und viel weniger nachtragend als wir Erwachsene sowieso. Für die Erwachsenen (und in der Folge für die Kinder, die ihnen anvertraut sind!) wünschte ich mir auch manchmal, sie hätten jemanden, der eine Hand auf die Schulter legt, wie um zu sagen: Druck ablassen, durchatmen, den Griff ein bisschen lockern…

Ins Vertrauen gehen

Es bricht nicht gleich das große Chaos aus, wenn wir den Kindern mehr Spielraum und Freiraum lassen. Es ist nicht notwendig, allen Fremden oder Zuständigen zu zeigen, dass man/frau alles im Griff hat. Dahinter steckt eher die Angst vor den Kindern, und den Erwachsenen ebenso.

Viel gesünder und auch pädagogisch wertvoller für uns alle ist es, in eine Haltung der Liebe und des Vertrauens hineinzuwachsen. Dieses allmähliche Umsteuern vom Modus der Angst zum Modus der Liebe ist auch sonst im Leben nachhaltiger und tragfähiger. Dort im richtigen Leben lässt sich kaum etwas im Griff haben.

Es ist also nicht so, wie manche immer noch alternative pädagogische Konzepte (miss)verstehen, als ob bei uns alles erlaubt wäre und sich niemand darum scheren würde, wie die Kinder miteinander umgehen. Auch wenn wir nicht alles im Griff haben müssen, übernehmen wir bisweilen Führung, um unserer Verantwortung gerecht zu werden.

Natürlich gelingt das nicht immer so wie im beschriebenen Beispiel. Manchmal greifen und hauen auch wir Erwachsenen ordentlich daneben. Aber dann kann man ja immer noch eine Entschuldigung murmeln.

Steve Heitzer mit seiner Tochter Anna.

Steve Heitzer mit seiner Tochter Anna.

Steve Heitzer ist Pädagoge und Theologe, Achtsamkeitslehrer und Seminarleiter, und Vater von 3 Kindern. Er gründete 2000, inspiriert von den Wilds, zusammen mit seiner Frau einen Kindergarten, arbeitet seit mehr als 16 Jahren mit Kindern und Eltern. Im Arbor-Verlag erschien sein Buch „Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit.“ Kontakt: www.cordat.org

 

 

 

 

 

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