Warum es wichtig ist, Aufmerksamkeit zu schenken

Meistens hören wir nicht zu, um zu verstehen, sondern um zu antworten, so die Erfahrung der Autorin Anke Brehl. Ein echtes Gespräch gelingt jedoch nur, wenn wir uns von eigenen Gedanken lösen, Aufmerksamkeit schenken und Verbundenheit spüren.

„Ich bin bewegt!“ oder „Das berührt mich.“ Das sagen wir oft. Jeder Tag, jede Situation schenkt Gelegenheit zu Begegnung, zu Berührung durch das, was ist. Begegnung und Berührung sind zwei zentrale Größen meines Denkens und Fühlens:

In dem Maße, in dem ich mich für Begegnung zu öffnen vermag, in dem Maße, in dem ich Berührung zulassen kann, fühle ich Lebendigkeit und Sinn. Was berührt mich? Was begegnet mir in den verschiedenen Sphären meines Lebens? Und wie entfaltet es sich in mein Leben hinein?

Frei nach Martin Buber (1) empfinde ich jede wahre Begegnung mit einem „Du“ oder mit einem „Es“ als Chance, meinem „Ich“ zu begegnen, mich berühren und inspirieren zu lassen.

Ich habe einen Fehler gemacht. So schlimm wird es schon nicht sein.

Ich bin traurig. Musst du nicht.

Ich liebe dich. Ich dich auch (oder sogar: „Dito“!!).

„Das eigentliche Problem bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, dass wir nicht zuhören um zu ver­ste­hen, son­dern um zu ant­wor­ten.“ Welche Gespräche fallen Ihnen ein, wenn Sie diesen Ausspruch eines mir unbekannten Autors lesen – ich bin sicher, dass Ihnen etwas einfällt?

In meiner Sprüche-Hitliste steht dieses Zitat aktuell recht weit oben. Was passiert hier? Menschen sprechen miteinander, teilen etwas von sich mit. Doch – hören und sehen sie sich wirklich? Die Antworten kommen schnell — zu schnell.

Etwas Wesentliches fehlt: Die Bereitschaft, sich für einen kleinen Moment zu lösen von Gedanken und Antwortroutinen. Die Bereitschaft, für einen Moment ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und zuhörend eine Verbindung einzugehen.

Die Bereitschaft, sich selbst für einen kleinen Moment zurück zu nehmen. Die Bereitschaft auch, sich einzulassen auf das, was der andere mit uns teilt. Ohne es kommentieren zu müssen, ohne es zu bewerten oder besser zu wissen – es einfach nur wichtig finden, weil es für den anderen wichtig ist.

Größer könnte der Abstand zwischen Menschen nicht sein

Dialoge dieser Art begegnen mir häufig. In der einen wie in der anderen Richtung. Ich nehme mich da gar nicht aus. So schnell passiert es, dass ich antworte, ohne mit meiner Aufmerksamkeit wirklich bei dem zu sein, was mir gerade mitgeteilt wird. So schnell passiert es, dass mein Gegenüber direkt etwas erwidert, obwohl er (oder sie) in Gedanken gerade noch bei der Arbeit ist oder die Einkaufsliste durchgeht.

Oder ein anderer „Klassiker“, den Sie vielleicht auch kennen: Sie erzählen von sich, benutzen unvorsichtigerweise ein bestimmtes Schlüssel-Wort, auf das das Gegenüber nur gewartet zu haben scheint …. und schon startet ein Endlos-Monolog ohne Punkt und Komma. Größer kann ein Abstand zwischen Menschen nicht sein, scheint es mir in einem solchen Moment. Reizvoller als jetzt ist mir Schweigen selten. Und ich werde traurig, manchmal wütend, oft fühle ich mich hilflos.

Hallo! Hörst du mich?

Und einmal mehr sind es meine Kinder, die mir den Spiegel vorhalten. Sie kommen aus der Schule, ich arbeite am heimischen Schreibtisch und habe kein Ohr für die Erlebnisse ihres Tages. Routinemäßig checke ich: Ärger? Hunger? Hausaufgaben? Verabredungen?

Oder: Mein Sohn kommt vom Spielen und hat „etwas Irres“ erlebt. Und ich? Ich muss noch Abendessen machen, Wäsche abnehmen, Mails beantworten. Beim Zubettgehen will mir mein Sohn noch etwas erzählen, „ganz kurz nur, Mama“. Doch es dauert und ich möchte endlich Feierabend haben. Und dann sagt mir der Kinderblick: Mama, ich wünsche mir Zeit! Mama, hör mir doch zu! Mama, ich kann nicht schlafen, wenn ich dir das nicht erzählt habe. Und ich kenne das Gefühl zu gut.

Erwischt! Zu wenig Zeit. Zu wenig Aufmerksamkeit. Zu wenig Innehalten in meinem Tun. Doch, du Lieber, du bist mir wichtig. Ich höre dir zu.

1 Martin Buber: Ich und Du. Heidelberg: Lambert Schneider, 1983

 

Foto: privat

Anke Brehl ist Soziologin und arbeitet als Referentin und Beraterin an einer Universität. Sie ist Mutter zweier toller Jungs im Teenageralter, die sie immer wieder einladen, neu über das Leben nachzudenken. Sie engagiert sich ehrenamtlich und ist schreibend, singend, fragend und staunend in der Welt.