Über eine Fortbildung für ganzheitliche Medizin

Die Fortbildung „Caring and Healing“ verbindet Heilung mit der Entwicklung einer heilsamen Persönlichkeit. Dazu gehören Achtsamkeit, Dialogübungen und eine liebevolle Hinwendung zum Patienten. Mike Kauschke sprach mit dem Begründer und einigen Teilnehmerinnen.

„Caring and Healing“ ist ein einjähriges Begleitstudium für Medizinstudierende und Ärzte, in dem ein erweitertes Verständnis von Medizin oder besser Heilkunst vermittelt wird. Durch eine Kooperation mit dem Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der medizinischen Fakultät Bayreuth ist das Studium akademisch legitimiert. Es verbindet Wissen der Ganzheitsmedizin, Meditation sowie Ansätze aus integraler Theorie, Dialog und Psychologie.

Autor Mike Kauschke sprach mit Klaus-Dieter Platsch, dem Begründer der Weiterbildung, und Teilnehmenden des Kurses, um herauszufinden, wie sich ihr Blick auf Medizin und Heilung verändert.

In der Corona-Pandemie stehen Ärzte und Pflegende in den Kliniken im Fokus der Gesellschaft, auch weil sie unter besonderer Belastung stehen. Dabei wird klar, wie wichtig diese Tätigkeit für uns alle ist. Diese Krise stellt aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in pflegerischen und ärztlichen Berufen vor die Frage, wie sie innere Ressourcen der Kraft finden.

Seit sechs Jahren arbeitet der Arzt Klaus-Dieter Platsch mit Medizinstudierenden und Ärzten daran, einen erweiterten Blick auf Heilung mit der Reifung der Persönlichkeit zu verbinden. Dazu hat er die Fortbildung „Caring and Healing“ ins Leben gerufen.

In dieser Weiterbildung werden weitere Perspektiven von Medizin aufgezeigt, die über das biopsychosoziale Modell hinausgehen und eine integrale Medizin ermöglichen – also „eine Medizin, die das Ganze des Menschen im Blick hat“, wie es Klaus-Dieter Platsch formuliert. „Es geht also sowohl um Wissensvermittlung als auch um die Unterstützung im inneren Entwicklungsprozess, für den wir Räume der Erfahrung und des Übens bieten.“

Immer wieder, so Klaus-Dieter Platsch, kämen Menschen zu ihm, die eigentlich das Medizinstudium oder ihren Beruf als Ärztin aufgeben wollten, weil sie ausgebrannt waren und keine Freude mehr darin fanden. So erging es auch Elisabeth Wester-Ebbinghaus. Sie ist als Notärztin und Anästhesistin im OP tätig, arbeitet also an der Grenze zwischen Leben und Tod:

„Ich war kurz davor aufzuhören, weil ich keinen Sinn mehr in meiner Tätigkeit gesehen habe. Durch ‚Caring and Healing‘ konnte ich eine neue Offenheit und liebevolle innere Haltung zum Leben, zu den Menschen und zu mir selbst entwickeln.“

Kurzes Innehalten vor dem Betreten des Patientenzimmers

Ähnliches erzählt die Medizinstudentin Viola Landes über ihre Erfahrung in dem Kurs: „Es hat das Feld der Medizin für mich weiter gemacht, weil es an der Uni auch sehr verengt und zahlenbasiert vermittelt wird. Der Mensch, der im Krankenbett liegt, bleibt dabei im Hintergrund. Was mich eigentlich dazu bewegt hat, Medizin zu studieren, den Menschen nahe zu sein und helfen zu können, habe ich im Studium kaum gefunden. Durch ‚Caring and Healing‘ ist der Blick weiter und das Herz offener geworden, um den Menschen zu sehen und dem eigenen Gefühl zu vertrauen.“

Der Blick weiter und das Herz offener – so könnte man die Wirkungen des Kurses beschreiben. Als entscheidend für einen solchen Wandel erleben die Teilnehmerinnen das Einüben von Meditation und Achtsamkeit, das ein Grundelement in den Kursen ist.

Für Viola Landes ist die Meditation das wichtigste Element, das sie nach dem Kurs weiter regelmäßig praktiziert: „Die Meditation ist ein Schlüssel für mich, um in die Präsenz und in einen Herzensraum zu kommen, die ich dann auch mit den Patienten teilen kann.“

Bevor sie in ein Patientenzimmer tritt, praktiziert sie einen stillen Zwischenraum, ein kurzes Innehalten. „Ich lasse das, was eben gewesen war los, um wieder offen sein zu können. So entsteht nicht so sehr dieser Stress, in einem Hamsterrad zu laufen von einem Patienten zum nächsten, und gibt mir eine Freude an jeder neuen Begegnung.“

Auch Elisabeth Wester-Ebbinghaus fand durch Mediation und Stille verbunden mit Dialog und liebevollem Sprechen einen neuen Kontakt mit den Patienten: „Mein Kontakt ist ja sehr kurz, das Vorgespräch für die Narkose und das Gespräch im OP vor der Narkose. Diese Gespräche sind aber sehr wichtige Momente für die Patienten, wie ich dann auch herausgefunden habe, denn die Narkose wird als Kontrollverlust erlebt. Das wird durch eine Vertrauensbeziehung erleichtert.“

In dieser Begegnung auf einer Herzensebene konnte sie ihre Arbeit neu wertschätzen und Freude daran finden. Patienten sagen plötzlich zu ihr: „Oh, sie schauen mich ja an.“ Und sie befragt nun häufiger die Patienten zu ihrem Befinden und Gefühlen und gibt ihnen Vertrauen, dass sie während der Narkose für sie da sein wird.

