MBSR-MBCT-Konferenz der Achtsamkeitslehrenden

In Ottobrunn bei München tagte der Dachverband der Achtsamkeitslehrenden in Deutschland. Im Fokus der 13. MBSR-MBCT-Konferenz standen die aktuelle Forschung zum Thema Achtsamkeit, die Integration im Gesundheits- und Bildungswesen sowie der Gesellschaft. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Herzqualität der Achtsamkeit.

 

MBSR ist das weltweit meist erforschte Anti-Stress-Programm. Der Bedarf und die Popularität von Achtsamkeit zur Stressbewältigung und Gesundheitsvorsorge in der Gesellschaft steigen. Entsprechend verzeichnet der MBSR-MBCT-Dachverband der Achtsamkeitslehrenden einen Zuwachs auf 1005 Mitglieder, so der Vorsitzende Günter Hudasch.

Auf der dreitägigen Fachkonferenz brillierten als Highlights bekannte Referenten wie der Neurowissenschaftler Ulrich Ott oder der Mönch Bhante Nyanabodhi mit interessanten Vorträgen.

Jens Förster, Professor für Sozialpsychologe, Buchautor und Leiter des Systemischen Instituts für Positive Psychologie in Köln, hielt den Eingangsvortrag zum Thema Haben und Sein.

Über den aktuellen Stand der Forschung zu Achtsamkeit referierte Ulrich Ott, Psychologe, Meditationsforscher und Neurowissenschaftler am Bender Institute of Neuroimaging in Gießen. Laut der Datenbank „Web of Science“ gibt es derzeit 1500 Publikationen pro Jahr zum Thema Achtsamkeit. Er stellte die wichtigsten Metaanalysen vor.

Neuroplastizität, Biofeedback und Neuroforschung

Was passiert im Gehirn, wenn man meditiert? Laut Studien zur Neuroplastizität verändert sich das Gehirn, wenn man etwas wiederholt tut, wie z. B. meditieren. Veränderungen im Gehirn konnte man laut Ulrich Ott z. B. nachweisen bei Faktoren wie Selbstkontrolle, Körperwahrnehmung oder Emotionsregulation. Ott verwies auch auf eine ältere Studie von Britta Hölzel aus Harvard von 2011, wonach sich die Dichte der Nervenzellen im Hippocampus von Teilnehmern eines MBSR-Programms im Vergleich zur Kontrollgruppe bereits nach acht Wochen signifikant verändert hatte.  Der Hippocampus ist wichtig für das Gedächtnis und wird durch Dauerstress besonders leicht geschädigt. Nach einer aktuellen Studie von Yang et al. 2019 zeigte sich bei einem 8-Wochen-Achtsamkeitsprogramm eine Abnahme von Depression und Ängstlichkeit.

Ulrich Ott

Dr. Ulrich Ott auf der MBSR-Konferenz

Gute Nachrichten übermittelte Ott für Meditierende im Alter: Sie wiesen laut Studie gegenüber einer Kontrollgruppe eine verlangsamte Alterung auf und wurden in der Regel um 7,5 Jahre jünger geschätzt.

Ott schränkte allerdings ein, dass sich die verjüngende Wirkung bei Meditierenden auch aufgrund von Sport oder vegetarischer Ernährung einstellen könnte. Seine Zukunftsvision sei eine maßgeschneiderte Meditation für bestimmte Befindlichkeiten. Er leitete dazu als Meditations- und Yogapraktizierender eine körperorientierte Meditation an.

Ott einschränkend: „Meditation ist nicht für jeden hilfreich.“ Auf Risiken und Nebenwirkungen sollte die Forschung hinweisen. So könne Meditation für Menschen mit Weltfluchttendenzen, traumatischen Belastungen oder depressiv schwer Erkrankte auch ein Risiko darstellen.

Einen Ausblick gab er auf neue Forschungsfelder. So sei ein Projekt der Universitäten Hamburg und Jerusalem gestartet, das die Bedeutung der Ethik als Voraussetzung für Meditation untersucht. Er verwies auf Forschungen von Stanley et al. 2018 über Ethik und Meditation.

In seinem Workshop zur Neuroforschung stellte Ulrich Ott den anwesenden Interessenten verschiedene Geräte zur Messung von Stress vor, die über Sensoren und Herzraten-Apps per Handy zu bedienen waren. Letztere seien für Unternehmen sinnvoll, da sie Anleitungen vermitteln, bei Stress die Atmung zu regulieren. Allerdings schränkte er ein, dass Methoden von Biofeedback immer eine starke Zielorientierung mit sich brächten. Dies widerspreche jedoch dem Ziel des Loslassens in der Meditation.

Podiumsdiskussion: Wie kann die Integration von Achtsamkeit gelingen?

Bei der spannenden Podiumsdiskussion diskutierten auf der Bühne verschiedene Referenten über die Integration von Achtsamkeit. Häufig werde MBSR der Vorwurf gemacht, es sei zu kognitiv. Der Vorsitzende Günter Hudasch wollte wissen, welche Bedeutung die Herzqualität in den einzelnen Bereichen habe. Renate Kommert, scheidendes Vorstandsmitglied des Verbandes, wies darauf hin, dass Jon Kabat-Zinn das Wort Heartfulness öfter benutze als das Wort Mindfulness und betonte die Herzqualität im MBSR-Kontext.

