Lichblick, gegen Altersarmut

Hilfe bei Altersarmut

LichtBlick für ein Seniorenleben in Würde

Jeder fünfte 67-Jährige könnte Studien zufolge 2036 von Altersarmut bedroht sein. „Jeder Einzelne ist heute gefordert, sich für ein würdevolles Leben aller in der Gesellschaft einzusetzen“, sagt Lydia Staltner im Interview. Sie ist Vorsitzende des Vereins LichtBlick Seniorenhilfe und versteht sich als Fürsprecherin für ältere Menschen.

 

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Altersarmut könnte in naher Zukunft drastisch ansteigen, so die Prognose von Wirtschaftsforschungsinstituten im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2017. Worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Staltner: Es gibt viele Menschen im Niedriglohnbereich, bei denen es vorprogrammiert ist, dass sie in Altersarmut fallen. Es gibt zu viele, die zu wenig verdienen. Ein Beispiel: Selbst wenn jemand 45 Jahre ohne Unterbrechung 3.000 Euro verdient hat, dann wird er im Endeffekt nur rund 1.100 Euro Netto zur Verfügung haben. Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt, dass eine Person in München eine Miete von 500 bis 600 Euro zahlen muss. Dann bleibt ihr gerade das Grundsicherungsniveau.

2003 gründeten Sie mit LichtBlick den ersten Verein in Deutschland für Seniorenhilfe, der sich bedürftiger alter Menschen annimmt. Was hat Sie zur Vereinsgründung motiviert?

Erstens gab es in meiner Verwandtschaft jemanden, der schon in Altersarmut gelebt hat. Diese Nachkriegsgeneration hätte nie zugegeben, dass sie an der Supermarktkasse das Mehl doch nicht mitnehmen, weil sie das Geld dafür nicht hatten.

Und es gab vor meiner Haustüre eine alte Frau, die, auf ihren Gehwagen gestützt, Sommer wie Winter immer mit einem Wintermantel und dicken Schuhen vorbeigelaufen ist. Da habe ich mir gedacht: Warum hat die keine anderen Schuhe an? Und dann war mir klar: Ich mache etwas für alte Menschen!

Ich habe mich mit Freunden zusammengesetzt, die mich jedoch belächelt haben. Sie haben zu mir gesagt: „Mach doch lieber etwas für Kinder. Bei uns gibt es doch keine Alten, die leiden.“ Ich wusste, dass das nicht stimmt.

Menschen, die am Monatsende nicht zu essen haben

Manchen Senioren fehlt heute schon das Geld für das Notwendigste. Was sind die Nöte der rund 10.000 Seniorinnen und Senioren, die Sie heute betreuen?

Wir haben Menschen, die sich 20 Jahre lang keine neue Matratze gekauft haben, und andere, die ihre Medikamente nicht beziehen, weil die Krankenkasse sie nicht mehr übernimmt. Bei diesen übernehmen wir die Medikamentenzuzahlung.

Ein ganz großes Thema jetzt: Menschen haben am Monatsende nichts mehr zu essen. Von der Tafel können sie nicht alles nach Hause tragen. Oder sie schämen sich, zur Tafel zu gehen. Wir unterstützen auch jene, die aus Scham keine öffentlichen Gelder wollen. Das sind die Hauptthemen.

Macht Sie diese Entwicklung Sie nicht wütend?

So viele Menschen sind wütend. Doch es bringt nichts. Jeder muss in seinem kleinen Bereich etwas dagegen tun. Ich werde die Welt nicht verbessern können. Aber meinen kleinen Teil trage ich dazu bei, obwohl es wirklich viel Arbeit macht. Dass mindestens 10.000 Menschen ohne uns nicht mehr überleben könnten, macht mich zwar traurig, aber auch irgendwie froh, weil ich direkt helfen kann.

Kein schönes Thema

Warum erhalten alte Menschen in unserer Gesellschaft keine Wertschätzung?

Altern ist kein schönes Thema. Viele, die jetzt im mittleren Alter sind, sagen sich: Ach, bis ich alt werde, bekomme ich sowieso nichts mehr. Sie haben schon resigniert. Oder sie stellen sich diesem Thema nicht.

Für das Alter etwas zu tun, ist schwierig, weil man es nicht sehen möchte, weil es nicht schön ist, weil es mit Krankheit, Armut, ja auch mit Diskriminierung zu tun hat. Man verdrängt das Thema. Ich bin sehr froh, dass immer mehr Menschen durch die Presse oder durch bewusstes Nachdenken so wach sind und sagen: „Hallo! Wir werden alle einmal alt. Und wir wollen miteinander helfen, dass beide Generationen in Würde leben können.“ Das ist das Thema.

Mit welchen Maßnahmen hilft Lichtblick den Senioren? Und wie lauten die ethischen Ziele der Seniorenhilfe?

Wir haben verschiedene Projekte. Das erste ist die Soforthilfe wie das Bereitstellen von Kleidung, Kühlschrank, Fahrkarten, alles, was man braucht. Das zweite ist ein Patenschaftsprojekt, bei dem nach genauer Prüfung der Bedürftigkeit ein Mensch unabhängig von der Unterstützung 35 Euro im Monat überwiesen bekommt, damit er sich selber etwas leisten kann, was er sonst nicht zahlen könnte. Damit er die Wertigkeit und die Würde wiedererlangt, die ein Mensch verdient. Und wenn er sich mal wieder ein Glas Wein kauft, dann ist das auch in Ordnung.