Gemeinsam mit dem Patienten einen Weg finden

Auch Viola Landes erlebte durch die Arbeit im Kurs eine Wandlung ihrer Beziehung zu den Patienten: „Es macht mich offener und es wird wichtiger, auch dem Patienten und seinen Wünschen zuzuhören, um eine individuelle Behandlung zu finden und nicht nur allgemeinen Leitlinien zu folgen.“

Daraus ergibt sich für sie auch ein anderer Umgang mit den Prognosen, die sie als Ärztin im Kopf hat und welches Handeln sich daraus ergeben sollte: „Auch hier versuche ich, in einem offenen Raum zu sein und gemeinsam mit dem Patienten einen für diesen Menschen angemessenen Weg zu finden.“ Dazu gehört auch das Verständnis, wenn ein Mensch eine andere Behandlung oder gar keine Weiterbehandlung mehr wünscht, auch wenn man selbst ein anderes Handeln empfehlen würde.

Diese Qualität der Beziehung wird in „Caring and Healing“ durch Dialogübungen, Kommunikationsfähigkeiten und regelmäßige Peer-Groups geübt. Sie ist ein wichtiges Element einer heilsamen Persönlichkeit, deren Entwicklung Platsch unterstützen möchte:

Foto: Nina von Wiese

„In der gängigen Medizin richten wir uns an dem Krankhaften, an der Pathologie aus. Aber wir können uns auch an dem Gesunden, an dem gesunden Potential des Menschen ausrichten. Dazu gehört das Wissen, dass alles, was jemand zur Heilung braucht, in ihm selbst angelegt ist. Eine heilsame Persönlichkeit bedeutet zudem, um die Rolle des Bewusstseins und einer liebenden, offenen Haltung bei der Heilung zu wissen und damit zu arbeiten.“

Für Elisabeth Wester-Ebbinghaus war diese Erfahrung der Anlass, sich bewusster mit dem hippokratischen Eid zu beschäftigen. Was bedeutet es wirklich, als Ärztin zu heilen? „Nicht die Idee, dass ich heile, sondern eher ‚es‘ heilt, wobei die Lebenskraft des Menschen eine wichtige Rolle spielt.“ Das erfüllt ihre Arbeit als Ärztin auch mit einer gewissen Demut.

Dem Menschen wohnt ein Heilungspotenzial inne

Im hippokratischen Eid heißt es, „Rein und heilig richte ich mein Leben und meine Heilkunst aus.“ Das eröffnet für die Ärztin einen tieferen Blick auf die ärztliche Tätigkeit:

„Es ist eben auch etwas Heiliges, einer Heilung oder einer Geburt beizuwohnen. Früher habe ich oft PDK-Narkosen bei der Entbindung gelegt und hatte damals schon das Gefühl, dass mit jeder Geburt etwas Heiliges geschieht. Dieser dankbare, demütige Zugang hat sich durch die Ausbildung zur Heilenden Medizin noch verstärkt.“

Der zweijährige Ausbildungsgang „Heilende Medizin“, die auf die Weiterbildung „Caring and Healing“ folgt, unterstützt die Teilnehmenden noch intensiver in einem erweiterten Verständnis von Heilung als schöpferischen Prozess – so auch der Titel eines neu erschienen Buches von Klaus-Dieter Platsch.

Darin schreibt er, wie ihm immer deutlicher wurde, dass er „als Arzt und Mensch selbst ein Gefäß der Heilung ist – und dass die Patientinnen und Patienten ebenfalls ein solches Gefäß ihrer eigenen Heilung sind. Durch das ‚Wie‘ der Begegnung mit und zwischen uns geschieht etwas, das heilsam ist und ganze Heilungsprozesse auslösen kann. … Jede medizinisch notwendige Behandlung kann nur greifen, weil wir dieses innewohnende Heilungspotenzial in uns tragen. Je mehr wir uns dem öffnen können, desto heilsamer kann auch eine medizinische Behandlung sein.“

Diesen Impuls vermittelt der Arzt in seinen Kursen oder regelmäßigen Begegnungen im „heilenden Feld“. Darüber hinaus konnte er einige dieser Anregungen, vor allem zu einer bewussteren Beziehung zwischen Arzt und Patient, in das bundesweite Curriculum der ärztlichen Ausbildung einbringen. Und die neue Kooperation mit der Universität Bayreuth bringt diese erweiterte Sicht auf die Medizin zudem in den akademischen Diskurs.

Mike Kauschke

Buchtipp: Klaus-Dieter Platsch. Heilung als schöpferischer Prozess: Wo Körper und Geist sich treffen, Fischer & Gann 2020

Das nächste Studienjahr „Caring and Healing“ beginnt im Februar 2022, Infos über die Website www.caringandhealing.de

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des  Magazins evolve. www.mike-kauschke.de