Für den buddhistischen Mönch Bhante Nyanabodhi sei Herzensschulung für die Welt zentral und dringend geboten. Angela Geissler, Klinikärztin und Zen-Lehrerin berichtete, dass der Alltag des Arztes derzeit wenig Raum für Herzensqualitäten und Mitgefühl lasse. Als Radiologin habe sie manchmal 70 Patienten pro Tag. „Da ist es schwierig, präsent bei sich zu sein und Mitgefühl zu üben.“ Nach ihrer Erfahrung gingen die jungen Ärzte in diesem System kaputt. „Wir verlieren viele Ärzte, die nicht mehr im Patientenbereich arbeiten wollen.“ Ihrer Ansicht nach müsse Mitgefühl bei Medizinern zwingend gelehrt werden. Auch in Unternehmen sei Achtsamkeit oft nur ein Tool und habe mit Herzensqualitäten nichts zu tun.

Foto: Michaela Doepke

Für den Theravada-Mönch Bhante Nyanabodhi läuft beim Thema Achtsamkeit grundsätzlich etwas schief. Achtsamkeit werde oft missbraucht, um dem Leben auszuweichen. Für ihn heiße Achtsamkeit in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Sati“ übersetzt: „Entfaltung des bewussten (Da-) Seins“. Sati habe für ihn mehrere Qualitäten, nicht nur die Beobachterhaltung.

Der Achtsamkeitspraktizierende solle nicht Zuschauer seines Lebens, sondern der Erlebende sein. „Achtsamkeit wird sehr kühl, wenn wir uns nur in die Beobachterposition begeben.“

Ulrich Ott mahnte an, dass im Schulbereich oft nur Leistung vermittelt werde und es kein Fach für Kooperation oder Herzensqualitäten geben würde. Mit Kooperationen und Initiativen wie AKiJu und AVE (Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit, Engagement) setzt sich der Verband bereits für Achtsamkeit im Bildungswesen ein, die Lehrer darin ausbilden, Achtsamkeit in Schulen und Universitäten zu unterrichten.

Transformierende Kraft

Fazit der Podiumsdiskussion war, dass Meditation und Achtsamkeit eine transformierende Kraft für die Gesellschaft besitzen. Für Renate Kommert heißt Achtsamkeit zu praktizieren ethisch-politisches Handeln. „Ich würde es begrüßen, wenn wir diesen Aspekt im Verband mehr aufgreifen würden.“

Bei vielfältigen lebendigen Workshops konnten sich die Achtsamkeitslehrenden informieren und austauschen. Angeboten wurden z. B. Workshops zu MBSR-Online-Kursen, Einsatz von Meditationsapps, Neurowissenschaft, Achtsamkeit am Arbeitsplatz, U-Prozess nach Otto Scharmer, Mindful Leadership, aber auch Yoga, Achtsamkeit mit Kindern (The toolbox is you) oder Outdoor-Meditation und Peersupervision. Neu vorgestellt wurde ein 2-Tageskonzept von Martina Assmann, welches sich gut eignet, um mit Stressreduktion am Arbeitsplatz einzusteigen.

Sich dem Schmerz stellen

Einen sehr bewegenden Abschlussvortrag zum Thema „Aus Liebe zum Leben“ hielt Bhante Nyanabodhi. Darin äußerte er sich zu Achtsamkeit als Qualität des Herzens. Mit Sati ginge es darum, sich zu erinnern, bewusst zu sein. „Wir haben uns als Gesellschaft von unserem wahren Sein entfremdet.“ Als Beispiele nannte er die künstliche Intelligenz und die digitale künstliche Welt. Wichtig sei es, mit den Schichten unter unserem Ich-Gebäude wieder in Kontakt zu kommen und heil zu werden. Schmerz und Traumata seien Blockaden, verdichtetet Energie.

Um Schmerz-Blockaden aufzulösen, praktizierte er mit den Zuhörern eine Metta-Scan-Meditation, eine Praxis der liebenden Güte für Körper und Geist. Unerlässlich sei es für die Seinsqualität, sich auch unseren Schmerzanteilen zu stellen, und diese nicht zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang bezeichnete er den achtsamen Umgang von Jon Kabat-Zinn mit Schmerzpatienten fantastisch. Vertrauen ins Leben sei hilfreich und das Bewusstsein, dass auch die schmerzvollen Anteile uns unterstützen, wieder heil zu werden. „Wir haben die Wahl, wie wir dem Leben begegnen. Nicht zu reagieren, sondern Raum geben, sei die Achtsamkeitspraxis. Dadurch findet Heilung statt. Das ist die Kunst des Reinen Gewahrseins.“

Michaela Doepke

 

Veranstaltungstipp “Achtsamkeit – Was ist dran an der Kritik?”: Christof Spitz bietet am 18. Januar 2020 von 14 bis 17.30 Uhr in Hamburg dazu einen Workshop an. Insbesondere Achtsamkeits-Lehrende und Praktizierende haben die Möglichkeit, sich mit kritischen Punkten auseinanderzusetzen und eine differenzierte Sicht zu gewinnen. Die Kritik kann als Chance verstanden werden, den Blick auf die Achtsamkeit zu erweitern.