Einsamkeit ist die neue Armut

Das dritte Programm sind Veranstaltungen, um Menschen aus der Einsamkeit zu holen. Denn Einsamkeit ist die neue Form der Armut.

Wir fahren mit alten Menschen weg, machen Reisen, Busreisen, Tagesreisen, gehen mit ihnen essen. Wir haben z. B. einen Mittagstisch im Hofbräukeller in München, wo sie einmal in der Woche für 10 Euro mit Freunden essen können. Sie genießen es, dass sie bedient werden und freuen sich des Lebens.

Dann haben wir Essen auf Rädern, wenn jemand aus dem Krankenhaus zurückkommt. Der Kranke erhält mindestens einmal am Tag Besuch, weil er ja nichts einkaufen kann. Außerdem finanzieren wir einen Hausnotruf für kranke Menschen. Das sind die Hauptprojekte.  

Welche Menschen sind Ihrer Ansicht nach besonders von Altersarmut betroffen?

Das Problem ist, dass die meisten Menschen im mittleren und Niedriglohnbereich, d. h. die Verkäuferin, der Pfleger, die Krankenschwester, alle, die wir eigentlich täglich treffen, in Altersarmut fallen können.

Frauen gehören ebenfalls zu den Betroffenen, besonders Alleinerziehende oder Frauen, deren Kinder von den Eltern nichts mehr wissen wollen. Oder die Kinder haben selber nicht so viel Geld, dass sie ihre Mutter wirklich unterstützen können. Und es ist vielleicht auch noch erwähnenswert, dass es 70 bis 80 Prozent Frauen sind, die wir unterstützen.

Eine Allensbach-Studie hat festgestellt, dass bei den Deutschen zwischen 30 und 59 Jahren die Angst vor der Armut im Alter stakr zunimmt. Warum protestiert die Öffentlichkeit nicht dagegen? Wie wollen Sie die Altersarmut nachhaltig bekämpfen und welche politischen Forderungen erhebt Lichtblick?

Ich glaube, dass Lichtblick es nicht schaffen wird, die große Politik auf Altersarmut aufmerksam zu machen. Die Politik scheint der Meinung zu sein, dass die Altersarmut erst 2030 kommt. Von offiziellen Stellen hören wir auch, dass nur vier bis fünf Prozent der Bevölkerung in Altersarmut leben. Aber das stimmt nicht. Vier bis fünf Prozent stocken auf und erhalten Grundsicherung.

In dieser Zahl sind diejenigen nicht enthalten, die Wohngeld bekommen oder jene, die ein paar Euro über der Bemessungsgrenze sind oder die aus verschämter  Armut nicht zum Staat gehen. Auch wenn die Politik das nicht wirklich sehen will, wir werden uns mit Lichtblick positionieren, Diskussionen anstoßen und den Entwicklungen zu Lasten alter Menschen entgegenwirken. Wir werden der Politik nicht sagen, was sie machen muss, sondern wir werden laut sagen, dass es Altersarmut schon jetzt gibt.

Sie wollen also das Bewusstsein dafür schärfen. Fühlen sich viele alte Menschen vielleicht auch abgehängt, weil sie in der profitorientierten Gesellschaft keine Leistungsträger mehr sind?

Ja, natürlich. Ich meine, der Staat hat natürlich am liebsten die Bürger, die jeden Monat Steuern zahlen. Man argumentiert, das dürfe nicht zu Lasten der Jugend gehen. Aber es ist wichtig, dass wir unser Gegenüber, ob alt, ob jung, so schätzen und behandeln, dass alle in Würde leben können. Und zwar so, dass jeder Mensch sagen, kann: Ich freue mich am Leben, ich finde es gut, dass ich Steuern zahlen kann, ich sehe meinem Alter mit Zuversicht entgegen.

Wir sollten andere Menschen so behandeln, wie wir selber behandelt werden möchten. Und diese Einstellung verlieren wir ein wenig in unserer Gesellschaft – und in der Politik sowieso.

Frau Staltner, wie lautet Ihre Zukunftsvision? Was wäre Ihr Traum, wenn Sie politisch das Sagen hätten?

Mein Wunsch wäre es, dass wir die Armut überwinden. Dass Menschen, die arbeiten, am Ende, wenn sie in Rente gehen, so viel zum Leben haben, dass sie dem Staat, ihrer Umwelt und ihrem Leben dankbar sind, dass sie eine schöne Zeit gehabt haben und dass es unseren Verein nicht geben muss.
                       

LichtBlick_Staltner_webLichtblick Seniorenhilfe e. V. setzt sich als erster Verein dieser Art in Deutschland seit 2003 für alte Menschen ein, deren Mittel für ein Leben in Würde und gesellschaftliche Teilhabe nicht ausreichen.

Der Verein unterstützt Rentner und Rentnerinnen, die ein Leben lang gearbeitet haben, mit Anlaufstellen u.a. in München und Münster. Lichtblick finanziert seine Arbeit ausschließlich aus Spenden. Mehr Infos: www.seniorenhilfe-lichtblick.de

 

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